Über Gefühlsdusel

avat_nervAch ja, Ovids Metamorphosen. Ganz großes Klassik-Kino. Große Gefühle, perfekt komponierte Hexameter, komplexe Handlungsstränge und mittendrin – und das mag für ein paar ungewohnt kommen: eine gehörige Portion Komik.
Wer zu meiner Zeit noch in der Schule saß, las Ovids Texte immer als seriöse Angelegenheit. Vor allem die Metamorphosen behandelte man wie eine bierernste Sammlung kunstvoll komponierter mythologischer Episoden, in der sich schlichtweg kein Platz für Komik fand. Mittlerweile ist man davon etwas abgekommen. In allen Werken von Ovid treten immer wieder Elemente auf, die den Eindruck der Ernsthaftigkeit in Frage stellen. Selbst in seinen Tristien, die ja angeblich an Augustus gerichtet waren, um eine Rückkehr aus der Verbannung zu erwirken, sind von solchen Momenten durchsetzt. Wenn Ovid darüber klagt, dass es in Tomi so kalt ist, dass man Wein in Stücke schneiden kann (vina nec hausta meri, sed data frusta bibunt, Trist. 3,10, 24), oder die Jäger beim Fischen ihre Beute in einem riesigen Eiswürfel aus dem Fluss sägen könnten, dann fragt man sich schon, ob dieses Bittgesuch ernst gemeint sein soll.
Auf solche komische Brechungen ist die 10B getrimmt. Von mir. Jede Geschichte aus den Metamorphosen haben wir darauf abgeklopft. Und wir wurden jedes Mal fündig: Venus führt sich im Liebeswahn auf wie eine Sparversion der keuschen Jagdgöttin Diana und befiehlt ihrem Geliebten Adonis, bei der Jagd nur auf Hoppelhäschen und Rehe loszugehen, da diese ihm nichts anhaben könnten. Bei einer Götterschlacht fliegen Torten und Kandelaber durch die Luft wie in einem Cartoon. Und selbst in Pyramus und Thisbe werden sich die Schüler den Kopf kratzen, wenn das aus der Wunde herausschießende Blut des Pyramus in Vers 122-124 mit einer geborstenen Wasserleitung verglichen wird. Im Moment wundern die sich in der tragischen Liebesgeschichte allerdings über etwas völlig anderes: Nämlich die olle Wand.
Wer die Geschichte kennt, wird sich erinnern: das Paar kommuniziert anfangs nur über einen Riss in der Wand, die ihre beiden Zimmer trennt. Dass sie deswegen das Gemäuer erst wüst beschimpfen (‚Indive‘ dicebant, ‚paries, quid amantibus obstas?‘, Met. 4.73) und ihm dann wieder wohlwohllend zureden (Nec sumus ingrati, Met. 4.76) , offenbart ja schon eine gewisse Komik. Aber das ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Was die Schüler als völlig absurd ansehen, sind die Worte der Verse 79f.

sub noctem dixere „vale!“ partique dedere
oscula quisque suae non pervenientia contra.

(Zum späten Abend hin sagten sie sich gute Nacht, und jeder der beiden gab seinem Teil (der Wand) Küsse, die ihr Ziel auf der anderen Seite nicht erreichten.)

„So was Bescheuertes, eine Wand abzuknutschen“, meint Paco.
„Und eigentlich auch ziemlich unhygienisch, wenn man drüber nachdenkt“, legt Lisa nach.
Naja, entgegne ich. Seinem Herzblatt einen Schmatz in den Hörer zu geben oder auf dessen Bild, wenn es abwesend ist, ist ja letztlich nichts anderes.
„Wer macht denn sowas Dämliches?“ schaltet sich da Emma ein.
Ich stelle die Frage ans Plenum und bitte um Handmeldung.
Nur ein Finger geht nach oben.
Meiner.
:-/

Pyramus et Thisbe, iuvenum pulcherrimus alter/ altera, quas Oriens habuit, praelata puellis…

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16 Antworten zu Über Gefühlsdusel

  1. ninaxy3 schreibt:

    Wir haben Ovids Metamorphosen gar nicht behandelt…. 😮
    Dafür aber Ars Amatoria 😉

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  2. einjohannes schreibt:

    Hier ebenso, für die Metamorphosen musste es schon der LK sein…(evtl hätte auch der Grundkurs gereicht, aber der kam nicht zustande)
    PS: Für Tolkien ist der „Hobbit“ durchaus ausreichend: kürzer, mehr auf den Punkt und um das Tolkiensche Universum zu begreifen ausreichend.

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    • herr_mess schreibt:

      Echt? Hier in Bayern in Ovid mit seinen Metamorphosen in der zehnten Klasse dran. Interessant wie unterschiedlich die Lehrpläne wohl sind…

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      • einjohannes schreibt:

        Das war in Bayern. Interessant, was Lehrer so unterrichten 😉

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      • rhadamanthys schreibt:

        War in NRW 1981 auch in der zehnten, ganz normale Lateinklasse (erste Fremdsprache), danach hatte mandas große Latinum und konnte Latein in der Oberstufe abwählen und so die 4 verstecken. Auf dem Abiturzeugnis stand dann nur was vom großen Latinum.

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      • KC schreibt:

        Wir hatten in der 10. sogar Metamorphosen UND Ars im selben Halbjahr. In der Oberstufe haben wir dann noch versehentlich die Tristien gemacht, weil unser Lehrer unseren Lehrplan mit dem des Grundkurses verwechselt hat 😀 😀 😀 So wären wir beinahe um die Aeneis herum gekommen.

        Apropos komische Elemente: Bist du in dem Zusammenhang schon mal auf den Gedanken gekommen, entsprechende Motive aus der römischen Komödie in deutscher Übersetzung als Vergleichstexte heranzuziehen?
        Was du da oben so als Beispiele bringst, bin ich mir sehr sicher, dass sich da bei Plautus und Terenz etwas Entsprechendes findet.

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        • herr_mess schreibt:

          Das mit der Komödie ist bestimmt verlockend. Ich muss zugeben, ich hab’s aber noch nie nachverfolgt, weil ich die Komödien nur begrenzt witzig finde…

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          • KC schreibt:

            Das kommt, glaube ich, ganz darauf an, mit wem man die zusammen behandelt. Ich hatte mehrere Veranstaltungen dazu an der Uni, die waren zum Niederknien komisch (hab heute noch Seitenstechen, wenn ich dran denke :D), weil der Dozent es sich nicht hat nehmen lassen, das Komische auch wirklich komisch-komisch zu behandeln und eben nicht abstrakt-wissenschaftlich-ernst darüber gearbeitet hat.
            Man muss sich da immer so eine Art Monty-Python-Truppe als Besetzung vorstellen 😀 😀 😀
            Tztztz, ihr Streber in Bayern…Martial dümpelt vor sich hin? Aber nur grammatisch 😀 😀 😀

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        • herr_mess schreibt:

          Also wir in Bayern machen die Ars ja schon in der Neunten *hust* Da tun sich die Leute aber mit dem Text sehr schwer. Ist schon eine ganz andere Nummer als Martial-Epigramme. Die dümpeln großenteils immer sehr gemütlich vor sich hin…

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