Über Coco (ohne Jambo)

avat_nerv„Coco! Hierher! Hier sind wir!“ Das gesamte Restaurant dreht sich um, als eine Frau Mitte dreißig mit ihrem Ehemann lauthals das Lokal betritt und versucht, ihren Vierbeiner hereinzulocken. Was mag Coco sein? Ein monströser Königspudel? Ein aufgetakelter Afghane? Falsch gedacht, unser Gedankenkino nimmt ein jähes Ende, als eine der Gäste die Frau anspricht: „Wenn Sie Ihre Tochter meinen, die ist gerade wieder auf die Straße gelaufen.“ Richtig. Coco ist ein Mädchen. Und was für eins. Davon können wir uns aus nächster Nähe überzeugen, als das Trio direkt am Tisch neben uns Platz nimmt.
Coco ist schätzungsweise vier Jahre alt, mit (künstlich nachgeholfenen) Rotkäppchen-Bäckchen, einem gepunkteten Kleid, einem Pailetten-besetzten Haarreif – und einem Saure-Gurken-Gesicht, das unseren Rotwein auf dem Tisch fast in Essig verwandelt. Zu Beginn versuchen wir noch, das Trio von nebenan zu ignorieren. Aber es fällt zunehmend schwer. Coco ist nämlich verstimmt. Denn die Eltern sitzen nicht am Tisch, an dem das Töchterchen sitzen möchte. Noch schlimmer wird es, als der Vater es wagt, ungefragt am Fenster zu sitzen. Denn da möchte Coco hin. Erst bemüht sich Mutter noch darum, das Szepter in der Hand zu halten. „Du kannst da nicht sitzen, Coco. Da sitzt der Papa.“ Nicht mehr lange. Denn Coco fängt zu heulen an und schmeißt sich mitten im Lokal auf den Boden. Muttern verscheucht daraufhin den sichtlich ennervierten Ehemann von seinem Platz, um Coco ihren Fensterplatz zu garantieren. Lektion Konsequenz? Durchgefallen.
Akt 2: Der Kellner eilt, um die Bestellung der Familie aufzunehmen. Der an den Tischrand emigrierte Pater Familias entscheidet sich für ein übliches Gericht, Muttern wird in 10 Minuten an einem kleinen Vorspeisensalat knabbern – man will sich ja die Figur nicht ruinieren. Und was will Coco? Coco will natürlich Schokoladeneis zu Mittag. Und Coco bekommt es auch. Allerdings muss dazu erst noch die Wartezeit überbrückt werden, die für das Kind quälend lang sind. Irgendwann wird es unruhig. Hüpft auf dem Platz herum, möchte aufstehen und im Lokal umherrennen. Problematisch, wenn man am Fenster sitzt und der emigierte Vater daneben sitzt. Also kommt’s, wie’s kommen muss: Coco quengelt, Muttern beruhigt, Coco weint, Mutter beschwichtigt, Coco kreischt, Mutter verscheucht den Ehemann, damit Coco ihren Willen bekommt. Und die Gäste des Lokals starren mit angestrengter Miene in ihr Essen, um bloß nicht in Sichtkontakt zu dem flotten Dreier zu geraten. Während Coco nun das Lokal unsicher macht, anderen Gästen unter den Tisch kriecht oder sich hinter fremden Mäntel in der Garderobe versteckt, bekommen sich die Eltern in die Haare. Es geht um Erziehung, es geht ums Fremdgehen, es geht um Beziehungspausen und Scheidung. Die Stimmung wird immer aufgeheizter, immer lauter. Und irgendwann quittiert die Mutter das ewige Hin und Her mit einem deutlich hörbaren „F*** dich!“ Das Paar verstummt. Wir erstarren. Und mitten in diese peinliche Szenerie tanzt auf einmal wieder ein kleines Mädchen durch das Bild, hin zu ihrem Schokoladeneis, das auf dem Tisch bereit steht.

Auf einmal nervt Coco nicht mehr. Jetzt tut sie uns einfach nur leid. Was für ein trauriges Elternhaus, in dem Coco groß werden wird. Schon verrückt, wie ein Moment alles verändern kann…

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8 Antworten zu Über Coco (ohne Jambo)

  1. einjohannes schreibt:

    Was hat sich denn verändert? Schreckliche Eltern waren sie doch vorher schon (Eltern die sich in Erziehungsfragen nicht einig sind, Frau die ihren Mann rumkommandiert) und verzogen ist die kleine Coco trotzdem…
    Ich finde, da verändert sich eig nur der „Fremdschämfaktor“.

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  2. Andrea schreibt:

    Eine sehr schöne Beschreibung! Ich gehe oft essen und das ist ein beinahe alltägliches Szenario.

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  3. Anna schreibt:

    Bei Gesprächen mit den Eltern problematischer Schüler passiert es mir häufig, dass ich denke: „Wow, angesichts der Eltern ist der Schüler eigentlich gut geraten.“

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  4. Hauptschulblues schreibt:

    In diesem zarten Alter sind Kinder immer das Erziehungsprodukt ihrer Eltern.
    Arme Coco.

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  5. lilohenner schreibt:

    In solchen Momenten (1. Teil) fällt es mir immer schwer, nicht fremdzuerziehen.
    Allerdings stellt sich mir auch die Frage nach Ei und Huhn. Natürlich kennen wir die Probleme des Paares nicht, es geht mit demnach eher um das Konstrukt, das die Geschichte aufwirft. Und zu dieser Geschichte gehört Coco und ihr Verhalten. Wir denken, oh, armes Kind, kein Wunder bei den Eltern. Wo soll sie denn Respekt und Sozialverhalten lernen?
    Und jetzt drehen wir den Spieß mal herum. Nur so ein Gedanke: stellt euch vor, die Eltern waren sich vielleicht in vielem mal nahe, als sie noch keine Eltern waren und Verantwortung mit jedem Tag neu meist nur für sich selbst übernommen werden musste. Dann kommt das Goldkind, das lang erwartete, das alles haben soll, das mal richtig gut werden soll, die beste. Und das Leben der Frau verändert sich. Die Frau mutiert zur Übermutter. Der Mann ist gefrustet. Es geht nicht mehr um ihn, alles tanzt ums Kind. Das Paar lebt sich auseinander.
    Ist also Coco verzogen, weil die Eltern ihr Uneinssein auf dem Kampfplatz Ehekrise offen austragen? Oder tragen die Eltern einen Kampf aus, weil Coco in ihrer Verzogenheit immer wieder Steilvorlagen für genervte Menschen darstellt? Oder ist beides gar nicht mehr zu trennen?

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  6. pimalrquadrat schreibt:

    Ich stimme Lilo zu, man weiß nicht, was zuerst da war. Nur eines ist klar: In dieser Konstellation geht es wohl keinem der dreien wirklich gut. Wobei Coco mit 4 wohl eher weniger Verantwortung trägt als die Eltern, die halt mal klare Kante fahren müssten.

    PS: Danke für den Ohrwurm, und den Erinnerungsflash, das Lied geört zum Ende der Grundschulzeit! 😀

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