Textaufgabe

avat_shockIn einem Kollegium seien 102 Lehrkräfte, 52 männliche und 50 weibliche. Von dieser Menge sind 40% der Männer verheiratet, und 70% der Frauen. 32% aller Lehrkräfte sind diesseits der 35 Jahre. 97% der gesamten Lehrkräfte besitzen zwei Staatsexamina, 2% einen Doktortitel in klassischer Altphilologie und Chemie. Sie alle residieren in einem Lehrerzimmer mit angeschlossener Teeküche, die zusammengenommen eine „Wohnfläche“ von 90m² bietet. Für sämtliche dieser Lehrkräfte steht neben einer Spülmaschine und einem Herd mit Kochplatten ein Kühlschrank der Marke Bosch zur Verfügung, in der jedermann seine Nahrung für die Pause deponieren kann. Berechne die Wahrscheinlichkeit, mit der fünf Wochen nach Ferienbeginn Sauberkeit in diesem Kühlschrank herrscht. Klicke hier für die spannende Antwort.

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Urlaub 2016

avat_schielen_technikWenn einer eine Reise tut… dann könnte das in der Tat ich sein. Wie jedes Jahr gönnt sich Herr Mess in den Sommerferien wie viele seiner Kollegen eine kleine Auszeit. Mal hier, mal da, mal USA, mal Griechenland. Und dieses Jahr war’s Spanien. Zum ersten Mal. Es war nur ein kleiner Urlaub, um die Batterien etwas aufzuladen – noch dazu, wo der bisherige Sommer in deutschen Breitengraden – naja, sagen wir mal – überschaubar war. Ich wollte keinen Kultururlaub, sondern nur Sonne, Meer, Strand, Ruhe und was zum Lesen. Und das bekam ich auch.
Mein Gepäck war dieses Mal lächerlich klein. Mit gerade mal 11 Kilo schlug ich am Flughafen auf. Kein Wunder, die üblichen Verdächtigen waren dieses Mal nämlich aus dem Koffer verschwunden und hatten Platz geschaffen: Keine Bücher, kein Sprachkurs, keine Kamera oder Musikdatenträger. Alles das erledigt mittlerweile mein LG G4. Es ist zum Allzeit-Allzweck-Werkzeug geworden. Es ist Kommunikationszentrale, Navigationsgerät (dank offline-Karten auch außerhalb Deutschlands), Mini-PC, Wörterbuch, Sprachkurs (dazu in einem anderen Beitrag mehr) und seit Neuestem auch Vollzeit-Fotoapparat. Das ist der erste Urlaub, an dem ich meine Kamera bewusst nicht mitgenommen habe – und ich hab sie leider kein bisschen vermisst. Das G4 schießt fantastische Fotos, die mit entsprechender Nachbearbeitung super Resultate erzielt (Tipp: Snapseed ist in dieser Disziplin hervorragend!)
Diese ständige Beanspruchung des Gerätes hat natürlich Folgen. Vor allem auf den Akku. Daher habe ich mir daher etwas zugelegt, was ich bisher als völlig sinnlos erachtete. Eine Powerbank. Ich fand die Dinger immer etwas peinlich. Für mich ein deutliches Statement, dass wir auch knapp neun Jahre nach Einführung des ersten iPhones nach wie vor keinen Schritt bei der Energieverwaltung dieser kleinen Tausendsassas weiter gekommen sind. Aber ich habe nachgegeben. Parallel ein Smartphone, einen Kindle und Bluetooth Kopfhörer aufladen zu können spart einfach Zeit – ist aber schlichweg grausam anzusehen. Seht selbst.

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Zur Mittagszeit endlich mal wieder einen ordentlichen Salat…

Da lob ich mir doch lieber diesen Anblick *seufz*
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Über meine Lehrprobe

avat_shockFrüher oder später erwischt jeden von uns Lehrern dieser seltsame Moment – Der Tag, an dem uns zum ersten Mal unsere alten Lehrproben in die Hände fallen – oft aus Zufall, noch öfter tatsächlich, weil viele dieser Stunden für den Unterricht immer noch gut nutzbar sind. Irgendwie sind uns diese Lehrproben noch immer wunderbar vertraut und gleichzeitig so fremd. Kein Wunder, immerhin hat man damals im Referendariat drei Wochen auf diese eine Stunde hingearbeitet, das Material stundenlang korrekturgelesen und mit allem, was man damals drauf hatte, verschönert. Andererseits: Wieviel Zeit ist mittlerweile ins Land gezogen, wie sehr hat sich seitdem die eigene Perspektive geändert! Viele der Materialien und Arbeitsaufträge sind zwar kunstvoll in Szene gesetzt, haben aber stets etwas künstlich Überbordendes, das sich an Maßstäben eines Vollzeitlehrers gemessen völlig überzogen anfühlt. Meine zweite Lehrprobe war in dieser Hinsicht der absolute Overkill.
Mein Thema lautete damals schlicht und ergreifend „Kreative Texterschließung im Englischunterricht der sechsten Klasse“. Dreh- und Ausgangspunkt dieser Stunde war ein Lektionstext über den Schulalltag eines kleinen kenianischen Jungen im damaligen Englischbuch. Um den einigermaßen in Szene zu setzen, zog ich alle Register, die mir damals zur Verfügung standen. Zur Hinführung an den Text erfand ich für meine 12-jährigen Schüler einen riesigen narrativen Rahmen, den ich über die gesamte Woche vorher kunstvoll über die vorangehenden Stunden gespannt hatte. Ich erfand einen Schüleraustausch zwischen der Schule unserer Englischbuch-Klasse und der fiktiven Schule aus Kenia, der in der Lehrprobenstunde gipfeln sollte. Ich erfand eine Rede des kenianischen Schuldirektors, der extra unsere Schulbuchklasse besuchte, sprach sie für eine Listening Comprehension-Aufgabe mit einem Mikrofon ein und verfremdete mit Plug-ins meine Stimme so, dass mich keines der Kinder erkannte – komplett mit Hintergrundgeräuschen, klatschendem Publikum und eingespielter Blaskapelle.

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Das Notepad meiner imaginären Schülerzeitung

Aus der Rede sollten die Schüler meiner Klasse die wichtigsten Informationen über Kenia herausfinden und zusammentragen, bevor der Direktor einen Brief eines seiner Schüler übergab, der von seinem Schulalltag aus Kenia berichtete – nämlich eben den Lektionstext aus dem Buch. Zum Festhalten der wichtigsten Erkenntnisse bekamen die Schüler den Auftrag, einen Steckbrief der wichtigsten Aussagen aus dem Text zu filtern, um sie für die nächste Ausgabe der aktuellen Schülerzeitung zusammenzustellen. Diese hatte ich über Wochen als reales Magazin vorbereitet. Meine Schülerzeitung hatte einfach alles. Ich hatte ein Logo entworfen, ein Emblem, Fotos, Banner, ein komplett in sich stringentes Layout – alles auf DinA3-Bögen doppelseitig, gefalzt und getackert in einem Copyshop in Hochglanz ausdrucken lassen. Für eine Summe, die damals einen Großteil meines kargen Refi-Gehaltes verschlang. 

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Mein Oscar-verdächtiges Layout

Gipfeln sollte die Lehrprobe damals in einer Postkarte, die die Schüler dem imaginären Schüler auf seinen Text schreiben sollten. Reale Postkarten natürlich. Diese wurden dann am Ende der Lehrprobenstunde bei mir abgegeben, damit ich sie symbolisch an den Jungen (den es natürlich nie gab) abschicken konnte. In der nächsten Stunde wäre ich mit einem Antwortbrief angekommen, in dem sich der Junge für die Fanpost bedankt und der Klasse ein echtes afrikanisches Gericht mitgeschickt hatte – das natürlich ich zuhause gekocht hatte.
Wer spätestens an dieser Stelle ungläubig den Kopf schüttelt: Ja, ihr tut das zurecht. Auch ich bin etwas verstört, während ich diese Zeilen schreibe, wieviel Arbeit in dieser einen Stunde steckt. Aber Mitleidende werden es verstehen: Es ist eine Lehrprobe. Die Note, die auf diese Stunde gegeben wurde, bestimmte maßgeblich den Schnitt des zweiten Staatsexamens mit. Und in den mageren Zeiten, wo die Planstellen nicht an den Bäumen wuchsen, entschieden Lehrprobenstunden über eine direkte Anstellung nach dem Referendariat oder eben Arbeitslosigkeit.
Bevor die Frage nach der Note auch bei dieser Wahnsinnsstunde aufkommt, kann ich sie gleich beantworten: Ich bekam eine Zwei. Denn irgendwas hatte der Stunde letztendlich gefehlt. Nämlich die Schüler. Die kamen nämlich geschlagene 10 Minuten zu spät in den Unterricht, weil sie der Lehrer der Vorstunde nicht früher gehen lassen wollte (!!!). Als Reaktion darauf musste ich viele Phasen der Lehrprobenstunde quasi on the fly umwerfen und während der Stunde im Hinterkopf umstrukturieren, um genug Zeit für das Ziel der Stunde – nämlich die Postkarten – zu haben, das unbedingt erreicht werden musste. Ich hab in dieser Stunde echt Blut und Wasser geschwitzt. Und mit dem sauberen Kollegen, der mir 10 Minuten gestohlen hat, habe ich hinterher nie mehr ein Wort geredet.

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Retrospektive 2015/16

avatarWie auch die Jahre vorher, will ich die ersten Tage der Ferien nutzen, um das vorige Jahr Revue passieren zu lassen. Nicht nur deswegen, weil ich euch schon länger wieder mal einen neuen Artikel schuldig bin, sondern weil ich die Zeit aktiv zur Reflexion nutzen möchte. Denn so spurlos ist dieses Schuljahr an niemandem in meinem Umfeld vorbeigegangen…

  • So wie vielen anderen meiner Kollegen ging auch mir 2015/16 sehr an die Substanz. Eine richtige Erklärung hat keiner dafür. Fakt ist: Die Grundgelassenheit, die eigentlich immer ab Ende Juli im Kollegium Einzug hält, ist dieses Mal einem Gefühl des Auf-dem-Zahnfleisch-Daherkriechens gewichen. Vielleicht liegt es an der langen Durststrecke von 9 Wochen, die es zwischen Pfingst- und Sommerferien zu überbrücken galt. Wir wissen es nicht… Wir sind aber Ende Juli im Eimer. Alle miteinander.
  • Dieses Gefühl hatte auch spürbare Auswirkungen auf den Blog, da ich nicht mehr so häufig schreiben konnte, wie ich es gerne gewollt hätte. Einige Artikel werden daher in den Ferien „nachgereicht“. Als kleine Wiedergutmachung 😉
  • Als Bloghöhepunkt würde ich dieses Jahr meine erste eigene Blogparade bezeichnen, die Anfang Juni zum Thema „Lehrerstress“ stattfand. Mehr als 21 Autoren haben sich dazu Gedanken gemacht und ein paar tolle Artikel geliefert. Durcharbeiten lohnt sich garantiert! Danke an alle, die dabei mitgemacht haben!
  • Mein digitales Setup habe ich in diesem Jahr nochmal um ein weiteres Tool optimiert. Nachdem der EZcast doch gerne mal fehleranfällig war, habe ich mir Dezember letzten Jahres die Profiversion geholt und bin bis heute sehr zufrieden damit. Der EZcast Pro läuft zuverlässig und konstant – und reduziert dank MHL-Unterstützung den Kabelsalat in meiner Schultasche noch mal um ein gutes Stück.
  • Damit einher ging eine Ausmistaktion zu Beginn des Schuljahres, die ich über das Jahr eisern durchgehalten habe. Ich konnte sogar von der stereotypen Lehrertasche, die sich des zweifelhaftes Umstandes rühmt, bis zu vier prall gefüllte Leitz-Ordner aufnehmen zu können, auf eine schlanke Aktentasche umsteigen. Alles wirkt dadurch sehr aufgeräumt…
  • … was ich von meinem Arbeitsplatz in der Schule nicht behaupten kann. Dort herrscht leider immer noch das blanke Chaos. Vor allem das Zusammensuchen, Ordnen, Ablegen und Sortieren von unterschiedlichen Schulaufgaben, Exen, Tests, Hinweisen, unterschriebenen Elterninformationen und Direktoratsmitteilungen treiben mich immer noch in den Wahnsinn. Auch wenn ich mir die Beseitigung dieses Desiderates bereits letztes Jahr auf die Fahnen geschrieben habe, habe ich es leider noch nicht so richtig hinbekommen. Da brauche ich unbedingt noch ein System – oder einen rettenden Tipp von der werten Leserschaft.
  • Privat sehr mitgenommen hat mich der Umzug zurück nach München. Der Trennungsschmerz, nach acht Jahren aus meiner alten Wohnung in etwas Neues zu ziehen, hat mich mehr getroffen als ich es erwartet hätte. Mittlerweile ist das aber komplett verschwunden: Ich fühle mich in den neuen vier Wänden sehr wohl, genieße mehr Platz (ärgere mich aber bis heute über die saftige Miete, aber naja, es ist halt München) und vor allem das Privileg eines Arbeitszimmers. Meine alte Wohnung vermisse ich gar nicht. Wenn es mich in die alte Nachbarschaft verschlägt, bin ich eigentlich relativ ungerührt. Das Kapitel ist fertig geschrieben. Ich spüre gar nichts mehr.
  • A propos „was spüren“: Meine gebrechlichen Glieder merke ich dieses Jahr zum ersten Mal ganz deutlich. Eingeschlafene Finger, Muskelkater, sich häufende Momente, in denen man die Augen zusammenkneifen muss, um Anzeigen und Buchstaben zu lesen – Ja, der Verfall rückt näher. Unaufhaltsam.
  • Über meine Klassen habe ich dieses Jahr erstaunlich wenig geschrieben. Aber an sich gibt es einfach nichts zu berichten. Es läuft einfach. Es gab keine nennenswerte Zwischenfälle, dafür viele kleine Geschichten, die aber zu privat und identifizierbar wären, um sie auf einem Blog zu veröffentlichen. Vielleicht bringt das nächste Jahr wieder Besserung. Ich weiß ja, wie sehr ihr nach den Anekdoten lechzt 🙂
  • Außerhalb des Unterrichts passiert dafür in der Schule bei mir umso mehr. So langsam rutscht man in neue Aufgaben, Gremien, die auf andere Art ins Schulleben eingreifen, als man es vorher kannte. Als Mitglied im Schulforum und Personalrat bekommt man viele neue Einblicke in das System Schule und das eine oder andere Mal auch eine neue Perspektive. Könnte spannend werden. Macht euch also auf ein paar neue Geschichten gefasst 🙂

Schöne Ferien!

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Kein Tag wie jeder andere

Dieser Montag heute ist anders. Das bemerkt jeder, der unser Schulgelände betritt. Die Fahnen sind auf Halbmast gesetzt und flattern nur mäßig in der anhaltenden Schwüle der Stadt. Die Kollegen in den Gängen starren leer vor sich hin. Man registriert sich, nickt einander zu – und starrt weiter. Es herrscht unheimliche Stille. Dabei ist das Lehrerzimmer schon jetzt – fast eine Stunde vor Unterrichtsbeginn zum Platzen gefüllt. Der Chef hat uns auf 7.20 Uhr in die Schule gebeten. Der Amoklauf in München ist der Anlass. Zehn Menschen sind gestorben. Ein Großteil im Alter unserer Schüler. Der Stadtteil Moosach, wo die Tragödie passierte, ist Teil unseres Einzugsgebietes. Einige unserer Schützlinge waren am Freitag vor Ort und wurden Augenzeuge der Vorkommnisse, andere waren in der Innenstadt unterwegs und wurden von der Panik der Massen mitgerissen. Am Freitag Abend, als Gruppen von bis zu 40 Personen in Todesangst die Straßen entlang stürmten und die Leute in den Restaurants und Cafés vor bewaffneten Attentäter in der Innenstadt warnten. Jeder will sie gehört haben, die vermeintlichen Schüsse. Am Marienplatz, am Isartor, am Stachus, auf dem Tollwood-Festival. Die Täter seien noch nicht gefasst und ganz in der Nähe gesichtet worden. Daher ist äußerste Vorsicht geboten: Also weg von den Straßen, weg von öffentlichen Plätzen, weg von Glasfenstern, hinein in Gebäude, die keinen Blick auf die Straße zulassen. Und so pferchte man sich dutzendweise in Toilettengänge und Garderoben oder einfach in Wohnungen vollkommen Fremder, um in gespenstischer Stille auf neue Schreckensmeldungen oder Entwarnung zu warten. Hinter der Stadt München liegt ein schreckliches Wochenende, das an uns allen Spuren hinterlassen hat. An den Erwachsenen, wie auch den Kindern.
Der Chef umreißt kurz die Situation, um einen Fahrplan für die nächsten Unterrichtsstunden zu geben. Denn dass wir so tun, als sei nichts passiert, steht völlig außer Frage. Wir bekommen ein kurzes Briefing, wie wir die Geschehnisse am besten mit den Schülern aufarbeiten können, bevor wir uns auf dem Pausenhof zu einer Gemeinschaftsaktion treffen, um unserer Betroffenheit, die viele noch nicht in Worte fassen können, Ausdruck zu verleihen.
Ich kenne die Maßnahmen von vielen Schulen, an denen ich schon unterrichtet habe, bin aber froh, sie wieder einmal vor mir zu sehen. Sie geben mir Halt und Unterstützung, weil auch für mich solche Tage (zum Glück!!!) nicht zur Routine gehören. Trotz allem fühle ich mich vor den Schülern hilflos. Zwar soll ihnen in der ersten Stunde Raum gegeben werden, um sich und ihre Gedanken zu artikulieren, aber letztlich bietet sich mir derselbe Anblick wie im Lehrerzimmer: Wir starren vor uns hin. Teilnahmslos. Sprachlos. Versteinert. Ich bemühe mich um Seriosität, halte mich an die Vorgaben, die wir an die Hand bekommen haben: Nur Fakten nennen, Spekulationen sofort ausräumen und entkräften, darauf hinweisen, wie schnell die Lage trotz der katastrophalen Berichterstattung über (soziale) Medien unter Kontrolle war. Aber ich merke, dass ich letztlich nur für mich rede. Ich rede mich um Kopf um Kragen. Nur um nicht diese eine Frage der Schüler gestellt zu bekommen, die ich nicht beantworten kann. Die eine Frage, die allen hier auf den Nägeln brennt: Die Frage nach dem Warum. Die können auch nicht die Medien beantworten. Deswegen werden auch wieder reflexartig die alten Geister aus der Klischee-Truhe geholt, um darauf ordentlich einzuschlagen. Irgendjemand oder -etwas MUSS schuld sein. Also geht es wieder los mit Killerspielen wie damals nach Winnenden. Es geht wieder los mit dem Tabuthema Depression und Suizidalität wie damals nach dem Absturz der German Wings Maschine. Alles halbscharige Erklärungsversuche, aber den tatsächlichen Grund werden wir niemals erfahren.
Zur Pause hin versammelt sich die ganze Schulfamilie auf dem Pausenhof. Wie wohl viele andere Schulen in der Umgebung von München will auch die unsere ein Zeichen setzen. An Luftballons soll jeder Schüler einen Zettel mit einem Wunsch oder einem Gedanken befestigen und dann gemeinsam mit den anderen in den Himmel steigen lassen. Es ist ein eindrucksvoller Anblick, als knapp 1000 Luftballons in allen Farben gen Himmel steigen. Lange sehen wir den angehefteten Wünschen nach. Still und in vollkommener Ruhe. Vielen Schülern ist eine gewisse Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Andere lächeln. Für das erste Mal am gesamten Tag. Wieder andere schauen sprachlos und ungerührt nach oben. Als warteten sie auf eine Antwort, die ihre Frage löst. Und vor dem Pausenhof sind unsere Fahnen auf Halbmast gesetzt. Sie flattern nur mäßig in der anhaltenden Schwüle unserer gebeutelten Stadt.

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Von Vorwehen zum Wandertag

avat_wut-150x150Für Außenstehende mag es vielleicht so scheinen, als beginne für Lehrer die Ferienzeit schon einen Monat vor Schuljahresende. Die Noten sind gemacht, da machen die doch auch keinen Unterricht mehr, sondern liegen nur noch in der Sonne. Kundige und Leidensgenossen kennen allerdings die harsche Realität. Denn in den letzten vier Wochen darf das Lehrpersonal einiges mehr tun als nur vor Schülern oder am Schreibtisch sitzen. Er darf repräsentieren, organisieren, führen, in Konferenzen schwitzen, abstimmen und – ganz beliebt – den alljährlichen Wandertag koordinieren. Letzteres hat dieses Jahr besonders viel Freude bereitet. Nicht. Aber alles von Beginn:
Ich habe meine Klasse jetzt volle zwei Jahre begleitet. In Bayern ist es üblich, dass nach so einer langen Zeit eine „Beziehungspause“ erfolgt, sodass nächstes Jahr jemand anders in den Genuss meiner Putzis kommen wird. Um unsere zwei Jahre zu einem gelungenen Abschied zu führen, haben wir uns zum diesjährigen Wandertag ein ganz besonderes Reiseziel gesetzt: Es verschlägt uns ins Allgäu auf eine Sommerrodelbahn. Um dort hinzugelangen, sollte uns die deutsche Bahn chauffieren. Und damit ging der Ärger los. Knapp drei Wochen vorher habe ich bei der Bahn angerufen, um unterschiedliche Finanzierungsmodelle durchrechnen zu lassen. Nehmen wir einen Gruppentarif? Oder gleich das Bayernticket? Als ich darum bitte mir die unterschiedlichen Möglichkeiten per eMail zuzuschicken, bekomme ich erst einmal eine Absage: Das sei aus technischen Gründen nicht möglich, man könne mir die Möglichkeiten aber diktieren und ich solle wieder anrufen, wenn sich die Klasse und ich auf ein entsprechendes Modell geeinigt hätten. Etwas verwundert lege ich auf und künde meinen Schützlingen nur zwei Zeitstunden später, was Sache ist. Als wir uns geeinigt haben, rufe ich erneut an, in der Hoffnung, die Tickets gleich buchen zu können. Mais non. Ich bekomme erklärt, dass ich telefonisch die Gruppe für die Fahrt lediglich anmelden könne. Kaufen müsste ich die Tickets am Bahnhof oder an einem Automaten. Viel besser noch: Da wir unterwegs einmal umsteigen müssen, hocken wir für die letzten Stationen im Zug eines privaten Unternehmens (dem ALX) – da müsste ich noch einmal gesondert anrufen, um auch dort die Fahrt mit meiner Klasse anzumelden. Sie selber könnten das nicht telefonisch machen, aber man gibt mir eine Nummer unter der ich das selbst erledigen könne. Etwas irritiert schreibe ich mit, rufe nun dort an, um – wie mir gesagt wurde – meine Fahrt anzumelden. Aber ich bekomme gesagt, dass das telefonisch nicht möglich sei. Ich solle die Fahrt und sämtliche Details in einer eMail an das Unternehmen richten.
Dieses Hin und Her hat mich ernsthaft fast zwei Zeitstunden gekostet. Für die Anmeldung einer Gruppe für eine Bahnfahrt. Die Anmeldung wohlgemerkt. Denn von einer Zusage sind wir noch weit entfernt. Es kann sein, dass uns ein Betreiber die Fahrt verweigert, da der Zug schon ausgebucht ist. In diesem Fall bekomme ich wieder eine eMail, auf die ich dann bestimmt wieder nicht telefonisch, sondern per eMail-Antwort oder bestenfalls überhaupt nicht mehr antworten soll.
Im Unterricht oder am Schreibtisch sitzen macht da deutlich mehr Spaß.
GRR!

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Aus is‘! Über Abiturfeiern

avatarAbifeiern sind schon ein komisches Ereignis. Zumindest für mich. Eigentlich sollte das bestandene Abitur einen Grund zur Freude darstellen. Aber zu der gesellt sich immer ein gehöriges Portiönchen Wehmut. Oftmals sogar Tränen. Oder Frust. Egal, bei welcher Gruppe der Beteiligten.
Unsere Abifeiern an der Schule sind schon seit Jahren ein Großereignis. Dank des nimmermüden Einsatzes eines tatkräftigen Elternbeirats haben wir jedes Jahr das Privileg, die Feier in einer größeren Location in Münchens Innenstadt veranstalten zu dürfen. Chalets, Biergärten, Wirtshäuser, Bräukeller… we had it all. Die Zeugnisübergabe ist nicht minder gewaltig. Jeder Schüler bekommt zu seiner persönlich gewählten Einzugsmelodie über einen roten Teppich nach vorne ans Pult, um freudestrahlend sein Abiturzeugnis vom Direktor entgegenzunehmen. Anschließend werden die besten des Jahrgangs mit jeweils einer individuellen Laudatio des Chefs bedacht. Es folgen Abiturrede, Rede der Preisträger, Rede des Kollegiatenjahrgangs, anschließend die Feierlichkeiten, die bei einem Drei-Gänge-Menü (und dieses Jahr bei 32 Grad Raumtemperatur) ihren Lauf nehmen, gefolgt von einer Party mit oldie-tauglicher Musik (also für so Oldies wie mich).
Ich mag unsere Feiern. Es ist vielleicht ein bisschen zu viel Brimborium, zu viel Tamtam, zu viel Tralala. Aber nach der ganzen Arbeit haben sich das die Schülerinnen und Schüler auch sehr wohl verdient. Trotz allem haftet den Abiturfeiern immer ein gewisses Etwas an, das ich schwer in Worte fassen kann. Es ist eine gewisse Scheinheiligkeit. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.  In den Abschlussreden werden die letzten zwei oder gar acht Jahre in höchsten Tönen gelobt:

  • Die Kollegiaten? Fantastisch und reif. Dabei weiß man ganz genau, dass man sich in drei Wochen nach dem Abistreich wieder fragt, ob das Abitur tatsächlich ein „Reifezeugnis“ darstellen kann, wenn ein paar schwarze Schafe alkoholisiert wieder über das Ziel hinausschießen und alles eskalieren lassen.
  • Die Schule? Angeblich makellos. Dabei steht in der Abizeitung ein paar Stunden später doch eine derbe Richtigstellung, die natürlich jeder lesen und mitbekommen wird. Konsequenzen wird es keine geben – weder für die Schmierfinken, die sich verbrochen haben, noch für die Schule, die die Kritik vielleicht produktiv nutzen könnte, um Defizite zu stopfen. Es gehört einfach dazu, sich gegenseitig ein bisschen hochzunehmen. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. 
  • Die Stimmung nach dem Abi? Angeblich euphorisch. Aber keine drei Stunden später habe ich vier weinende Erwachsene neben mir, die mit der neu gewonnen Freiheit überhaupt nicht umgehen können und mir gestehen, panische Angst vor dem zu haben, was jetzt kommt. Die Schule. Ja, sie hat enge Regeln, ein steifes Korsett, das vielen vor allem in der Oberstufe auf der Suche nach Individualität zunehmend die Luft abdrückt. Aber sie gibt auch Regelmäßigkeit vor. Rituale. Struktur. Ein Zuhause. 

Es braucht ein paar Jahre, bis man diesen Eindruck von Abifeiern gewinnt. Am Anfang lässt man auch sich von der pompösen Atmosphäre des Ereignisses mitreißen. Aber mit der Zeit schleicht sich zunehmend das Gefühl ein, hier einfach Zuschauer in einem großen Schauspiel zu sein, das zum Abschluss keine wirkliche Kritik zulässt, die beiden Seiten eigentlich viel helfen könnte. Schade um die Chance!

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Und Schluss

avat_wut-150x150„Du hast 700 Follower bei Twitter“ prangt es auf dem Smartphone, als ich auf dem U-Bahnhof auf dem Weg zu einer Verabredung bin. „Zeit für einen Jubliäumstweet“, denke ich mir. Eigentlich keine große Sache. Also Smartphone raus, Twitter-App auf, Tweet neu verfassen und Zack – nichts geht mehr. Erst friert der Bildschirm ein. Dann startet das Gerät neu, fährt sich hoch. Und bricht ab. Startet sich neu. Bricht ab. Startet sich neu. Bricht ab. Mehrere Male. Minutenlang. Erst denke ich mir nichts dabei und drehe meinem G4 den Saft ab. Akku raus – Akku rein. Bei diesem Smartphone geht das ja zum Glück noch. Aber das bringt keine Besserung. Der Bootvorgang geht immer von neuem los. Meine anfängliche Gelassenheit weicht so langsam einer gewissen Portion Irritation. Ich bin genervt. Mit meinem Kommilitonen habe ich über Whatsapp bisher nur einen ungefähren Zeitpunkt ausgemacht. Benachrichtigen, dass ich nicht mehr erreichbar bin, kann ich ihn nicht losschicken. Die Nummer ist ja im Smartphone gespeichert, das im Moment lustig Boot-Karussel fährt. Da komme ich nicht ran.
An nichts komme ich ran. Bilder, Musik, Kamera, Kontakte, Twitter, Whatsapp, eMail. Rien ne va plus. Treffen tun wir uns beide trotz aller Unwegbarkeiten dennoch – schließlich sind wir organisierte Lehrer 😉 Aber wirklich genießen kann ich das Treffen nicht. Ich bin ständig am Smartphone zugange, versuche permanent, das Gerät zu einem erfolgreichen Startvorgang zu „motivieren“. Ohne Erfolg. Was mein Kommilitone in Nürnberg an seiner Schule macht und erlebt – ich könnte es aktuell nicht wiedergeben. Die Worte gehen zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Ich bin mittlerweile nicht einfach nur genervt. Ich bin wirklich nervös. Nicht nur deswegen, weil mein komplettes digitale Leben in diesem Gerät gerade im Koma liegt. Sondern weil ich auf einmal merke, wie abhängig ich davon geworden bin. Ich würde meinem Kommilitonen so gerne Fotos der letzten Berlinfahrt zeigen und kann es nicht. Ich will die nächste gemeinsame Fortbildung in meinen Kalender eintragen – wie denn? Eine Wegbeschreibung zu dem netten Restaurant in der Altstadt mit Google Maps erstellen – no way. Da mein Gegenüber – seinerseits auch Altphilologe – sich natürlich moderner Technik konsequent verweigert, hat er natürlich auch kein Kulturzugangsgerät dabei. Wir werden es the old-fashioined way machen müssen. Und nach dem Weg fragen.
To cut a long story short: Das G4 hat in den frühen Modellen wohl einen Wackelkontakt, der diesen Bootloop auslöst. Ein ärgerlicher Fabrikationsfehler, der aber kostenlos behoben wird. Dennoch ärgerlich, weil ich jetzt   für die nächsten Tage digital kastriert durch die Gegend wandeln darf. Und selbst wenn ich mein G4 wieder bekomme, darf ich meine digitale Identität wieder von Neuem aufbauen. Denn ein Backup habe ich nie gemacht. Als ehemaliger Samsung Jünger habe ich mich über Jahre mit dem wankelmütigen Kies herumgeschlagen, bis ich irgendwann mal kapituliert habe. Vielleicht funktioniert das Sichern mit LG-Geräten etwas besser. Ich werde es herausfinden. Denn ein Backup ist das Erste, was ich machen werde, wenn ich mein G4 in den Händen halte. Auch bei Smartphones verhält es sich scheinbar  ähnlich wie bei den Tugenden der PC-Spieler: Save early, save often.

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Blogparade: Nur kein Stress!

avat_traurigDieses Jahr ist irgendwas im Busch. Vielleicht merkt man es an den Blogartikeln, die hier nicht mehr in jener Regelmäßigkeit auftauchen, in der sie es früher taten. Vielleicht am Ton, in dem sie geschrieben sind. Ich geb’s zu: Ich hänge dieses Jahr ein bisschen durch. Und damit stehe ich wohl auch nicht alleine. Sowohl beim #EDchatDE als auch unter Twitterkolleginnen und -kollegen ist „Stressreduktion“ ein Top-Thema.
Ein kleiner Tweet von @LeAuLei brachte eine kleine Lawine ins Rollen – und letztlich auch die Idee zu einer Blogparade: Welche Bereiche in eurem Lehrerleben sind bei euch frustgeprägt, und wie werdet ihr dieses Chaos wieder Herr? Damit greifen wir die Diskussion auf, die wir schon im #EDchatDE begonnen hatten, allerdings auf eine deutlich intensivere und persönlichere Weise.
Alle Blog-Lehrer/-innen (und alle, die mitreden wollen), die sich angesprochen fühlen und gerne ihre Coping-Strategien weitergeben möchten, können mitmachen. Ausgehend von zwei Leitfragen aus dem #EDchatDE darf jede/r einen Artikel zu dem Thema verfassen und auf den eigenen Blog stellen. Dieser wird, sobald ihr mir Bescheid gebt, in diesem Leitartikel zum Lesen verlinkt.

Unsere beiden Leitfragen lehnen sich an denen des 124. #EdchatDE an:

  • Welche Situationen im Schulalltag empfindest du persönlich als belastend?
  • Welche Strategien hast du dir zurecht gelegt, um mit derartigen Situationen zurecht zu kommen?

Wichtig: Es geht hier nicht um gegenseitiges Ausweinen und Klagen. Dass unser Beruf mitunter sehr stressbeladen ist, müssen wir uns einander nicht sagen. Das wissen wir auch so. Uns geht es vorrangig um echte Lösungsstrategien für Stresssituationen, die jede/n von uns betreffen können. 

Einsendeschluss ist der 15. Juni. Wer aber früher loslegen darf, kann das gerne tun.
Und jetzt frisch ans Werk und fleißig retweeten! Je mehr Leute wir damit erreichen, umso besser… aber bloß kein Stress 😀


Bisher eingereichte Beiträge:

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Vom Abitur 2016

avatarDas Abitur. Vermeintlicher Höhepunkt im Leben eines gymnasialen Schülers*. Und ein Ereignis, das bereits Fünftklässler bewegt und mysteriös munkeln lässt.
Ich weiß noch, als ich selbst in der fünften Klasse war und erzählt wurde, zur Erstellung eines Abiturs würde man nur die besten Lehrer Bayerns auswählen, die dann in ein Kloster eingeladen würden, wo sie in seclusio tagelang meditieren und beraten – und zwar so lange, bis ihnen eine Aufgaben-Erleuchtung komme, die der künftigen Bildungselite des Freistaates ebenbürtig sei.
Diese verklärt-romantische Sicht hat mittlerweile natürlich ein bisschen relativiert. Aber ein gewisser Zauber bleibt bis heute noch erhalten: Schon die Wochen vor dem Abitur sind die Leute von einer bemerkenswerten Ruhe vor dem Sturm gekennzeichnet. Die Kollegiaten sind auf einmal noch zutraulicher als sonst, sitzen in der Frühlingssonne auf den Treppen des Schulhauses, in das sie eigentlich gar nicht mehr gehen müssten. Sie bleiben freiwillig ganze Nachmittage, um in netter Atmosphäre mit dem Kursleiter Abiaufgaben durchzuarbeiten und dabei in Anekdoten ihrer Schulzeit schwelgen. Ich lass mich gerne von soviel Wehmut mitreißen – noch dazu, wenn ich die Damen und Herren schon seit der Unterstufe kenne, als sie mir noch bis zum Knie reichten – und gebe eine Runde Kaffee aus. Oder eine Pizza. Und jedes Jahr einen Glücksbringer, der auf einem der zahlreichen Insider-Witze basiert, die wir uns in den Jahren um die Ohren geworfen haben. In den letzten zwei Jahren war es der Bad Pun Dog, der uns regelmäßig zum Lachen brachte. Teilweise arg sparwitzig, aber die ausgedruckten Strips sorgen bei allen für Heiterkeit.
Und plötzlich ist er da, der große Tag. Die Eröffnung des jeweiligen Abis erfolgt, während die meisten unserer Schüler im Bettchen liegen und träumen. Um sage und schreibe halb sechs müssen wir in der Regel raus, um eine Stunde später im Direktorat zu erscheinen, wo die heilige Abschlussprüfung feierlich aus dem Safe des Chefs entnommen und eröffnet wird. Der Oberstufenbetreuer wohnt dieser heiligen Handlung in der Regel bei und weiß um die Wichtigkeit dieser Prüfung und den Stress, den die Vorbereitung darauf gekostet hat: Die Beratungsgespräche, die Tränen und das verbissene Feilschen um die letzten Punkte, für das unsere Oberstufe seit Jahren berüchtigt ist. Er entlohnt uns deswegen wie jedes Jahr mit einem üppigen Mahl. Beinahe 40 Croissants und Butterbrezen lässt er jedes Mal springen, wenn wir uns in aller Herrgottsfrühe im Direktorat einfinden, um die Abiaufgaben Probe zu lesen. Den Geheften näherte man sich früher mit einer gehörigen Portion Respekt und einer Prise Bammel: Sind die Schüler gut genug von mir vorbereitet worden? Habe ich alle Themenfelder ausgiebig genug behandelt? Sämtliche Fragen und Methoden abgedeckt? Ein erster Blick entspannt: Alles erwartbar und in irgendeiner Weise mal in den letzten zwei Jahren behandelt. Ein paar Überraschungen gibt es dann allerdings schon. Die diesjährige Listening Comprehension in Englisch handelt von der Erfindung des Rasentennis im 19. Jahrhundert. Wohl aus Vorsicht, keinen der Schüler mit einem lebensnahen Thema zu bevorteilen, hat man sich für einen Bereich entschieden, der rein gar nichts mit deren Lebenswirklichkeit zu tun hat. Beim ersten Hören fand ich das Hörstück reichlich absurd, mittlerweile aber eigentlich ganz charmant. Vor allem die sexistischen Ansichten, über die mit entsprechendem Augenzwinkern typisch britisch-nüchtern berichtet wird. Auch die Mediation gefällt mir: Dieses Jahr dreht sie sich um die Revolution des Mickey Mouse-Heftchens, das Anfang der 60er Jahre in Schulen und Elternhäusern für gehörig Furore gesorgt hat. Durchaus lesenswert – im Gegensatz zu den gestellten Themen in der Composition, die bestenfalls Mittelstufen-Niveau erreichen: Sowohl Cartoons als auch die meisten der Comment-Themen (Should zoos be abolished?) sind von der reinen Substanz her für eine Reifeprüfung nach acht Jahren Gymnasium doch etwas dürftig. Kein Wunder, dass Jochen Lüders auf seinem Blog die Prüfung gebührend auseinander nimmt. Streckenweise fragt man sich schon, warum man die Schüler über Jahre mit so komplexen Texten in der Qualifikationsphase bombadiert hat. Diese Themen wären auch in der neunten oder zehnten Klasse zu bearbeiten gewesen. Die Schüler wird’s am Ende freuen, denn bei so einer Abiturprüfung richtig ins Klo zu greifen, halte ich für ausgesprochen schwer.
Ob die Schüler das genauso sehen? Die meisten werden das in der Aufregung wohl gar nicht registrieren, wenn sie an ihrem Tischchen in der Turnhalle sitzen, das mit Platzziffer jedem Abiturienten einen eigenen anonymen Arbeitsplatz zuweist. Die Tische sind schon zu Beginn der Prüfung garniert mit haufenweise Proviant und Süßigkeiten. Aber nicht von den Schülern, sondern den Kursleitern, die ihre Schützlinge mit kleinen süßen Aufheiterungen für den folgenden 4-Stunden-Marathon wappnen wollen. Immerhin ist dies die einzige Prüfung im Leben der Schüler, wo sie das Gefühl haben gemeinsam an einer Prüfung zu arbeiten. Aus der jahrelangen Antagonie Schüler – Lehrer wird im Abitur auf einmal eine Allianz. Zu zweit gegen das Zentralabitur. Daher schleichen sich die Kursleiter (also ich) während des Abiturs gerne heimlich in die Turnhalle, um sich zu überzeugen, wie gut die Abiturienten mit den Anforderungen der Aufgaben zurechtkommen. Man sieht ihnen über die Schulter, nimmt Augenkontakt auf, nickt ihnen aufmunternd zu oder steht einfach zuversichtlich in der Gegend rum und repräsentiert (meine Lieblingstätigkeit). Oder hört dem angestrengten Gekritzel von 120 Individuen zu, die in angespannter Ruhe schreiben, unterstreichen, nachrechnen, blättern oder notieren. Gelegentlich steht ein Schüler auf, um auf die Toilette zu gehen. Vorher wird das Prüfungsgeheft abgegeben, die Zeit des „Austritts“ darauf vermerkt und in einer weiteren Liste eingetragen, bevor eine eigens abgestellte Lehrkraft die Leute auf dem Weg zum WC begleitet. Regelmäßig. Immer wieder. Es ist wie eine kleine Choreographie, die sich da alle 5 Minuten abspielt. Bürokratisch streng geregelt wie alles an diesem Tag: Anfang der Prüfung, Ende der Prüfung. Wer vorher abgibt, muss das Schulgelände sofort verlassen, um keine Informationen zum Abi auszuplaudern. Gefeiert werden darf nur in einem eigens dafür ausgewiesenem Bereich, weit von den Augen von Passanten, die beim Anblick von Bierflaschen in Ohnmacht fallen könnten – Das allerdings erst, nachdem jedes Abitur abgegeben und einzeln durchgezählt wurde: Die Anzahl der Angaben, die Anzahl der Notizblätter, die Anzahl der Schülerbögen, die Anzahl an leeren Blättern. Alles. Erst dann bekommt man als Kursleiter feierlich seinen Stapel mit Arbeiten überreicht, auf dass die nächsten 16 Arbeitsstunden damit gesegnet seien.
Tja, und da liegt er nun, der Stapel. Ich bin mit der Erstkorrektur durch und eigentlich ganz zufrieden. Die Guten haben ihr Niveau gut gehalten und genau die Note, die ich von ihnen erwartet habe. Überraschung gab’s bei den Leuten, die im Schuljahr bei mir immer im Viererbereich waren. Durch die doch recht einfachen Themen war es ihnen in der Regel immer möglich, trotz sprachlicher grober Fehler inhaltlich immer so viel rauszuholen, dass sie sich in die Dreierriege katapultiert haben. Auch wenn es sich vom Lesen her nicht wie ein Dreier anfühlt. Aber wer bin ich denn ein Abiturergebnis anzuzweifeln? Ich bin ja nur Lehrer 😉


*bis er merkt, dass das nur die Spitze des Eisberges war…

abi

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