Der Dackel

avat_lachenGewisse Dinge ändern sich in der Schule einfach nie. Niemals nimmer nicht. Das sieht man nirgendwo besser als auf der Zielgeraden eines jeden Schuljahrs: Das Abi ist rum, und alle atmen spürbar auf. Die Mittelstufen in der Neunten entdecken kurz vor dem Latinum auf einmal ihren verloren geglaubten Ehrgeiz – und unsere Sechsten entdecken… sich.
Pubertät und Pfingstferien fallen bei den sechsten Klassen immer auf wundersame Weise zusammen. Man entlässt eine vorbildliche Schnuckiputz-Truppe in den wohlverdienten Urlaub – und hat nach 14 Tagen einen wusligen Haufen vor sich, der auf einmal alles für wahnsinnig witzig hält, was auch nur ansatzweise in Richtung Erotik tendieren könnte. Und das nervt.
Plötzlich sind lateinische Grundzahlen hochinteressant, da die römische VI nicht nur „sex“ gesprochen, sondern – ach! – sogar so geschrieben wird. Imperative zu gewissen Verben lasse ich absichtlich aus Übungen und Schulaufgaben raus, weil Formen wie dic! oder fac! meinen Unterricht für Minuten lahmlegen würden. Selbst das alt bekannte res „die Sache, das DING“ wird von konspirativem Tuscheln und Kichern begleitet. Unfreiwilliger Höhepunkt ist aber wie jedes Jahr membrum, das die Buchverlage unglücklicherweise bis heute mit „das Körperteil, Glied“ in ihren Wortschätzen stehen haben. Und mit Letzterem kennen sich die Kleinen seit Neuestem vermeintlich gut aus. Überall kritzeln sie in ihre Hefte das männliche Geschlechtsteil. Selbst in den hintersten Reihen kann ich erkennen, womit sie ihre Aufzeichnungen gerade schmücken, weil sie bei ihrer künstlerischen Tätigkeit immer wieder dasselbe Verhalten aufweisen: Erst wird gekichert, dann läuft man rot an, dann zeigt man das Werk seinem Nachbarn und gluckst im Duett. Der kleine Thomas macht das pro Stunde ca. dreimal. Letzte Woche wurde es mir dann zu bunt. Nachdem offensichtlich wieder mal eine anatomisch fragwürdige Zeichnung in seinem Heft gelandet war, bin ich im Unterricht schnurstracks auf ihn zu, um ihm sein magnum opus abzunehmen. Als er es merkt, wird er totenbleich, schmiert noch kurz in seinem Heft herum, bevor ich ihm seine Aufzeichnungen abnehmen kann. Aber statt eines membrum erblicke ich:

Den Dackel.

Bild

Respekt für diese Spontan-Zensur.

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10 Antworten zu Der Dackel

  1. pompeji schreibt:

    Thihihihihihi!!! Ich mag ja kreative Schüler! Und der Dackel ist ja wirklich toll gelungen! Musste lange gucken, bis ich das „Ur-Bild“ entdecken konnte. 😉

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  2. lilohenner schreibt:

    Mann, ist der Junge kreativ!
    Da könnte man glatt so ein Kippbild draus entwickeln und die Leute fragen, was sie sehen. Wer kichert hat sich verraten 😉

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  3. Herr Quer schreibt:

    Und das Grossartige: 2 Tage bevor ich den DACKEL hier gefunden hab, kam meine mir Angetraute aus der Schule und präsentierte den SCHMETTERLING (mit sehr verdächtig großen Augen), den ihre Schüler in einer ziemlich identischen Situation spontan improvisiert hatten.

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  4. Pingback: Der Schmetterling (oder: zweideutige Spontankunst) | Herr Quer sucht sein Glück

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