50 Shades of Embarrassment

avat_nervAls 1950 Hildegard Knef in der Sünderin ihren blanken Busen entgegenstreckte, war die Öffentlichkeit empört. Knapp 20 Jahre später forderte die katholische Kirche juristische Maßnahmen gegen die Macher des Exorzisten, der mit verstörenden Bildern schonungslos das Grauen einer Teufelsbesetzung und -austreibung zeigte. Und was waren wir geschockt, als eine nymphomanische Sharon Stone im Basic Instinct beim Polizeiverhör einen Blick auf ihr Allerheiligstes freigab. ohmySkandale und Tabubruch gehören zu Medien einfach dazu. Das Ausloten von Grenzen, das Behandeln des bislang Unaussprechlichen. Es ist Teil des Diskurses. Und in der Regel steht man den Skandalen von damals heutzutage erstaunlich unaufgeregt gegenüber. Dass mir das irgendwann aber sogar bei aktuellen Skandalthemen so gehen würde, hätte ich nie gedacht. Noch dazu bei Themen, die so aufgeblasen werden wie das derzeitige 50 Shades of Grey. Wie oft las ich vom „Skandalbuch“, vom „Skandalfilm“, von „nie bisher gezeigten Szenen.“ Und dann? Landet eine Filmversion in den Kinos, die das Verhauen mit einem Gürtel als klimatischen Höhepunkt des Streifens verkauft. Skandalös daran ist rein gar nichts außer der Tatsache, dass diese Standard-Story lediglich durch cleveres Massenmarketing zu einem solch unnachvollziehbaren Phänomen aufgeblasen wurde. Das und die wirklich schauderhafte Übersetzung, die an vielen Stellen dem Fass den Boden ausschlägt. Allein die Beschreibung des „leibhaftigen Adonis“ Christian Grey, ein „hyperattraktiver Kontrollfreak“, der mit „unglaublich langen Wimpern“, „langen Zeigefingern“ und makellos „manikürten Fingernägeln“ der Inbegriff männlicher Schönheit sein soll (Feeling hot, ladies?), der bei Anastasia Steele immer zu denselben körperlichen Reaktionen führt: Entweder gibt es Muskelkontraktionen in „köstlicher Weise“ oder Schamesröte in allen Facetten. Mal wird Madame „rot“, dann „puterrot“ oder – mein Favorit – so rot „wie das Kommunistische Manifest“. Damit einher geht gerne auch ein tiefgründiger innerer Monolog mit ihrem „Unterbewusstsein“, das definitiv mehr drauf hat als mein eigenes: Mal hebt es „schwach den Kopf“, dann „korrigiert es finster“, dann erinnert es „mit geschürzten Lippen und klopft mit dem Fuß auf den Boden.“ Oder es hebt „alamiert den Blick von seinem Buch, den gesammelten Werken von Charles Dickens, Band 1.“ Ebenso umtriebig ist ihre innere Göttin. Die „legt einen Salsa aufs Parkett“ oder „schielt von ihrem Liegestuhl herüber, auf dem sie mit einem Silberreflektor unter dem Kinn die Sonnenstrahlen einzufangen versucht.“ Das alles garniert mit Ausrufen wie „Junge, Junge“, die seit den 80ern völlig zurecht in der Abgedroschenen-Phrasenkiste ihr Dasein fristen, garantiert beste Unterhaltung. Aber so wirklich schockierend ist das nicht. Selbst aus der Antike ist man Schlimmeres gewohnt. Oder viel eher: vor allem. Schüler sind im Unterricht spätestens ab der neunten Klasse regelmäßig verstört, wenn sie bei Liebeselegien oder Schimpfgedichten erfahren müssen, wie lose bei den Römern das Mundwerk saß, sobald es um Zwischenmenschliches ging. Dabei lässt man die nicht-jugendfreien Gedichte komplett raus, die durchaus noch eins draufsetzen würden. Da wird keine Körperöffnung nicht bedient, kein Körpersaft verschwiegen, kein Utensil nicht aufgezählt, das zur Belohnung oder zur Bestrafung möglich kreativ ein… aufgeführt wird. Inklusive Fischarten oder entsprechenden Gemüsesorten. Mehr will ich dazu eigentlich gar nicht sagen. Mein Unterbewusstsein kommt nämlich gerade vom Einkauf zurück und reicht mir mit geschürzten Lippen die Einkaufstüten zurück, um sie in den Kühlschrank einzuräumen. Ui. Es gibt Flammkuchen! Da braut sich doch glatt köstliche Begierde zusammen…

ohmy2

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5 Antworten zu 50 Shades of Embarrassment

  1. pimalrquadrat schreibt:

    Ich weiß nicht, ich muss bei 50 Sahdes immer an die Simpsons-Folge denken, in der Marge zur Kitsch(Erotik?)Autorin wird. Das hat so in etwa ein ähnliches Niveau. Und wenn ma nden „Skandal“, der ja eben gerade keiner ist, einmal weglässt, dann bleibt nur viel kalte Luft übrig.

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    • herr_mess schreibt:

      Die Folge kenn ich gar nicht. Ist die neueren Datums? Am Ende ist sie sogar als Parodie auf das 50-Shades-Phänomen gedacht…

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      • pimalrquadrat schreibt:

        Ist eine etwas ältere, in der Marge literarische Phantasien mit Flanders hat – Temperance heißt die Protagonistin, es ist Folge 10 aus Staffel 15 („Fantasien einer durchgeknallten Hausfrau“) und ist schon ein wenig älter (2004). Bei der Suche nach dem Episodentitel bin ich dann tatsächlich auch auf eine 50Shades-Folge gestoßen, nämlich Staffel 24, Folge 17 („Was animierte Frauen wollen“).

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  2. Charlotte schreibt:

    Ha, vielen Dank, du sprichst mir aus der Seele. Habe mir von einer Freundin auch mal ein Romantikbuch empfehlen lassen. Angeblich ganz feministisch. Da musste sich die Hauptcharakterin erziehen lassen, auch man einfach da zu liegen und den Mann machen zu lassen und die Frauen redeten nur über Makeup und Klamotten. Daraufhin habe ich dann die vorher schon geringe Hoffnung auf das Genre ganz aufgegeben. Mal im Ernst, das kann doch die eigene Fantasie besser!

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