Von so genannten Liebesschwüren

avat_nervLiebeserklärung, die: das Offenbaren seiner Liebe gegenüber der Geliebten, dem Geliebten. So steht’s im Duden. Kein Wunder, dass meine Latinisten-Zunft ganz entzückt war, als die FAZ in ihrem Online-Auftritt ein Plädoyer für den Lateinlehrer hielt, das man vollmundig mit dem Begriff Liebeserklärung betitelt hatte. Ich fasse das amouröse Gesäusel mal kurz in seinen Hauptthesen zusammen.

  • Ich bin unzeitgemäß.
  • Kein Schüler kann mich leiden.
  • Kein „kompetenzorientierter“ Lehrer kann mich leiden.
  • Ich bin eine außergewöhnlich schreckliche Persönlichkeit.
  • Ich bin von Kopf bis Fuß in Beige gekleidet und damit ein inkarniertes Klischee – alternativ habe ich auch ein paar fesche Filzjacken-Cordhosen-Kombinationen im Kleiderschrank hängen.
  • Ich lasse mich jede Stunde mit salve, magister begrüßen.
  • Meine Klausuren sind gespickt mit Gemeinheiten.
  • Ich bin ein professioneller Vertreter institutionalisierter Nutzlosigkeit.
  • Ich bin einen Gegen-Typus zum modernen Lehrer.
  • Meine Kleidung ist ein Schutzpanzer eines Beleidigten.

Eine Liebeserklärung klingt sicherlich anders. Stattdessen mal wieder olle Klischees ausgepackt, in einen Sack gesteckt und drauf gehauen, bis ein Artikel raus kommt, der vor Voreingenommenheit nur so müffelt. Die „Experten“-Meinungen zum Lateinunterricht stammen ausschließlich von Leuten, die vor 20 Jahren keinen Bock auf Latein hatten, oder Schülern, die im Jahre 2014 keinen Bock auf Latein hatten. Ausgewogenheit ist was anderes… Das ist wie Muffi-Schlumpf auf einem Happy Hardcore-Rave nach seiner Meinung zu fragen.
Von all den Vorwürfen, die uns da um die Ohren gehauen werden, trifft auf mich letztlich nur der mit der Begrüßung zu. Ich bin weder in Beige gekleidet, noch besitze ich eine Filzjacke. Ich bin so wie meine Kollegen kein Gegen-Typus zum modernen Lehrer, weil der Lateinunterricht genauso wie alle anderen Fächer pädagogisch Abwechslung gelernt hat. Auch bei uns gibt es das Unwort der Kompetenzorientierung (insert dramatic orchestra here), ja, auch wir arbeiten gerne mal in Gruppen, in Paaren oder – mirabile dictu – in Freiarbeit und Lernzirkeln. Wir benutzen moderne Medien genauso wie alle anderen auch. Bei uns an der Schule sind die Lateinlehrer in dieser Hinsicht sogar Vorreiter: Tablets, Beamer, Whiteboards, Prezis oder Online-Lernspiele nutzen wir in Hülle und Fülle. Unter anderem auch, weil es dafür vor allem im anglo-sächsischen Raum hervorragende Materialien gibt (und die verstehen die Schüler trotz oder vor allem WEGEN Latein). Wie schrecklich und unbeliebt ich in Wirklichkeit bin, vermag ich persönlich nicht zu beurteilen. Da müsst ihr mein Kollegium fragen, das mich in den Personalrat gewählt hat. Oder die Schüler, die mich für mehrere Jahre zum Verbindungslehrer ihres Vertrauens machten. Fragt meine virtuellen Kollegen, mit denen ich regelmäßig im edchatde oder bei Twitter in Kontakt stehe, um sie tagtäglich von meiner Schrecklichkeit zu überzeugen. Und meinen Cord-Jackets. Und meiner institutionalisierten Nutzlosigkeit.
Vielleicht hätte der Autor jener Zeilen doch ein bisschen mehr Lateinunterricht genießen sollen. Zum Beispiel Ovid. Dann hätte er mal in den ars amatoria lernen können, wie eine echte Liebeserklärung aussieht. Oder bei Seneca. Da lernt man nämlich audiatur et altera pars. Denn die Einseitigkeit der Darstellung des Artikels ist frappierend. Warum ist in keiner einzigen Zeile ein Autor oder gar ein Werk genannt? Wo ist von den Inhalten die Rede, die auch im Jahre 2014 nichts an Bedeutung verloren haben, denen man sich im Unterricht widmet? Ein Caesar, der ein Meisterstück lateinischer Propagandakunst abliefert, wenn er über sich selbst ein Werk schreibt und sich mit ausgefeilten Mitteln um Neutralität bemüht, die erst beim genaueren Hinsehen als grausam subjektiv auffällt. Ist so etwas in Zeiten, wo von Medienkompetenz und media literacy geredet wird, nicht lohnenswert? Oder die Liebesdichtung. Klar, sind die Texte mehr als 2000 Jahre als, aber ganz ehrlich. Seht euch die Themen mal an. Sie sind genau so aktuell wie damals! Wenn’s ums Zwischenmenschliche geht, sind wir keinen Schritt weiter als ein Catull, der im Liebeskummer seiner Lesbia hinterher jagt. Wo findet man die Liebesleiden und -freuden besser und prägnanter in Worte gefasst als in seinem Carmen 85, das mittlerweile in mehr als 200 Übersetzungen vorliegt, weil es Schriftsteller bis in die Moderne verfolgt, sie das Original aber nicht erreichen können? In Stunden, in denen die Schüler merken, dass hinter diesen im wahrsten Sinne des Wortes ollen Texten viel mehr drin steckt als bloße Formenübung und in archaische Formen gegossener Sadismus, hört man eine Stecknadel fallen. Stellt mal Caesars Rechtfertigung für den gallischen Krieg der Krim-Annexion gegenüber. Lasst Ciceros Kriterien für einen gerecht(fertigt)en Krieg den modernen Definitionen entgegenlaufen. Oder vergleicht Senecas Tipps zur Trauerbewältigung mit den psychologischen Ratgebern, die wir Jahr für Jahr für teures Geld in Fachhandlungen kaufen. In vielen Bereichen hat sich kaum was geändert. Im Gegenteil: Die Antike ist uns in vielen Beziehungen sogar noch recht ähnlich. Ja, ich wage sogar die kühne Behauptung, dass wir daher einiges von ihr lernen können.
Nennt mich verklärt, verbohrt oder verblendet. Aber diese Ausführungen stehen nur für die Leidenschaft, mit der ich dieses Fach liebe und lehre – und nur allzu gerne gebe ich etwas von diesem Feuer an meine Schüler ab. Natürlich werde ich hier posthum keinen zum Altphilologen bekehren. Ich bin umgekehrt auch der Meinung, dass Latein bestimmt keine Sprache für jedermann ist. Aber wenn man über sie oder die Menschen dahinter berichtet, dann doch bitte mit einem Mindestmaß an Recherche. Denn auf mehr als Ressentiments scheint der Artikel in der FAZ nicht zu gründen. Und das ist schon ein kleines bisschen peinlich. Si tacuisses, philosophus mansisses

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Latein, Pädagogik, Prüfungen, Technik, Unterricht abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu Von so genannten Liebesschwüren

  1. Mir begegnen bei meinem Fach Reli auch ständig Vorurteile („Wiiiiieeeeeee, du betest gar nicht mit denen?“, „In Reli hört man nur Geschichten.“) – zurecht aufgeregt und richtig gestellt!

    Gefällt mir

  2. pimalrquadrat schreibt:

    Ich als Nichtlateiner kann dir nur zustimmen, nachdem ich ein wenig ars amatoria gelesen habe, das ist brandaktuell. Aber diejenigen, die im FAZ-Artikel zu Wort kamen, sind vermutlich auch diejenigen, die sich darüber echauffieren, dass Goethe und co. „voll die alte Sprache“ benutzt haben, weswegen man getrost drauf verzichten könne.
    Naja, humboldtsches Bildungsideal, ade.

    Gefällt mir

  3. apfelspalte19 schreibt:

    grandiose Entgegnung !!!
    sollte an die FAZ

    Gefällt 1 Person

    • herr_mess schreibt:

      Danke danke. Aber der Artikel der FAZ sollte ja wohl eher eine augenzwinkernde Huldigung sein, bei der man meine Zunft etwas auf die Schippe nimmt. Wenn ich jetzt mit einer Gegendarstellung daherkäme, könnte ich mich auf ganz schön Gegenwind einstellen. Für die bin ich dann der Lateinlehrer, der keinen Spaß versteht…

      Gefällt mir

  4. KC schreibt:

    Sehr schön pointiert geschrieben und auch ohne Weiteres auf alle anderen Saure-Gurken-Zeit-wir-schreiben-mal-was-zu-Latein 🙂

    Gefällt 1 Person

  5. Frau Henner schreibt:

    Nun ja, es gibt an unserer Schule zwei junge (um die Vierzig) Lateinlehrer: einer fast so wie beschrieben, der andere vielleicht eher so wie du. Der eine passt so sehr ins Klischee, dass es wirklich weh tut: nur der Punkt mit den Gemeinheiten passt nicht, im Gegenteil, er macht alles sehr leicht, damit die Schüler ihn in Ruhe lassen und ihn nicht angreifen.
    Und die Relilehrerin, die aus lauter Gebet, Meditationsmusik und Mandalamalen nicht herauskommt, gibt es auch und den Informatiklehrer, der vielleicht mit Computern kann, aber auf keinen Fall mit Menschen…
    Ich verstehe deinen Frust und du kommst auch gleich in eine Verteidigungshaltung. Du bist nicht so – aber es gibt sie tatsächlich. Und die negativen Beispiele bleiben seltsamerweise im medialen Gedächtnis eher hängen, so wie Kinder ein Schimpfwort sofort lernen, aber eben nicht die sinnvolle, tausendmal abgeleitete Lateinvokabel.

    Gefällt mir

    • flyingbobbin schreibt:

      Es gibt alles – es gibt auch die Deutschlehrer, die in der Schule sonst nix konnten, deshalb ihre Muttersprache (und Geschichte) studiert haben und sich ein entspanntes Berufsleben wünschten (schreibe ich mit den Fächern Deutsch, Geschichte und Philosophie); es gibt auch Mathelehrer, die mathematische Gaben haben wie Rainman und in Sphären schweben, die für die Schüler vom Boden aus nicht mal sichtbar sind; es gibt auch Sportlehrer, die nur in ihren Sportsachen rumlaufen und auf drei km Entfernung zu riechen sind. Aber man wird garantiert niemandem gerecht, wenn man solche Merkmale von Einzelpersonen gebündelt unter der Überschrift „Der xy-Lehrer“ verhandelt. Insofern finde ich nicht, dass hier eine Verteidigungshaltung präsentiert wird, sondern eine sehr gut lesbare Geraderückung einer einseitigen und (insbesondere als Liebeserklärung) inadäquaten Darstellung.
      Bin auch pro Weiterleitrung an die FAZ.

      Gefällt mir

      • herr_mess schreibt:

        Das ist sehr lieb, aber so wie der Ur-Artikel geschrieben ist, vermittelt er durch die Art der Einseitigkeit nicht den Eindruck, als sei man an einem tatsächlich sachlichen Austausch interessiert. Da wäre ich nur Kanonenfutter, oder der lateinische Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft und gebasht wird…

        Gefällt mir

        • lilohenner schreibt:

          Und genau das meine ich, viele Artikel sind werden nicht geschrieben, um eine sachliche Diskussion voranzubringen, sondern um geschrieben und gelesen zu werden und das geht eben gut mit der Kultivierung von Klischees – das lesen viele Menschen gerne. Das trifft die Angesprochenen und sie dürfen sich zurecht wehren. Das ist nicht guter Journalismus. Aber ein Journalismus, wie es ihn immer geben wird, fürchte ich.

          Gefällt mir

          • lilohenner schreibt:

            Lieber Herr Mess – habe dir übrigens ein Stöckchen zugeworfen in meinem letzten Post (Von Freundebüchern und Untoten) – fallst du Lust und Zeit hast, dich ein bisschen ablenken zu lassen.
            Liebe Grüße von Frau Henner

            Gefällt mir

  6. Pfiffika schreibt:

    Meine Lateinlehrer aus meiner Schulzeit ( ca 35 Jahre her) entsprachen den zitierten Klischees bezüglich der Bekleidung (aber so was von!) , menschlich hingegen waren sie mehr als up-to-date.Ich bin nach wie vor von Latein als eine Art „Universalwissen“ begeistert und erlebe es immer wieder als alltagstauglich. Unsere Große lernt auch Latein und bringt mich Stück für Stück den Orignalen wieder näher. Ihre Lateinlehrer entsprechen in keinster Weise den Klischees, brennen aber für ihr Fach.
    Und das sollte eine Lehrkraft ja auch.. 🙂

    Gefällt mir

  7. Barbara Weber schreibt:

    Die Sprache der Liebe bei Vergil verwendet bereits die gleiche Metaphorik wie die bei Schiller oder wie bei Th. Mann oder bei Ortheil – verstaubt? Nein! Wunderbar!

    Gefällt 1 Person

  8. Also ich hatte auf dem 2. Bildungsweg 2 Lateinlehrer & die waren beide einfach GROSSARTIG!

    Gefällt mir

  9. Pingback: Von so genannten Liebesschwüren | quisquilia

Quid sentis?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s