Das Ende ist nah!

avat_nervAls ich auf den Pausenhof trete, ist es mucksmäuschen still. Ich bin allein. Am hellichten Tag. Dank einer glücklichen Fügung des Schicksals fällt meine Freistunde genau auf den Moment, in dem die SoFi2015 um 10.39 Uhr ihren Höhepunkt erreicht. Mit einer dieser hässlichen Spezialbrillen bewaffnet, starre ich, wie Millionen anderer Europäer just in diesem Moment nach oben zur Sonne, um das Schauspiel zu begutachten, auf das die Medien schon seit Wochen berichten. Und unsere Schule ist voll und ganz drauf eingestiegen.
Im Vorfeld wurden schon alle möglichen Vorbereitungsmaßnahmen getroffen. Die Physiklehrer haben kleine Projekte zum Thema gestartet, um das Phänomen den Kindern näher zu bringen, Klassleiter klapperten sämtliche Optiker in der Umgebung ab, um die heißbegehrten Schutzbrillen zu besorgen, hatten sogar schon angefangen, einen Plan zu entwickeln, wie man mit den einzelnen Klassen in Ruhe auf den Pausenhof gehen könnte, ohne dabei den Schulbetrieb allzusehr zu stören. Eben den Pausenhof, auf dem ich hier gerade stehe. Dann kam aber alles anders. Vor allem aber schnell.
In einem Eilverfahren wurde zwei Tage vorher ein Schreiben an die Eltern herausgegeben, um vor den Gefahren der Sonnenfinsternis zu warnen. Im Grunde vor allem mit dem Wortlaut, der dem Schreiben des Kultusministeriums entspricht. Im Laufe des Tages ertönten dann allerdings vier zusätzliche Durchsagen, die das Gedruckte präzisierten: Erst ging es nur um die Schäden, die man sich an den Augen zuziehen könnte. Dann wurde in einer zweiten Durchsage den Schülern der Gang auf den Pausenhof am Tag der Sonnenfinsternis untersagt. Zuletzt wurden die Lehrer sogar angewiesen, die Vorhänge während des Unterrichts zuzuziehen, um zu verhindern, dass ein Schüler aus Versehen zu lange in die gleißende Sonne sieht. Geschürt wurde die Panik zusätzlich von mehreren Anrufen besorgter Mütter, die nachfragten, ob auch wirklich sicher gestellt sei, dass die Kinder dem Sonnenlicht nicht ausgesetzt sind. Und so wurde die Schule für den heutigen Tag komplett verhangen. Jedes Klassenzimmer. Selbst die Fenster der Turnhalle wurden mit langen Tüchern verdeckt. Alles aus Sicherheitsgründen für die Kinder. Die empfinden das allerdings ein kleines bisschen anders.
Die Oberstufe fühlt sich gegängelt, weil man ihnen nicht zutraut, selbständig für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Die Mittelstufe ist ohnehin kurz vor den Ferien in Grummelstimmung und auf Krawall gebürstet. Ganz besonders reagieren die ganz Kleinen in der 6D: Die haben sich von der Hysterie der möglichen Erblindung komplett anstecken lassen und sind völlig paranoid: Eine Schülerin fragt mich, ab wann es denn wieder sicher sei, nach draußen zu gehen. Als ob draußen die Apocalypse wüte. Ein anderer Schüler erzählt, dass die Gefahr schmerzhafter Brandblasen heute besonders hoch sei, weil durch die Sonnenfinsternis alles intensiviert werde. An regulären Unterricht ist in den ersten Minuten nicht zu denken. Dafür sind die Kleinen viel zu wuselig und müssen erstmal auf den Boden der Tatsachen gebracht werden. Aber was sich erstmal in den Köpfen festgesetzt hat, ist schwer rauszubekommen. Ein Großteil ist fast schon froh, hinter den Vorhängen Schutz zu finden.
Wie zum Beweis schieße ich ihnen nach dem Ereignis ein paar Fotos von der Sonne mit vorgehaltener Schutzfolie, um ihnen zu beweisen, dass jetzt alles vorbei ist – und die Sonne immer noch nur die Sonne ist – und lese ihnen aus Archilochos und Curtius Rufus vor, um zu zeigen, wie die Menschen vor 2500 Jahren bei Sonnenfinsternissen gehandelt haben – nämlich ebenso paranoid wie die 6D.

20150320_122004

Bild

Here comes the sun!

Und der Q11 zeig ich passend zum Thema Soundgardens Black Hole Sun 🙂

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Pädagogik abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Das Ende ist nah!

  1. Pingback: Sonnenfinsternis 2015, in der Schule | Lehrerzimmer

  2. einjohannes schreibt:

    Es gibt einen Archilochus? Ich war mir im ersten Moment sicher, der müsse erfunden sein – wegen der Ähnlichkeit zum deutschen…

    Gefällt mir

    • KC schreibt:

      Frühgriechischer Lyriker, bekannt für seine beißenden Spottlieder.
      Jeder Griechisch-Schüler ist begeistert, wenn man den das erste Mal hört. Also den Namen, übersetzen würde man den in der Schule wohl nicht.

      Gefällt 1 Person

    • herr_mess schreibt:

      Ich würde doch niemals Halbwissen verbreiten! Noch dazu ist der Name leider nicht mehr halb so witzig, wenn man den Namen an den richtigen Stellen betont. Dann klingt es kein bisschen mehr wie ein deutsches Körperteil…

      Gefällt mir

      • einjohannes schreibt:

        Wie phonetisiert man den Namen denn korrekt?

        Gefällt mir

        • herr_mess schreibt:

          Archílochos. Sagt zumindest mein altphilologisches Gespür aus der Lateinerwarte. KC kann mir hoffentlich zustimmen…

          Gefällt mir

          • KC schreibt:

            Korrekt, korrekt. Empfehlenswerte „Werke“ wird schwierig. Ich glaube, wir haben nur Fragmente, also Textschnipsel. Es tauchen allerdings in letzter Zeit immer mal wieder Papyri von den Frühgriechen auf.
            Er hat aber Einfluss auf die (späteren) römischen Elegiker und Satiriker gehabt, von denen wir wesentlich mehr haben, also Catull, Horaz vor allem, die ja auch in der Schule nicht ganz so unbekannt sind.

            Gefällt mir

  3. retemirabile schreibt:

    Eine Schülerin fragt mich, ab wann es denn wieder sicher sei, nach draußen zu gehen. Als ob draußen die Apocalypse wüte. Ein anderer Schüler erzählt, dass die Gefahr schmerzhafter Brandblasen heute besonders hoch sei, weil durch die Sonnenfinsternis alles intensiviert werde

    Solche Aussagen und Fragen gab es bei uns auch. Bei all der Hysterie der »Besorgten« kam wohl auch kein Qualitätsjournalist auf die Idee zu erklären, dass die Sonne und ihre Strahlen an diesem Tag kein bisschen anders sind als sonst, ja eher schwächer. Sprich: dass es auch sonst keine gute Idee ist, direkt in die Sonne zu schauen. Ich werde nächste Woche noch mal ein bisschen nachbereiten mit meinen Klassen.

    Aber: ich bin froh, dass wir an unserer Schule zumindest gemeinsam im Innenhof mit Lochkameras und Projektionen die Sonnenfinsternis beobachten konnten.

    Gefällt mir

    • KC schreibt:

      Erinnert ein bisschen an diese Auto-Werbung i Radio, wo das Mädchen dem Jungen erklärt, dass die Sonnenstrahlen in seine Nase kriechen und sie von innen schmelzen, wenn er sie nicht zuhält 😀

      Gefällt mir

  4. Susann schreibt:

    Das ist so abstrus – wir (anfang 40) haben uns überlegt, ob unsere Eltern bei der Schule angerufen hätten, um die Schule dafür verantwortlich zu machen, dass wir bei einer partiellen SoFi nicht unsere kostbaren Äuglein verbrennen. Eine völlig abstruse Idee – die mehrfach in den Medien gehörte Warnung davor, direkt in die Sonne zu schauen – wurde noch mal wiederholt, und dann gingen sie davon aus, dass wir ein bisschen Selbsterhaltungstrieb besitzen. Zu recht, übrigens.
    Was sind das für Eltern, die ihren Kindern kein richtiges Verhalten bei einer Sonnenfinsternis zutrauen? Es ist mir rätselhaft.

    Gefällt mir

  5. dasuxullebt schreibt:

    Mussten auch Globuli mit Calendula ausgeteilt werden?

    Gefällt mir

  6. Pingback: Vernebelte Sonnenfinsternis und debattierende Jugend | Kreide fressen

  7. lilohenner schreibt:

    Krass!
    Aber es passt in das Bild, dass einige Menschen den normalen Umgang mit sich und anderen und ihrer Umwelt verlernen. Die armen Kinderchen. Naja, wenn die Sechser schön alt werden, kriegen sie die nächste SoFi noch mit. Aber ich fürchte, dann wird man auch im Altersheim die Fenster zuziehen, damit sich die Hochbetagten keinen Augenschaden zufügen!
    Meine Sechser waren sehr vernünftig in der Pause, ohne Brille haben sie es nicht gewagt, auch nur den Kopf in Richtung Sonne zu heben. „Frau Henner, nicht in die Sonne gucken!“, riefen sie, als ich – erfreut über die Frühlingssonne – mein Gesicht gen Himmel strecke. Und ALLE sind heil geblieben. Katastrophe hat nicht stattgefunden. Dafür magisches Licht. Das werden die Schüler so schnell nicht vergessen.

    Gefällt mir

Quid sentis?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s