Judgement Day

avatarEr naht. Der Tag der langen Messer. Seit Jahren schreiben wir Lehrer Tests, Stegreifaufgaben, fragen ab, geben Mitarbeitsnoten, bewerten Gruppenarbeiten, geben Feedback, Lob und Schelte – und jetzt sind wir dran. Die Beurteilung naht.
Regelmäßig kündigte sich über die letzten Jahre der Chef spontan zum Unterrichtsbesuch an, um über unsere Qualifikationen zu urteilen. Für uns Junglehrer eine sehr aufregende Zeit. Immerhin erhalten viele hier die erste offizielle Beurteilung seit dem Ende des Referendariats, das schon ein paar Jährchen zurückliegt (zumindest bei mir). Und so gab man im Unterricht – mit oder ohne Zuschauer (denn der genaue Termin des jeweiligen Unterrichtsbesuches war unbekannt) – sein Bestes. Dafür gibt’s nun die Quittung.
Die ersten haben schon ihre Beurteilungen erhalten. Sie finden sie in einem braunen Umschlag, den unser Chef dezent-feierlich an den jeweiligen Kollegen übergibt. Zusammen mit einem Blick, der irgendwo zwischen „fear not, for I have good news to tell you“ und „ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ liegt und alles bedeuten kann. Mit dem jeweiligen Inhalt dieses Umschlags geht jeder anders um. Letztendlich wie Schüler, die eine Klassenarbeit zurückbekommen. Die einen nehmen die Bewertung hastig an sich, in der Angst, die anderen könnten etwas davon mitbekommen und nachfragen. Wieder andere verkriechen sich in ein ruhiges Eck, um in aller Ruhe ihr Feedback durchzulesen. Nur ein Typus fehlt. Zumindest in unserem Kollegium: Der Streber aus der ersten Reihe, der jubelnd durch die Klasse rennt und jedem seine Eins ins Gesicht reibt… Gut so.
Das System der Beurteilung in Bayern ist reichlich komplex und für uns Jungspunde nicht immer ganz nachvollziehbar – zumindest für mich. Grundsätzlich wird man in 12 Disziplinen bewertet. Neben Unterrichtsplanung und -erfolg bekommt man auch Rückmeldung über sein erzieherisches Wirken, Zusammenarbeit mit schulinternen Gremien, externen Partnern und dem Kollegium, dem Engagement außerhalb des Unterrichts, Entscheidungsvermögen, Belastbarkeit und Berufskenntnisse sowie ein paar persönliche Anmerkungen. Für jede dieser Kategorien werden Zensuren vergeben. Allerdings nicht in Noten verpackt, sondern in kryptischen Kürzeln – wir sind ja schließlich eine Behörde 🙂

Leistung, die in allen Belangen von herausragender Qualität ist (HQ)
Leistung, die die Anforderungen besonders gut erfüllt (BG)
Leistung, die die Anforderungen übersteigt (UB)
Leistung, die den Anforderungen voll entspricht (VE)
Leistung, die den Anforderungen in hohem Maße gerecht wird (HM)
Leistung, die Mängel aufweist (MA)
Leistung, die insgesamt unzureichend ist (IU)

Bei Neulingen geht die Mär um, dass man in seiner ersten Beurteilungsrunde in der Regel mit einer 5 (=HM) oder einer 4 (=VE) einfährt. Zu etwas Höherem fehlt entweder die Erfahrung oder eine entsprechende Funktionsstelle. Diese bekommt man aber erst, wenn man wiederum entsprechend Dienstjahre und damit Erfahrung auf dem Buckel hat. Ihr seht, ein netter Ringschluss, der vielen Junglehrern schwer im Magen liegt, weil sie sich so alle möglichen Beine ausreißen, aber letztendlich über einen Vierer nicht herauskommen, ganz egal, wie viel sie machen. So etwas frustriert und führt früher oder später systemisch dazu, dass die Leute zunehmend lustloser werden. Wozu anstrengen, wenn a.) die Note sowieso nicht besser werden kann und b.) die Bezahlung bei Stress oder Muße dieselbe bleibt? Dazu kommt noch, dass in der Regel den Schulleitern vom Ministerium ein gewisser Schnitt vorgegeben ist, der nicht überschritten werden darf. Arbeitet man also in einem äußerst engagierten Kollegium mit vielen überdurchschnittlich guten Leuten und erfahrenen Recken, die aufgrund ihrer Funktionsstellen von Haus aus hohe Prädikate einfahren, müssen die Beurteilungen bei anderen Kollegen notentechnisch so gedeckelt werden, dass der Schnitt erhalten bleibt. Und das trifft in der Regel die Leute, die ohne Funktionsstelle notentechnisch nach unten kein Sicherheitsnetz haben. Wie sinnvoll und durchdacht das ist, merkt man, wenn man das auf die Klasse überträgt und der Klasse 7b sagen würde: „Ihr seid alle große Klasse, die Schulaufgabe hätte eigentlich einen Schnitt von 2,4, aber die Fachschaftsleitung hat gesagt, dass der Schnitt immer so um 3,0 liegen muss, deswegen hab ich mal eben den Fehlerschritt künstlich enger gemacht, damit wir auch ein paar Fünfer und Sechser haben.“

kratzen

Schön und gut, aber was hat der Herr Mess? Nun, sagen wir ich bin zufrieden. Es gibt keinen Punkt in der Beurteilung, in der ich mich nicht erkennen würde, und das will was heißen. Unser Chef bemüht sich, wo er nur kann, das Individuelle bei jedem Kollegen herauszuheben. Bei ihm fühlt man sich nicht als Rad im Getriebe, sondern als wichtige Komponente, die zum Funktionieren nötig ist. Und dieses Gefühl bei einem Großteil des Kollegiums herauszukehren, halte ich für eine echte Gabe. Daher bin ich ganz persönlich stolz auf den Zusatz „versierter und kreativer Umgang mit modernen Unterrichtsmedien“. Und wem hab ich dem zu verdanken? Na? Richtig: Euch!

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6 Antworten zu Judgement Day

  1. tinatainmentia schreibt:

    Das mit dem vorgegebenen Schnitt ist ja wirklich absolut Banane. Die Wege des Ministeriums sind unergründlich…

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  2. pimalrquadrat schreibt:

    Stimme Tina zu, das ist doch so ein Schwachsinn.

    Aber schön, dass du eine Beurteilung bekommen hast, mit der du etwas anfangen kannst.

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  3. Frau Henner schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch – du hast es hinter dir!
    Bayern muss schon ein extrem schönes Land sein, dass ihm die Junglehrer nicht reihenweise weglaufen… Beurteilungen gibt es bei uns auch, aber sie laufen sehr transparent ab mit vorher angekündigtem Unterrichtsbesuch (also die Woche ist klar) und einer Liste, die man selbst ausfüllt und dann mit dem Chef bespricht. Und die Note ist einfach eine Note und kann auch schon bei der ersten Bewertung eine 1 vorm Komma haben. Alles in allem sehr menschlich.

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    • herr_mess schreibt:

      Genau für solche Blicke über den bayerischen Tellerrand hinaus liebe ich euch 🙂 Dieses Ländle-System kannte ich gar nicht!

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    • Anna schreibt:

      Bin auch am Gymn. in Ba-Wü Lehrerin. Meiner Erfahrung nach hängt es vom Schulleiter ab, wie die Beurteilungen verlaufen: Bei meinem Mann an der Schule (auch Gymn. in Ba-Wü) bat ihn der Schulleiter ihn in zwei Unterrichtsstunden einzuladen, bei mir nannte mein Schulleiter einen Zweiwochenzeitraum, in dem er kommen würde. Bei meinem Mann besprach der Schulleiter die Beurteilung mit meinem Mann, bei mir nicht.

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