Von blankem Horror

Es dürfte irgendwann um 1997 gewesen sein. So richtig kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich dürfte damals in der Oberstufe gewesen sein.  Ich spazierte damals vergnügt zur dritten Stunde in die Schule. Die ersten beiden Stunden waren ausgefallen, und mein Schultag würde so mit dem Leistungskurs Latein beginnen. Als ich den Raum betrete, scheint alles wie immer. Ich sehe die ganzen Leute vor mir, in eben der Sitzordnung, wie sie für unseren Kurs üblich war. Alle waren schon eingetrudelt und in aufgeregte Gespräche verwickelt. Mein bester Freund redete mit hochrotem Kopf auf seinen Vordermann ein, griff sich regelmäßig in die Haare, kritzelte auf einem Blatt Papier herum, radierte, murmelte. Ich nehme rechts von ihm Platz und entziffere aus dem Gekritzel mathematische Formeln, allem Anschein nach etwas zum Thema Kurvendiskussion. Zu Beginn kann ich mir einen amüsierten Kommentar nicht verkneifen. Ich ernte aber nur entgeisterte Blicke. „Unsere Matheklausur gerade war dermaßen schwer, ich kann da von Glück reden, wenn es noch vier Punkte werden“, zischt mir mein Freund entgegen, bevor er sich wieder seinem Vordermann zuwendet und hektisch Ergebnisse vergleicht. Im ersten Moment registriere ich das noch gelassen, bis ich von meinem Freund zugeraunt bekomme „Ich hoffe, eure Klausur war einfacher.“
Unsere Klausur? Ich stutze. Ich habe heute keine Matheklausur geschrieben. Ich bin ja gerade erst in die Schule gekommen. Zur dritten Stunde. Die ersten beiden Stunden waren doch ausgefallen… oder? Ich werde etwas unruhig und schaue mich im Klassenraum nach Leuten um, die in meinem Mathekurs sitzen, um mich dessen zu vergewissern. Aber ich bin hier der einzige. Die nächsten 45 Minuten der Lateinstunde nehme ich nur physisch wahr. Im Kopf drehen sich Fragen über Fragen. Oder eher gesagt nur eine einzige: Habe ich etwa gerade eine Matheklausur verschlafen? Nein, das kann nicht sein, sowas passiert mir nicht. Die Termine sind Wochen vorher bekannt gegeben worden. Ich hätte mich hundertprozentig darauf vorbereitet. Andererseits ist es bei uns in der Oberstufe üblich, dass die Mathekurse am selben Tag parallel ihre Klausuren schreiben. Und neben mir wird gerade heftigst über eine eben geschriebene Mathearbeit diskutiert. Ich werde zunehmend unruhiger, rutsche auf meinem Stuhl hin und her und starre mit leerem Blick auf die Uhr, auf dass sie die 45 Minuten schneller vergehen lasse. Ich muss jemanden aus meinem Mathekurs finden und mir Klarheit verschaffen.
Als der Gong ertönt, bin ich der erste, der wie von der Tarantel gestochen aufspringt und zur Klassenzimmertür hechtet. Im Gang schieben sich bereits Massen von Leuten durch die Schule. Unterstüfler, Mittelstüfler, ein paar Lehrer – und irgendwo mittendrin Manfred. Wir nannten ihn aufgrund seiner körperlichen Statur schlicht und ergreifend „Bäpf“. Er sitzt in meinem Mathekurs  zwei Reihen hinter mir und ist für die nächsten Sekunden der Mann, der diesen Tag in eine Katastrophe oder riesige Erleichterung verwandeln kann. „Bitte sag mir nicht, dass wir heute eine Matheklausur geschrieben haben“, keuche ich ihm entgegen, als ich mich durch die Schülermassen gewühlt habe und endlich bei ihm ankomme. Seinem Gesichtsausdruck kann ich die Antwort schon ablesen. „Sag mal, wo bist du denn gewesen? Wir haben alle auf dich gewartet! Hast du die Verlegung des Termins nicht mitbekommen“ fragt Bäpf ungläubig. „Das wissen wir doch schon seit der ersten Woche des Schuljahres!“
Und da merke ich, wie es mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Da haben wir den Salat. Ich habe wirklich eine Klausur verpennt. Ich bin in der Kollegstufe eines Gymnasiums und habe eine der wichtigsten Prüfungen auf dem Weg zum Abitur schlichtweg vergessen. Unentschuldigt gefehlt am Tag einer angekündigten Prüfung bedeutet bei uns in Bayern automatisch 0 Punkte. Note 6. Damit setze ich meinen guten Abischnitt aufs Spiel. Nein. Falsch. Damit IST der gute Abischnitt aufs Spiel gesetzt. Die Sechs habe ich sicher. Mit pochendem Herzen und dem wohl tomatigsten Gesichtsrot, das es jemals an meiner Schule gegeben hat, begebe ich mich in das nächste Klassenzimmer, gehe im Kopf durch, wie ich das meinem Mathelehrer erklären soll, der ja ohnehin als ein harter Hund gilt. Oder meinen Eltern. Und vor allem mir selbst. So eine Kopflosigkeit kenne ich von mir überhaupt nicht. Wie konnte das passieren, dass mir diese Terminverlegung durch die Lappen gegangen ist? Ich bin so in Gedanken verloren, dass ich gar nicht registriere, in was für einem Unterricht ich überhaupt sitze. Ich suche im Raum nach dem Lehrer des Kurses, um zu sehen, ob ich nicht schon wieder etwas verschusselt habe und blicke Richtung des Lehrerpultes. Dort sitzt aber nicht einer meiner Lehrer. Dort sitzt einer meiner jetzigen Kollegen.
Und dann wache ich auf. Jedes Mal. An genau dieser Stelle. Alle drei bis vier Monate kommt dieser Traum. Ich durchlebe jedes Mal die gesamte Achterbahn der Gefühle. Die Panik, als ich merke, was passiert ist, die Unruhe, meine Selbstgeißelungen. Und letztlich die endlose Erleichterung, wenn ich merke, dass ich im Jetzt des Jahres 2017 aufgewacht bin – mit einem Abi und zwei Staatsexamina in der Tasche. Warum es jedes Mal die Mathematik ist, die mir diesen Horror einbringt, kann ich nicht sagen. Ich war in Mathe immer solide. Nicht brilliant, aber passabel. Und trotzdem hat sich da bei mir irgendwie ein kleines Trauma festgesetzt, das mich viermal im Jahr um den Schlaf bringt.
Verrückt, wie sich Schule auch noch nach Jahren bei uns festsetzen und wüten kann. Ich hoffe, dass keiner meiner Schüler wegen mir so etwas durchleben muss…

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10 Antworten zu Von blankem Horror

  1. Christian schreibt:

    Ich habe mal eine Mathearbeit nach dem Schreiben nicht abgegeben, sondern mit nachhause genommen. Das fand ich ähnlich schlimm. Am Tag nach der Klausur habe ich meinen Rucksack gepackt. Wie das so üblich ist. Die Frühstücksdose vom Vortag raus, die neue rein. Und auf einmal erkenne ich da mein Heft für die Mathearbeiten. Meine Mutter sauer, ich peinlich berührt.
    An der Ampel vor der Schule traf ich auch prompt den Mathelehrer, der wie ich mit dem Fahrrad kam. Da habe ich ihn dann noch doof geschnitten. Und dann zum Lehrerzimmer…. Bevor ich was sagen konnte, sprach er mich auf das Schneiden mit dem Fahrrad an. Und dann Kopfbewegung in Richtung Heft. „Was ist das?“…..Peinliches Gestammel meinerseits… Er nahm das Heft an sich, kontrollierte die Klausur, gab mir keine Note mit der Begründung „zu spät abgegeben.“ Aber ich meine, in der Jahresendnote war die Arbeit dann doch berücksichtigt.
    Kein Traum, wirklich so passiert.

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  2. muetzman schreibt:

    Ich träume immer wieder, dass ich noch eine meiner Diplomprüfungen nachholen muss und dafür nicht gelernt habe. Danei bin ich aber schon Lehrer. Ein anderer Traum ist, dass ich noch einmal Abi schreiben muss – als Lehrer.

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  3. angelika schreibt:

    Diesen Traum kann ich gut nachempfinden, ich habe 1967 maturiert , dann studiert und schreibe jetzt im Alter an einer DISSERTATION UND 2-3 x traeume ich von einer Mathematura bei der ich nichts zustande bringe und neben meiner Tochter sitze, die fleißig schreibt…allerdings sage ich mir im Traum, warum ich mich eigentlich aufrege….ich habe doch schon die Matura und dann wache ich auf, aber der Stress ist groß davor! Das kann nur an den Mathelehrern der Vergangenheit liegen….

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  4. Pingback: Von blankem Horror | quisquilia

  5. HY schreibt:

    Och nö – muss das jetzt sein? Bei mir ist noch August und der September mit Anfangskonfereinz, Schülern, Schulaufgaben noch soo weit weg – zwei Wochen!

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  6. lilohenner schreibt:

    Es gibt dazu sogar Untersuchungen – die meisten Menschen, die Schulalbträume haben, träumen von total versemmelten Matheprüfungen – und haben diese im realen Leben bestanden. Gibt uns zweierlei zu denken: Warum Mathe? Sprich, welches Trauma haben wir erlitten? Und warum ausgerechnet wir, die wir es dennoch bestanden haben? Warum quält es uns also dennoch im Unterbewusstsein?
    Ich selbst träume ab und zu, man habe mein Mathematikabitur wegen eines Formfehlers aberkannt und ich müsse es sofort, jetzt gleich, auf der Stelle nachzuschreiben. Ich leide sehr in diesem Traum. Dabei hatte ich in der Oberstufe in Mathe immer zweistellig…
    In diesen Sommerferien träumte mir dann plötzlich, ich hätte vergessen meinen Schülern mitzuteilen, dass ihr Abitur vorverlegt wurde und bin nicht mal zur Aufsicht hingegangen. Das war, ehrlich gesagt, nicht viel besser. Dabei war doch Sommer…
    Wir gehören also nicht zu den Coolen, denen, die absolut von sich überzeugt sind, vielmehr bohrt in uns immer eine Frage, ob wir tatsächlich richtig sind an unserem Platz oder alles nur ein Zufall. Lass gut sein, Herr Mess, damit müssen wir leben und irgendwie macht das ja auch menschlich – es erinnert einen daran, wie es manchen unserer Schüler im realen Leben geht. Da verstecken auch viele solche Ängste unter dieser coolen Maske aus jugendlicher Arroganz.
    Viele Grüße von Frau Henner

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