Vom Abitur 2016

avatarDas Abitur. Vermeintlicher Höhepunkt im Leben eines gymnasialen Schülers*. Und ein Ereignis, das bereits Fünftklässler bewegt und mysteriös munkeln lässt.
Ich weiß noch, als ich selbst in der fünften Klasse war und erzählt wurde, zur Erstellung eines Abiturs würde man nur die besten Lehrer Bayerns auswählen, die dann in ein Kloster eingeladen würden, wo sie in seclusio tagelang meditieren und beraten – und zwar so lange, bis ihnen eine Aufgaben-Erleuchtung komme, die der künftigen Bildungselite des Freistaates ebenbürtig sei.
Diese verklärt-romantische Sicht hat mittlerweile natürlich ein bisschen relativiert. Aber ein gewisser Zauber bleibt bis heute noch erhalten: Schon die Wochen vor dem Abitur sind die Leute von einer bemerkenswerten Ruhe vor dem Sturm gekennzeichnet. Die Kollegiaten sind auf einmal noch zutraulicher als sonst, sitzen in der Frühlingssonne auf den Treppen des Schulhauses, in das sie eigentlich gar nicht mehr gehen müssten. Sie bleiben freiwillig ganze Nachmittage, um in netter Atmosphäre mit dem Kursleiter Abiaufgaben durchzuarbeiten und dabei in Anekdoten ihrer Schulzeit schwelgen. Ich lass mich gerne von soviel Wehmut mitreißen – noch dazu, wenn ich die Damen und Herren schon seit der Unterstufe kenne, als sie mir noch bis zum Knie reichten – und gebe eine Runde Kaffee aus. Oder eine Pizza. Und jedes Jahr einen Glücksbringer, der auf einem der zahlreichen Insider-Witze basiert, die wir uns in den Jahren um die Ohren geworfen haben. In den letzten zwei Jahren war es der Bad Pun Dog, der uns regelmäßig zum Lachen brachte. Teilweise arg sparwitzig, aber die ausgedruckten Strips sorgen bei allen für Heiterkeit.
Und plötzlich ist er da, der große Tag. Die Eröffnung des jeweiligen Abis erfolgt, während die meisten unserer Schüler im Bettchen liegen und träumen. Um sage und schreibe halb sechs müssen wir in der Regel raus, um eine Stunde später im Direktorat zu erscheinen, wo die heilige Abschlussprüfung feierlich aus dem Safe des Chefs entnommen und eröffnet wird. Der Oberstufenbetreuer wohnt dieser heiligen Handlung in der Regel bei und weiß um die Wichtigkeit dieser Prüfung und den Stress, den die Vorbereitung darauf gekostet hat: Die Beratungsgespräche, die Tränen und das verbissene Feilschen um die letzten Punkte, für das unsere Oberstufe seit Jahren berüchtigt ist. Er entlohnt uns deswegen wie jedes Jahr mit einem üppigen Mahl. Beinahe 40 Croissants und Butterbrezen lässt er jedes Mal springen, wenn wir uns in aller Herrgottsfrühe im Direktorat einfinden, um die Abiaufgaben Probe zu lesen. Den Geheften näherte man sich früher mit einer gehörigen Portion Respekt und einer Prise Bammel: Sind die Schüler gut genug von mir vorbereitet worden? Habe ich alle Themenfelder ausgiebig genug behandelt? Sämtliche Fragen und Methoden abgedeckt? Ein erster Blick entspannt: Alles erwartbar und in irgendeiner Weise mal in den letzten zwei Jahren behandelt. Ein paar Überraschungen gibt es dann allerdings schon. Die diesjährige Listening Comprehension in Englisch handelt von der Erfindung des Rasentennis im 19. Jahrhundert. Wohl aus Vorsicht, keinen der Schüler mit einem lebensnahen Thema zu bevorteilen, hat man sich für einen Bereich entschieden, der rein gar nichts mit deren Lebenswirklichkeit zu tun hat. Beim ersten Hören fand ich das Hörstück reichlich absurd, mittlerweile aber eigentlich ganz charmant. Vor allem die sexistischen Ansichten, über die mit entsprechendem Augenzwinkern typisch britisch-nüchtern berichtet wird. Auch die Mediation gefällt mir: Dieses Jahr dreht sie sich um die Revolution des Mickey Mouse-Heftchens, das Anfang der 60er Jahre in Schulen und Elternhäusern für gehörig Furore gesorgt hat. Durchaus lesenswert – im Gegensatz zu den gestellten Themen in der Composition, die bestenfalls Mittelstufen-Niveau erreichen: Sowohl Cartoons als auch die meisten der Comment-Themen (Should zoos be abolished?) sind von der reinen Substanz her für eine Reifeprüfung nach acht Jahren Gymnasium doch etwas dürftig. Kein Wunder, dass Jochen Lüders auf seinem Blog die Prüfung gebührend auseinander nimmt. Streckenweise fragt man sich schon, warum man die Schüler über Jahre mit so komplexen Texten in der Qualifikationsphase bombadiert hat. Diese Themen wären auch in der neunten oder zehnten Klasse zu bearbeiten gewesen. Die Schüler wird’s am Ende freuen, denn bei so einer Abiturprüfung richtig ins Klo zu greifen, halte ich für ausgesprochen schwer.
Ob die Schüler das genauso sehen? Die meisten werden das in der Aufregung wohl gar nicht registrieren, wenn sie an ihrem Tischchen in der Turnhalle sitzen, das mit Platzziffer jedem Abiturienten einen eigenen anonymen Arbeitsplatz zuweist. Die Tische sind schon zu Beginn der Prüfung garniert mit haufenweise Proviant und Süßigkeiten. Aber nicht von den Schülern, sondern den Kursleitern, die ihre Schützlinge mit kleinen süßen Aufheiterungen für den folgenden 4-Stunden-Marathon wappnen wollen. Immerhin ist dies die einzige Prüfung im Leben der Schüler, wo sie das Gefühl haben gemeinsam an einer Prüfung zu arbeiten. Aus der jahrelangen Antagonie Schüler – Lehrer wird im Abitur auf einmal eine Allianz. Zu zweit gegen das Zentralabitur. Daher schleichen sich die Kursleiter (also ich) während des Abiturs gerne heimlich in die Turnhalle, um sich zu überzeugen, wie gut die Abiturienten mit den Anforderungen der Aufgaben zurechtkommen. Man sieht ihnen über die Schulter, nimmt Augenkontakt auf, nickt ihnen aufmunternd zu oder steht einfach zuversichtlich in der Gegend rum und repräsentiert (meine Lieblingstätigkeit). Oder hört dem angestrengten Gekritzel von 120 Individuen zu, die in angespannter Ruhe schreiben, unterstreichen, nachrechnen, blättern oder notieren. Gelegentlich steht ein Schüler auf, um auf die Toilette zu gehen. Vorher wird das Prüfungsgeheft abgegeben, die Zeit des „Austritts“ darauf vermerkt und in einer weiteren Liste eingetragen, bevor eine eigens abgestellte Lehrkraft die Leute auf dem Weg zum WC begleitet. Regelmäßig. Immer wieder. Es ist wie eine kleine Choreographie, die sich da alle 5 Minuten abspielt. Bürokratisch streng geregelt wie alles an diesem Tag: Anfang der Prüfung, Ende der Prüfung. Wer vorher abgibt, muss das Schulgelände sofort verlassen, um keine Informationen zum Abi auszuplaudern. Gefeiert werden darf nur in einem eigens dafür ausgewiesenem Bereich, weit von den Augen von Passanten, die beim Anblick von Bierflaschen in Ohnmacht fallen könnten – Das allerdings erst, nachdem jedes Abitur abgegeben und einzeln durchgezählt wurde: Die Anzahl der Angaben, die Anzahl der Notizblätter, die Anzahl der Schülerbögen, die Anzahl an leeren Blättern. Alles. Erst dann bekommt man als Kursleiter feierlich seinen Stapel mit Arbeiten überreicht, auf dass die nächsten 16 Arbeitsstunden damit gesegnet seien.
Tja, und da liegt er nun, der Stapel. Ich bin mit der Erstkorrektur durch und eigentlich ganz zufrieden. Die Guten haben ihr Niveau gut gehalten und genau die Note, die ich von ihnen erwartet habe. Überraschung gab’s bei den Leuten, die im Schuljahr bei mir immer im Viererbereich waren. Durch die doch recht einfachen Themen war es ihnen in der Regel immer möglich, trotz sprachlicher grober Fehler inhaltlich immer so viel rauszuholen, dass sie sich in die Dreierriege katapultiert haben. Auch wenn es sich vom Lesen her nicht wie ein Dreier anfühlt. Aber wer bin ich denn ein Abiturergebnis anzuzweifeln? Ich bin ja nur Lehrer 😉


*bis er merkt, dass das nur die Spitze des Eisberges war…

abi

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Eine Antwort zu Vom Abitur 2016

  1. lernbegleiterin schreibt:

    Ich habe mir in der ersten von mir abgenommenen Abiturprüfung geschworen, dass wenn ich irgendwann in diesem Prüfungsprozedere nicht wenigstens eine leichte (Auf)Regung verspüre – quittiere ich den Dienst. Bei der Lektüre des Textes habe ich gemerkt, ich bin nicht allein. Gern gelesen!

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