Kein Tag wie jeder andere

Dieser Montag heute ist anders. Das bemerkt jeder, der unser Schulgelände betritt. Die Fahnen sind auf Halbmast gesetzt und flattern nur mäßig in der anhaltenden Schwüle der Stadt. Die Kollegen in den Gängen starren leer vor sich hin. Man registriert sich, nickt einander zu – und starrt weiter. Es herrscht unheimliche Stille. Dabei ist das Lehrerzimmer schon jetzt – fast eine Stunde vor Unterrichtsbeginn zum Platzen gefüllt. Der Chef hat uns auf 7.20 Uhr in die Schule gebeten. Der Amoklauf in München ist der Anlass. Zehn Menschen sind gestorben. Ein Großteil im Alter unserer Schüler. Der Stadtteil Moosach, wo die Tragödie passierte, ist Teil unseres Einzugsgebietes. Einige unserer Schützlinge waren am Freitag vor Ort und wurden Augenzeuge der Vorkommnisse, andere waren in der Innenstadt unterwegs und wurden von der Panik der Massen mitgerissen. Am Freitag Abend, als Gruppen von bis zu 40 Personen in Todesangst die Straßen entlang stürmten und die Leute in den Restaurants und Cafés vor bewaffneten Attentäter in der Innenstadt warnten. Jeder will sie gehört haben, die vermeintlichen Schüsse. Am Marienplatz, am Isartor, am Stachus, auf dem Tollwood-Festival. Die Täter seien noch nicht gefasst und ganz in der Nähe gesichtet worden. Daher ist äußerste Vorsicht geboten: Also weg von den Straßen, weg von öffentlichen Plätzen, weg von Glasfenstern, hinein in Gebäude, die keinen Blick auf die Straße zulassen. Und so pferchte man sich dutzendweise in Toilettengänge und Garderoben oder einfach in Wohnungen vollkommen Fremder, um in gespenstischer Stille auf neue Schreckensmeldungen oder Entwarnung zu warten. Hinter der Stadt München liegt ein schreckliches Wochenende, das an uns allen Spuren hinterlassen hat. An den Erwachsenen, wie auch den Kindern.
Der Chef umreißt kurz die Situation, um einen Fahrplan für die nächsten Unterrichtsstunden zu geben. Denn dass wir so tun, als sei nichts passiert, steht völlig außer Frage. Wir bekommen ein kurzes Briefing, wie wir die Geschehnisse am besten mit den Schülern aufarbeiten können, bevor wir uns auf dem Pausenhof zu einer Gemeinschaftsaktion treffen, um unserer Betroffenheit, die viele noch nicht in Worte fassen können, Ausdruck zu verleihen.
Ich kenne die Maßnahmen von vielen Schulen, an denen ich schon unterrichtet habe, bin aber froh, sie wieder einmal vor mir zu sehen. Sie geben mir Halt und Unterstützung, weil auch für mich solche Tage (zum Glück!!!) nicht zur Routine gehören. Trotz allem fühle ich mich vor den Schülern hilflos. Zwar soll ihnen in der ersten Stunde Raum gegeben werden, um sich und ihre Gedanken zu artikulieren, aber letztlich bietet sich mir derselbe Anblick wie im Lehrerzimmer: Wir starren vor uns hin. Teilnahmslos. Sprachlos. Versteinert. Ich bemühe mich um Seriosität, halte mich an die Vorgaben, die wir an die Hand bekommen haben: Nur Fakten nennen, Spekulationen sofort ausräumen und entkräften, darauf hinweisen, wie schnell die Lage trotz der katastrophalen Berichterstattung über (soziale) Medien unter Kontrolle war. Aber ich merke, dass ich letztlich nur für mich rede. Ich rede mich um Kopf um Kragen. Nur um nicht diese eine Frage der Schüler gestellt zu bekommen, die ich nicht beantworten kann. Die eine Frage, die allen hier auf den Nägeln brennt: Die Frage nach dem Warum. Die können auch nicht die Medien beantworten. Deswegen werden auch wieder reflexartig die alten Geister aus der Klischee-Truhe geholt, um darauf ordentlich einzuschlagen. Irgendjemand oder -etwas MUSS schuld sein. Also geht es wieder los mit Killerspielen wie damals nach Winnenden. Es geht wieder los mit dem Tabuthema Depression und Suizidalität wie damals nach dem Absturz der German Wings Maschine. Alles halbscharige Erklärungsversuche, aber den tatsächlichen Grund werden wir niemals erfahren.
Zur Pause hin versammelt sich die ganze Schulfamilie auf dem Pausenhof. Wie wohl viele andere Schulen in der Umgebung von München will auch die unsere ein Zeichen setzen. An Luftballons soll jeder Schüler einen Zettel mit einem Wunsch oder einem Gedanken befestigen und dann gemeinsam mit den anderen in den Himmel steigen lassen. Es ist ein eindrucksvoller Anblick, als knapp 1000 Luftballons in allen Farben gen Himmel steigen. Lange sehen wir den angehefteten Wünschen nach. Still und in vollkommener Ruhe. Vielen Schülern ist eine gewisse Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Andere lächeln. Für das erste Mal am gesamten Tag. Wieder andere schauen sprachlos und ungerührt nach oben. Als warteten sie auf eine Antwort, die ihre Frage löst. Und vor dem Pausenhof sind unsere Fahnen auf Halbmast gesetzt. Sie flattern nur mäßig in der anhaltenden Schwüle unserer gebeutelten Stadt.

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Von Vorwehen zum Wandertag

avat_wut-150x150Für Außenstehende mag es vielleicht so scheinen, als beginne für Lehrer die Ferienzeit schon einen Monat vor Schuljahresende. Die Noten sind gemacht, da machen die doch auch keinen Unterricht mehr, sondern liegen nur noch in der Sonne. Kundige und Leidensgenossen kennen allerdings die harsche Realität. Denn in den letzten vier Wochen darf das Lehrpersonal einiges mehr tun als nur vor Schülern oder am Schreibtisch sitzen. Er darf repräsentieren, organisieren, führen, in Konferenzen schwitzen, abstimmen und – ganz beliebt – den alljährlichen Wandertag koordinieren. Letzteres hat dieses Jahr besonders viel Freude bereitet. Nicht. Aber alles von Beginn:
Ich habe meine Klasse jetzt volle zwei Jahre begleitet. In Bayern ist es üblich, dass nach so einer langen Zeit eine „Beziehungspause“ erfolgt, sodass nächstes Jahr jemand anders in den Genuss meiner Putzis kommen wird. Um unsere zwei Jahre zu einem gelungenen Abschied zu führen, haben wir uns zum diesjährigen Wandertag ein ganz besonderes Reiseziel gesetzt: Es verschlägt uns ins Allgäu auf eine Sommerrodelbahn. Um dort hinzugelangen, sollte uns die deutsche Bahn chauffieren. Und damit ging der Ärger los. Knapp drei Wochen vorher habe ich bei der Bahn angerufen, um unterschiedliche Finanzierungsmodelle durchrechnen zu lassen. Nehmen wir einen Gruppentarif? Oder gleich das Bayernticket? Als ich darum bitte mir die unterschiedlichen Möglichkeiten per eMail zuzuschicken, bekomme ich erst einmal eine Absage: Das sei aus technischen Gründen nicht möglich, man könne mir die Möglichkeiten aber diktieren und ich solle wieder anrufen, wenn sich die Klasse und ich auf ein entsprechendes Modell geeinigt hätten. Etwas verwundert lege ich auf und künde meinen Schützlingen nur zwei Zeitstunden später, was Sache ist. Als wir uns geeinigt haben, rufe ich erneut an, in der Hoffnung, die Tickets gleich buchen zu können. Mais non. Ich bekomme erklärt, dass ich telefonisch die Gruppe für die Fahrt lediglich anmelden könne. Kaufen müsste ich die Tickets am Bahnhof oder an einem Automaten. Viel besser noch: Da wir unterwegs einmal umsteigen müssen, hocken wir für die letzten Stationen im Zug eines privaten Unternehmens (dem ALX) – da müsste ich noch einmal gesondert anrufen, um auch dort die Fahrt mit meiner Klasse anzumelden. Sie selber könnten das nicht telefonisch machen, aber man gibt mir eine Nummer unter der ich das selbst erledigen könne. Etwas irritiert schreibe ich mit, rufe nun dort an, um – wie mir gesagt wurde – meine Fahrt anzumelden. Aber ich bekomme gesagt, dass das telefonisch nicht möglich sei. Ich solle die Fahrt und sämtliche Details in einer eMail an das Unternehmen richten.
Dieses Hin und Her hat mich ernsthaft fast zwei Zeitstunden gekostet. Für die Anmeldung einer Gruppe für eine Bahnfahrt. Die Anmeldung wohlgemerkt. Denn von einer Zusage sind wir noch weit entfernt. Es kann sein, dass uns ein Betreiber die Fahrt verweigert, da der Zug schon ausgebucht ist. In diesem Fall bekomme ich wieder eine eMail, auf die ich dann bestimmt wieder nicht telefonisch, sondern per eMail-Antwort oder bestenfalls überhaupt nicht mehr antworten soll.
Im Unterricht oder am Schreibtisch sitzen macht da deutlich mehr Spaß.
GRR!

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Aus is‘! Über Abiturfeiern

avatarAbifeiern sind schon ein komisches Ereignis. Zumindest für mich. Eigentlich sollte das bestandene Abitur einen Grund zur Freude darstellen. Aber zu der gesellt sich immer ein gehöriges Portiönchen Wehmut. Oftmals sogar Tränen. Oder Frust. Egal, bei welcher Gruppe der Beteiligten.
Unsere Abifeiern an der Schule sind schon seit Jahren ein Großereignis. Dank des nimmermüden Einsatzes eines tatkräftigen Elternbeirats haben wir jedes Jahr das Privileg, die Feier in einer größeren Location in Münchens Innenstadt veranstalten zu dürfen. Chalets, Biergärten, Wirtshäuser, Bräukeller… we had it all. Die Zeugnisübergabe ist nicht minder gewaltig. Jeder Schüler bekommt zu seiner persönlich gewählten Einzugsmelodie über einen roten Teppich nach vorne ans Pult, um freudestrahlend sein Abiturzeugnis vom Direktor entgegenzunehmen. Anschließend werden die besten des Jahrgangs mit jeweils einer individuellen Laudatio des Chefs bedacht. Es folgen Abiturrede, Rede der Preisträger, Rede des Kollegiatenjahrgangs, anschließend die Feierlichkeiten, die bei einem Drei-Gänge-Menü (und dieses Jahr bei 32 Grad Raumtemperatur) ihren Lauf nehmen, gefolgt von einer Party mit oldie-tauglicher Musik (also für so Oldies wie mich).
Ich mag unsere Feiern. Es ist vielleicht ein bisschen zu viel Brimborium, zu viel Tamtam, zu viel Tralala. Aber nach der ganzen Arbeit haben sich das die Schülerinnen und Schüler auch sehr wohl verdient. Trotz allem haftet den Abiturfeiern immer ein gewisses Etwas an, das ich schwer in Worte fassen kann. Es ist eine gewisse Scheinheiligkeit. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.  In den Abschlussreden werden die letzten zwei oder gar acht Jahre in höchsten Tönen gelobt:

  • Die Kollegiaten? Fantastisch und reif. Dabei weiß man ganz genau, dass man sich in drei Wochen nach dem Abistreich wieder fragt, ob das Abitur tatsächlich ein „Reifezeugnis“ darstellen kann, wenn ein paar schwarze Schafe alkoholisiert wieder über das Ziel hinausschießen und alles eskalieren lassen.
  • Die Schule? Angeblich makellos. Dabei steht in der Abizeitung ein paar Stunden später doch eine derbe Richtigstellung, die natürlich jeder lesen und mitbekommen wird. Konsequenzen wird es keine geben – weder für die Schmierfinken, die sich verbrochen haben, noch für die Schule, die die Kritik vielleicht produktiv nutzen könnte, um Defizite zu stopfen. Es gehört einfach dazu, sich gegenseitig ein bisschen hochzunehmen. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. 
  • Die Stimmung nach dem Abi? Angeblich euphorisch. Aber keine drei Stunden später habe ich vier weinende Erwachsene neben mir, die mit der neu gewonnen Freiheit überhaupt nicht umgehen können und mir gestehen, panische Angst vor dem zu haben, was jetzt kommt. Die Schule. Ja, sie hat enge Regeln, ein steifes Korsett, das vielen vor allem in der Oberstufe auf der Suche nach Individualität zunehmend die Luft abdrückt. Aber sie gibt auch Regelmäßigkeit vor. Rituale. Struktur. Ein Zuhause. 

Es braucht ein paar Jahre, bis man diesen Eindruck von Abifeiern gewinnt. Am Anfang lässt man auch sich von der pompösen Atmosphäre des Ereignisses mitreißen. Aber mit der Zeit schleicht sich zunehmend das Gefühl ein, hier einfach Zuschauer in einem großen Schauspiel zu sein, das zum Abschluss keine wirkliche Kritik zulässt, die beiden Seiten eigentlich viel helfen könnte. Schade um die Chance!

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Und Schluss

avat_wut-150x150„Du hast 700 Follower bei Twitter“ prangt es auf dem Smartphone, als ich auf dem U-Bahnhof auf dem Weg zu einer Verabredung bin. „Zeit für einen Jubliäumstweet“, denke ich mir. Eigentlich keine große Sache. Also Smartphone raus, Twitter-App auf, Tweet neu verfassen und Zack – nichts geht mehr. Erst friert der Bildschirm ein. Dann startet das Gerät neu, fährt sich hoch. Und bricht ab. Startet sich neu. Bricht ab. Startet sich neu. Bricht ab. Mehrere Male. Minutenlang. Erst denke ich mir nichts dabei und drehe meinem G4 den Saft ab. Akku raus – Akku rein. Bei diesem Smartphone geht das ja zum Glück noch. Aber das bringt keine Besserung. Der Bootvorgang geht immer von neuem los. Meine anfängliche Gelassenheit weicht so langsam einer gewissen Portion Irritation. Ich bin genervt. Mit meinem Kommilitonen habe ich über Whatsapp bisher nur einen ungefähren Zeitpunkt ausgemacht. Benachrichtigen, dass ich nicht mehr erreichbar bin, kann ich ihn nicht losschicken. Die Nummer ist ja im Smartphone gespeichert, das im Moment lustig Boot-Karussel fährt. Da komme ich nicht ran.
An nichts komme ich ran. Bilder, Musik, Kamera, Kontakte, Twitter, Whatsapp, eMail. Rien ne va plus. Treffen tun wir uns beide trotz aller Unwegbarkeiten dennoch – schließlich sind wir organisierte Lehrer 😉 Aber wirklich genießen kann ich das Treffen nicht. Ich bin ständig am Smartphone zugange, versuche permanent, das Gerät zu einem erfolgreichen Startvorgang zu „motivieren“. Ohne Erfolg. Was mein Kommilitone in Nürnberg an seiner Schule macht und erlebt – ich könnte es aktuell nicht wiedergeben. Die Worte gehen zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Ich bin mittlerweile nicht einfach nur genervt. Ich bin wirklich nervös. Nicht nur deswegen, weil mein komplettes digitale Leben in diesem Gerät gerade im Koma liegt. Sondern weil ich auf einmal merke, wie abhängig ich davon geworden bin. Ich würde meinem Kommilitonen so gerne Fotos der letzten Berlinfahrt zeigen und kann es nicht. Ich will die nächste gemeinsame Fortbildung in meinen Kalender eintragen – wie denn? Eine Wegbeschreibung zu dem netten Restaurant in der Altstadt mit Google Maps erstellen – no way. Da mein Gegenüber – seinerseits auch Altphilologe – sich natürlich moderner Technik konsequent verweigert, hat er natürlich auch kein Kulturzugangsgerät dabei. Wir werden es the old-fashioined way machen müssen. Und nach dem Weg fragen.
To cut a long story short: Das G4 hat in den frühen Modellen wohl einen Wackelkontakt, der diesen Bootloop auslöst. Ein ärgerlicher Fabrikationsfehler, der aber kostenlos behoben wird. Dennoch ärgerlich, weil ich jetzt   für die nächsten Tage digital kastriert durch die Gegend wandeln darf. Und selbst wenn ich mein G4 wieder bekomme, darf ich meine digitale Identität wieder von Neuem aufbauen. Denn ein Backup habe ich nie gemacht. Als ehemaliger Samsung Jünger habe ich mich über Jahre mit dem wankelmütigen Kies herumgeschlagen, bis ich irgendwann mal kapituliert habe. Vielleicht funktioniert das Sichern mit LG-Geräten etwas besser. Ich werde es herausfinden. Denn ein Backup ist das Erste, was ich machen werde, wenn ich mein G4 in den Händen halte. Auch bei Smartphones verhält es sich scheinbar  ähnlich wie bei den Tugenden der PC-Spieler: Save early, save often.

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Blogparade: Nur kein Stress!

avat_traurigDieses Jahr ist irgendwas im Busch. Vielleicht merkt man es an den Blogartikeln, die hier nicht mehr in jener Regelmäßigkeit auftauchen, in der sie es früher taten. Vielleicht am Ton, in dem sie geschrieben sind. Ich geb’s zu: Ich hänge dieses Jahr ein bisschen durch. Und damit stehe ich wohl auch nicht alleine. Sowohl beim #EDchatDE als auch unter Twitterkolleginnen und -kollegen ist „Stressreduktion“ ein Top-Thema.
Ein kleiner Tweet von @LeAuLei brachte eine kleine Lawine ins Rollen – und letztlich auch die Idee zu einer Blogparade: Welche Bereiche in eurem Lehrerleben sind bei euch frustgeprägt, und wie werdet ihr dieses Chaos wieder Herr? Damit greifen wir die Diskussion auf, die wir schon im #EDchatDE begonnen hatten, allerdings auf eine deutlich intensivere und persönlichere Weise.
Alle Blog-Lehrer/-innen (und alle, die mitreden wollen), die sich angesprochen fühlen und gerne ihre Coping-Strategien weitergeben möchten, können mitmachen. Ausgehend von zwei Leitfragen aus dem #EDchatDE darf jede/r einen Artikel zu dem Thema verfassen und auf den eigenen Blog stellen. Dieser wird, sobald ihr mir Bescheid gebt, in diesem Leitartikel zum Lesen verlinkt.

Unsere beiden Leitfragen lehnen sich an denen des 124. #EdchatDE an:

  • Welche Situationen im Schulalltag empfindest du persönlich als belastend?
  • Welche Strategien hast du dir zurecht gelegt, um mit derartigen Situationen zurecht zu kommen?

Wichtig: Es geht hier nicht um gegenseitiges Ausweinen und Klagen. Dass unser Beruf mitunter sehr stressbeladen ist, müssen wir uns einander nicht sagen. Das wissen wir auch so. Uns geht es vorrangig um echte Lösungsstrategien für Stresssituationen, die jede/n von uns betreffen können. 

Einsendeschluss ist der 15. Juni. Wer aber früher loslegen darf, kann das gerne tun.
Und jetzt frisch ans Werk und fleißig retweeten! Je mehr Leute wir damit erreichen, umso besser… aber bloß kein Stress 😀


Bisher eingereichte Beiträge:

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Vom Abitur 2016

avatarDas Abitur. Vermeintlicher Höhepunkt im Leben eines gymnasialen Schülers*. Und ein Ereignis, das bereits Fünftklässler bewegt und mysteriös munkeln lässt.
Ich weiß noch, als ich selbst in der fünften Klasse war und erzählt wurde, zur Erstellung eines Abiturs würde man nur die besten Lehrer Bayerns auswählen, die dann in ein Kloster eingeladen würden, wo sie in seclusio tagelang meditieren und beraten – und zwar so lange, bis ihnen eine Aufgaben-Erleuchtung komme, die der künftigen Bildungselite des Freistaates ebenbürtig sei.
Diese verklärt-romantische Sicht hat mittlerweile natürlich ein bisschen relativiert. Aber ein gewisser Zauber bleibt bis heute noch erhalten: Schon die Wochen vor dem Abitur sind die Leute von einer bemerkenswerten Ruhe vor dem Sturm gekennzeichnet. Die Kollegiaten sind auf einmal noch zutraulicher als sonst, sitzen in der Frühlingssonne auf den Treppen des Schulhauses, in das sie eigentlich gar nicht mehr gehen müssten. Sie bleiben freiwillig ganze Nachmittage, um in netter Atmosphäre mit dem Kursleiter Abiaufgaben durchzuarbeiten und dabei in Anekdoten ihrer Schulzeit schwelgen. Ich lass mich gerne von soviel Wehmut mitreißen – noch dazu, wenn ich die Damen und Herren schon seit der Unterstufe kenne, als sie mir noch bis zum Knie reichten – und gebe eine Runde Kaffee aus. Oder eine Pizza. Und jedes Jahr einen Glücksbringer, der auf einem der zahlreichen Insider-Witze basiert, die wir uns in den Jahren um die Ohren geworfen haben. In den letzten zwei Jahren war es der Bad Pun Dog, der uns regelmäßig zum Lachen brachte. Teilweise arg sparwitzig, aber die ausgedruckten Strips sorgen bei allen für Heiterkeit.
Und plötzlich ist er da, der große Tag. Die Eröffnung des jeweiligen Abis erfolgt, während die meisten unserer Schüler im Bettchen liegen und träumen. Um sage und schreibe halb sechs müssen wir in der Regel raus, um eine Stunde später im Direktorat zu erscheinen, wo die heilige Abschlussprüfung feierlich aus dem Safe des Chefs entnommen und eröffnet wird. Der Oberstufenbetreuer wohnt dieser heiligen Handlung in der Regel bei und weiß um die Wichtigkeit dieser Prüfung und den Stress, den die Vorbereitung darauf gekostet hat: Die Beratungsgespräche, die Tränen und das verbissene Feilschen um die letzten Punkte, für das unsere Oberstufe seit Jahren berüchtigt ist. Er entlohnt uns deswegen wie jedes Jahr mit einem üppigen Mahl. Beinahe 40 Croissants und Butterbrezen lässt er jedes Mal springen, wenn wir uns in aller Herrgottsfrühe im Direktorat einfinden, um die Abiaufgaben Probe zu lesen. Den Geheften näherte man sich früher mit einer gehörigen Portion Respekt und einer Prise Bammel: Sind die Schüler gut genug von mir vorbereitet worden? Habe ich alle Themenfelder ausgiebig genug behandelt? Sämtliche Fragen und Methoden abgedeckt? Ein erster Blick entspannt: Alles erwartbar und in irgendeiner Weise mal in den letzten zwei Jahren behandelt. Ein paar Überraschungen gibt es dann allerdings schon. Die diesjährige Listening Comprehension in Englisch handelt von der Erfindung des Rasentennis im 19. Jahrhundert. Wohl aus Vorsicht, keinen der Schüler mit einem lebensnahen Thema zu bevorteilen, hat man sich für einen Bereich entschieden, der rein gar nichts mit deren Lebenswirklichkeit zu tun hat. Beim ersten Hören fand ich das Hörstück reichlich absurd, mittlerweile aber eigentlich ganz charmant. Vor allem die sexistischen Ansichten, über die mit entsprechendem Augenzwinkern typisch britisch-nüchtern berichtet wird. Auch die Mediation gefällt mir: Dieses Jahr dreht sie sich um die Revolution des Mickey Mouse-Heftchens, das Anfang der 60er Jahre in Schulen und Elternhäusern für gehörig Furore gesorgt hat. Durchaus lesenswert – im Gegensatz zu den gestellten Themen in der Composition, die bestenfalls Mittelstufen-Niveau erreichen: Sowohl Cartoons als auch die meisten der Comment-Themen (Should zoos be abolished?) sind von der reinen Substanz her für eine Reifeprüfung nach acht Jahren Gymnasium doch etwas dürftig. Kein Wunder, dass Jochen Lüders auf seinem Blog die Prüfung gebührend auseinander nimmt. Streckenweise fragt man sich schon, warum man die Schüler über Jahre mit so komplexen Texten in der Qualifikationsphase bombadiert hat. Diese Themen wären auch in der neunten oder zehnten Klasse zu bearbeiten gewesen. Die Schüler wird’s am Ende freuen, denn bei so einer Abiturprüfung richtig ins Klo zu greifen, halte ich für ausgesprochen schwer.
Ob die Schüler das genauso sehen? Die meisten werden das in der Aufregung wohl gar nicht registrieren, wenn sie an ihrem Tischchen in der Turnhalle sitzen, das mit Platzziffer jedem Abiturienten einen eigenen anonymen Arbeitsplatz zuweist. Die Tische sind schon zu Beginn der Prüfung garniert mit haufenweise Proviant und Süßigkeiten. Aber nicht von den Schülern, sondern den Kursleitern, die ihre Schützlinge mit kleinen süßen Aufheiterungen für den folgenden 4-Stunden-Marathon wappnen wollen. Immerhin ist dies die einzige Prüfung im Leben der Schüler, wo sie das Gefühl haben gemeinsam an einer Prüfung zu arbeiten. Aus der jahrelangen Antagonie Schüler – Lehrer wird im Abitur auf einmal eine Allianz. Zu zweit gegen das Zentralabitur. Daher schleichen sich die Kursleiter (also ich) während des Abiturs gerne heimlich in die Turnhalle, um sich zu überzeugen, wie gut die Abiturienten mit den Anforderungen der Aufgaben zurechtkommen. Man sieht ihnen über die Schulter, nimmt Augenkontakt auf, nickt ihnen aufmunternd zu oder steht einfach zuversichtlich in der Gegend rum und repräsentiert (meine Lieblingstätigkeit). Oder hört dem angestrengten Gekritzel von 120 Individuen zu, die in angespannter Ruhe schreiben, unterstreichen, nachrechnen, blättern oder notieren. Gelegentlich steht ein Schüler auf, um auf die Toilette zu gehen. Vorher wird das Prüfungsgeheft abgegeben, die Zeit des „Austritts“ darauf vermerkt und in einer weiteren Liste eingetragen, bevor eine eigens abgestellte Lehrkraft die Leute auf dem Weg zum WC begleitet. Regelmäßig. Immer wieder. Es ist wie eine kleine Choreographie, die sich da alle 5 Minuten abspielt. Bürokratisch streng geregelt wie alles an diesem Tag: Anfang der Prüfung, Ende der Prüfung. Wer vorher abgibt, muss das Schulgelände sofort verlassen, um keine Informationen zum Abi auszuplaudern. Gefeiert werden darf nur in einem eigens dafür ausgewiesenem Bereich, weit von den Augen von Passanten, die beim Anblick von Bierflaschen in Ohnmacht fallen könnten – Das allerdings erst, nachdem jedes Abitur abgegeben und einzeln durchgezählt wurde: Die Anzahl der Angaben, die Anzahl der Notizblätter, die Anzahl der Schülerbögen, die Anzahl an leeren Blättern. Alles. Erst dann bekommt man als Kursleiter feierlich seinen Stapel mit Arbeiten überreicht, auf dass die nächsten 16 Arbeitsstunden damit gesegnet seien.
Tja, und da liegt er nun, der Stapel. Ich bin mit der Erstkorrektur durch und eigentlich ganz zufrieden. Die Guten haben ihr Niveau gut gehalten und genau die Note, die ich von ihnen erwartet habe. Überraschung gab’s bei den Leuten, die im Schuljahr bei mir immer im Viererbereich waren. Durch die doch recht einfachen Themen war es ihnen in der Regel immer möglich, trotz sprachlicher grober Fehler inhaltlich immer so viel rauszuholen, dass sie sich in die Dreierriege katapultiert haben. Auch wenn es sich vom Lesen her nicht wie ein Dreier anfühlt. Aber wer bin ich denn ein Abiturergebnis anzuzweifeln? Ich bin ja nur Lehrer 😉


*bis er merkt, dass das nur die Spitze des Eisberges war…

abi

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Edchatde-Nachlese

avatarDer letzte Edchatde hatte es mal wieder ganz schön in sich. Mit dem Titel „Zeit- und Stressmanagement für Lehrer“ war für die 124. Runde ein echtes Reizthema gefunden. Das merkte man auch deutlich an der Frequenz, in der die Tweets aufschlugen. Darunter viele tolle Anregungen, die mich zum Nachdenken brachten. Das Ergebnis ist dieser Beitrag hier, der hoffentlich als nüchterne Nachlese/-wehe zu sehen ist – nicht als lamentierendes Jaulen. Strikt getrennt nach Frage 2 und 4 des Edchat.

  • Papierwust: Ankündigungen, Notenlisten, Elternbriefe, Verlautbarungen, Terminänderungen, Stundenpläne; alles landet in Papierform im Fach, auf dem Arbeitsplatz oder wird mir – im Ernstfall – zwischen Tür und Angel in die Hand gedrückt.
  • Fülle an Terminen: Schulaufgabentermine, Deadlines für den Jahresbericht, Zahlungserinnerungen für Klassenfahrten, Konferenzen, Fachsitzungen, Elternanfragen, Fortbildungstermine, zwischendrin auch noch private Verpflichtungen.
  • Mein Körper: Vor allem in Stresszeiten, wo ich nur am Schreibtisch sitze, lahmt irgendwann mein Schulter- und Rückenbereich. Die Verspannungen strahlen in alle Himmelsrichtungen. Das Wissen, all diese Korrekturarbeiten erledigen zu müssen vor dem Hintergrund, dass sie in dieser geballten Form meinem Körper definitiv nicht gut tun, zermürbt mich spürbar. 
  • Mein Equipment: Meine Tasche tut ihr übriges, um meinen Rücken auf eine harte Probe zu stellen. Selbst wenn ich täglich immer nur schätzungsweise 20 Minuten mit dem Ding durch die Welt trabe, summiert sich sowas über die Jahre doch auf einigen Ballast, der mich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Gleichgewicht gebracht hat.
  • Fossilisierte Abläufe in der Bürokratie: Jede Schule ist ein Amt. Und wie überall hat sich über die Jahre ein gewisser Amtsschimmel festgesetzt. Gewisse Abläufe, die man seit den 70er Jahren so erledigt hat, wurden über die Jahrzehnte nie entrümpelt. So ärgert man sich oft mit bürokratisch überlasteten Vorgängen herum, die vielleicht vor 30 Jahren in ihrem Procedere in Ordnung waren, aber mittlerweile in einem Bruchteil der Zeit erledigt werden könnten. Das ist vor allem spürbar, sobald man sich über den Tellerrand der eigenen Schule wagt und sich informiert, wie andere Kollegien mit alltäglichen Dingen Notenberechnung, Absenzenregelungen, Schulaufgabenplänen oder Hinweisen an die Eltern umgehen.
  • Unordnung: Je mehr Papier physikalisch in meiner Arbeitsumgebung aufschlägt, egal ob zuhause oder auf meinem Arbeitsplatz, ärgert mich. Ich habe oft das Gefühl, trotz eines Ordnungssystem an all dieser Zettelwirtschaft zu ersticken.

  • Ich bin dazu übergegangen, mir für wichtige Termine einen ical-Kalender anzulegen. Bekomme ich also einen neuen Termin in Papierform ins Fach gelegt, wird er sofort eingegeben und das Papier-Original entsorgt. Durch ein kompatibles Widget kann ich den digitalen Kalender sofort mit ein paar Fingerwischern öffnen. Dauert keine 30 Sekunden, bis alles eingegeben ist. Eine App wie Antons Kalender Widget zeigt mir die neuen Termine immer auf dem Homebildschirm an. Da sehe ich sie definitiv eher als auf dem Zettel in meinem Fach.
  • Meine TimeTex-Schultasche hatte ich schon mehrere Male einer Ausmistkur unterzogen. Aber let’s face it:

    Meine alte Schultasche im leeren Zustand… :-/

    Das Ding ist riesig. Und alleine die Tatsache, dass locker vier volle Leitz-Ordner mühelos reinpassen würden, bietet genug Raum für Krimskrams. Seit Neuestem wage ich mich daher mit einer Aktentasche in die Schule, die kaum Zusatzballast zulässt. Somit bin ich gezwungen, mich auf die absoluten Basics zu beschränken. Ich kann gar nicht anders. Und das ist gut so. Im Moment befindet sich darin mein Tablet, mein Notenbuch, und meine Stiftebox mit EZCast Pro-Dongle in der Tasche. Sämtliche Bücher oder mein Handbeamer sind im Schrank in der Schule und werden bei Bedarf rausgeholt. Unterwegs bin ich damit mit maximal zwei Kilo Ballast. Im Gegensatz zu den bisherigen 12 mit meiner Mega-Tasche!

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    So schaut’s aus: Mehr geht nicht rein.

  • Wegen meines Rückens, der über die letzten Monate wirklich sehr zu leiden hatte, bekam ich von der göttlichen Frau Henner den Tipp eines Pultaufsatzes für den heimischen Schreibtisch – entlastet den Schulterbereich wirklich merklich, da man sich Winkel und Höhe der Arbeitsfläche individuell einstellen kann. Auch mein PC-Monitor steht dank Schreibtischaufsatz ein paar Zentimeter höher, sodass ich auch beim Arbeiten meistens aufrecht sitze. Um dem Rücken auch mal die eine oder andere Ruhe zu gönnen, korrigiere ich grundsätzlich mit der App Clockwork Tomato, die nach der Pomodoro-Technik nach einer gewissen Zeitspanne ein Mini-Päuschen einräumt. Genau das Richtige, um mal kurz aufzustehen, sich zu dehnen, eine Tasse Kaffee zu holen. Achja, wo wir gerade dabei sind:
  • Essen und Trinken: Zu Zeiten, wo andere in Kantinen oder Mittagspausen sitzen, um mal für eine Stunde abzuschalten, stehen wir Lehrer gezwungenermaßen am Pult über Übersetzungen, Übungen, an der Tafel und damit mit einem Bein im Grab des Hungertods. Gegessen wird an Tagen, an denen man Nachmittagsunterricht hat, gerne mal zwischen Tür und Angel. Mal ein Brötchen, mal eine Butterbreze, mal ein Express-Salat to-go. Aber nie was Richtiges. So ist es zumindest bei mir. Trinken ist sogar noch schlimmer. Während des Schultages ernähre ich mich von Kaffee. Tassenweise, literweise. Zu einem Glas Wasser muss ich mich echt zwingen. Und das tue ich. In jeder Zwischenstunde. In jeder Pause. 
  • Vernetzung: Gemeinsam geht es einfach besser. Das ist so. Auch beim Stressmanagement. Der Austausch von Materialien und Tests sollte zur Grundausstattung im Teamwork gehören, auch beim Nutzen von neuen Methoden oder analogen/digitalen Tools kann man untereinander viel mehr lernen, als wenn sich jeder einzelne das Wissen separat antrainieren muss. Aus diesem Grund haben wir uns seit diesem Jahr im Dreierteam einen digitalen Schulaufgaben-Pool erstellt, aus dem man sich nach Belieben bedienen kann – vorausgesetzt man trägt auch selber etwas dazu bei. 
  • Schulentwicklung: Da das Thema Stress aufgrund von Fehlern in der Kommunikation und bürokratischen Abläufen oft unangenehm verstärkt wird, haben sich dieses Jahr ein paar Tapfere zur Schulleitung begeben, um ein paar Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Ergebnis: Ein AK, in dem sich das Kollegium regelmäßig trifft, um die akuten Stressherde zu entlarven, zu beraten und an einer Lösung zu arbeiten, die sich auf entsprechenden Schultern verteilt.

Ob durch diese Dinge der Stress spürbar abnehmen wird, kann ich erst in ein paar Monaten sagen. Aber alleine das Gefühl, dieser Last nicht hoffnungslos ausgesetzt zu sein und tatsächlich selber etwas daran verändern zu können, gibt ein gewisses Gefühl an Kontrolle zurück. Kontrolle, die wir in Hochzeiten vielleicht aus den Augen zu verlieren drohen.

Habt auch ihr weitere Empfehlungen?

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Von alljährlichen Elternabenden

avatarElternabende sind eigentlich eine furchtbar dröge Angelegenheit – für beide Seiten. Jedes Jahr gehören sie zum Ablauf: Man versammelt sich alljährlich in einem Klassenzimmer, spult zum jeweiligen Fach seinen Sermon ab, den man jedes Jahr von sich gibt: Welche Inhalte werden behandelt, welche Schulaufgaben abgehalten, welche Autoren gelesen, welche Projekte gemacht. Und als Adressaten sitzen Männer und Frauen auf viel zu kleinen Stühlen, gezwängt vor viel zu kleine Tische, die nach einem Neun-Stunden-Arbeitstag wohl deutlich anderes im Kopf haben als das elegische Distichon. Und das mit vollem Recht!
Deswegen sind wir im Kollegium und im gegenseitigen Einvernehmen mit den Eltern überein gekommen, diese Veranstaltungen so kurz wie nur irgend möglich abzuhalten. Wir kommen unserer Informationspflicht nach und damit Basta. EIGENTLICH. Denn was diese Elternabende oftmals prolongiert, ist nicht die Präsentation der Unterrichtsinhalte, sondern das Soziale. Unter den Kindern, unter den Eltern, unter den Lehrern – und schlimmsten- bzw. bestenfalls unter allen drei gemeinsam.
Manche dieser Elternabende sind Balsam für die Seele. In manche Klassenabende zu treten, wo man die Schüler über Jahre schon unterrichtet hat, ist wie eine Famlienzusammenführung. Man kennt sich namentlich, macht miteinander ein paar Witzchen und feixt, sitzt hinterher vielleicht bei einem Feierabendbier zusammen. Eltern und Lehrer vereint. Ja, meine Damen und Herren. Das gibt es. Zumindest an unserer Schule. Und das gar nicht so selten.
Aber es gibt natürlich auch das Gegenteil. Man betritt einen Elternabend, in der dieselben Fächer gelehrt werden, von denselben Lehrern, in derselben Jahrgangsstufe – und irgendwas ist anders. Es wird sofort still, wenn man eintritt, die Luft ist elektrisiert von Spannung. Hier liegen ganz andere Emotionen in der Luft. Und was man in Klasse 9A fachlich wie auch pädagogisch in Klasse 9A erfolgreich und unter Applaus präsentiert hat, führt in der 9B sofort zu erhitzten Diskussionen. Warum immer die ollen Kamellen lesen? Wieso sitzt mein Kind allein? Wieso sitzt es hinten? Wieso neben einem Mädchen? Warum hat es schlechte Noten, wenn es hochbegabt ist (mein Favorit!)?
Was aber ist die Zutat, die im Elternabendtopf letztlich darüber entscheidet, ob der Abend mundet oder einen faden Beigeschmack hat?
In nuce: Es ist Vertrauen. In den Klassen, in denen alles glatt läuft, haben Schüler wie Eltern schlichtweg Vertrauen, dass sie bei uns in guten Händen sind. Dass wir gut ausgebildet sind und den Sprösslingen etwas beibringen. Dass wir wissen, was wir tun, weil wir Profis sind, und wissen, worauf es ankommt. In den unangenehmen Elternabenden ist genau an dieser Stelle ein Defizit. Hier gibt es viel Argwohn. Gegen Lehrer, gegen die Institution Schule an sich… und – das ist am schlimmsten – untereinander. Es gibt Elterngemeinschaften, die exakt genauso aufgebaut sind, wie das soziale Geflecht ihres Nachwuchses: Die Anführer, die Duckmäuser, die Aufwiegler, die Spaßvögel, die Mitläufer, die sich untereinander bekriegen. Die angeblichen Spezialisten, die mal ein Buch über Schule gelesen haben, und ihre platten Weisheiten unters Volk bringen wollen. Und zwischendrin die Mutter von Kunibert, die sich mit Sieglindes Vater erhitzte Diskussionen liefert und den Streit öffentlich austrägt – dass sich solche Geflechte natürlich auch irgendwann auf die Klasse selbst auswirken, merken anscheinend die wenigsten.
Bei uns an der Schule sind solche Situationen die Ausnahme. Und selbst wenn es mal wieder heiß hergeht, durchstöbere ich meinen eigens angelegten Wohlfühl-Ordner in Thunderbird, den ich eigens für solche Tage angelegt habe. Dort hab ich mir sämtliche eMails aufbewahrt, die auch im chaotischsten Schulalltag meine Lehrerseele streicheln. So flog mir jüngst folgende Nachricht zu – und wurde kurzerhand archiviert: 

skitch

Irgendwas mach ich scheinbar richtig.

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De Senectute

avat_traurigLangsam schleicht es sich an, haben sie gesagt. Man merkt es kaum, haben sie gesagt. Das Alter. Und es stimmt. Langsam hab ich das Gefühl, dass es von heute auf morgen an allen Ecken und Enden kracht. Mal kribbelt ein Finger, dann die Hand, dann der Oberarm, dann knackt die Wirbelsäule bei ruckartigen Bewegungen wie ein trockener Ast. Weh tut eigentlich rein gar nichts, aber man merkt, dass irgendwo im Körper was nicht passt. Trotz Fitnessstudios, in das ich mich seit mehr als zehn Jahren schleppe. Trotz eines unauffälligen Normalgewichtes. Irgendwann geht’s einfach los…
Ein Physiotherapeut hat mich letzte Woche durchgecheckt. Bei seiner Diagnose fühle ich mich wie ein alter VW kurz vor der Abwrackung. Meine gesamte Körperachse ist schief. Schief durch das jahrelange Tragen einer Lehrertasche, die scheinbar kein Limit im Fassungsvermögen kennt. Schief durch das ständige Verharren auf einem Standbein im Unterricht. Schief durch die vornübergebeugte Haltung am Schreibtisch beim Korrigieren und Vorbereiten. Schief wie der Turm von Pisa. Und das hat Auswirkungen. Große Auswirkungen. Meine Schultermuskulatur versucht wohl schon seit geraumer Zeit, diese Schiefstellung zur Seite und nach vorne auszugleichen und hat mittlerweile einfach kapituliert. Das Ergebnis: eine große Verspannung im Halswirbelsäulenbereich, die bei entprechender Behandlung fünf bis sechs deutlich spürbare Knoten erspüren lässt. Ein Sportlehrer hat mir zur Selbstbehandlung eine sogenannte Blackroll vermacht. Eine Art Tennisball aus Hartgummi, den man zwischen sich und eine flache Oberfläche (Fußboden oder Wand) steckt, um sein gesamtes Körpergewicht auf solche sogenannte Triggerpunkte zu drücken, die die Verspannungen auslösen. Diese gilt es mit der Blackroll zu lokalisieren und dann mit 80kg Eigengewicht das Fürchten und hoffentlich bald Auflösen zu lehren. Schmerzen!
Hilft nix: Da muss ich ran und dagegen arbeiten. Also darf ich jetzt eine neue Haltung antrainieren. Hoch mit dem Kopf! Beim Arbeiten gerade sitzen. Am besten mit einem Buch auf dem Kopf, damit ich aufrecht sitzen bleibe. Was die Nachbarn bei diesem verstörenden Anblick denken mögen, schiebe ich im Moment noch von mir. Parallel dazu wird im Fitness jetzt das Training umgestellt. Weniger Gewichte, mehr Wiederholungen, mehr haltungs- und rückenbetont. Wenn ihr also demnächst einen Lehrer seht, der wegen seiner Schwarzenegger-Schultern nicht mehr durch den Türstock passt, fragt mal nach: That’s me!
Passt auf euch auf!

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Von einem bewegt-bewegenden Karfreitag

avatarEs ist immer schön, wenn Verwandtschaft oder Freunde bei uns vorbeischauen. Vor allem für mich als Heimat-Münchner, der seine Geburtsstadt dann von einer Seite erlebt, die ich so nie kannte. Diesen Karfreitag zum Beispiel, wo wir uns aufmachten, den Friedhof des Stadtteils Bogenhausen zu besuchen – früher ein kleines Dorf vor den Toren von München, jetzt ein gehobenes Villenviertel, das viele Celebrities für sich entdeckt haben. Lebende wie auch tote. Denn letztere versammeln sich in illustrer Runde am örtlichen Friedhof und erinnern in ihren erfreulich zurückhaltenden Monumenten an ihre Glanzzeiten. Alle sind sie da: Erich Kästner, Bernd Eichinger, der unvergessene Monaco Franze Helmut Fischer, Walter Sedlmayer, der jüngst verschiedene Helmut Dietl. Normalerweise würde ich mir etwas schäbig vorkommen, wie ein Stalker toten Stars und Sternchen auf Friedhöfen aufzulauern. Aber heute? Es ist Karfreitag, es ist nass, es ist diesig, der Friedhof liegt verlassen und vollkommen ruhig. Es passt einfach. Und mittendrin sind wir, die der Verstorbenen gedenken und ihre Erfolge Revue passieren lassen – ganz so wie sie es gewollt hätten.
Es ist ein ganz schönes Stück von der Innenstadt da raus. Die Distanz hatte ich persönlich etwas unterschätzt. Aber der Weg ist schön und führt direkt durch den Englischen Garten. Und beim Anblick von Isarsurfern und verfrorenen Touristen, die im Nieselregen am Chinesischen Turm standhaft ihr erstes Münchner Bier süffeln, kann einem nur warm ums Herz werden. Das ist auch bitter nötig.
Denn als wir uns etwas verfroren zu unserem Auto am Fuß des Kirchberges wagen, knallt es plötzlich hinter uns gewaltig. Aus dem Augenwinkel sehen wir nur noch ein marodes Fahrrad den Berg hinunterkullern, gefolgt von einem jungen Mädchen, das sich mehrmals überschlägt und wimmernd am Fuße des Berges zum Liegen kommt. Als wir zu fünft hinstürzen um zu helfen, merken wir recht schnell, dass wir vor einem Kommunkationsproblem stehen. Das Mädchen spricht nur arabisch, wir selber sind mit unseren zusammengewürfelten Englisch-Französisch-Spanisch-Italienisch-Deutschkenntnissen leider aufgeschmissen. Wir verstehen einander einfach nicht. Da sie sich aber wimmernd den Arm hält, wird uns schnell klar, dass wir mit ihr ins nächste Krankenhaus müssen. Mit sämtlichen und zur Verfügung stehenden Gesten versuchen wir ihr unser Vorhaben verständlich zu machen. Vergeblich. Zwar versteht sie recht schnell, was wir vorhaben, aber sie möchte vorher ihrer Familie Bescheid geben. Ein Handy besitzt sie aber nicht, und sie in diesem Zustand die knapp drei Kilometer laufen zu lassen, wäre Irrsinn. Also bieten wir ihr mit Händen und Füßen an, sie nach Hause zu fahren. Nach Hause, das ist ein stillgelegter Trakt eines Siemens-Gebäudes in der Richard-Strauß-Straße. Eine Flüchtlingsunterkunft. Die erste, die ich jemals betreten habe.
Das ganze Gebäude schreit nach 70er Jahren. Ein protziges Statement aus Beton und Stahl, das den Witterungen tapfer getrotzt hat, aber langsam den Kampf verliert. Hinter dem regenverhangenen Himmel drückt der Grauklotz mächtig auf die Stimmung. Das Innenleben tut sein übriges. Büroräume mit 30 Jahre alten Teppichen versprühen den Duft von allem, was seit 1971 auf ihnen passiert ist, die Beleuchtung der kalten Neonröhren ist spärlich, die meisten Räume sind karg eingerichtet und voll von Menschen, die hier ihr Leben fristen. Einige spielen Schach oder Backgammon, andere tippen gedankenverloren auf ihren Smartphones oder schlafen, auf dem Gang erfreut ein kleiner Junge seine junge Schwester minutenlang mit Seifenblasen. Und mittendrin wir mit unserer Patientin. Am Empfang sitzen vier Afrikaner in Arbeitskleidung, die fließend Englisch und Arabisch sprechen. Als sie uns sehen, merkt man ihnen an, dass sie ebenso unsicher sind wie wir. Offensichtlich verirrt sich hier jemand selten hinein. Noch dazu dürfte der Anblick von zwei Männern, die ein offensichtlich verletztes Mädchen vor sich herführen, das eine oder andere Kopfkino in Gang bringen. Die Spannung löst sich recht schnell, als klar wird, warum wir hier sind. Wir bekommen alle ein Glas Tee gereicht und werden in ein Aufnahmebüro geführt, wo wir einem Mitarbeiter der Stadt München den Fall schildern. Der zögert nicht lange, ruft ein Taxi, um das Mädchen ins nächste Krankenhaus zu kutschieren. Ohne eine entsprechende offizielle Meldung gäbe es scheinbar bei einer Behandlung Ärger wegen des Versicherungsschutzes. Das verletzte Mädchen wirkt nun deutlich gelöster, signalisiert uns mit der gesunden Hand, ihr zu folgen. Wir werden von einem Portier in den ersten Stock begleitet, wo sich die Wohnräume der Flüchtlinge befinden, und zum Warten aufgefordert. Eine Zeitlang wissen wir überhaupt nicht, was uns erwartet. Wir werden neugierig beäugt, von Männern, von Frauen, von einem kleinen Mädchen, das immer wieder verstohlen um die Ecke linst. Einzelne sprechen uns auch an. In Deutsch, in Englisch, in Arabisch, aber dieses Mal sind es wir, die uns nicht verständigen können. Wir haben ja keine Ahnung, was wir hier sollen. Wir fühlen uns… fremd. Irgendwann geht eine  Glastür zu den Büroräumen auf, die mit ein paar windigen Trennwänden zu Wohnräumen umfunktioniert wurden. Heraus kommt unsere Patientin mit einer notdürftigen Schlinge um ihren verletzten Arm und ihren Eltern, die sich mit Händeschütteln, Schulterklopfen und tiefen Verbeugungen bei uns fast eine Minute lang bedanken. Der Überschwang macht uns total verlegen, da durch die Übersetzungsarbeit des Portiers nun das halbe Stockwerk weiß, weshalb wir hier sind. Das Mädchen hinter der Ecke wagt sich aus dem Versteck und strahlt uns an. In einem Pulk von fast zehn Leuten bewegen wir uns alle ins Erdgeschoss zurück, wo mittlerweile ein Taxi wartet, um das verletzte Mädchen ins nahe gelegene Krankenhaus zu fahren. Der Münchner Mitarbeiter aus dem Aufnahmebüro steht neben uns, als wir uns verabschieden. Auf unsere Anmerkung, wie fix das hier alles organisiert wurde, bekommt er glasige Augen: „Das bekommen wir nach den ganzen Monaten zum ersten Mal zu hören.“
Wir gehen.
Sprachlos.

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