50 Shades of WTF

avatarKorrekturen. Für den Lehrer das täglich, leider oft auch deprimierend Brot. Vor allem in Latein möchte man sich in Übersetzungsschulaufgaben gerne mal die Haare raufen. Der Wortschatz war eigentlich bekannt, vieles wurde vorentlastet, mehrmals deutlich wiederholt, aber dennoch purzeln bei ein paar Schülern die Vokabeln kreuz und quer durcheinander, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, das Gewirr an Lapsus und Ungenauigkeiten zu entwirren.
Ganz aktuell ist das dieser Tage bei der Schulaufgabe in meiner siebten Klasse zu sehen. Die Schüler haben einen eigentlich nicht schweren Satz vor sich:


Ille vir oculos suos a me vertit. (Jener Mann wandte seine Augen von mir ab.)

An sich keine intellektuelle Meisterleistung, die hier zu vollbringen ist. Noch dazu, wo wir es mit aktuellem Vokabular zu tun haben. Aber was ich an Versionen zu diesem Sätzchen geboten bekommen habe, ist haarsträubend. Hier werden keine Augen abgewandt, sondern mit Augen gerollt, Augen verdreht, im Geheimen gefesselt. Die Phantasie der Schüler kennt auf einmal keine Grenzen.
Dem leidgeplagten Lateinlehrer hingegen wird schnell klar, was hier gar nicht funktioniert. Vokabular. Nämlich Vokabular, das mit anderen Wörtern verwechselt wurde, weil sie sich im Anklang ähneln:

vertere ist mehrmals mit volvere (wälzen/rollen) verwechselt
meus (mein) mit me (mich)
oculos (Augen) mit occulte (geheim)
vir (Mann) mit vinculum (Fessel)

Das hier ist der klassische Latein-GAU. Und geradezu symptomatisch, wenn man die Vokabeln mal eben im Bus durchliest, anstatt sie in aller Ruhe durchzumachen und auch tatsächlich ZU PAUKEN!
Bei Wortschatzproblemen habe ich in den letzten Jahren immer mein Wordcloud-Programm ins Rollen gebracht und damit die Defizite eigentlich immer gut abfedern können. Dieses Mal ist die Anzahl der Verwechslungen aber so hoch und streckenweise so grotesk (es werden ja nicht nur Bedeutungen, sondern ganz Wortarten miteinander verwechselt), dass ich nicht einfach wie üblich weiter machen kann, sondern dezidiert auf derartige Verwechslungspaare hinarbeiten muss. Deswegen ein kleiner Aufruf an die Sprachenlehrer sämtlicher Sprachen: Wie geht ihr mit solchen Verwechlungs-Doubles, -Triplets, -Quadruples um?

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11 Antworten zu 50 Shades of WTF

  1. Ancgreek schreibt:

    Bei mir hier ein ähnliches Bild, wobei meine teilweise so krasse Verleser bringen, dass ich manchmal schon fast an die Notwendigkeit einer Lesebrille denke.
    Noch nicht erprobt, aber gerade in der Mache (auf die Anregung von Nina von Tollerunterricht), da meine Chaos-Schafe Frontalphasen-untauglich sind, und ich sie auf Anregungen von mehreren Seiten (übrigens nicht meiner Ausbilder *hust*) auf eigenverantwortliches Arbeiten umstelle, sollen sie im Zuge dessen ein think-pare-share-Vokabelarbeitsdings machen, bei dem sie einerseits aus dem aktuellen Text/dem dazugehörigen Vokabular ihre Verwechsler zu Papier bringen sollen und dasselbe nochmal aus dem Wiederholungswortschatz (Think). Aus der Gruppe sollen dann 2 oder 2 Zweiergruppen (Pair) jeweils für den Abgabetag eine plenumstaugliche Fassung erstellen (Share), die wir dann noch kurz ergänzen. Anschließend geht das überarbeitete Papier an alle.
    Ich hoffe, dass allein durch den dafür notwendigen Reflexionsprozess (Stichwort Umwälzungszahl) mehr von den Vokabeln hängen bleiben als bei der von dir oben beschriebenen „Bus-Methode“.

    Ich hätte aber gern auch nochmal die Meinung von Deutschkollegen gehört, ob die ähnliche Phänomene, was die Rechtschreibung angeht, beobachten können.
    Ich habe so die Vermutung, dass auch eine gute Portion Lesefähigkeit im Allgemeinen und Konzentration mit reinspielt.
    Bzw. man auch kaum was zur entwicklungspsychologischen Anpassung von Lernstrategien finden. Denn die Putzis aus der 5/6/7 kannst du mit den Vokabelkarten und entsprechenden Lernspielen ja einigermaßen gut beikommen und die machen das auch. Ggf. 8 auch noch. Aber so ab 9 aufwärts müsste man eigentlich nochmal anfangen, andere Strategien des Vokabellernens einzuführen, die an das veränderte Verarbeitungsvermögen angepasst sind.
    Nur wenn du versuchst, Leute aus der Fachdidaktik dazu zu befragen, was man da machen könnte, kommt da auch nicht wirklich was bei raus. Außer dass sich dich auf eine AU-Leseliste verweisen, die sie kurz nach dem 30-jährigen Krieg mal dazu erstellt haben^^.

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    • herr_mess schreibt:

      Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe den Artikel nochmal gelesen und dann überarbeitet, weil ich mich hier bestimmt nicht über meine Leute lustig machen möchte, sondern wirklich neugierig nach weiteren Methoden bin, um der Klasse beim Auseinanderhalten von solchen verwechslungsgefährdeten Wortpaaren zu helfen. Ich hoffe das passt jetzt so.

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  2. lilohenner schreibt:

    Als Deutschlehrerin, die null Ahnung von Vokabellernen hat, kann ich zum Beobachten der Phänomene sagen: nee, das beobachte ich in Deutsch nicht. Die Schüler verwechseln beim Schreiben nicht ein Wort mit einem anderen, viele denken schlichtweg nicht nach, ob die Schreibung so einen Sinn ergibt. Einigen bemühten Schülern helfen die Rechtschreibsymbole (Schwingen, Verlängern, Ableiten), die vorne über der Tafel kleben, aber auch das fruchtet bei einem kleinen Teil der Klasse nicht. Als Lateinlaie sehe ich in den obigen Wörtern natürlich sofort haufenweise Eselsbrücken zum Merken, aber ich merke, diese Eselsbrücken basieren auf Weltwissen, was Siebtklässler höchstwahrscheinlich nicht haben.
    ?

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  3. Katharina P. schreibt:

    Der Titel trifft das Tagesmotto heute wie die Faust aufs Auge! Ich habe heute eine Lateinarbeit in meiner achten Klasse schreiben lassen.

    Schwer zu sagen, wie man mit solchen Fehleranhäufungen umgeht. Ich appelliere immer an den gesunden Menschenverstand der Schüler und ermahne zum Nachdenken, ob das, was sie da zusammengepuzzlet haben, noch irgendwie Sinn ergibt.
    Bei einfachen Junkturen wie „hostem interficere“ mag das noch funktionieren (Wenn man hostis mit hospes und interficere mit incendere verwechselt, kommt eben nicht „den Feind töten“, sondern „den Gast anzünden“ raus, was nun wirklich Schwachsinn ist.), aber wenn ich für „Si tuti ab iniuriis esse vultis,…“ die Übersetzung „So der Tag ungerecht sein Geier“ lese, stehe ich kurz vor der Verzweiflung. Da müsste mehr aufgeholt und systematisiert werden, als während des Unterrichts möglich ist.

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  4. Andrea schreibt:

    Ich kann im Moment nur mitklagen und leider keine Lösung/Idee anbieten. Alle Wörter, die auch nur mit dem gleichen Buchstaben beginnen, werden verwechselt. Vor allem aber: Zusammengehöriges wie Präposition plus Substantiv, wie oben „a me“ wird nicht als zusammengehörig erkannt, oder die Präpositionen werden komplett ignoriert (zu kurz?). Substantivendungen werden komplett ignoriert, immer, immer. Und das alles, obwohl x-mal, d.h. in JEDER Stunde bewusstgemacht, geübt etc. Wortbedeutungen/Vokabeln übe ich allerdings sicher nicht so konsequent wie Herr Mess, mea culpa. Darauf möchte ich jetzt noch mehr achten.
    Immerhin ist in allen oben genannten Fällen das richtige Wort als Prädikat erkannt.
    Ja, und die vielen theoretisch möglichen Eselsbrücken und das Weltwissen, genau.

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  5. Solminore schreibt:

    Ich denke, hier scheint ein tiefer wurzelndes Problem durch, das von mangelnden Vorkabelkenntnissen zwar verschärft, nicht aber allein begründet wird.

    Nach meiner Erfahrung tun sich alle Schüler außer einer kleinen Gruppe von Sprachgenies extrem schwer mit einem Verfahren, die für das Lateinische (wie auch für jede andere Sprache, die nicht als lebendige Sprache durch aktiven Gebrauch gelernt wird) unabdingbar ist, nämlich die Methode der Satzanalyse. Fast alle Schüler fallen irgendwann auf die intuitive Methode des „stummen“ Verstehens zurück, die sie von den modernen Fremdsprachen gewohnt sind; da ihnen dazu aber der Input in notwendigem Umfang fehlt und sprachliche Strukturen so gut wie niemals aktiv eingeübt werden, muß diese Methode versagen, sobald sich die Texte vom Niveau von Marcus currit, Lucius laudat lösen, vom AcI oder Abl. Abs. zu schweigen. Die zweite Schwierigkeit besteht darin, aus einer abstrakten Analyse eine Bedeutung zu gewinnen. Es nutzt im allgemeinen wenig, zu wissen, daß, beispielsweise, ein vorliegender Relativsatz Subjekt- oder Objektphrase ist, selbst dann noch nicht, wenn auch in der Muttersprache antezedenslose Relativsätze vorkommen. Bei Strukturen, die dem Deutschen fremd sind, ist es dann oft ganz aus. In modernen Fremdsprachen werden solche Erscheinungen so oft geübt, kommen so oft im sprachlichen Input vor, daß sie intuitiv verstanden werden. Und genau dieses Verstehen ist ja auch das Ziel.

    In den modernen Fremdsprachen kommt daher das Textverständnis zwar auf den inhaltlichen, selten jedoch auf den sprachlich-analytischen Prüfstand. Das bedeutet: Man hat den Text entweder verstanden oder eben nicht. Vor allem aber weiß man nicht, wie und warum man den Text verstanden hat! Der Unterricht in Englisch oder Französisch verbietet das Raten. Das Problem ist: Im Lateinunterricht kommt man damit noch durch. Hier tritt nämlich das inhaltliche Verständnis zugunsten der Erkenntnis syntaktischer Strukturen zurück, die aus einer mehr oder weniger abstrakten Satzanalyse gewonnen wird. Nur führt eine Satzanalyse eben noch nicht unbedingt zum Satzverständnis, selbst wenn sie korrekt sein sollte, und oft ist sie nicht einmal das. Da bleibt nur das Ratespiel, und das funktioniert auch: In Latein kann man jedenfalls problemlos noch eine vier kriegen, auch wenn man den Text gar nicht verstanden und nur merkwürdige Beispiele konkreter Poesie abgeliefert hat. (Oft mit Zusatzfragen zu römischer Geschichte u. ä.) Daher ist den Schülern auch nicht zu verübeln, wenn sie lieber irgendwas hinschmieren, als das, was sie verstanden haben: nämlich gar nichts. (Den Lehrern sind da aufgrund von Notenrichtlinien enge Vorgaben gemacht, einerseits, weil immer auch nach dem Klassenmittel geschaut werden muß, andererseits, weil das Lernziel mit der zur Verfügung stehenden Arbeitszeit kaum zu leisten ist: Nach strengeren Maßstäben, wie man sie sich eigentlich fürs Latinum denken würde (kann Schüler A die kanonischen Autoren sinngemäß übersetzen?), dürfte dann nur noch eine handvoll Schüler das Latinum schaffen.)

    Ein Beispiel wie das obige, in den Englischunterricht verpflanzt, hätte zur Folge, daß über den Text nicht gesprochen werden kann, weil niemand ihn verstanden hat. Es hätte zur Folge, daß das Niveau des Textes zu hoch ist: Man müßte von vorne anfangen. Im Lateinunterricht, scheint mir, macht man einfach weiter.

    Damit belohnt das System, nach dem heutzutage (ich nehme an, das ist in Bayern auch nicht anders) Latein gelernt und das Gelernte abgeprüft wird, ein fehlgeleitetes Übersetzungs„verfahren“, nach dem die Bedeutungen der Wörter im lateinischen Satz (soweit gewußt, sonst eben geraten) zu irgend einem syntaktisch zwar wohlgeformten, doch mitunter völlig sinnfreien deutschen Satz zusammengeklebt werden. Ich könnte Ihnen Klausuren aus NRW zeigen, wo kein Stein auf dem andern steht, reine Nonsense-Texte, mit denen hierzulande aber Schüler ihr sogenanntes Latinum nachgeworfen bekommen. Ich kenne den Fall, wo eine Schülerin in der Oberstufe keine bessere Verwendung für ihr Wörterbuch hatte, als virga s.v. virgo nachzuschlagen, und in der Übersetzung Merkur die Augen des Argus mit einer Jungfrau bestreichen zu lassen. Die bekam natürlich ihr Latinum, kein Problem. Das System belohnt nicht nur Murks, es versäumt auch, zum Richtigen zu zwingen: nämlich den Übersetzungstext ständig auf seine Sinnhaftigkeit zu überprüfen – und offensichtlichen Unsinn als nach aller Wahrscheinlichkeit falsch zu streichen und weiter nachzudenken, wie Katharina P. es einübt. Denn eigentlich müßte ja auch dem lahmsten Schüler klar sein, daß der augenrollende Mann sowenig korrekt sein kann wie die einschläfernde Jungfrau. Ein Bewertungssystem, das einen holprigen, aber sinngemäß übersetzten Text gerade noch mit vier benotet, würde die Verhältnisse schnell ändern. Sie als Lehrer können da im Grunde nur noch flicken, wo das System versagt.

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    • herr_mess schreibt:

      Vielen Dank für die sehr ausführliche Antwort. Die Frage ist jetzt nur, wo wir als Lateinlehrer jetzt ansetzen sollen. Ändern wir das System der Bewertung? Ändern wir die Art der Lehre? Ändern wir die Progression? Ändern wir die Sicht, wie wir auf das Fach Latein sehen? Lassen sich Defizite ausgleichen, wenn wir die Sprache im Unterricht wie eine moderne behandeln und mit den Schülern auf Latein sprechen und sie schreiben lassen? Aus eigener Erfahrung weiß ich aus dem Studium, wie sehr sich die deutsch-lateinischen Stilübungen auf meine Lateinkenntnisse ausgewirkt haben (nämlich sehr positiv). Für viele ist durch diese ständige Fixierung aufs Rezipieren von lateinischen Texten die Sprache als solche viel weniger fassbar als beispielsweise Englisch oder Französisch. Auch hier gibt es Möglichkeiten zur Verwechslung (man denke z.B. an den Klassiker ‚felt‘ und ‚fell‘), aber die sind hier deutlich seltener vertreten als in Latein. Ubi incipiamus?

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    • Lakritze schreibt:

      Ich habe als Schülerin Nachhilfe gegeben, lange her, und früher war auch nicht alles besser – genau das, das wilde Raten ohne auch nur einen Funken Textverständnis – kenne ich von meinen schwachen Lateinern von damals. Hauptsache was hingeschrieben.
      Im Unterricht haben wir Texte übersetzt und dann inhaltlich behandelt. Aus Gesetzestexten herauslesen, wer denn nu haftet, wenn der Sklave stolpert und mit seiner Traglast einen anderen verletzt, das ging nicht mit einer ungefähren Übersetzung. Auch bei Kochrezepten schmeckte es genauer einfach besser. Dasselbe bei Dichtung: über den Gehalt reden ging nur bei präziser Übertragung.
      Ich wüßte gern, was passiert ist in den vergangenen Jahren, wenn es wirklich so ist, daß inzwischen nicht mehr die Handvoll schwacher Schüler so „übersetzt“, sondern ein merklich größerer Teil. Ist denn keine Zeit mehr für Inhalte? Oder sind die Inhalte der alten Texte nicht mehr erschließbar (im Sinne von „kann man heute nicht mehr machen“)?

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  6. Student schreibt:

    Deswegen konnte ich es nach damals schleppenden 3 Jahren Latein kaum erwarten, in der 9. dann endlich ein Wörterbuch hernehmen zu dürfen – Allerdings musste ich recht schnell feststellen, dass man nur die Grundformen der Wörter dort findet und wenn man generell jedes 2. Wort nachschauen muss schnell nicht fertig wird. Tatsächlich wurden die Übersetzungen zum Teil noch wilder, weil man irgendwie richtig seltsame Übersetzungen hergenommen hat, weil man die Grundform nicht kannte.

    Aber zum Glück gab es ja immer den Aufgabenteil, wo man Alliterationen suchen konnte!

    #Lateinabwähler
    #Abitrotzdemsehrgut

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    • herr_mess schreibt:

      Schade. Chance vertan, eine eigentlich sehr coole Sprache von einer intensiven Seite kennenzulernen. Das mit dem Fragenteil ist ein bisschen wie in einer Matheklausur in der Oberstufe, wenn man keine Ahnung von der eigentlichen Materie hat, aber dann Gnadenpunkte bekommt, weil man in einer Nebenrechnung das Einmaleins aus der Grundschule korrekt anwendet 🙂

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