Latein im Takt

avatarIch gebe es zu: Wenn es um Lernmethoden geht, sind wir Lateinlehrer bestimmt nicht die innovativsten. Generationen von discipuli erinnern sich mit Schrecken an das Auswendiglernen und Vortragen, an das stundenlange Büffeln und Aufsagen von Stammformen. Und das Chorlesen. An sich eine furchtbare Methode, die eher an militärischen Drill als an das Erlernen lateinischer Grundkenntnisse erinnert. Aber sie hat bei uns Retro-Sprachen durchaus Sinn. In einem Lateinunterricht wie dem heutigen, in dem die Sprache nicht mehr als Kommunikationsmedium verstanden wird, hätten die Schüler ohne diese Phasen überhaupt keine Möglichkeit mehr, diese Wörter und Formen ein paar mal aktiv in den Mund zu nehmen. Aber ein echter Fan war ich davon eigentlich nie. Bis jetzt.
Dieses Jahr habe ich nämlich zum ersten Mal den Versuch unternommen, diese Phase ein bisschen aufzupeppen. Mit riesigem Erfolg. Und einer Drum Machine.
Bei einer Drum Machine handelt es sich um ein Gerät, das ursprünglich dazu konzipiert war, fehlende (oder betrunkene 🙂 ) Schlagzeuger bei Bandproben zu ersetzen. Dafür läuft in einem vorgegebenen Tempo ein LED-Lauflicht in 16 Schritten in Schleife, die zusammengenommen einen Takt ergeben. Wir haben es also bei einem 4/4-Takt mit 16 16tel-Noten zu tun. Jeder dieser sog. 16 Steps lässt sich mit vorgegebenen Sounds eines Schlagzeugs belegen: Also Bass Drum, Snare Drum, Claps, Hit Hats, Crash-Becken, TomToms usw. Wer schon ein bisschen musikalische Vorbildung mitbringt, weiß, dass in einem Standard Techno-Rhythmus z. B. die BassDrum auf jede Viertel-Note gelegt ist. Bei unseren 16tel Steps wäre das also auf Steps 1, 5, 9 und 13 (im Bild hier rot markiert).

2
Das klingt dann so.

Die Claps sind immer auf der 2 und 4 (=5 und 13) eines 4/4-Taktes zu finden. Die HiHats immer eine Achtel-Note hinter der BassDrum (Bei uns also 3, 7, 11 und 15). Zusammengenommen klingt ein typischer Techno-Rhythmus dann so.

Ich weiß, schön und gut. Aber was bringt uns das? Ganz einfach: Rhythmisches Chorlesen mit Techno-Beats 🙂

Das Vorgehen ist dabei denkbar einfach. Die BassDrum ersetzt das Metronom und gibt für die Klasse das Tempo vor. Auf jeden Taktschlag der BassDrum muss eine lateinische Form genannt werden – egal ob von einem Schüler oder der gesamten Klasse. Im Laufe des Deklinierens werden dann langsam aber sicher mehr und mehr Elemente als  „Belohnung“ dazugemischt, damit aus dem stupiden Gestampfe irgendwann eine groovige Angelegenheit wird. Für die Kleinen ist das eine ungemein motivierende Sache, da sich kein Schüler die Blöße geben will, durch einen verpatzten Einsatz den Takt kaputtzuhauen. Um diese Gefahr möglichst gering zu halten, habe ich mit einem recht niedrigen Tempo von 80bpm (beats per minute) angefangen und mich dann langsam zu „tanzbaren“ 125bpm hochgearbeitet. Name unseres Tracks waren die Formen von „qui quae quod“. Ein sehr dankbarer Titel, da die Formen so kurz sind, dass man jede einzelne gut auf einen Taktschlag unterbringt. Da wir es beim Deklinieren von qui quae quod mit drei Genera zu tun haben, die wir auf vier Taktschläge pro Takt verteilen müssen, sind wir so vorgegangen, dass auf die ersten drei Taktschläge jeweils eine Form genannt wird, der vierte Taktschlag bleibt als „Nachdenkpause“ sozusagen leer.
Unser Soundergebnis klingt dann so:

Welche der Drum Machine App man letztendlich nutzt, ist jeweils dem persönlichen Gusto geschuldet. Wenn es um gute Musik-Apps geht, ist man bei Android allerdings etwas Fehl am Platz. Die professionellen Anbieter auf dem Musikmarkt finden sich ausnahmslos bei iOS. Aber für unsere Zwecke tut’s auch ein ambitioniertes Projekt wie die RM-4 (gibt es übrigens auch in einer kostenlosen Demoversion). Die hat sogar noch einen rudimentären Bass Synthesizer mit integriert. 
1

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Latein im Takt

  1. Gretel schreibt:

    Solche Lehrer braucht das Land 😉

    Gefällt mir

  2. Julia schreibt:

    Ich habe ja die ganzen Vermaße erst verstanden, nachdem ich sie mir in Takte übersetzt und dann das Zeug mit Längen und Kürzen im passenden Rhythmus gelesen habe… Was richtig Spaß gemacht hat (ich spiele Gitarre, da konnte ich für Rhythmus/Begleitung sorgen – aber mit Drum Machine geht’s natürlich auch!).

    Da geht also auch für die größeren noch was!

    Gefällt mir

  3. Eg (@753_SPQR) schreibt:

    Großartige Idee! Das werde ich bestimmt mal aufgreifen. Ich möchte aber vehement dem Einstiegssatz widersprechen, dass wir Lateiner nicht innovativ sind, was die Lernmethoden angeht. Der Beweis steckt doch bereits im Artikel. 🙂

    Gefällt mir

  4. Lehrercafe schreibt:

    Sehr kreativ. Hut ab. Ich werde dem Lateinlehrer meiner Tochter mal ein Wink geben, dass er deinen Blogbeitrag liest. LG Ela☕

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Latein im Takt | quisquilia

  6. Hi, finde ich eine gute Idee. Bin auch Lateinlehrer und versuche mit „We all live in a yellow submarine“ den Catull’schen Hendekasyllabus zu lehren. Ich habe auch einen Youtube-Kanal auf dem ich Lernvideos mache. Mehr oder weniger gut. Würde mich über konstruktive Kritik freuen!

    Gruß
    Magister Electronicus

    P.S.: Ich finde es ja sehr schade, dass Kollaboration unter Lehrern kaum über das eigene Kollegium hinausgeht. Gerade in Latein suche ich noch andere Kollegen, die auch halbwegs technikaffin sind und mit denen man sich mal austauschen könnte.

    Gefällt mir

Quid sentis?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s