Von fremden Federn

avat_wut-150x150„Schau dir mal das an“, meint meine Kollegin und hält mir einen Flyer vor die Nase, den sie von einer befreundeten Lehrerin aus Regensburg zugesteckt bekam. Auf ihm wirbt ein mir bis dato ungekannter Privatverlag mit einer neuen Publikation: Einem Übungsbuch für die fünfte Klasse in Latein. Der Clou daran: Das Übungsbuch besteht zu 100% aus authentischen Schulaufgaben, die von Lateinlehrern stammen. Da das Erstlingswerk scheinbar so schnell wegging wie warme Semmeln, ist der Verlag nun wieder auf der Suche nach neuen Lateinschulaufgaben. Soweit nichts Verwerfliches. Der Haken: Das Schreiben ist nicht an Lateinlehrer gerichtet, sondern explizit an Eltern. Diese sind offensichtlich dazu aufgefordert, die Schulaufgaben ihrer Kinder einzusenden.
Ich lasse etwas Platz, um alles etwas sacken zu lassen…

 

avat_shock

Wha…!?

Geht’s noch!? Nicht nur, dass hier jemand mit dem geistigen Eigentum anderer Leute mal eben eine schnelle Mark verdienen möchte. Der jeweilige Urheber der Arbeiten wird gar nicht erst um Erlaubnis gefragt. Das Einsenden und Vervielfältigen in Buchform soll offenbar ohne deren Einverständnis vonstatten gehen. Verständlich, denn die dürften durchaus etwas dagegen haben, wenn ihre Tests einfach an Verlage weitergereicht werden. Wer einmal selbst eine gute Schulaufgabe entworfen hat, wird nachvollziehen, was das für eine Arbeit ist. Wochenlange Vorbereitung, Vorentlastung, rechtzeitiges Abgleichen mit den Lerninhalten, eventuelle Rücksprache und Durchsicht des Entwurfs durch Kollegen – all das kumuliert in einer Schulaufgabe, die so viel wie möglich inhaltlich abdecken möchte. Gegossen in ein schönes Layout, bestenfalls mit eigenem Artwork garniert, denn im Jahre 2015 locken die gähnend langweiligen Wordart-Cliparts niemanden hinter dem Ofen hervor. Für sowas gehen mehrere Stunden drauf. Stunden, für die man ohnehin nichts gezahlt bekommt. Dass ich mich dann ärgere, wenn jemand anderes versucht, daraus Kapital zu schlagen, ist hoffentlich verständlich.

Daher meine Frage an die versierten (Hobby-)Juristen: Ist das überhaupt koscher, was unser Verlag aus der Oberpfalz da veranstaltet?

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14 Antworten zu Von fremden Federn

  1. einjohannes schreibt:

    Zu Schulaufgaben kann ich nichts sagen. Um Klausuren kopieren zu dürfen muss ich teilweise (hängt vom Lehrstuhl ab) aber unterschreiben, dass ich mir bewusst bin, dass diese urheberrechtlich geschützt ist und Vervielfältigung (insb. Internet) daher strafbar ist. Vermute mal, dass das analog auch für deine Arbeiten gilt. (Grundsätzlich musst sich Urheberschaft ja nach Schöpfungshöhe, die dürfte bei dem beschriebenen Aufwand doch vorhanden sein)

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  2. KC schreibt:

    Also so richtig legal hört sich das in meinen Ohren auch nicht an. Das Problem ist wahrscheinlich auch, dass man als Lateinlehrer ja auch nicht unbedingt Uberblick über alle erscheinenden Werke hat und einen dementsprechend das eine mit den geräuberten Aufgaben dann durch die Lappen geht.
    Aber vom Grundsatz her kenne ich das zu zumindest von der Uni her so, dass auf den Aufgabenkompendien einzelner Fachgebiete auch Copyright liegt, auch wenn die nur von den Hilfskräften kopiert und gebunden werden.
    Dem regelrechten Kleinkrieg, der immer ausbricht, wenn die Lateinverlage bei unseren Fachtagungen sich um die besten Standorte für ihre Messestände schlagen, nach zu urteilen, muss es da aber um richtig viel Geld gehen.

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    • herr_mess schreibt:

      In Latein ist die Branche ja insgesamt überschaubar. Da gibt’s die üblichen Platzhirsche, bei denen alles Reibach macht, was einen einschlägigen Verlag und einen noch einschlägigeren Namen eines Herausgebers/Verfassers trägt (Ich sage nur Buchner/Friedrich Maier). Die bekommen den größten Teil vom Kuchen. Der Rest schlägt sich um die Krümel… Wenn’s bei Schulbuchverlagen um viel Reibach geht, dann würde ich am ehesten zu den modernen Fremdsprachen schauen. Alleine was das aktuelle Klett-Lineup von seiner GreenLine-Serie unters Volk wirft, ist der absolute Wahnsinn: Schulbuch, Arbeitsheft, Schulaufgabentrainer, Vokabeltrainer, grammatisches Beiheft, Extra-Listening CDs, Mediation CDs, Lehrerkommentare, Lernsoftware. Und das für jedes einzelne motherfreakin‘ Schuljahr!

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  3. enismenisdschungelpenis schreibt:

    Das ist garantiert nicht sauber. Aber wenn sich die Urheber nicht beschweren……..?? Bring doch selber solche Lernhilfen raus. Erstellt sind sie ja eh. Dürfte sich doch inzwischen einiges angesammelt haben.

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  4. Scharfrichter schreibt:

    Wenn da tatsächlich keine Einwilligung der betroffenen Lehrkräfte vorliegt, könnte so eine Publikation eine Straftat nach den §§ 106, 108a UrhG darstellen. Dass ein Verlag so etwas nicht merkt, wäre aber wirklich ein dicker Hund.

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    • herr_mess schreibt:

      Kann ich mir auch nicht vorstellen. Noch dazu wo der Verlagsleiter dezent auf seinen Dr. jur. hinweist. Vielleicht hat er wirklich ein Schlupfloch gefunden, die Urheberrechte zu umgehen. Wenn man in der Schulaufgabe z. B. die Namen der Akteure ändert, reicht so etwas schon?

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      • einjohannes schreibt:

        Ich tippe auf nein (wenn ich ein Wort in einem Zitat ändere entsteht ja auch kein neues Werk, und das Abdrucken von Tweets (obwohl die ja nur 140 Zeichen haben) gilt (glaube ich) als Urheberrechtsverstoss. Ansonsten, vielleicht hat ja Thomas Stadler mal was dazu geschrieben (Zum Urheberrecht zB hier: http://www.internet-law.de/2015/03/wann-darf-ein-gastwirt-fussballuebertragungen-eines-bezahlsenders-zeigen.html ) oder Udo Vetter auf dem Lawblog…

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      • Scharfrichter schreibt:

        Das bloße Austauschen von Namen reicht dafür wahrscheinlich nicht; und ich wüsste auch nicht, wo da das Schlupfloch sein sollte. Eher schon wird man die betreffenden Lehrkräfte angefragt und von ihnen grünes Licht bekommen haben; alles andere wäre schon rein wirtschaftlich gesehen Wahnsinn (solche Rechtsstreitigkeiten sind nicht nur lästig, sondern auch und vor allem teuer).

        Zum Thema Doktorgrad: Generell bedeutet der ja nicht, dass sein(e) Träger(in) wirklich etwas von seinem Fach versteht, sondern nur, dass man etwas davon verstehen sollte. Anschauungsunterricht findet sich in jedem Gerichtssaal. *eg*

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        • herr_mess schreibt:

          Hm… Und wenn man ein paar der Sätze in seiner Stellung verändern würde? Ändert in Latein ja nichts am Sinn des Satzes. Ich kann mir sonst nicht vorstellen, dass man so einfach so ein Werk herausgeben kann. Immerhin gibt es ja schon einen Band. Ich könnte es ja auf einen Versuch ankommen lassen und was einschicken 😉

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  5. B. Lachner schreibt:

    Hmmm … in Mathe gibt es die Diskussion, ob die Lehrer, Aufgaben aus Büchern kopieren können. Ich glaube, es läuft darauf hinaus, dass man natürlich nicht verbieten kann, bestimmte Aufgaben zu verwenden, denn die Zahlen und die Rechenzeichen sind ja nicht patentiert. Natürlich darf man die Aufgaben nicht einfach kopieren und als Bild einfügen. Bei Textaufgaben, kann man die Idee, die dahinter steckt, sicher auch nicht patentieren, aber ich darf natürlich nicht den Text wort- wörtlich übernehmen.

    In sofern könnte es hier so sein, dass man Ideen für Aufgaben zwar übernehmen kann, aber solange man sie irgendwie verändert und alles selber schreibt kann man vermutlich nicht mehr das Copyright geltend machen.

    Disclaimer: Ich bin kein Jursist 😉

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    • herr_mess schreibt:

      Also hier in Bayern ist das für Unterrichtszwecke möglich, aber das ist alles ganz genau reglementiert: Prozentzahl der Seiten, die tatsächlich kopiert werden dürfen, Verbot des Hochladens von digitalen Kopien auf irgendwelche Lernplattformen usw.

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    • rhadamanthys schreibt:

      In diesem Bereich kann man sowieso nichts „patentieren“, das ist eine völlig andere Baustelle als das Urheberrecht, um das es hier geht.

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  6. HY schreibt:

    Wenn ich in einem derartigen Werk eine meiner Physik-Schulaufgaben entdecken würde, gäb‘ es eine Strafanzeige. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich mit einem Kollegen (auf Gegenseitigkeit!) die Aufgaben austausche oder ob jemand ohne mein Einverständnis die Aufgaben „abgreift“ und dann noch damit verdienen will.

    Die Verwendung von Aufgaben aus Lehrbüchern in einer Schulaufgabe ist übrigens keine Verletzung des Urheberrechts, denn das ist keine Veröffentlichung. In Bayern ist das sogar durch eine rechtliche Vereinbarung zwischen Schulbuchverlagen und Kultusministerium abgesichert.

    Inzwischen ist es ja so, dass selbst das Bayerische Kultusministerium aus urheberrechtlichen Gründen die Abschlussprüfungen (Realschule) nur noch zum Teil bzw. die Abitur-Aufgaben gar nicht mehr online stellt.

    Eine juristische Stellungnahme gibt es hier:
    http://www.frag-einen-anwalt.de/Urheberrecht-bei-Schulaufgaben—f113675.html

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