Lehrerkonferenz

avat_nervLehrerkonferenz im September. Wie immer der erste Höhepunkt des Schuljahres, den wir dank aufgeladener Energieakkus und Ferienmelancholie in ausgelassener Heiterkeit begehen. Wir lauschen gerade andächtig den kommenden Terminen bis Weihnachten in feierlicher Stille, als bei uns im Eck plötzlich hektisch ein Zettel herumgereicht wird. Die einzelnen Empfänger schauen sich irritiert um, wo er herkommen mag, lesen dann die Nachricht, schauen sich nichtssagend an und reichen ihn schließlich verschwörerisch ihren Nachbarn. Dort dasselbe Bild: Verwundertes Umherblicken, Durchlesen, Stirnrunzeln, Schulterzucken, Weitergeben. So geht es durch die Reihen. Minutenlang. Das ständige Getuschel und Geraschel im Kollegium irritiert unseren Chef sichtlich. Immer wieder unterbricht er, schaut verärgert in unsere Ecke, wartet, bis sich die Unruhe gelegt hat. So vergehen mehrere Minuten, bis die Nachricht letztlich bei uns aufschlägt – weitergereicht wie ein geheimes Schreiben. Die Botschaft ist kryptisch: „Benötige ein iPhone6 Ladekabel. Es geht um Leben und Tod!“ Die Buchstaben sind in aller Eile hingekritzelt worden. Ganz krakelig und verwischt stehen sie auf dem geschundenen Papier, wie die berühmten Todesnachrichten in Horrorfilmen, die die Opfer kurz vor ihrem Ableben mit Blut an die Wand schmieren. Auch wir versuchen etwas verunsichert den Urheber des Schriftstücks auszumachen. Ohne Ergebnis. Alle im Lehrerzimmer sind in irgendwelche Aufgaben vertieft. Der eine kritzelt, der nächste döst, ein paar spielen Käsekästchen, andere hören gebannt die Ausführungen über unsere neuen Abfalleimer im Schulgebäude (jetzt mit extra großem Füllvermögen!) – und mittendrin wir, die hilflos umherblicken. So können auch wir leider nichts anderes tun als den Zettel ratlos weiterzugeben. Keiner von uns besitzt ein solches Kabel.
Drei Stunden später ist die Konferenz vorbei. Wir alle haben den Vorfall angesichts der ausufernden Tagesordnung über Schultermine und Prüfungen fast gänzlich vergessen, als der neue Studienrat für Geographie freudestrahlend auf uns zukommt – mit einem iPhone6-Kabel in der Hand. „Kollegen, wisst ihr, welchem Helden ich dieses Ladekabel zu verdanken habe? Es hat mich vorhin gerettet!“ Wir verneinen und fragen vorsichtig, was denn vorgefallen sei. „Na was wohl?“, ist seine etwas gereizte Antwort. „Ich hab die ganze Konferenz Pokémon im Lehrerzimmer gesucht. 12 habe ich gefunden. Ich bin total süchtig nach dem Spiel. Ich hab mir sogar ein neues Smartphone dafür gekauft. Jetzt muss ich aber los. Mein Akku ist schon wieder fast leer. Macht’s gut und bis morgen.“ Exit neuer Studienrat. Restant zwei sprachlose Narren.

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7 Antworten zu Lehrerkonferenz

  1. christaschule2010 schreibt:

    Toll geschrieben! Ich wünsche einen guten Schulanfang!

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  2. Herr Rau schreibt:

    Ein bisschen forsch für einen neuen Kollegen, aber ich versteh’s schon. Hatte heute drei Stunden, die ich ohne Rechner nicht überstanden hätte. Morgen dann parallel Pokémon dazu.

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  3. Hauptschulblues schreibt:

    Das Verhalten des Kollegen ist die Höhe!
    Ihnen einen guten Anfang – ich bin das 3. Mal nicht dabei und freue mich.
    Gutes Durchhaltevermögen – ich freue mich über neue Blogs.

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  4. Sylana schreibt:

    Auch wenn das jetzt manch einer nicht versteht…und ich Handys nicht abkann:
    Ich glaub, der hat die Zeit der Konferenz noch am sinnvollsten gefüllt.

    Lehrer, wenn sie denn zu Schülern degradiert werden, sprich ZUHÖREN!!!! sollen, sind einfach furchtbar. ;-)))

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  5. Anna schreibt:

    Dulden Sie ein solches Verhalten bei den Schülern auch?

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  6. lilohenner schreibt:

    Willkommen im Lehrerzimmerirrenhaus 😀
    Bin gespannt, ob dahingehend noch mehr Geschichten auf uns zukommen werden…
    lg Lilo

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  7. Lehrercafe schreibt:

    Ist ja fast so wie bei uns. Auf in den erneuten Wahnsinn eines Schuljahres. Möge uns nie der Strom ausgehen…LG Ela

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