Vom Mini-Zirkus

avatarEbenso wie Frau Henner habe ich das Glück, alle zwei Jahre in einer fünften Klasse Anfangsunterricht zu geben. Und ebenso wie Frau Henner merke ich jedes Jahr aufs Neue, wie unterschiedlich so ein bunt zusammengewürfelter Haufen von 30 Neunjährigen sein kann. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Zum sechsten Mal in Folge eine Klasse 5A – das bedeutet sechs Mal dieselbe Geschenkbox zu bekommen. Und jedes Mal ist was Neues drin. Hatte ich vor zwei Jahren noch eine sehr quirlige Mischung aus Gscheidhaferln (vulgariter: Klugscheißer) und lernkritischen Lebemänn- und -frauchen vor mir (aus den 27 sind daher auch mittlerweile 22 geworden), stehe ich derzeit vor 31 verängstigt dreinschauenden Individuen. Die Faszination, mit der die 5A 2013/2014 die ersten Lektionen übersetzt hat, ist hier gewichen. Diese klobige Sprache ist den Kleinen (noch) sehr unheimlich. Verben ans Ende eines Satzes? Ein Alphabet ohne Z, J oder K? Keine Artikel? Und dann sechs statt vier Kasus!? Gruslig!
Die paar Schüler in der 5A, die sich von dieser Andersartigkeit der römischen Welt tatsächlich sofort anstecken ließen, sind interessanterweise alle aus anderen Kulturkreisen. Wer hier wirklich auf Latein abfährt, sind die beiden Kinder aus Vietnam, die Schülerin, die erst vor zwei Jahren aus Chile nach Deutschland gekommen ist, die kleine Reka, deren Eltern vor 10 Jahren aus Ungarn in die Nähe von München gezogen sind, oder Veri, ein kluges Köpfchen aus Pakistan, das mit seinen gelehrigen Augen alles aufsaugt, was man ihm über diese antike Hochkultur erzählt. Wo bei Tierhetzen, Sklavenhaltung, Hinrichtungen, strafenden Göttern oder dem Unterweltsglauben die deutschen Kinder zusehends in ihre Stühle zusammenzucken, gehen bei den anderen Fünf die Finger nach oben: Welche Götter gibt es? Sind Sklaven rechtlich gesehen wirklich Sachen? Ist ein getöteter Sklave dann Sachbeschädigung? Wieso kommt Minerva aus einem gespaltenen Schädel zur Welt? Warum Bacchus aus einem geöffneten Oberschenkel? Und warum bringt die ein Mann hervor? Und keine Frau? Nochmal: Wir reden hier von Fragen von neunjährigen Kindern! Und die werden die nicht von Hans, Jürgen und Berta gestellt – sondern von Khanh, Veri und Reka.
Hans, Jürgen und Berta sind da mit ganz anderem beschäftigt – nämlich dem eher alterstypischen Gerangel zwischen XX und XY-Trägern. Jürgen hat Berta auf der Treppe geschubst. Das haben Pomeline und Theresa auch gesehen und können es bezeugen. Jürgen behauptet aber, dass er das nur gemacht hat, weil Berta ihn nicht die Treppe vorbeilassen wollte und mit Pomeline und Theresa absichtlich den Weg versperrt hat. Zwei Seiten, zwei Meinungen. Und ich mittendrin. Dabei will ich eigentlich nur mit dem Stoff weitermachen. Bei solchen Kinkerlitzchen merke ich, dass Grundschullehrer nie für mich in Frage gekommen wäre. Und damit steigt wiedermal meine Hochachtung für meine werten Kolleginnen und Kollegen, die sich mit einer Engelsgeduld Jahr für Jahr derartigen Mini-Streitigkeiten widmen. Wie geht ihr denn mit einer solchen Situation um, meine Damen und Herren? Zwei konträre Meinungen unter laufenden Metern, und man hat keine Ahnung, wer die Wahrheit sagt?

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10 Antworten zu Vom Mini-Zirkus

  1. GS-Referendarin schreibt:

    Das entspricht sehr der Grundschule. Da muss nach der Pause, vor der Pause, vor der Schule, nach der Schule geschlichtet werden, weil der den geschubst hat und der dann den anderen auf die Nase gehauen und dieser dann aber wieder an den Haaren gezogen… Es gibt diese Situationen so oft – du hast nichts gesehen und weißt auch nie, wer lügt und wer die Wahrheit sagt. Nach einer Weile kennt man seine Pappenheimer.

    Kurz den Kindern sagen oder selbst drauf kommen lassen, dass körperliche Gegenwehr falsch ist und man einfach gehen soll, Kinder mit Handschlag entschuldigen lassen, fertig. Wenn du keine Zeit hast und jetzt mit dem Unterricht anfangen musst: Draußen vom Klassensprecher schlichten lassen, oder die Kinder auf einen Zettel schreiben lassen, was passiert ist: Da ist die Sache meist schon vergessen, denn wenn sie jetzt schreiben müssen: Ach ne, lieber nicht. Nach 10 Minuten haben sie es meist schon vergessen.

    Wenn was Schlimmeres passiert: (Foul beim Fußball, Brille kaputt, Kind leichenblass und zitternd, Schuldfrage unklar) hab ich auch schon „Zeugenaussagen“ gesammelt, stellte sich aber heraus, dass es nur ein Unfall war. Aber das kannst du sicher selbst einschätzen.

    Die Sprachenfaszination variiert von Kind zu Kind und von Klasse zu Klasse: Ich mache den Englischunterricht im ersten Lernjahr (3. Klasse) und die Kinder saugen alles auf und sind so motiviert; letztes Jahr ließ es meine Viertklässler völlig kalt.

    Wie immer ein toller Artikel!

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  2. KC schreibt:

    Ach ja, die Zwerge. Ich würd’s auch so machen wie GS-Referendarin. Solange nichts oder niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist, sondern es nur um einen Austausch von Empörtheit geht, würde ich da auch nicht groß an der Schuldfrage rumdoktern, sondern versuchen, erstmal die aufgebrachten Schäfchen zu beruhigen, dass sie nicht wegen dem Geschrei aufeinander losgehen.
    Ansonsten würd ich’s bei nem Hinweis darauf, dass wir nicht mehr im Kindergarten sind, belassen. Wenn die Mädels nicht mehr rumkreischen macht’s den Jungs eh keinen Spaß mehr 😀

    Ich bekomme ein paar ältere Kamele ;^) Studenten im Übergang zwischen Grund- und Hauptstudium, mal schauen, wie die so drauf sind 😀 Im Ungerecht-Schreien sind die aber genauso anstrengend.

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  3. „Pomeline“ 🙂 🙂 🙂

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  4. Ich sage in solchen Situationen immer: „Ich kann nicht sagen, wer angefangen hat. Ich möchte euch beiden glauben. Es ist aber niemald klug mitzumachen, wenn ein anderer anfängt. Somit habt ihr beide ein bisschen Schuld. Entschuldigt euch beide und geht spielen!“

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  5. lilohenner schreibt:

    Wer hat zuerst mit Kastanien geschmissen?
    Will ich das wirklich wissen?
    NEEE!
    Und das hab ich meinen frechen Früchten auch gesagt. Und dass es wenig Sinn ergibt, wenn man mit erregten Gemütern versucht eine Streitigkeit friedlich und sachlich zu klären. Also sollen alle still sein und runterkommen und sich ein schönes Wochenende machen. Wer am Montag immer noch ein Problem mit den Kastanien hat, der kann gerne zu mir kommen, und dann klären wir das.

    Am Montag war keiner bei mir und überhaupt: Was für Kastanien?

    Lieber Herr Mess, diese Strategie verfängt nicht immer, aber scheint mir ein heißer Tipp für den Moment, wo Menschen wie wir einfach mal keinen Bock auf Minis Streit haben.
    😉

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  6. Scharfrichter schreibt:

    „Lernkritisch“ ist auch eine nette Formulierung. 🙂

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