Von alljährlichen Elternabenden

avatarElternabende sind eigentlich eine furchtbar dröge Angelegenheit – für beide Seiten. Jedes Jahr gehören sie zum Ablauf: Man versammelt sich alljährlich in einem Klassenzimmer, spult zum jeweiligen Fach seinen Sermon ab, den man jedes Jahr von sich gibt: Welche Inhalte werden behandelt, welche Schulaufgaben abgehalten, welche Autoren gelesen, welche Projekte gemacht. Und als Adressaten sitzen Männer und Frauen auf viel zu kleinen Stühlen, gezwängt vor viel zu kleine Tische, die nach einem Neun-Stunden-Arbeitstag wohl deutlich anderes im Kopf haben als das elegische Distichon. Und das mit vollem Recht!
Deswegen sind wir im Kollegium und im gegenseitigen Einvernehmen mit den Eltern überein gekommen, diese Veranstaltungen so kurz wie nur irgend möglich abzuhalten. Wir kommen unserer Informationspflicht nach und damit Basta. EIGENTLICH. Denn was diese Elternabende oftmals prolongiert, ist nicht die Präsentation der Unterrichtsinhalte, sondern das Soziale. Unter den Kindern, unter den Eltern, unter den Lehrern – und schlimmsten- bzw. bestenfalls unter allen drei gemeinsam.
Manche dieser Elternabende sind Balsam für die Seele. In manche Klassenabende zu treten, wo man die Schüler über Jahre schon unterrichtet hat, ist wie eine Famlienzusammenführung. Man kennt sich namentlich, macht miteinander ein paar Witzchen und feixt, sitzt hinterher vielleicht bei einem Feierabendbier zusammen. Eltern und Lehrer vereint. Ja, meine Damen und Herren. Das gibt es. Zumindest an unserer Schule. Und das gar nicht so selten.
Aber es gibt natürlich auch das Gegenteil. Man betritt einen Elternabend, in der dieselben Fächer gelehrt werden, von denselben Lehrern, in derselben Jahrgangsstufe – und irgendwas ist anders. Es wird sofort still, wenn man eintritt, die Luft ist elektrisiert von Spannung. Hier liegen ganz andere Emotionen in der Luft. Und was man in Klasse 9A fachlich wie auch pädagogisch in Klasse 9A erfolgreich und unter Applaus präsentiert hat, führt in der 9B sofort zu erhitzten Diskussionen. Warum immer die ollen Kamellen lesen? Wieso sitzt mein Kind allein? Wieso sitzt es hinten? Wieso neben einem Mädchen? Warum hat es schlechte Noten, wenn es hochbegabt ist (mein Favorit!)?
Was aber ist die Zutat, die im Elternabendtopf letztlich darüber entscheidet, ob der Abend mundet oder einen faden Beigeschmack hat?
In nuce: Es ist Vertrauen. In den Klassen, in denen alles glatt läuft, haben Schüler wie Eltern schlichtweg Vertrauen, dass sie bei uns in guten Händen sind. Dass wir gut ausgebildet sind und den Sprösslingen etwas beibringen. Dass wir wissen, was wir tun, weil wir Profis sind, und wissen, worauf es ankommt. In den unangenehmen Elternabenden ist genau an dieser Stelle ein Defizit. Hier gibt es viel Argwohn. Gegen Lehrer, gegen die Institution Schule an sich… und – das ist am schlimmsten – untereinander. Es gibt Elterngemeinschaften, die exakt genauso aufgebaut sind, wie das soziale Geflecht ihres Nachwuchses: Die Anführer, die Duckmäuser, die Aufwiegler, die Spaßvögel, die Mitläufer, die sich untereinander bekriegen. Die angeblichen Spezialisten, die mal ein Buch über Schule gelesen haben, und ihre platten Weisheiten unters Volk bringen wollen. Und zwischendrin die Mutter von Kunibert, die sich mit Sieglindes Vater erhitzte Diskussionen liefert und den Streit öffentlich austrägt – dass sich solche Geflechte natürlich auch irgendwann auf die Klasse selbst auswirken, merken anscheinend die wenigsten.
Bei uns an der Schule sind solche Situationen die Ausnahme. Und selbst wenn es mal wieder heiß hergeht, durchstöbere ich meinen eigens angelegten Wohlfühl-Ordner in Thunderbird, den ich eigens für solche Tage angelegt habe. Dort hab ich mir sämtliche eMails aufbewahrt, die auch im chaotischsten Schulalltag meine Lehrerseele streicheln. So flog mir jüngst folgende Nachricht zu – und wurde kurzerhand archiviert: 

skitch

Irgendwas mach ich scheinbar richtig.

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7 Antworten zu Von alljährlichen Elternabenden

  1. Jan schreibt:

    🙂

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  2. Pfiffika schreibt:

    Gut gebrüllt, Löwe!
    Wenn Lehrer Kommunikation mit den Eltern auf ein Minimum, aus welchen Gründen auch immer, beschränken, verliere ich das Vertrauen.

    Genau das macht mir als Mutter Bauchschmerzen: Was soll ich von einem (jungen, „frischen!“) Klassenlehrer halten, der keine Telefonnummer von sich rausgibt, nicht per Mail erreichbar ist, sondern der Kontakt nur über das Schulsekretariat zulässt? Auch in einer 7.Klasse gibt es tatsächlich mal spontan wichtige Dinge zu besprechen und damit meine ich nicht die Sitzordnung, die Anzahl der Hausaufgaben oder Ähnliches, sondern Umgang mit chronischen Krankheiten, Klassengemeinschaft/Ausgrenzung, Zusammenlegung der Klassen mangels Lehrer und die damit verbundenen Konsequenzen.
    Unser anderes Kind hat von Anbeginn Glück mit den Klassenlehrern gehabt: Es gab Festnetz- und Handynummern, Mailadresse und persönliche Ansprache. Die Eltern haben aus meiner Sicht diese Informationskanäle auch nicht missbraucht.
    Jetzt in der 10.Klasse wurde sogar ganz in gegenseitiger Absprache auf Elternabende verzichtet, weil es einfach läuft.
    Jeder Klassenlehrer darf, soll und muss das für sich selber entscheiden, inwieweit er Kontakt zulässt und es gibt da sicherlich auch gute Gründe für, wenn er es auf das Allernotwendigste beschränkt, aber es macht einen sehr, sehr abweisenden Eindruck.

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    • birgitlachner schreibt:

      „nur Kontakt über das Schulsekretariat zulässt?“ … hört sich so negativ an. Oder klingt nach einer der Helikopter-Mamas. Bitte ja immer erreichbar sein, was?
      Was wollten Sie den dem Kollegen am Wochenende mitteilen?

      Da gibt es keinen wichtigen Grund!

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    • herr_mess schreibt:

      Ich hoffe, dass das nicht missverstanden wurde. Ich bin selbstverständlich über eMail erreichbar. Aber hier bestimme ich den Zeitpunkt, an dem ich entscheide zu antworten. Erreichbar bin ich definitiv. Meine private Telefonnummer hingegen würde ich nie rausrücken. Es MUSS eine Zeit am Tag geben, wo ich auch mal Privatperson sein darf. Und das kann ich nicht, wenn selbst im Kino mal ein Handy läutet, weil Frau Huber wissen wollte, was die Klasse heute im Unterricht gemacht hat. Die Elternabende, von denen ich im Beitrag gesprochen habe, wären übrigens auch niemals die Plattform, um derartige Informationen auszutauschen. Hier geht es ausschließlich um Informationscharakter über Personal und Fachinhalte. Heikle persönliche Details würde ich IMMER in persönlicher Absprache regeln. Über Schultelefon, eMail oder Brief. Aber Privatnummer… Puh. I’d rather not.

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    • Christa Habscheid schreibt:

      Eine Lehrkraft ist zu seinen Arbeitszeiten erreichbar. In der Regel weiß das Sekretariat auch, wie diese im Notfall außerhalb ihrer Arbeitszeit kontaktiert werden kann. Aber dann muss es halt ein echter Notfall sein und nicht ein von Eltern subjektiv gefühlter Notfall- sehr sehr wenige “ Notfälle“ hätte ich selbst auch so genannt. Mittlerweile haben die meisten Schulen dienstliche E-mails, die die Lehrkraft weiterleiten lassen kann. Aber auch hier lese ich abends nicht mehr! Selbst mein privates Handy lege ich abends zur Seite. Die Lehrkraft kann und darf nicht jederzeit zur Verfügung stehen- für die eigene und für die Gesundheit der Schüler und Schülerinnen.

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  3. diefrauweh schreibt:

    Auch ich gebe keine Telefonnummer mehr heraus. Erfahrungsgemäß sind Grundschuleltern weitaus besorgter und teilweise leider auch grenzüberschreitender als später in den weiterführenden Schulen, wenn sich – im Idealfall – so etwas wie Grundvertrauen in Schule aufgebaut hat. Meine private Handynummer ist genau das: privat.
    Aber eigentlich wollte ich auf eine ganz andere Sache antworten, lieber Herr Mess. Mich interessiert der Wohlfühlordner. Das klingt nach einer schönen Idee!

    Herzliche Grüße
    Frau Weh
    (mit zunehmend kleinerer Schultasche, aber eigenem Klassenraum)

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    • herr_mess schreibt:

      Ach, der Ordner ist einfach nur ein Unterordner im Thunderbird, in das ich meine Lieblings-eMails speichere anstatt sie zu löschen. Sozusagen meine digitale Schönheitengalerie. Oder den Markt der Eitelkeiten. Ganz wie man’s sieht 🙂

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