Blogparade – La cage aux folles… et aux vielles

avatarMan kann über Blogs ja sagen, was man will, aber einen Wesenszug schätze ich an ihnen sehr: Das Meditative. Normalerweise kommen die Anlässe immer von innen heraus. Etwas bewegt mich, will besprochen und beredet, vielleicht sogar gelöst werden – Und schon sitze ich an der Tastatur und ordne meine Gedanken, formuliere, ringe und komme (hoffentlich) am Ende dieser digitalen Katharsis zu einem Urteil, das mich die Dinge klarer sehen lässt. Das geschieht immer intrinsisch. Extrinsische Anlässe hingegen, die mir sagen, ich solle mich gefälligst hinsetzen und mit dem Schreiben loslegen, gibt es selten. Das ist mal ein Blogstöckchen, mal aber auch – und das ist die edlere Variante – die sog. Blogparade. Ein Potpourri an Blogbeiträgen unterschiedlicher Autoren, das durch ein lose gestelltes Thema eines Initiators ins Leben gerufen wird. In diesem Fall ist der Urheber Bob, der Schreibanlass das Schlagwort „Lernlust“, zu dem ich mir Gedanken machen soll – allerdings auf rein subjektiven Eindrücken, die ich doch bitte aus meiner eigenen Schulzeit gewinnen möge. Das verstört mich ein bisschen. Im Referendariat wurde mir über Monate reingedrückt, wie guter motivierender Unterricht aussehen muss. Sollte ich die Antwort darauf etwa in mir selber tragen? Hm… Schauen wir mal. Wenn ich an meine eigene Schulzeit denke, die ja durchaus schon ein paar Jahre zurückliegt, fliegen mir ganz ungeordnet Erinnerungsfetzen durch den Kopf:

  • Unser cholerischer Geschichtslehrer, der aus Wut einer Mitschülerin einen Schlüssel an den Kopf geballert hat
  • Unser Theaterstück, das wir gemeinsam fürs Schulfest erarbeitet haben – eine Art „Tagesschau“ über unsere Lehrer
  •  meine erste und einzige Mathe-Fünf in der sechsten Klasse – wir hatten einen Schnitt von 4,7
  • Meine Geschichtslehrerin in der elften Klasse, die mir damals in meiner perfekten Ausfrage eine 4+ verpasst – mit der Begründung, ich würde ihr zu viel zu einer Frage erzählen
  • Unser Englischlehrer in der Zehnten, der auf dem Lehrerpult stand, und auswendig die „I have a dream“-Rede von Dr. Martin Luther King zitierte
  • Die Nachricht von seinem Tod nur wenige Monate später
  • Der Mathelehrer in der Zehnten, der die Leute, die bei ihm in den Vorjahren durchgefallen waren, spürbar mit schlechteren Noten bestrafte als andere

Bei diesem Brainstorming erschrecken mich mehrere Dinge: Einmal sind fast ausnahmslos alle Erinnerungen negativ konnotiert. Die Aufzählung liest sich, als sei ich in einem Arbeitslager zur Schule gegangen. Zum anderen tritt in keinem einzigen Erlebnis, an das ich mich erinnern kann, auch nur ansatzweise so etwas wie Lernlust auf. Sie existiert schlichtweg nicht. Trotz allem bin ich persönlich gerne in die Schule gegangen – trotz oder vielleicht gerade WEGEN dieser ganzen Eskapaden, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt haben. Vielleicht muss man etwas methodischer an die Sache gehen und mein Gedächtnis systematischer abklopfen. Na dann schauen wir mal auf…

Die Lehrer
Über meine Lehrer seid ihr ja schon ein bisschen im Bilde. Die Exzentriker sind die, die einem zu allererst ins Gedächtnis kommen. Das ist wohl immer so. Natürlich hatte ich auch Pädagogen der normalen Art. In der Regel Lehrerinnen, die einfach einen guten Job gemacht haben, aber aus deren Unterricht kann ich mich an absolut nichts erinnern, was thematisch oder gar methodisch zu Lernlust geführt hätte. Bis zum Referendariat kannte ich so etwas wie Gruppen- oder gar Freiarbeit überhaupt nicht. Von den 13 Schuljahren in meinem Leben verbrachte ich 99,8% in passiver Zuhörhaltung. Die restlichen, kargen Prozente teilen sich Einzel- oder gar Partnerarbeit. Das war’s. Auch was die Unterrichtsphasen anbelangte, erlebte ich wohl alte Schule. Jede Stunde ging immer gleich los: Es wurde ausgefragt. Es gab keine Einstiege, keine thematisch damit verbundene Rechenschaftsablage, die elegant zur Hausaufgabe überleitete, keine Neudurchnahme, die sich die Schüler induktiv erschließen sollten. Nichts. Gelegentlich gab’s ein Tafelbild. Aber nicht immer. Ich kenne Geschichtsstunden, die aus 45 Minuten Monolog bestanden. Unser Lehrer, ein offensichtlicher Alt-68er, setzte sich in seinem Hanfhemd und den weißen Socken in den Birkenstock-Sandalen aufs Pult und begann seine lässig-einschläfernde Märchenstunde zu Bismarcks Bündnispolitik. Es gab keine Fragen, keine Arbeitsaufträge, keine Medien. C’était tout. Natürlich waren nicht alle so minimalistisch. Es gab manchmal Tafelbilder, es gab gelegentlich Overheadprojektoren. Alte Schule, aber einfach schön. Aber es gab auch die berüchtigten Blaupausen, schief kopiert auf Papier, in das man anderswo Pommes in einer Frittenbude einwickelt. Einmal gelocht, fielen die Dinger in ihre Einzelteile. Und damit wären wir schon beim nächsten Thema: dem ungemein motivierenden Lernmaterial der 90er Jahre.

Das Lernmaterial
Es heißt ja immer, dass sich moderner Lebensbezug in Lernmaterialien motivierend auf die Erinnerungsleistung auswirkt. Wenn es danach gegangen wäre, hätte ich mein Schülerleben lang dumm bleiben müssen. Ich kam in den frühen 90ern aufs Gymnasium: Es gab elektronische Musik im Überfluss, es gab den Gameboy, es gab knallige Mode, es gab Wiedervereinigung, irgendwann das Internet – und nichts davon fand Eingang in unsere Schulbücher. Ganz im Gegenteil. Nach heutigen Maßstäben waren sie der anachronistische Wahnsinn.

Meine Schulbücher. Man beachte den absterbenden Raucherfuß oben rechts – gefunden in meinem Fünftklassbuch (!!)

Im Jahre 1994 war mein Lateinbuch von 1974. Es war das in Bayern legendäre Lehrwerk Roma, das den Altsprachenunterricht völlig umkrempelte und mehr als 25 Jahre das nonplusultra in Lateindidaktik darstellte. Das Englischbuch war von 1976. Die Leute darin trugen Schlaghosen, hörten Schallplatten mit flotter Beatmusik, der Familienvater trug Tweed-Jackets und rauchte genüsslich seine Pfeife. IMMER. Mein Französischbuch war leicht jünger (ca. 1988), aber an Skurrilität nicht zu überbieten. Im Cours Intensif von Klett lernte ich etwas über Les Morvandiaux, ein group folklorique, über das Spielen von Drehleiern oder Kanufahren auf der Tarn (c’est super!). Interessanterweise ist es vor allem dieses skurrile Französischbuch, das mir so gut im Gedächtnis geblieben ist. Ausgerechnet bei einem Buch aus der neunten Klasse, in der die Aufmerksamkeitsspanne bei Schülern bekanntlich in die Hose rutscht, habe ich viele Lektionen graphisch vor mir wie nirgendwo sonst: Das Lawinenunglück, bei dem ein Mensch ums Leben kam, und die anschließende Diskussion Qui est responsable? La rentrée, wo Sandrine nicht aufstehen wollte (Bof!) oder Jean Luc, der in seinem neuen Pulli nach Lavendel riecht (Il sente la lavande et il a l’air d’un mouton!) Irgendwas hat dieses Buch richtig gemacht, was uns ansprach – aber es war definitiv nicht der Lebensbezug. Wir hatten keine Ahnung vom Kanufahren, von Drehleiern, von Käsesorten aus der Normandie. Vielleicht war es die Absurdität vieler Geschichten, die sich bei uns eingebrannt haben. Oder vielleicht waren die Stories einfach gut geschrieben. Aber dieses Französischbuch ist für mich unter Lernmaterialien auf ewig ein absoluter Diamant, an den ich mich gerne erinnere.

Ich
Aber wo kommt dann dieses wohlige Gefühl beim Gedanken an die Schulzeit, wenn die Methode (!) über 9 Jahre dieselbe, die Lernmaterialien eine Katastrophe und das Lehrpersonal über weite Strecken leicht exzentrische, teils grausame Züge an den Tag legte? Warum hatte ich trotzdem in der Schule Erfolg? Und sogar Spaß. Ich lernte nicht aufgrund motivierend neuer Sozialformen, wegen heißen methodischen Kniffen oder Wohlfühlecken. Ich lernte vorrangig, weil ich es musste. Für mich war’s ein Job. Mein Job. Und den wollte ich so gut wie nur irgendmöglich machen. Zum anderen lernte ich, weil’s mich interessierte. Wo ich intrinsisch motiviert war (in der Regel Sprachen), hielt ich konstant ein hohes Level, in den Fächern, für die ich büffeln musste, blieb ich immer im guten bis soliden Bereich. Und zum allerwichtigsten: Ich lernte oft für die Lehrer, die es verdienten. Die mit gutem Beispiel vorangingen. Das waren für mich jetzt nicht die geschulten Pädagogen oder laisser-faire-Softis. Sondern die, die einfach durch ihr Wissen beeindruckten. Die, bei denen man sah, dass sie ihre Hausaufgabe gemacht hatten – und da war es nur fair, dass ich selbiges tat. Aus den 13 Jahren wollte ich das Optimum herausholen. Und das habe ich. Ohne Inhalte in Frage zu stellen oder zu rebellieren. Die Kapitäne da draußen wussten schon, was sie da taten. Mal waren sie grummlig, mal waren sie sadistisch, mal wieder sanftmütig, dann wieder schwer genervt. Aber es waren immer Kapitäne. Meine Kapitäne. Und ich war Matrose unter ihnen und folgte ohne zu meutern. Punkt. Von daher bestätige ich als Schüler wohl zwei Klischees, eins von damals, eins von heute:

  • Der Gymnasiast schaufelt sich Wissen rein, ohne seinen Sinn zu hinterfragen.
  • Es kommt – wie wir’s ja auch schon bei Hattie gesehen haben – maßgeblich auf den Lehrer an.

Fazit:
Was bleibt jetzt unter dem Strich, wenn ich an meine Schulzeit denke? Etwa ein teilweises sehr schräges Inventar an Lehrern, die über 13 Jahre mit ein und derselben Methode und angestaubten Lehrwerken einen Schüler belehrt haben, der blind und willenlos alles, was man ihm an (Un-)Wissen servierte, hintergeschluckt hat? Machen wir’s kurz: Ja :-/ War das aber nun eine bessere Schule als die heutige? Das könnte ich beim besten Willen nicht beantworten. Ich kann nicht sagen, ob ich mit dem heutigen Unterricht besser gelernt hätte. Ich kann nur sagen, dass ich mit dem damaligen System erfolgreich für ein philologisches Studium gewappnet wurde. Und dass es mir trotz allem großes Vergnügen bereitet hat. Von Lust möchte ich nicht sprechen, aber von Spaß und Vergnügen auf jeden Fall. So weit sind die Begriffe ja auch nicht auseinander. Immerhin haben die Römer für beide Konzepte im Lateinischen dasselbe Wort. Voluptas.

Und jetzt entschuldigt mich. Mich hat der Ehrgeiz gepackt: Je veux savoir comment on joue de la vielle.

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14 Antworten zu Blogparade – La cage aux folles… et aux vielles

  1. Pingback: Blogparade: Es war einmal die Lernlust | Bob Blume

  2. johanna schreibt:

    Dieses Franz Buch hatte ich auch! Florence danse. Mitte Ende der 90er..

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    • herr_mess schreibt:

      Mais oui!!! Elle glisse et tombe. Et puis elle a mal au dos. Du hast es nicht zufällig im Schrank stehen? Das würd ich so gerne mal wieder sehen….

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      • frauhilde schreibt:

        Ich habe möglicherweise noch eins. Zumindest sagte mir das mit dem Tarn noch. Da waren auch so gemalte Bilder dabei, gell?
        Wenn ich mal irgendwann wieder in Da-kommt-die-Frau-Hilde-her-Dorf bin, werde ich nachschauen.

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        • herr_mess schreibt:

          Oh ja! Ein Beweisbild von den Morvandiaux fände ich ganz famous!

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          • frauhilde schreibt:

            Dass du dich da noch so gut dran erinnern kannst! (Okay, bei mir is das deutlich länger her, aber trotzdem.)

            Lateinbuch war bei uns übrigens „Ianua Nova“.
            Marcus currit.
            Cornelia currit.
            Syrus servus est.
            *Namevergessen* ancilla est.
            Meine ersten lateinischen Sätze. Die wiederum sind im Gedächtnis geblieben, warum auch immer. 😉

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            • tinatainmentia schreibt:

              Uh, wir hatten auch Cornelia und Marcus. 😀 („Caesar pauca verba facit. Cornelia ridet. Marcus plaudit.“ Die Sätze sind bei mir hängengeblieben.) Die Sklavin bei uns war Afra. … Und das Buch war so ein rotes, öhhhm… Cursus Continuus, genau.

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  3. Pingback: Lust am Lernen – Lust am Job | macnativo

  4. Sigrid Machann schreibt:

    Risques d’avalanches…
    Gab es für F3 eigentlich auch andere Bücher ? 🙂
    Ich hab das Buch leider nicht mehr 😦

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  5. KC schreibt:

    Was ist das denn für ein „reich“ bebildertes Griechischbuch? 😀 😀 😀 Sieht aus, als hätte einer versucht, den alten Kaegi aufzumöbeln 😀

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  6. Pingback: „Lernlust“: Auswertung der Blogparade | Bob Blume

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