Philosophie – Off the Wall!

avatarEigentlich wollte ich mir diesen Artikel für 2017 aufheben, da ich das Jahr gerne immer mit dem WordPress-eigenen Annual Report beschließe. Aber da der für 2016 wohl aus Zeitgründen gestrichen ist, schick ich ihn als letzte gute Tat dieses Jahres voraus – Noch dazu, wo kluge Worte zu einem beginnenden neuen Jahr immer besonders gut ankommen. Na dann, los geht’s 🙂
Die elfte Klasse in Latein steht ab dem zweiten Halbjahr nach dem bayerischen Lehrplan ganz im Sinne der antiken Philosophie. Die Werke Ciceros wie auch Senecas bilden in diesen Monaten die Grundlage für an sich sehr relevanten Fragen. Was ist ein glückliches Leben? Wie hole ich das Maximum aus der mir verfügbaren Zeit? Wie wichtig ist Freundschaft? Liebe? Geld? Tolle Themen, die sprachlich in wunderschönstes Latein gegossen sind. Nur leider verliert man sich beim Analysieren der Satzperioden und Abfragen der Kasusbezüge und Konstruktionen irgendwann im Detail, da viele der Texte für einen Großteil der Schülerinnen und Schüler einfach aus dem Stand schwer zu verstehen sind. Und so fällt die sprachliche Würdigung dieser Werke oft der inhaltlichen zum Opfer.
Schade eigentlich. Denn so bleibt kaum Zeit für die Vielzahl an einprägsamen Sentenzen und Sinnsprüchen, die die Autoren als bon mot der Nachwelt überliefert haben. Deswegen habe ich letztes Jahr ein kleines Miniprojekt gestartet, das Handlettering-Experten wie Frau Hölle oder Frau Annika glücklich machen dürfte.
Jeder der Schüler sollte sich anfangs aus den lateinischen Zitatsammlungen, die man in Bibliotheken oder Online-Archiven findet, einen Spruch im Original herausfischen, der ihn/sie persönlich anspricht, und dazu ein digitales Mottoplakat erstellen, das zu Beginn der jeweiligen Schulstunde in einem Minireferat vorgestellt wurde. Welche Tools dafür zum Einsatz kamen, war für mich irrelevant. Meine digitalen Lieblinge wie Canva oder Notegraphy habe ich den Schülern vorgestellt, aber auch Klassiker wie Photoshop, Gimp oder das durch Sketchnotes berühmte Handlettering waren gerne gesehen. D ie Struktur der Präsentationen war dabei jedes Mal dasselbe. Neben dem Plakat sollte der jeweilige Referent eine Übersetzung des Spruches, eine Erklärung zu Autor, Werk und Stelle, aus der das Zitat entnommen ist, vorstellen sowie eine Interpretation und eine persönlichen Würdigung vornehmen, warum ausgerechnet diese Sentenz gewählt wurde.
Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Spruch sowie der künstlerischen Ausgestaltung verhoffte ich mir mehr als den einen oder anderen netten Unterrichtseinstieg, sondern ein echtes Auseinandersetzen mit dem entsprechenden Inhalt. Vor allem bei der handschriftlichen Ausgestaltung der Sprüche waren die Schülerinnen und Schüler gezwungenermaßen über lange Zeit mit den Sentenzen, die oftmals aus nicht mehr als vier Wörtern bestanden, beschäftigt und konnten dabei auch gut über deren Aussagegehalt reflektieren.
Das Ergebnis war wirklich gut. Vor allem die Handlettering-Arbeiten bestachen mit so viel Liebe zum Detail, dass ich sie nicht einfach so im Unterrichtsgeschehen verschwinden lassen wollte. Deswegen habe ich mir in Absprache mit den jeweiligen Schülern deren Sprüche auf Leinwand drucken lassen, um mir ddamit mein heimisches Arbeitszimmer damit zu schmücken. Mit ein paar kleinen extra Griffen lassen sich die Arbeiten sogar noch einmal zusätzlich verfeinern. Here’s how:
Da das Plakat digital vorliegen sollte, habe ich mir sämtliche Plakate von den Leuten in ein Evernote-Notizbuch hochladen lassen. Natürlich gehen auch andere Cloud-Dienste wie Dropbox, Skydrive oder Google Drive. Aber ich bin nun mal ein Gewohnheitstier. Hier zu Beginn die digitale Urfassung einer Schülerarbeit:
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Die Bilddatei habe ich in Gimp importiert und mithilfe von Farbverlaufskurven relativ schnell in Sachen Kontrast so optimiert, dass der Hintergrund einheitlich weiß und die Buchstaben in ein kräftiges Schwarz getaucht werden.
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Mit Hilfe von Gimp habe ich die weiße Hintergrundfarbe als transparent definiert und so den reinen Schriftzug isoliert. Das fertige Ergebnis stutze ich noch ein bisschen zurecht und exportiere es in Gimp als PNG-Datei, ein Format, das ja bekanntlich mit transparenten Bildinformationen umgehen kann.
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Die PNG-Dateien lade ich in Canva hoch. Nachdem ich eine Ebene als Hintergrund definiert und mit den entsprechenden Filtern bearbeitet habe (Blur und ein bisschen Vignette leisten hier fabelhafte Dienste), habe ich den Schriftzug als transparente Ebene darüber gelegt, zentriert, skaliert und noch etwas angepasst. Das fertige Ergebnis lässt sich als Bilddatei exportieren.
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Die Datei habe ich bei einem entsprechenden Online-Dienst, der die Daten auf Leinwand druckt hochgeladen.  Meinfoto.de bietet aktuell ein Angebot an, das für 5€ die Plakate auf 20x20cm verewigt. Super Preis.
Und nach etwas über 24h hielt ich ein paar echte Schülerunikate in der Hand. Ta-Dah!

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Philosophie für die Wand

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Von einem Weihnachtswunder

avatar In diesen Wochen kommt nicht nur für die Schüler alles zusammen. Auch wir Lehrer sind gut am Rödeln. Neben dem Unterricht sind wir mit Konferenzen beschäftigt, in denen wir über die Fälle diskutieren, die auf Probe vorgerückt sind. Mehrere AKs wollen kurz vor den Ferien zu ein paar neuen Impulsen rufen. Nebenher geht der Nikolaus um, das Weihnachtskonzert wird nicht nur besucht, sondern auch geprobt. Die Sprechstunden sind dick gefüllt, weil die Eltern den Kindern ein paar gute Vorsätze ins Jahr 2017 mitgeben wollen. Die Kinder werden ausgelassener, je näher der 23.12. rückt. Und mittendrin: Korrekturen. Stapelweise Korrekturen von Exen, Schulaufgaben, Klausuren, Mini-Tests. Der Schreibtisch quillt über vor Papier – in diesem Jahr mein Fluch.
Es ist Freitag. Vor mir schreibt gerade die zwölfte Klasse in einem engen, ungemütlichen Raum ihre Klausur. Auf dem Tisch vor mir ein Haufen Papiere, den ich schon den ganzen Tag mit mir herumtrage: Zusätzliches Papier für die Oberstüfler, übrig gebliebene Klausurenangaben, ein Stapel Klausuren aus der Elften, die ich in der Freistunde durcharbeiten möchte, meine Schulaufgabe der sechsten Klasse, die ich abgeben muss, und eine Nachholschulaufgabe, die ich gerade in der Pause zwischen Tür und Pausenkaffee durchprügeln konnte. Die Note des kleinen Tobi ist nicht wirklich überragend. Ich möchte ihm aber das Wochenende nicht mit der Zensur versauen und habe mich in der Frühe entschlossen, ihm sein magnum opus erst am Montag rauszugeben, damit er von dem 2. Advent etwas hat.
Eine einsam herumfliegende Schulaufgabe ist eine heikle Geschichte. Wie schnell ist sie in einem solchen Blätterwust verloren und auf ewig verschollen. Zum Glück hab ich für diesen Zweck einen eigenen Ordner, in dem ich Schulaufgaben und Angaben sammle. Also rein damit und das Ende der Oberstufenklausur abgewartet. Nach 90 Minuten ist der Spuk vorbei. Die Arbeiten werden eingesammelt und in den berühmten grünen Mantelbogen gelegt. Darauf meine Prüfungen der sechsten Klasse und die Elfklassklausuren – mein Wochenende ist gerettet. Endlich keine Langeweile mehr. Die übrig gebliebenen Klausurenangaben lagere ich in eine blaue Stofftüte aus und verstaue sie im Auto, da ich sie nicht so schnell brauchen werde, und brause nach Hause in ein arbeitsreiches Wochenende.
Fast Forward Sonntag Abend. Ich bin mit allem fertig, packe gerade meine Sachen für den Montag zusammen. Achja, noch schnell die Schulaufgabe vom kleinen Tobi raussuchen, die ich ihm ja erst nach dem Wochenende rausgeben wollte. Also Ordner rausgeholt, Register für abgegebene Schulaufgaben und Exen aufgemacht, die Schulaufgabe gesucht – und ich stutze: Die Arbeit ist nicht da. Ich denke mir erst nichts und gehe den Stapel an deponierten Prüfungen noch einmal durch. Wieder nichts. Etwas unruhig schaue ich die restlichen Register des Ordners durch und stoße auf dieselbe gähnende Leere. Tobis Schulaufgabe ist weg. Kein Problem, denke ich mir. Du hast sie bestimmt in der Schule auf deinem Platz zusammen mit den zwei durchkorrigierten Schulaufgabenstapeln abgelegt, die du nicht mehr nach Hause nehmen wolltest. Also gehe ich mit der Gewissheit zu Bett, dass sich das gute Stück am nächsten Tag vor meiner Nase im Lehrerzimmer auftauchen wird. Licht aus.
Montag. Sie fehlt. Tobis Schulaufgabe findet sich weder im Prüfungsstapel der sechsten, noch der fünften Klasse. Ich schaue den restlichen Stapel an Papieren auf meinem Arbeitsplatz im Lehrerzimmer durch. Dienstanweisungen, Folien, Elternbriefe, Entschuldigungen von Eltern, Arbeitsblätter der Q11, ein Referat aus der Q12, eine Klassenliste meiner Schützlinge. Aber keine Schulaufgabe von Tobi. Nirgendwo. Ich kratze mir verwundert meinen Kopf. Vielleicht hab ich sie nach der Klausur am Freitag in mein Fach reingelegt? Nachprüfen kann ich das allerdings erst in der Pause, denn die erste Stunde beginnt. Die fünfte Klasse. Tobi wartet bestimmt schon auf seine Schulaufgabe. Ich werde ihn vorerst vertrösten müssen.
Deutlich beunruhigt stürze ich in der Pause an mein Fach – nur um wieder enttäuscht zu werden. Das Ding ist nicht da. Verflucht! Ein paar Kollegen von mir bemerken meine Unruhe und fragen nach, was los sei. Sie beruhigen mich. Sowas sei jedem in seinen zig Dienstjahren einmal passiert, und jedes Mal habe sich die verlegte Prüfung dann gefunden, wenn man eigentlich schon aufgeben wollte. Ich nicke etwas erleichtert und denke sofort wieder an meinen Ordner, in dem ich die Schulaufgabe von Tobi am Freitag während der Oberstufenschulaufgabe abgelegt hatte. Ein erneutes Durchsuchen wird das gute Stück bestimmt wieder zutage fördern. Denke ich. Noch.
Aber Fehlanzeige. Sie bleibt verloren. Ich gehe zum Radikalprogramm über und ziehe jeden Korrekturstapel aus meinem Spind, den ich seit diesem Jahr schon fertiggestellt und archiviert habe: Jahrgangsstufentests, Stegreifaufgaben, Grammatiktests, Wortschatzprüfungen, Schulaufgaben alles. 25 (!!!) Klassensätze habe ich seit September korrigiert. Und jeden einzelnen – insgesamt knapp 750 Arbeiten – gehe ich gesondert durch. Falte mehrseitige Angaben und Schülerbögen auseinander, nur um die Schulaufgabe des kleinen Tobi zu finden. Ich verliere dadurch fast 2,5 Zeitstunden, literweise Stresshormone und bestimmt auch den einen oder anderen Nerv. Vor allem als klar wird, dass auch die letzte Schülerarbeit nicht das bereithält, was ich suche. Alles ist korrekt einsortiert und abgeheftet. Nur diese Schulaufgabe fehlt.
Am Abend gehe ich nochmal sämtliche Schubladen meines Arbeitszimmers durch, die mit einem derartigen Dokument in Berührung gekommen sein sollten. Meine Kollegen, die in der Nähe meines Arbeitsplatzes  im Lehrerzimmer sitzen, habe ich telefonisch informiert, ihre Unterlagen nach Tobis Schulaufgabe zu durchforsten, vielleicht haben sie das Ding ja versehentlich eingesteckt. Mir selber gehen langsam die Ideen nach weiteren Verstecken aus. In meiner Verzweiflung leere ich sogar meinen Papierkorb im Arbeitszimmer aus. Schätzungsweise 70 Zettel, Fetzen, Post-Its und Briefumschläge flattern in alle Himmelsrichtungen über den Boden. Hektisch durchwühle ich das Chaos nach allem, was nach Korrekturen aussieht. Aber nichts. Überhaupt nichts. Nirgendwo. Tobis Schulaufgabe. Sie ist weg. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ganz offensichtlich eine Schulaufgabe verloren.
Was blüht mir jetzt?
Ich werde zum Chef gehen und beichten müssen. Ich werde der Fachschaftsleitung Bescheid geben müssen. Ich werde bei Tobis Eltern anrufen und ihnen den Fall schildern müssen. Wie absolut peinlich. Der Anruf wird mein erstes berufliches Schuldeingeständnis. Eine Bankrotterklärung an mein Ordnungssystem, das seit Jahren so wunderbar funktioniert hat und jetzt in Scherben liegt. Und ich muss dem kleinen Tobi erklären, dass er vor Weihnachten nochmal eine Schulaufgabe schreiben muss. Als ob er unmittelbar vor den Ferien nicht schon genug Stress hätte. Aber es muss wohl sein. Ich habe an allen Stellen gesucht, an die ich denken konnte. Ich bin verzweifelt. Und gestehe die Niederlage ein. Merda.
Ich werde heute sehr schlecht schlafen. Meine gesamten Gedanken werden um diese vermaledeite Schulaufgabe kreisen. Ich weiß es. So bin ich einfach.
Kurz vor dem Zubettgehen gehe ich nochmal zur Wohnungstür um zu sehen, ob sie auch verschlossen ist (was wäre der Lehrer ohne seine Spleens). Beim Herübertrotten zum Schloss fallen meine Augen rein zufällig über die Schlüsselschale, in denen alle Schloss- und Schließmöglichkeiten meiner Habseligkeiten zu finden sind – und bleiben am Autoschlüssel hängen. War ich nicht vor einer knappen Woche mit dem Auto in die Schule gefahren? Eventuell sogar letzten Freitag, als ich Tobis Schulaufgabe zum letzten Mal gesehen hatte? Hatte ich schon dort nachgesehen? Ich reiße die Tür auf und jage im Schlafdress und mit klopfenden Herzen die Treppe zur Tiefgarage hinunter. Es ist fast Mitternacht, im Treppenhaus herrscht Eiseskälte, aber das ist mir egal. Ich bin getrieben von banger Hoffnung, hier auf der letzten heißen Spur zu sein, die mir noch bleibt. Ich reiße die Hecktür meines Autos auf. Im fahlen Licht der jetzt erst anflackernden Neonröhren erkenne ich sie – eine blaue Stofftüte, in die die Angaben der Oberstufenklausur gestopft waren. Und ganz oben auf dem Stapel: Tobis Schulaufgabe. Ich will vor Erleichterung heulen, bin aber einfach zu fertig mit den Nerven, um auch nur eine Träne hervorzubringen.
Heute Nacht werde ich wie ein Baby schlafen.

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Schulaufgabenyoga

avatarFür einige meiner Kollegen ist das Abhalten von Schulaufgaben eine Wohltat in einem hektischen Schultag. 45, bestenfalls sogar 90 Minuten kann man die Schüler ungestört arbeiten lassen, während man selber ein bisschen zur Ruhe kommt und durchschnauft. Ich hasse diese Zeiten. Ich würde so gerne in dieser Zeit etwas Produktives machen, vielleicht etwas wegarbeiten, aber das kann man sich vollkommen abschminken. Immerhin hockt man vor 30 Herren und Damen, von denen einige nur allzu gerne einen Blick zum Nachbarn riskieren möchten. Hilft also nix, man muss mit Argusaugen über seine Schäfchen wachen. Oder zumindest so tun. Denn früher oder später packt mich dann doch der Lagerkoller und meine Professionalität verabschiedet sich ins Wochenende. Hier mal eine beispielhafte Aufstellung von Aktivitäten während 90 Minuten Oberstufenklausur, die irgendwann eskalieren:

  • Schülerbögen austeilen und beschriften lassen
  • Angabe der Schulaufgabe ausgeben
  • Mít Schülern eventuelle Fragen klären
  • um absolute Ruhe bitten
  • Arbeitszeit verkünden
  • Viel Erfolg wünschen
  • Hinsetzen
  • Schülerschaft scannen
  • aus dem Fenster blicken
  • Schülerschaft scannen
  • Weihnachtsgeschenke überdenken
  • Schülerschaft scannen
  • Nachmittag mit Korrekturen im Kopf vorskizzieren
  • Laut aufseufzen
  • Schülerschaft scannen
  • Auf und ab gehen
  • Schülerschaft scannen
  • Schüler 1 wegen Spickversuchs ermahnen
  • Der Schnuffelnase in der 3. Reihe mit väterlich-sorgenvollem Blick ein Taschentuch reichen
  • Restzeit durchsagen
  • Auf und ab gehen
  • Schülerin 2 wegen Spickversuchs ermahnen
  • Hinsetzen
  • Schülerschaft scannen
  • Schüler 3 wegen raschelnden Pausenbrotpapiers genervt mit den Augen fixieren
  • Blickduell mit Schüler 3 initiieren
  • Blickduell gewinnen: Schüler 3 packt mit hängenden Schultern sein Essen weg
  • Schülerschaft scannen
  • Aufseufzen
  • Gelangweilt die Tafel nass wischen
  • Hinsetzen
  • Aufstehen
  • Schülerschaft scannen
  • Schüler 4 von der Seite anreden, weil er absichtlich seinen Nachbarn stört und ihm ständig mit der Hand über das Gesicht fährt
  • Zusatzblätter austeilen
  • Restblätter durchzählen
  • Schüler 4 erneut blöd anreden, weil er den Nachbarn stört
  • Blickduell mit Schüler 4 beginnen
  • Blickduell gewinnen
  • Schülerschaft scannen
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Durch die Klasse gehen
  • Schüler 4 durch das Werfen des Tafelschwammes von erneutem Störversuch abhalten
  • Blickduell mit Schüler 4 gewinnen
  • Zur Tafel drehen und merken, wie Schüler 4 wieder ärgern möchte.
  • Hinsetzen
  • Racheplan an Schüler 4 planen
  • Aufstehen
  • Schüler 4 mit dem Klassenbesen traktieren
  • Schüler 4 mit dem Klassenbesen über die Angabe wischen
  • Zwischenfrage beantworten
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Schülerschaft scannen
  • Aufstehen
  • Zusatzblätter austeilen
  • Schüler 4 mit dem Klassenbesen über die Kleidung streichen
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Schüler 4 wortlos das Lexikon zuklappen, damit er nicht mehr nachschlagen kann.
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Neben Schüler 4 wortlos stehen bleiben und ihn durchdringend anblicken.
  • Letzte Arbeitsminuten durchgeben
  • Blickduell mit Schüler 4 beginnen und gewinnen
  • Arbeiten einsammeln
  • Schüler 4 die Arbeit als erstes aus den Fingern reißen
  • Klasse entlassen

Disclaimer: Im Verlauf der Schulaufgabe ist kein Schüler 4 zu Schaden gekommen. Ich kenne ihn seit der fünften Klasse und er ist genau wie in der Oberstufe das, was man früher einen kleinen Unhold nannte. Eine solche Behandlung wird ihn nicht von der Top-Leistung abbringen, die er trotz seiner Streiche über die Jahre gebracht hat.

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50 Shades of WTF

avatarKorrekturen. Für den Lehrer das täglich, leider oft auch deprimierend Brot. Vor allem in Latein möchte man sich in Übersetzungsschulaufgaben gerne mal die Haare raufen. Der Wortschatz war eigentlich bekannt, vieles wurde vorentlastet, mehrmals deutlich wiederholt, aber dennoch purzeln bei ein paar Schülern die Vokabeln kreuz und quer durcheinander, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, das Gewirr an Lapsus und Ungenauigkeiten zu entwirren.
Ganz aktuell ist das dieser Tage bei der Schulaufgabe in meiner siebten Klasse zu sehen. Die Schüler haben einen eigentlich nicht schweren Satz vor sich:


Ille vir oculos suos a me vertit. (Jener Mann wandte seine Augen von mir ab.)

An sich keine intellektuelle Meisterleistung, die hier zu vollbringen ist. Noch dazu, wo wir es mit aktuellem Vokabular zu tun haben. Aber was ich an Versionen zu diesem Sätzchen geboten bekommen habe, ist haarsträubend. Hier werden keine Augen abgewandt, sondern mit Augen gerollt, Augen verdreht, im Geheimen gefesselt. Die Phantasie der Schüler kennt auf einmal keine Grenzen.
Dem leidgeplagten Lateinlehrer hingegen wird schnell klar, was hier gar nicht funktioniert. Vokabular. Nämlich Vokabular, das mit anderen Wörtern verwechselt wurde, weil sie sich im Anklang ähneln:

vertere ist mehrmals mit volvere (wälzen/rollen) verwechselt
meus (mein) mit me (mich)
oculos (Augen) mit occulte (geheim)
vir (Mann) mit vinculum (Fessel)

Das hier ist der klassische Latein-GAU. Und geradezu symptomatisch, wenn man die Vokabeln mal eben im Bus durchliest, anstatt sie in aller Ruhe durchzumachen und auch tatsächlich ZU PAUKEN!
Bei Wortschatzproblemen habe ich in den letzten Jahren immer mein Wordcloud-Programm ins Rollen gebracht und damit die Defizite eigentlich immer gut abfedern können. Dieses Mal ist die Anzahl der Verwechslungen aber so hoch und streckenweise so grotesk (es werden ja nicht nur Bedeutungen, sondern ganz Wortarten miteinander verwechselt), dass ich nicht einfach wie üblich weiter machen kann, sondern dezidiert auf derartige Verwechslungspaare hinarbeiten muss. Deswegen ein kleiner Aufruf an die Sprachenlehrer sämtlicher Sprachen: Wie geht ihr mit solchen Verwechlungs-Doubles, -Triplets, -Quadruples um?

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Lehrerkonferenz

avat_nervLehrerkonferenz im September. Wie immer der erste Höhepunkt des Schuljahres, den wir dank aufgeladener Energieakkus und Ferienmelancholie in ausgelassener Heiterkeit begehen. Wir lauschen gerade andächtig den kommenden Terminen bis Weihnachten in feierlicher Stille, als bei uns im Eck plötzlich hektisch ein Zettel herumgereicht wird. Die einzelnen Empfänger schauen sich irritiert um, wo er herkommen mag, lesen dann die Nachricht, schauen sich nichtssagend an und reichen ihn schließlich verschwörerisch ihren Nachbarn. Dort dasselbe Bild: Verwundertes Umherblicken, Durchlesen, Stirnrunzeln, Schulterzucken, Weitergeben. So geht es durch die Reihen. Minutenlang. Das ständige Getuschel und Geraschel im Kollegium irritiert unseren Chef sichtlich. Immer wieder unterbricht er, schaut verärgert in unsere Ecke, wartet, bis sich die Unruhe gelegt hat. So vergehen mehrere Minuten, bis die Nachricht letztlich bei uns aufschlägt – weitergereicht wie ein geheimes Schreiben. Die Botschaft ist kryptisch: „Benötige ein iPhone6 Ladekabel. Es geht um Leben und Tod!“ Die Buchstaben sind in aller Eile hingekritzelt worden. Ganz krakelig und verwischt stehen sie auf dem geschundenen Papier, wie die berühmten Todesnachrichten in Horrorfilmen, die die Opfer kurz vor ihrem Ableben mit Blut an die Wand schmieren. Auch wir versuchen etwas verunsichert den Urheber des Schriftstücks auszumachen. Ohne Ergebnis. Alle im Lehrerzimmer sind in irgendwelche Aufgaben vertieft. Der eine kritzelt, der nächste döst, ein paar spielen Käsekästchen, andere hören gebannt die Ausführungen über unsere neuen Abfalleimer im Schulgebäude (jetzt mit extra großem Füllvermögen!) – und mittendrin wir, die hilflos umherblicken. So können auch wir leider nichts anderes tun als den Zettel ratlos weiterzugeben. Keiner von uns besitzt ein solches Kabel.
Drei Stunden später ist die Konferenz vorbei. Wir alle haben den Vorfall angesichts der ausufernden Tagesordnung über Schultermine und Prüfungen fast gänzlich vergessen, als der neue Studienrat für Geographie freudestrahlend auf uns zukommt – mit einem iPhone6-Kabel in der Hand. „Kollegen, wisst ihr, welchem Helden ich dieses Ladekabel zu verdanken habe? Es hat mich vorhin gerettet!“ Wir verneinen und fragen vorsichtig, was denn vorgefallen sei. „Na was wohl?“, ist seine etwas gereizte Antwort. „Ich hab die ganze Konferenz Pokémon im Lehrerzimmer gesucht. 12 habe ich gefunden. Ich bin total süchtig nach dem Spiel. Ich hab mir sogar ein neues Smartphone dafür gekauft. Jetzt muss ich aber los. Mein Akku ist schon wieder fast leer. Macht’s gut und bis morgen.“ Exit neuer Studienrat. Restant zwei sprachlose Narren.

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Textaufgabe

avat_shockIn einem Kollegium seien 102 Lehrkräfte, 52 männliche und 50 weibliche. Von dieser Menge sind 40% der Männer verheiratet, und 70% der Frauen. 32% aller Lehrkräfte sind diesseits der 35 Jahre. 97% der gesamten Lehrkräfte besitzen zwei Staatsexamina, 2% einen Doktortitel in klassischer Altphilologie und Chemie. Sie alle residieren in einem Lehrerzimmer mit angeschlossener Teeküche, die zusammengenommen eine „Wohnfläche“ von 90m² bietet. Für sämtliche dieser Lehrkräfte steht neben einer Spülmaschine und einem Herd mit Kochplatten ein Kühlschrank der Marke Bosch zur Verfügung, in der jedermann seine Nahrung für die Pause deponieren kann. Berechne die Wahrscheinlichkeit, mit der fünf Wochen nach Ferienbeginn Sauberkeit in diesem Kühlschrank herrscht. Klicke hier für die spannende Antwort.

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Urlaub 2016

avat_schielen_technikWenn einer eine Reise tut… dann könnte das in der Tat ich sein. Wie jedes Jahr gönnt sich Herr Mess in den Sommerferien wie viele seiner Kollegen eine kleine Auszeit. Mal hier, mal da, mal USA, mal Griechenland. Und dieses Jahr war’s Spanien. Zum ersten Mal. Es war nur ein kleiner Urlaub, um die Batterien etwas aufzuladen – noch dazu, wo der bisherige Sommer in deutschen Breitengraden – naja, sagen wir mal – überschaubar war. Ich wollte keinen Kultururlaub, sondern nur Sonne, Meer, Strand, Ruhe und was zum Lesen. Und das bekam ich auch.
Mein Gepäck war dieses Mal lächerlich klein. Mit gerade mal 11 Kilo schlug ich am Flughafen auf. Kein Wunder, die üblichen Verdächtigen waren dieses Mal nämlich aus dem Koffer verschwunden und hatten Platz geschaffen: Keine Bücher, kein Sprachkurs, keine Kamera oder Musikdatenträger. Alles das erledigt mittlerweile mein LG G4. Es ist zum Allzeit-Allzweck-Werkzeug geworden. Es ist Kommunikationszentrale, Navigationsgerät (dank offline-Karten auch außerhalb Deutschlands), Mini-PC, Wörterbuch, Sprachkurs (dazu in einem anderen Beitrag mehr) und seit Neuestem auch Vollzeit-Fotoapparat. Das ist der erste Urlaub, an dem ich meine Kamera bewusst nicht mitgenommen habe – und ich hab sie leider kein bisschen vermisst. Das G4 schießt fantastische Fotos, die mit entsprechender Nachbearbeitung super Resultate erzielt (Tipp: Snapseed ist in dieser Disziplin hervorragend!)
Diese ständige Beanspruchung des Gerätes hat natürlich Folgen. Vor allem auf den Akku. Daher habe ich mir daher etwas zugelegt, was ich bisher als völlig sinnlos erachtete. Eine Powerbank. Ich fand die Dinger immer etwas peinlich. Für mich ein deutliches Statement, dass wir auch knapp neun Jahre nach Einführung des ersten iPhones nach wie vor keinen Schritt bei der Energieverwaltung dieser kleinen Tausendsassas weiter gekommen sind. Aber ich habe nachgegeben. Parallel ein Smartphone, einen Kindle und Bluetooth Kopfhörer aufladen zu können spart einfach Zeit – ist aber schlichweg grausam anzusehen. Seht selbst.

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Zur Mittagszeit endlich mal wieder einen ordentlichen Salat…

Da lob ich mir doch lieber diesen Anblick *seufz*
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Über meine Lehrprobe

avat_shockFrüher oder später erwischt jeden von uns Lehrern dieser seltsame Moment – Der Tag, an dem uns zum ersten Mal unsere alten Lehrproben in die Hände fallen – oft aus Zufall, noch öfter tatsächlich, weil viele dieser Stunden für den Unterricht immer noch gut nutzbar sind. Irgendwie sind uns diese Lehrproben noch immer wunderbar vertraut und gleichzeitig so fremd. Kein Wunder, immerhin hat man damals im Referendariat drei Wochen auf diese eine Stunde hingearbeitet, das Material stundenlang korrekturgelesen und mit allem, was man damals drauf hatte, verschönert. Andererseits: Wieviel Zeit ist mittlerweile ins Land gezogen, wie sehr hat sich seitdem die eigene Perspektive geändert! Viele der Materialien und Arbeitsaufträge sind zwar kunstvoll in Szene gesetzt, haben aber stets etwas künstlich Überbordendes, das sich an Maßstäben eines Vollzeitlehrers gemessen völlig überzogen anfühlt. Meine zweite Lehrprobe war in dieser Hinsicht der absolute Overkill.
Mein Thema lautete damals schlicht und ergreifend „Kreative Texterschließung im Englischunterricht der sechsten Klasse“. Dreh- und Ausgangspunkt dieser Stunde war ein Lektionstext über den Schulalltag eines kleinen kenianischen Jungen im damaligen Englischbuch. Um den einigermaßen in Szene zu setzen, zog ich alle Register, die mir damals zur Verfügung standen. Zur Hinführung an den Text erfand ich für meine 12-jährigen Schüler einen riesigen narrativen Rahmen, den ich über die gesamte Woche vorher kunstvoll über die vorangehenden Stunden gespannt hatte. Ich erfand einen Schüleraustausch zwischen der Schule unserer Englischbuch-Klasse und der fiktiven Schule aus Kenia, der in der Lehrprobenstunde gipfeln sollte. Ich erfand eine Rede des kenianischen Schuldirektors, der extra unsere Schulbuchklasse besuchte, sprach sie für eine Listening Comprehension-Aufgabe mit einem Mikrofon ein und verfremdete mit Plug-ins meine Stimme so, dass mich keines der Kinder erkannte – komplett mit Hintergrundgeräuschen, klatschendem Publikum und eingespielter Blaskapelle.

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Das Notepad meiner imaginären Schülerzeitung

Aus der Rede sollten die Schüler meiner Klasse die wichtigsten Informationen über Kenia herausfinden und zusammentragen, bevor der Direktor einen Brief eines seiner Schüler übergab, der von seinem Schulalltag aus Kenia berichtete – nämlich eben den Lektionstext aus dem Buch. Zum Festhalten der wichtigsten Erkenntnisse bekamen die Schüler den Auftrag, einen Steckbrief der wichtigsten Aussagen aus dem Text zu filtern, um sie für die nächste Ausgabe der aktuellen Schülerzeitung zusammenzustellen. Diese hatte ich über Wochen als reales Magazin vorbereitet. Meine Schülerzeitung hatte einfach alles. Ich hatte ein Logo entworfen, ein Emblem, Fotos, Banner, ein komplett in sich stringentes Layout – alles auf DinA3-Bögen doppelseitig, gefalzt und getackert in einem Copyshop in Hochglanz ausdrucken lassen. Für eine Summe, die damals einen Großteil meines kargen Refi-Gehaltes verschlang. 

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Mein Oscar-verdächtiges Layout

Gipfeln sollte die Lehrprobe damals in einer Postkarte, die die Schüler dem imaginären Schüler auf seinen Text schreiben sollten. Reale Postkarten natürlich. Diese wurden dann am Ende der Lehrprobenstunde bei mir abgegeben, damit ich sie symbolisch an den Jungen (den es natürlich nie gab) abschicken konnte. In der nächsten Stunde wäre ich mit einem Antwortbrief angekommen, in dem sich der Junge für die Fanpost bedankt und der Klasse ein echtes afrikanisches Gericht mitgeschickt hatte – das natürlich ich zuhause gekocht hatte.
Wer spätestens an dieser Stelle ungläubig den Kopf schüttelt: Ja, ihr tut das zurecht. Auch ich bin etwas verstört, während ich diese Zeilen schreibe, wieviel Arbeit in dieser einen Stunde steckt. Aber Mitleidende werden es verstehen: Es ist eine Lehrprobe. Die Note, die auf diese Stunde gegeben wurde, bestimmte maßgeblich den Schnitt des zweiten Staatsexamens mit. Und in den mageren Zeiten, wo die Planstellen nicht an den Bäumen wuchsen, entschieden Lehrprobenstunden über eine direkte Anstellung nach dem Referendariat oder eben Arbeitslosigkeit.
Bevor die Frage nach der Note auch bei dieser Wahnsinnsstunde aufkommt, kann ich sie gleich beantworten: Ich bekam eine Zwei. Denn irgendwas hatte der Stunde letztendlich gefehlt. Nämlich die Schüler. Die kamen nämlich geschlagene 10 Minuten zu spät in den Unterricht, weil sie der Lehrer der Vorstunde nicht früher gehen lassen wollte (!!!). Als Reaktion darauf musste ich viele Phasen der Lehrprobenstunde quasi on the fly umwerfen und während der Stunde im Hinterkopf umstrukturieren, um genug Zeit für das Ziel der Stunde – nämlich die Postkarten – zu haben, das unbedingt erreicht werden musste. Ich hab in dieser Stunde echt Blut und Wasser geschwitzt. Und mit dem sauberen Kollegen, der mir 10 Minuten gestohlen hat, habe ich hinterher nie mehr ein Wort geredet.

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Retrospektive 2015/16

avatarWie auch die Jahre vorher, will ich die ersten Tage der Ferien nutzen, um das vorige Jahr Revue passieren zu lassen. Nicht nur deswegen, weil ich euch schon länger wieder mal einen neuen Artikel schuldig bin, sondern weil ich die Zeit aktiv zur Reflexion nutzen möchte. Denn so spurlos ist dieses Schuljahr an niemandem in meinem Umfeld vorbeigegangen…

  • So wie vielen anderen meiner Kollegen ging auch mir 2015/16 sehr an die Substanz. Eine richtige Erklärung hat keiner dafür. Fakt ist: Die Grundgelassenheit, die eigentlich immer ab Ende Juli im Kollegium Einzug hält, ist dieses Mal einem Gefühl des Auf-dem-Zahnfleisch-Daherkriechens gewichen. Vielleicht liegt es an der langen Durststrecke von 9 Wochen, die es zwischen Pfingst- und Sommerferien zu überbrücken galt. Wir wissen es nicht… Wir sind aber Ende Juli im Eimer. Alle miteinander.
  • Dieses Gefühl hatte auch spürbare Auswirkungen auf den Blog, da ich nicht mehr so häufig schreiben konnte, wie ich es gerne gewollt hätte. Einige Artikel werden daher in den Ferien „nachgereicht“. Als kleine Wiedergutmachung 😉
  • Als Bloghöhepunkt würde ich dieses Jahr meine erste eigene Blogparade bezeichnen, die Anfang Juni zum Thema „Lehrerstress“ stattfand. Mehr als 21 Autoren haben sich dazu Gedanken gemacht und ein paar tolle Artikel geliefert. Durcharbeiten lohnt sich garantiert! Danke an alle, die dabei mitgemacht haben!
  • Mein digitales Setup habe ich in diesem Jahr nochmal um ein weiteres Tool optimiert. Nachdem der EZcast doch gerne mal fehleranfällig war, habe ich mir Dezember letzten Jahres die Profiversion geholt und bin bis heute sehr zufrieden damit. Der EZcast Pro läuft zuverlässig und konstant – und reduziert dank MHL-Unterstützung den Kabelsalat in meiner Schultasche noch mal um ein gutes Stück.
  • Damit einher ging eine Ausmistaktion zu Beginn des Schuljahres, die ich über das Jahr eisern durchgehalten habe. Ich konnte sogar von der stereotypen Lehrertasche, die sich des zweifelhaftes Umstandes rühmt, bis zu vier prall gefüllte Leitz-Ordner aufnehmen zu können, auf eine schlanke Aktentasche umsteigen. Alles wirkt dadurch sehr aufgeräumt…
  • … was ich von meinem Arbeitsplatz in der Schule nicht behaupten kann. Dort herrscht leider immer noch das blanke Chaos. Vor allem das Zusammensuchen, Ordnen, Ablegen und Sortieren von unterschiedlichen Schulaufgaben, Exen, Tests, Hinweisen, unterschriebenen Elterninformationen und Direktoratsmitteilungen treiben mich immer noch in den Wahnsinn. Auch wenn ich mir die Beseitigung dieses Desiderates bereits letztes Jahr auf die Fahnen geschrieben habe, habe ich es leider noch nicht so richtig hinbekommen. Da brauche ich unbedingt noch ein System – oder einen rettenden Tipp von der werten Leserschaft.
  • Privat sehr mitgenommen hat mich der Umzug zurück nach München. Der Trennungsschmerz, nach acht Jahren aus meiner alten Wohnung in etwas Neues zu ziehen, hat mich mehr getroffen als ich es erwartet hätte. Mittlerweile ist das aber komplett verschwunden: Ich fühle mich in den neuen vier Wänden sehr wohl, genieße mehr Platz (ärgere mich aber bis heute über die saftige Miete, aber naja, es ist halt München) und vor allem das Privileg eines Arbeitszimmers. Meine alte Wohnung vermisse ich gar nicht. Wenn es mich in die alte Nachbarschaft verschlägt, bin ich eigentlich relativ ungerührt. Das Kapitel ist fertig geschrieben. Ich spüre gar nichts mehr.
  • A propos „was spüren“: Meine gebrechlichen Glieder merke ich dieses Jahr zum ersten Mal ganz deutlich. Eingeschlafene Finger, Muskelkater, sich häufende Momente, in denen man die Augen zusammenkneifen muss, um Anzeigen und Buchstaben zu lesen – Ja, der Verfall rückt näher. Unaufhaltsam.
  • Über meine Klassen habe ich dieses Jahr erstaunlich wenig geschrieben. Aber an sich gibt es einfach nichts zu berichten. Es läuft einfach. Es gab keine nennenswerte Zwischenfälle, dafür viele kleine Geschichten, die aber zu privat und identifizierbar wären, um sie auf einem Blog zu veröffentlichen. Vielleicht bringt das nächste Jahr wieder Besserung. Ich weiß ja, wie sehr ihr nach den Anekdoten lechzt 🙂
  • Außerhalb des Unterrichts passiert dafür in der Schule bei mir umso mehr. So langsam rutscht man in neue Aufgaben, Gremien, die auf andere Art ins Schulleben eingreifen, als man es vorher kannte. Als Mitglied im Schulforum und Personalrat bekommt man viele neue Einblicke in das System Schule und das eine oder andere Mal auch eine neue Perspektive. Könnte spannend werden. Macht euch also auf ein paar neue Geschichten gefasst 🙂

Schöne Ferien!

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Kein Tag wie jeder andere

Dieser Montag heute ist anders. Das bemerkt jeder, der unser Schulgelände betritt. Die Fahnen sind auf Halbmast gesetzt und flattern nur mäßig in der anhaltenden Schwüle der Stadt. Die Kollegen in den Gängen starren leer vor sich hin. Man registriert sich, nickt einander zu – und starrt weiter. Es herrscht unheimliche Stille. Dabei ist das Lehrerzimmer schon jetzt – fast eine Stunde vor Unterrichtsbeginn zum Platzen gefüllt. Der Chef hat uns auf 7.20 Uhr in die Schule gebeten. Der Amoklauf in München ist der Anlass. Zehn Menschen sind gestorben. Ein Großteil im Alter unserer Schüler. Der Stadtteil Moosach, wo die Tragödie passierte, ist Teil unseres Einzugsgebietes. Einige unserer Schützlinge waren am Freitag vor Ort und wurden Augenzeuge der Vorkommnisse, andere waren in der Innenstadt unterwegs und wurden von der Panik der Massen mitgerissen. Am Freitag Abend, als Gruppen von bis zu 40 Personen in Todesangst die Straßen entlang stürmten und die Leute in den Restaurants und Cafés vor bewaffneten Attentäter in der Innenstadt warnten. Jeder will sie gehört haben, die vermeintlichen Schüsse. Am Marienplatz, am Isartor, am Stachus, auf dem Tollwood-Festival. Die Täter seien noch nicht gefasst und ganz in der Nähe gesichtet worden. Daher ist äußerste Vorsicht geboten: Also weg von den Straßen, weg von öffentlichen Plätzen, weg von Glasfenstern, hinein in Gebäude, die keinen Blick auf die Straße zulassen. Und so pferchte man sich dutzendweise in Toilettengänge und Garderoben oder einfach in Wohnungen vollkommen Fremder, um in gespenstischer Stille auf neue Schreckensmeldungen oder Entwarnung zu warten. Hinter der Stadt München liegt ein schreckliches Wochenende, das an uns allen Spuren hinterlassen hat. An den Erwachsenen, wie auch den Kindern.
Der Chef umreißt kurz die Situation, um einen Fahrplan für die nächsten Unterrichtsstunden zu geben. Denn dass wir so tun, als sei nichts passiert, steht völlig außer Frage. Wir bekommen ein kurzes Briefing, wie wir die Geschehnisse am besten mit den Schülern aufarbeiten können, bevor wir uns auf dem Pausenhof zu einer Gemeinschaftsaktion treffen, um unserer Betroffenheit, die viele noch nicht in Worte fassen können, Ausdruck zu verleihen.
Ich kenne die Maßnahmen von vielen Schulen, an denen ich schon unterrichtet habe, bin aber froh, sie wieder einmal vor mir zu sehen. Sie geben mir Halt und Unterstützung, weil auch für mich solche Tage (zum Glück!!!) nicht zur Routine gehören. Trotz allem fühle ich mich vor den Schülern hilflos. Zwar soll ihnen in der ersten Stunde Raum gegeben werden, um sich und ihre Gedanken zu artikulieren, aber letztlich bietet sich mir derselbe Anblick wie im Lehrerzimmer: Wir starren vor uns hin. Teilnahmslos. Sprachlos. Versteinert. Ich bemühe mich um Seriosität, halte mich an die Vorgaben, die wir an die Hand bekommen haben: Nur Fakten nennen, Spekulationen sofort ausräumen und entkräften, darauf hinweisen, wie schnell die Lage trotz der katastrophalen Berichterstattung über (soziale) Medien unter Kontrolle war. Aber ich merke, dass ich letztlich nur für mich rede. Ich rede mich um Kopf um Kragen. Nur um nicht diese eine Frage der Schüler gestellt zu bekommen, die ich nicht beantworten kann. Die eine Frage, die allen hier auf den Nägeln brennt: Die Frage nach dem Warum. Die können auch nicht die Medien beantworten. Deswegen werden auch wieder reflexartig die alten Geister aus der Klischee-Truhe geholt, um darauf ordentlich einzuschlagen. Irgendjemand oder -etwas MUSS schuld sein. Also geht es wieder los mit Killerspielen wie damals nach Winnenden. Es geht wieder los mit dem Tabuthema Depression und Suizidalität wie damals nach dem Absturz der German Wings Maschine. Alles halbscharige Erklärungsversuche, aber den tatsächlichen Grund werden wir niemals erfahren.
Zur Pause hin versammelt sich die ganze Schulfamilie auf dem Pausenhof. Wie wohl viele andere Schulen in der Umgebung von München will auch die unsere ein Zeichen setzen. An Luftballons soll jeder Schüler einen Zettel mit einem Wunsch oder einem Gedanken befestigen und dann gemeinsam mit den anderen in den Himmel steigen lassen. Es ist ein eindrucksvoller Anblick, als knapp 1000 Luftballons in allen Farben gen Himmel steigen. Lange sehen wir den angehefteten Wünschen nach. Still und in vollkommener Ruhe. Vielen Schülern ist eine gewisse Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Andere lächeln. Für das erste Mal am gesamten Tag. Wieder andere schauen sprachlos und ungerührt nach oben. Als warteten sie auf eine Antwort, die ihre Frage löst. Und vor dem Pausenhof sind unsere Fahnen auf Halbmast gesetzt. Sie flattern nur mäßig in der anhaltenden Schwüle unserer gebeutelten Stadt.

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