Sapere aude: Das Forum Romanum

avatarEs gibt so Fragen im Unterricht, die einen so richtig aus der Bahn werfen. Weil man sowas eigentlich wissen müsste – und in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer hat. Umso unangenehmer, wenn der Bittsteller ein neunjähriges Mädchen ist. In diesem Fall die kleine Julia. Sie ist in Latein absolute Oberklasse und trotz ihres Nesthäkchen-Status (mit 1,30 reichen die Füße beim Sitzen nicht mal auf den Boden) ein scharfer Kopf. Die Stunden zur Topographie Roms haben es ihr besonders angetan. Permanent ist der Finger oben und ihr Mund offen. Dem Fragen-Stakkato halte ich seit Minuten souverän stand, bis sie mich mit einer doch recht grundlegenden Frage zu Fall bringt: „Was passiert mit dem Forum Romanum eigentlich nach dem Fall des römischen Reichs?“
Öhm… Gute Frage. Aber mehr als „die Anlagen verlottern über die Jahrhunderte“ habe ich nicht zu sagen. Eigentlich schade, immerhin handelt es sich beim Forum Romanum nicht einfach um irgendein Seitengässchen in Hintertupfing, sondern um DEN Dreh- und Angelpunkt der römischen Geschichte. Hier wurden große Reden gehalten und Politik gemacht, die das Leben von Millionen von Menschen bestimmen sollte. Hier wurde Gaius Gracchus am helllichten Tage erschlagen, weil er sich zu sehr für die Belange der Bauern einsetzen wollte. Hier starb Caesar und die römische Republik, und mit Cicero auch ihr hitzigster Verteidiger, dessen Hände und Kopf auf den Rostra ausgestellt wurden. Aber all diese Geschehnisse fallen in die Zeiten der späten Republik und des frühen Prinzipats. So wie ein Großteil des Wissens, das man sich im Lateinstudium aneignet. In der klassischen Philologie befasst man sich vorrangig mit Texten, die zwischen 100 vor und 150 nach Christus geschrieben wurden. Spätantike oder gar mittellateinische Literatur wird gerne wegen ihrer sprachlichen Eigenheiten, die sie von dem „schönen“ klassischen Latein abhebt, gerne nur als Fußnote erwähnt. Ähnlich sieht es mit Archäologie aus. Über die Bauwerke und deren Nutzen zur klassischen Periode lernt und liest man viel. Was jedoch im Mittelalter mit den Anlagen passiert, darüber wissen die wenigsten etwas. Ich inklusive. Aber damit ist jetzt Schluss. Dank Julia hab ich mich ein bisschen hingesetzt und nachgeforscht. Die folgenden Zeilen, Julia, sind nur für dich!

Die nachklassische Zeit

Für die Zeit nach dem zweiten Jahrhundert nach Christus ist für das Forum Romanum relativ wenig Bauaktivität bezeugt. Erst mit Diokletian setzt wieder eine architektonisch relevante Phase ein, in der der Kaiser das Areal zu Propagandazwecken mit zahlreichen neuen Gebäuden schmückt. Und dazu hatte er allen Grund. Immerhin reorganisierte er das Imperium von Grund auf, indem er das Heer, das Steuersystem, die Provinzenaufteilung sowie das Herrschersystem mit der Tetrarchie grundlegend reformierte und sich so deutlich vom mittlerweile gescheiterten System des Prinzipats abwandte, das auf der „Doppelherrschaft von Senat und Kaiser basierte“ (Coarelli, 63). Unter Diokletian wurde das Imperium selbst zur absoluten Macht. Die neue Stabilität, die sich durch diese Reformation ergab, drückte sich auf dem Forum Romanum in zahlreichen Ehrensäulen auf, die Diokletian während seiner Machtperiode aufstellen ließ. Ganze 12 dieser Säulen wurden unter seiner Ägide aufgestellt, sowie eine Reiter-Statue von Konstantin, die an derselben Stelle stand wie die Reiterstatue der verhassten Domitian, die nach dessen Ermordung entfernt worden war. Damit verebbt allerdings die Bautätigkeit auf dem Forum Romanum wieder. Das Imperium ist damit beschäftigt, sich über die folgenden Jahrzehnte seiner Haut zu erwehren und die nimmer endenen Zuströme an Feinden abzuhalten, die sich durch das römische Reich wüten. Mit dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches Mitte der fünften Jahrhunderts verblasst der Stern der ewigen Stadt. Und mit ihr auch der Glanz ihrer Gebäude.

Das Mittelalter

Die Phokas-Säule; Quelle: Wikipedia

Die korinthische Säule, die zu Ehren des oströmischen (!) Kaisers Phokas 608 n. Chr. errichtet wurde, ist das letzte Bauwerk, das auf dem Forum Romanum errichtet wird. Sie ist uns heute noch erhalten und demonstriert, dass man sich der Signalwirkung Roms und seiner Bauwerke nach wie vor bewusst war. Seine Hauptaufgabe hatte das Forum allerdings für immer verloren. Die alten Gebäude verwahllosten, ohne dass man sich groß für die interessierte. Entweder wurden sie in neue Anlagen mit integriert – so zum Beispiel der Septimius Severus-Bogen, der Teil einer Befestigungsanlage wurde – oder man bediente sich der alten Bausubstanz als Steinbruch für neue Gebäude. So geht man davon aus, dass vor allem die römischen Stadtgeschlechter des Mittelalters einen Großteil ihrer prächtigen Bauwerke durch permanentes Abtragen von Material aus dem Forum Romanum bewerkstelligten. Allen voran die Frangipani, die sich in der Gegend des Titusbogens ein Kastell“ (Henze, 608) einrichteten. Wozu einen Steinbruch aus der Umgebung bemühen, wenn man Millionen von Steinen direkt vor der Nase hat? Was man nicht nutzen konnte, wurde in Kalköfen verheizt und einem neuen Zweck zugeführt. So verfielen die alten Bauten zusehends. Und nicht nur das. Über die Jahrhunderte versank das Forum Romanum unter „der herangewehten und von den Hügeln herabgespülten Erde“ (Henze, 608) der Umgebung. Immerhin haben wir es beim Forum Romanum mit einem trockengelegten Areal zu tun, das in einer Senke liegt und somit alles auffängt, was durch Wind, Regen und Erdrutsch hineingerät.

Die Neuzeit

So war das Forum Romanum im ausgehenden Mittelalter zu einem Großteil unter einer meterhohen Schicht von Ablagerungen begraben. Das Bodenniveau hatte sich deutlich angehoben, sodass von den Bauwerken oft nur noch die oberen Teile zu sehen waren. Ein Kupferstich aus dem 17 Jhdt. von Giovanni Battista Piranesi belegt das.

campo vaccino

Veduta di Campo Vaccino, ca. 1750 Für größere Version klicken

Vorne links ist deutlich der Bogen des Septimius Severus zu erkennen, dessen Seitenbögen fast gänzlich zugeschüttet sind. Da wir deren Höhe heute nachmessen können (laut Coarelli betragen sie 7,8 Meter), kann man davon ausgehen, dass das gesamte Areal von ca. 7 Meter hohen Geröllschicht bedeckt war. Aber das ist nicht das einzig Interessante am Kupferstich. Zunächst lässt sich anhand der Legende erkennen, dass viele der antiken Bauwerke im 17 Jhdt. noch zugeordnet werden konnten. Anderen Bauwerken hingegen fehlt eine Bezeichnung. So wurde die Phokas-Säule, die deutlich im Zentrum des Forums in die Höhe ragt, überhaupt keine Nummer zugeteilt. Die Weihinschrift, die die Säule nämlich eindeutig zuordnet, wurde erst 1813 freigelegt und war zur Entstehungszeit des Kupferstichs unter meterdickem Schutt begraben. Zum anderen irritiert der Name, unter dem das Areal bekannt war. Als Campo Vaccino betitelt wird klar, dass diese Ebene unter anderem als Weideland genutzt wurde. Andere Gemälde aus der Zeit stützen diesen Eindruck.

Der Campo Vaccino von Cornelis van Poelenburch, 1620 Quelle: Wikipedia

Ebenso ungewöhnlich ist, dass wir uns in der Zeit, in der der Kupferstich entstanden ist, schon lange im 18. Jhdt. befinden. Die Renaissance, die sich auf die Ideale der Antike besann, war schon längst vorbei, und trotzdem „geschah nichts zur Erhaltung [der Gebäude]. Sie dienten weiterhin als Steinbruch und Quelle für Kalkgewinnung“ (Henze, 608). Dieser Raubbau ging noch im 18. Jhdt. so weiter. Im Vordergrund des Septimius Severus-Bogen sieht man tatsächlich ein paar Mannen bei der Arbeit, die mit Stemmeisen zu Werke gehen. Nach einer großangelegten Archäologie-Mission sieht das nicht aus. Die geschah erst 1788 unter der Leitung von C. F. Fredenheim, der eine erste wissenschaftliche Grabung in die Wege leitete – wenn auch noch recht unsystematisiert (Höcker, 64). Aber ein Anfang war gemacht. Der wichtigste Zeitraum für die Freilegung des antiken Forum Romanum geschah in den Jahren 1871 und 1905 unter der Ägide von Pietro Rosa, Giuseppe Fiorelli und Giacomo Boni, der verloren geglaubte Schätze wie den Cäsartempel, den Lapis Niger oder den Vesta Tempel entdeckt. (Coarelli, 64). Diesen Pionieren verdanken wir das Terrain in der Ausdehnung, wie wir es heute vor uns sehen.

skitch

Die Moderne

Mit der Freilegung solch antiker Schätze beginnt jedoch immer eine neue Phase des Verfalls, den auch andere aus dem Altertum konservierte Örtlichkeiten erdulden müssen. Die Bauten sind nun der Erosion, der knalligen mediterranen Sonne, dem Regen und Autoabgasen ausgesetzt – und dem Menschen.
Die Faschisten wollten unter Mussolini das Areal zu einem seiner ursprünglichsten Zwecke nutzen: Zur Repräsentation. Dabei gingen sie nicht wirklich behutsam vor. Eine neue Prachtstraße sollte von den antiken Ruinen gesäumt werden. Und so baute man die Via dei Fori imperiali mitten hindurch. Um die neue Straße auf das aktuelle Stadtniveau anzuheben, wurden große Teile der jüngst freigelegten Gebiete einfach wieder zugeschüttet:

„Nichts vom Alten wurde bei den Ausgrabungs-, den Bau- und Planierungsarbeiten wissenschaftlich dokumentiert. Der bis zu dreißig Meter hohe Velia-Hügel, der die Sicht aufs Kolosseum zuletzt noch behinderte, wurde – wie erschreckende Propaganda-Filme bis heute belegen – ohne nähere archäologische Prüfung auf brachiale Weise abgetragen; der Aushub verschwand in irgendwelchen „Malaria-verseuchten Senken“ entlang der Straße zum Meer: 300.000 Kubikmeter, durchsetzt mit Relikten aus mehr als 2000 Jahren römischer Geschichte. Unwiederbringlich dahin. Dafür hatte Mussolini bekommen, was er im Innersten wollte, was er aber erst nach vollbrachter Tat zugab: „Endlich hat Rom in seinem Zentrum einen geeigneten Platz für seine großen Militärparaden.“ (Tagesspiegel)

Das tatsächliche Ausmaß der Zerstörungswut, die das Bauprojekt nach sich zog, lässt sich bei Wikipedia gut nachlesen. Allein die Verluste an antiken Kostbarkeiten ist enorm. Schätzungsweise 84% der antiken Trajan- und Nervaforums sind auf diese Weise bis zum heutigen Tag begraben. Ob sie jemals freigelegt werden, ist im Moment fraglich. Vielleicht schafft es ja die kleine Julia eines Tages als weltberühmte Archäologin. Und wenn nicht, dann hat sie zumindest schon etwas anderes bewegt. Nämlich mich. Dank ihr nutze ich den Blog jetzt auch nicht nur für Anekdoten ÜBER Bildung, sondern sogar FÜR Bildung. Danke, Julia!

Coarelli, Filippo: Rom. Ein archäologischer Führer, 2. Auflage, Mainz 2002.
Henze, Anton: „Rom und Latium“ in Wundram, Manfred: Reclams Kunstführer Italien (Bd. 5), 2. Auflage, Stuttgart 1969.
Höcker, Christian: Reclams Städteführer Architektur und Kunst – Rom, Stuttgart 2008.

 

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7 Antworten zu Sapere aude: Das Forum Romanum

  1. Achja die schlauen Schüler. Bei uns würde (fast) kein Lehrer zu geben, dass er etwas nicht weiß. Und sich nach der Stunde drüber informieren? Nein, dass macht doch nur noch mehr Arbeit.
    Nun bin ich beruhigt, denn es gibt noch Lehrer die wirklich etwas nachschauen;)

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  2. Maggy schreibt:

    Das ist wirklich ein informativer Beitrag. Vielen Dank dafür!

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  3. Rebekka. schreibt:

    Ich würde gern nochmal in die Schule gehen und Geschichtsunterricht bekommen. Aber bitte genau so, wie der Artikel da oben das macht!! – Danke. 🙂

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  4. einjohannes schreibt:

    Zu meiner Schulzeit war die Standard-Antwort auf meine Fragen auch eher „Das steht nicht im Lehrplan!“.
    (Dafür haben wir als interessierte Klasse in Geschichte bei einem offenem Lehrer dann in der sechsten Klasse ständig über das dritte Reich, statt die alten Hochkulturen der Griechen/Ägypter/Römer geredet. Da habe ich die fundiertesten Sachen gelernt, die ich heute noch weiss.)
    Solche Artikel sind super, man läuft halt in Rom mal drüber weg, aber denkt gar nicht drüber nach. Wie gut, dass Julie deine Schülerin ist 😉

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