Am Anfang das Ende: Zum Referendariat

avatarWenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich diesen Eintrag als Strafarbeit sehen. Ich hab nämlich geschwänzt (Pfui!). Und zwar den Edchat (PFUI!!). Noch dazu zu einem super-interessanten Thema (PFUI!!!), das, wie ich nachlesen kann, auch sehr kontrovers diskutiert wurde. Und hitzig. Schon allein der Titel der Session „Hölle Referendariat“ lässt nichts Gutes erahnen. Offenbar wird diese Zeit von einem Großteil der Lehrer als eine durch und durch negative Erfahrung beschrieben, die die Leute nach (bei uns in Bayern) zwei Jahren völlig ausgelutscht, entkräftet und psychisch labil zurücklässt:

Wie war das bei mir? Irgendwie anders. Nicht immer angenehm, aber wie waren nie gezwungen, unsere Persönlichkeit an der Garderobe abzugeben und uns wie eine Sau durchs Dorf treiben zu lassen. Bei uns in Bayern ist die Referendariatszeit auf zwei Jahre festgelegt. Erster und dritter Ausbildungsabschnitt finden jeweils für ein Halbjahr an einer Seminarschule statt, der man fest zugeteilt ist. Dort erhält man die theoretische Ausbildung in Psychologie, Pädagogik, Schul- und Staatsbürgerkunde sowie natürlich jede Menge Input von den Seminarlehrern seiner Fächer in festgelegten Seminarsitzungen. Das Jahr dazwischen wird Zweigschuleinsatz genannt, den man an einer anderen Schule frei von irgendwelchen pädagogischen Sitzungen oder irgendwelchen Protokollen ablegt. Man ist in dieser Zeit vor allem eins: Lehrer. Man kann hier zum ersten Mal echte, authentisch Berufsluft schnuppern, eigenes ausprobieren ohne Angst zu haben, dass der Seminarlehrer hinterher alles zerpflückt. Sicher gibt es einen Betreuungslehrer, der gelegentlich im Unterricht vorbeischauen muss. Der hält sich mit seinen Unterrichtsbesuchen aber in der Regel sehr zurück. Laut Vorgaben muss er dreimal im Halbjahr im Unterricht sitzen – das genügt. Man sieht, die ganze Referendariatsausbildung ist von einem gewissen Amts- und Bürokratennimbus umgeben, der gewisse Abläufe fest regelt, auch wenn sie per se sinnlos sind. Was mich persönlich am meisten genervt hat, war in diesen zwei Jahren immer das Protokollieren. Jede Fachsitzung in den Lehrfächern, in Staatsbürgerkunde, in Pädagogik, in Psychologie, in Schulkunde musste von einem Referendar protokolliert und hinterher fein säuberlich formatiert dem jeweiligen Seminarlehrer zum Unterzeichnen vorgelegt werden. Offiziell sollten diese Unterlagen der Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen dienen, zum anderen den Herren und Damen im Kultusministerium belegen, was wir in den Sitzungen auch realiter besprochen hatten. Wenn man bedenkt, dass allein unser Gesamtstoß des Seminars an unserer Minischule nach den 2 Jahren fast 3000 Seiten Gedrucktes produziert hatte, und es von den Seminarschulen einige zig mehr gibt als nur die unsrige, kann man sich vorstellen, mit welchem Elan das Ministerium an das Durchforsten dieser Unterlagen gegangen sein dürfte. Wir gehen bis heute davon aus, dass das keinen Mensch interessiert, was wir am 15.3.2009 in Staatsbürgerkunde besprochen haben. Wenn überhaupt, werden diese Unterlagen wohl nur bei Klagen aus dem Blätterwald gezogen. Entsprechend groß war unsere Motivation bei der Erstellung der Protokolle. Aber sie mussten gemacht werden. Am besten gleich. Und am besten mustergültig. Denn die Machart unserer gesammelten Werke ging in die sog. Kravattennote ein – im Lehrerjargon eine Zensur auf eine in Noten schwer messbare Kategorie, die unseren Endschnitt maßgeblich beeinflussen konnte. Darunter fielen so Dinge wie rechtzeitiges Abgeben von Protokollen, Anwesenheit an Schulfesten, Verhältnis zu Mitreferendaren und Kollegen mit Planstelle, freiwilliges Übernehmen von Zusatzaufgaben etc. Vor allem Letzteres wäre hervorragender Nährboden, um Referendare wunderbar auszunutzen und mit der Verpflichtung zu Zusatzaufgaben zu einer guten Krawattennote zu erpressen – vorausgesetzt, die Seminarschule ist sich dieser Möglichkeit bewusst und macht von ihr Gebrauch. Zum Glück war das bei uns aber nie so. Natürlich wurde geschaut, wer wieviel auch außerhalb des Unterrichts leistete. Aber Buch führen tat darüber keiner. Am wenigsten meine Seminarlehrer. Die waren ganz wunderbar. Fordernd und fördernd zugleich. Und das jeder auf seine unvergleichliche Art. Der eine flippig und innovativ, der andere ruhig und traditionell – eine perfekte Mischung, aus der man sich für sein eigenes didaktisches Repertoire viel herausholen konnte. Sie waren die Art Lehrer, die den Posten des Seminarlehrers aus genau den richtigen Gründen innehatten. Es ging ihnen nicht um die Anrechnungsstunden, die sie dafür bekamen. Oder die Befriedigung, die manche in dieser Position aus dem systemimmanenten Machtgeflecht beziehen. Nein, sie hatten was auf dem Kasten und brannten darauf, ihr Wissen an den Mann bzw. an die Frau zu bringen.
Stressig war’s aber trotzdem. Keine Frage. Das liegt zu einem gewissen Teil bestimmt am System selbst. Zum anderen spielen da auch persönliche Faktoren rein, die etwas mit der eigenen Disposition zu tun haben und der Erwartungshaltung, die man aus der Uni mitbringt:
Da kommt man, frisch examiniert, an eine Schule, die, wie man glauben möchte, händeringend nach neuen Referendaren gefragt hat. Und da ist man nun. Man hält sich dank Staatsexamina und Universitätsluft, die man über Jahre geschnuppert hat, für geradezu überqualifiziert und der Institution beinahe lächerlich überlegen – ist ja nur Schule. Wie kompliziert kann das denn sein?

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Leider lernt man auf die harte Tour, dass man es sich mit so einer Rechnung ein bisschen sehr einfach macht. Erst wer hinter die Kulissen schaut, merkt dass das System noch ein paar Komponenten mehr zu bieten hat.

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Die ganze Wahrheit

Das ist ein echter Praxisschock. Und man merkt recht schnell, wie wenig man letztendlich von dem ganzen theoretischen Wissen zu Pädagogik und seinen Fächern vor einer Klasse tatsächlich gebrauchen kann. Man muss bei 0 beginnen. Wieder mal. So wie damals nach dem Abitur, wo man sich auf dem akademischen Olymp wähnte. Oder nach dem Auslandsjahr, wenn man nach vielen praktischen Lehrerfahrungen und hoffentlich auch -erfolgen wieder in den Hörsaal hinter die Bank verbannt wird. Das ist zermürbend. Die immerwährende Überwachung tut ihr übriges. Ständig wird man begutachtet, bewertet, ist an strikte Pläne gebunden, die keinen Handlungsspielraum zulassen. Jeden Tag neue Deadlines, neue Bewertungen. Teilweise über sich selbst in einer durchaus persönlichen Weise. Bei uns wurde nicht nur an Schulaufgaben und Tests gekrittelt. Man bekam auch etwas zu hören zu seiner Kleidung, zu seinen ungeputzten Schuhen, seinem Kommunikationsstil, den zu langen Fingernägeln, zu Umgangsformen, seinem Vokabular, teilweise sogar zur Körperstatur. So etwas verletzt. Man ist ja mittlerweile auch keine 5 Jahre alt mehr. Man ist eine gereifte, ge- und ERwachsene Persönlichkeit, die sich in dieser Situtation erniedrigt und vorgeführt kommt. Aber man lässt es über sich ergehen. Wie eine Leibesvisitation…
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Vermutlich hat diesen tiefgreifenden Wandel jeder zu durchleben, der ins Berufsleben startet. Aber es gibt nur wenige Berufsgruppen, bei denen diese Metamorphose so spät und so tiefgreifend vonstatten geht wie bei uns.
Bei der obigen Aufstellung habe ich ganz bewusst eine Komponente ausgelassen, die so mancher Leidensgenosse vermissen würde: Die der seminarinternen Konkurrenz. Unter manchen Referendaren ist mittlerweile ein regelrechter Kampf um die wenigen Planstellen entbrannt, sodass die Stimmung an einen Paviankäfig erinnert, in dem ein paar fahrige Alphamännchen um die Vorherrschaft kämpfen. Diesen Horror haben wir uns komplett ersparen können. Als Seminar haben wir prächtig funktioniert. Wir haben uns gegenseitig geholfen, waren gemeinsam auf Parties oder Biergärten, haben uns die Lehrproben gegenseitig vorgespielt. Vielleicht lag’s daran, dass damals die Planstellensituation einfach etwas entspannter war als heute, und wir solche Fehden einfach nicht nötig hatten. Vielleicht haben wir aber auch menschlich einfach zusammengepasst. Viele der Bande von damals sind bis heute noch vorhanden und werden regelmäßig gepflegt. Mindestens einmal im Monat kommen wir aus der Umgebung zusammen, um über die alten Zeiten zu schimpfen… aber viel mehr auch, um darüber zu schwelgen.
Es war eine aufregende Zeit, voll von Grenzerfahrungen und Neuland-Situationen. Ein Lehrstück über das Zusammen- und Durchhalten. Über das Lernen und Lehren, Bewerten und Bewertet-Werden. Dieses beständige Hin- und Heroszillieren zwischen den Extremen kreierte ein unglaubliches Spannungsfeld, in dem man gezwungen war, seine Position zu finden. Das ist gewiss unangenehm und mit Anecken verbunden. An sich selbst wie auch an den anderen. Aber genau so sieht es ja im Berufsleben letztendlich auch aus. Der Stress wird ja nicht weniger.
Er wird anders. 

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4 Antworten zu Am Anfang das Ende: Zum Referendariat

  1. frlsinus schreibt:

    Ein wirklich schöner Artikel. Ich empfinde das Referendariat als anstrengend und fordernd, aber auch als sehr schön. Das Zitat von mir oben ist eine subjektive Meinung zu den Anforderungen. In Brandenburg sind wir sehr selten an einer Schule mit dem Seminarleitern. Ein Teil der Seminarleiter unterrichtet nicht einmal mehr. Und dadurch entstehen Forderungen an uns, die nur mit Stundenplan Änderungen oder Verschiebung von einzelnen Stunden. Das die Schule dann schlecht auf die Seminare zu sprechen ist, scheint logisch. Und ich als Referendar stehe zwischen beiden und muss es beiden recht machen. Dort entsteht für mich der Druck und die Frustration.

    Ich hoffe, dass auch bei uns eine Art Stammtisch entsteht und wir in der Gruppe Kontakt halten können.

    Einen schönen Gruß aus dem Ferien!

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  2. KC schreibt:

    Danke, lieber Herr Mess, für deinen ausführlichen Artikel. Da ich mich im kommenden halben Jahr entscheiden muss, was ich dann mit meinem dann hoffentlich schon einfach examinierten Leben anfangen will, zeigt mir dein Erfahrungsbericht schon mal, dass ich offenbar bisher eine ziemlich realistische Vorstellung davon hatte, was Referendariat bedeutet.

    Aus dem Prä-Referendarsblick gesehen, würde ich sagen, dass der sogenannte Praxisschock wohl auch daher rührt, dass (und das sehe ich erstaunlicherweise auch bei vielen unserer Examenskandidaten) sich die meisten bis zum eigentlichen Referendariat offenbar nie Gedanken darüber gemacht haben, was so ein Lehrer eigentlich den ganzen Tag macht. Wenn ich Kommilitonen erlebe, die ein oder zwei Tage in der Woche halbtags arbeiten am jeweils nächsten Tag erstmal ein Chill-Out von der „Anstrengung“ benötigen, wird mir ganz anders. Wie wollen die denn eine ganze Woche mit ganzen Tagen durchhalten? Von Kenntnis von „Schullogistik“ (Kopieren; wie sind die Pausen gestaltet und wieviel bleibt mir davon eigentlich usw. usw.) und der Tatsache, dass man wieder ganz unten auf der Hühnerleiter anfängt, mal ganz zu schweigen.
    Sicherlich mit einem voll pessimistischen Blick ins Referendariat zu gehen, ist auch keine Lösung, aber ich kann da doch auch nicht auflaufen und erwarten, dass mich alle freudestrahlend in Empfang nehmen und nur darauf warten, dass ich das Rad für sie neu erfinde 😀 😀 😀
    Dass ist doch dasselbe wie mit diesen Erstsemestern, die sich in der Bibliothek vor einem aufbauen und einem erklären wollen, was man all die Jahre falsch gemacht hat. Kommt in der Regel nicht so gut 😀

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  3. Frau Henner schreibt:

    Ein schöner Beitrag!
    Ich hatte in BaWü nur anderthalb Jahre Referendariat, aber dafür komplett an einer Schule – und das ist der springende Punkt. Mir ging es an meiner Schule wirklich gut mit unterstützenden Mentoren und am Seminar war es in Ordnung. Dort gab es zwar ein paar tüchtige Dummschwätzer, aber auch gute Leute, und die sehr gute Betreuung an der Schule hat einiges wettgemacht.
    Am Seminar gab es aber auch Referendare, die gelitten haben, weil an ihrer Schule etwas nicht stimmte (von selbstherrlichen Direktoren über undurchsichtige Mentoren und ausnutzende Kollegen). Die Erfahrungen können also so unterschiedlich sein…

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  4. tinatainmentia schreibt:

    Ach, schön, dass endlich mal jemand zum Ref postet, der das Ganze überstanden und anscheinend nicht nur negativ erlebt hat! Ich hatte dazu nach ein paar Schock-Beiträgen (die dort auch verlinkt sind) mal dazu aufgerufen, aber irgendwie kam nicht viel dabei rum. :mrgreen: (https://tinatainmentia.wordpress.com/2014/12/29/referendariatserfahrungen/ bei Interesse).
    2 Jahre in Bayern, das ist echt noch luxuriös. Und so eine lange Zeit, in der nicht ständig Lehrproben stattfinden, das ist auch wirklich gut, um sich auszuprobieren und eben Lehrer sein zu können. Da beneide ich das Nachbarbundesland jetzt schon ein bisschen drum. 🙂

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