Über Haarspaltereien

avat_lachen„Dürfte ich kurz mit Ihnen reden?“ Ilkay sieht sichtlich besorgt aus, als er sich von der Seite anschleicht, um mich anzusprechen. Komisch eigentlich, denn ich hatte ihn als Schüler in den Jahren kein einziges Mal. Wir kennen uns eigentlich nur von den Pausen und Zwischenstunden. Aber sein Gesicht spricht Bände. Irgendwas ist los. Also verziehe ich mich mit ihm in ein ruhiges Eck auf dem Gang und frage vorsichtig, was los ist. „“Nun ja“, stammelt er und streicht sich verlegen durch sein dunkles Wuschelhaar. „Irgendwie wird’s immer weniger.“ Ich verstehe erst überhaupt nicht, was er meint, bis ich merke, dass er immer noch in den Haaren fummelt. „Darf ich fragen, wann es bei Ihnen damit losging?“
Schockiert lege ich mir eine Hand auf meinen deutlich sichtbaren Charakterkopf und spiele den Empörten: „Warum sprichst du ausgerechnet mich wegen Haarausfall an!?“ Ilkay wird erst bleich, merkt aber dann, dass ich nur Spaß mache und lächelt gezwungen. „Ich war sogar schon beim Arzt und hab’s untersuchen lassen.“ Ist ja süß. So wie ich damals mit 19, als meine Geheimratsecken schon gut ausgeprägt waren. Ich kenne die Untersuchungsmethoden und wohl auch die Diagnose: „Lass mich raten: Androgenetisches Effluvium.“ Ilkay nickt bedrückt. „Klingt das nicht furchtbar?“ In der Tat ist ein Zustand, der den Ausdruck „Ausfluss“ im Namen hat, alles andere als akustisch ansprechend. Aber letztlich hat es nur mit Hormonen zu tun, die sich an den Haarwurzeln austoben. Es gibt wirklich Schlimmeres, aber für einen 19-Jährigen durchaus ein Angriff aufs männliche Selbstwertgefühl, das sich gerade erst von der Pubertät erholt hat. Also packe ich ihn auch genau dort: „Mach dir keine Sorgen. Wenn es so ist, dann ist es so. Steh einfach dazu und mach keine Experimente“, erkläre ich ihm und blicke dabei möglichst verschwörerisch, als würde ich ihn zum Geheimbund der Glatzköpfe einladen. “ Die Mädels stehen drauf“,  Ilkay ist noch nicht ganz überzeugt: „Und wenn nicht?“ „Dann sind’s die falschen Mädels.“  Exit Ilkay laetus.

Herr Mess: Lehrer, Philologe, Seelentröster, Vorsitzender des Charakterkopf-Geheimbundes. Auch zu Ihren Diensten.

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5 Antworten zu Über Haarspaltereien

  1. Frau Henner schreibt:

    Mann hat der Junge Mut!

    Gefällt 2 Personen

  2. Solminore schreibt:

    Es gibt in Thornton Wilders Ides of March eine hübsche Stelle, wo eine Putzsklavin im Hause Caius Julius Caesars ihren Herrn wegen dessen Bemühungen (Kurpackungen), seinen Haarausfall in den Griff zu kriegen, tadelt und ihm eine kleine Trostrede hält. Caesar sehe auch mit Glatze gut genug aus; aber für Klugheit und Haare sei auf einem einzelnen Kopf nicht Platz genug, und Caesar solle doch lieber froh sein, Klugheit zu besitzen, als seinem Haupthaar nachzutrauern. Caesar kommentiert diesen Wortwechsel in einem Brief so: I am thinking of making this woman a Senator.

    Gefällt 1 Person

  3. Herr Quer schreibt:

    Ich find es immer schön, wenn Lehrer zu Vertrauenspersonen werden, die auch bei nichtschulichen Dingen befragt werden. Ich hab das Gefühl, Schüler haben kaum erwachsene Ansprechpartner, die auch mal solche Aspekte des Erwachsenwerdens erklären und begleitenn.

    Herr Quer – mit Nichtmehrgeheimratsecken

    Gefällt 1 Person

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