Kleider machen Leute

avat_lachenIn Lehrerkreisen gab es die letzten Wochen ein Thema, auf das in Homepages von Lehrerverbänden mit einer Frequenz verwiesen wurde, wie man sie eigentlich nur von „echten“ Hiobsbotschaften gewöhnt ist. Aber es geht nicht um Einstellungsstopps, nicht um eine Einführung eines neuen Lehrplans oder gar die Rückkehr zum G9. Stattdessen geht es um… Wäsche.
Eine Schule im Schweizer Kreuzlingen am schönen Bodensee hat einen Dresscode für ihre Lehrerinnen und Lehrer veröffentlicht. Und das hat hohe Wellen geschlagen. Warum eigentlich? Ist es die Tatsache, dass sich Akademiker ob dieses Fashion-Imperativs gegängelt und bevormundet fühlen? Oder sind es die Details dieses Ratgebers, die streckenweise so haarsträubend sind, dass man ernsthaft daran zweifelt, jemand würde allen Ernstes so im Unterricht erscheinen?
Die (traurige) Wahrheit ist allerdings: Solche Leute gibt es. Und das wisst ihr. Jedes Kollegium hat seine schrägen Vögel. Und dieser Ratgeber vereint ihre Modesünden in einem bemerkenswerten No-Go-Dokument. Auch ich hab als Schüler einiges zu sehen bekommen, was der Ratgeber anspricht – wenn auch nicht alles. Wir hatten besagte Sportlehrerin, die selbst in ihren Deutschstunden im Trainingsanzug erschien und eine jahrelange Fehde gegen den Deoroller führte – und gewann. Die dickbäuchigen Mathelehrer, die sich zur Sommerzeit in ein kurzes Jeanshöschen quetschten. Den Biolehrer in der Lederhose. Jeden Tag. Jede Woche. Jeden Monat. Man konnte zusehen, wie das Ding mit jedem Mal speckiger wurde… und es auch riechen. Es gab auch die Klassiker: Socken in Birkenstock oder die schicke Buntfaltenhose mit Schlag, die zum Referendariat 1968 gekauft worden war und selbst nach 30 Jahren den Philologen-Kleiderschrank nie verlassen hatte. Wir hatten auch die im Dresscode genannten Hausschuhe, „ab der Oberstufe ein No-Go“, „stark fusselnde Strickjacken“ (jeden Tag dieselbe!), unhygienisch lange Bärte oder das – wie’s im Bericht steht – „offensiv zur Schau gestellte“ Brusthaar. Aber alles in allem war uns das egal. Klar, haben wir ein bisschen gewitzelt. Aber irgendwo waren diese schrägen Typen auf ihre Weise charmant und authentisch. Es waren Originale. An ihrer Kompetenz hat das kein bisschen gekratzt. Aber dennoch kann ich den Ruf nach ein bisschen mehr Stil verstehen. Die Öffentlichkeit anscheinend auch. Sonst wäre die Spiegel-Umfrage dieser Tage nicht so deutlich ausgefallen.

vote-lehrerkleidung

Auswertung der Online-Umfrage von Spon

Es ist schon interessant, dass viele akademische Berufe professions-immanent einen gewissen unausgesprochenen Dresscode pflegen, nur wir Lehrer nicht. Rechtsanwälte, Ärzte, Notare – keiner von ihnen würde am Arbeitsplatz mit ausgelatschten Turnschuhen und selbstgestricktem Kätzchen-Pulli erscheinen – meine Englischlehrerin anno 1996 schon. Dabei war das nicht immer so. Man muss nur ein bisschen Zeitdokumente durchforsten – zum Beispiel diese unsäglichen (Achtung, Wortspiel) Klamotten, die damals in den 60ern/70ern in die Kinos kamen. Pepe Nietnagel und seine Mannen, die ihren Lehrern allerhand Streiche spielen, sind im Jahre 2014 echt kaum zu ertragen. Dafür sind die Gags einfach zu seicht. Eins muss man den Herren und Damen Lehrerinnen im Film aber lassen. Adrett angezogen waren sie immer. Daher bitte festhalten, jetzt kommt der auf Zelluloid gebannte Beweis. 

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14 Antworten zu Kleider machen Leute

  1. KC schreibt:

    Man muss aber sagen, auch die Schüler sind allesamt gut angezogen…

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  2. Frau Henner schreibt:

    Hatten wir die gleiche Englischlehrerin?
    Es gibt sie überall! Die Kollegen, die vier Hemden im Schrank haben (zwei Flanell für den Winter und zwei Baumwoll für den Sommer), die Kollegin, die immer die Dessous rausgucken lässt, was die anderen Kolleginnen nervt, die Oberstufenschüler aber nicht, die Kollegin in unsäglichen T-Shirt-Aufdrucken (happy bears). Aber auch die gut angezogenen. Und die farbigen (meist die Kunstlehrerinnen). Das ist menschlich, das ist Gesellschaft. Nur wenn es peinlich wird, habe ich meine Grenze und wenn es müffelt. Denn auch bei uns gewinnt eine Kollegin immer wieder gegen das Deo. Das ist lästig. Nicht nur für Schüler, sondern auch für Kollegen!

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  3. Gast schreibt:

    Schöner wäre es, wenn solch ein Thema im Gespräch unter Kollegen angesprochen würde statt in einem Dresscode.
    PS: eine Schule, die einen Dresscode für IHRE Lehrerinnen und Lehrer….
    (Ja, Deutschlehrer….)

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  4. frauhilde schreibt:

    Ich ergänze um die Lehrerinnen in blickdichten Strumpfhosen, halblangen Uraltröcken, lila Blusen und grauen Strickwesten sowie um Chemielehrer mit lustigen Aufdrucken auf den T-Shirts (ohne Ironie; ich find das großartig!) und um Junglehrer männlichen Geschlechts, die schon bei Antritt des Referendariats den Stempel „Lebenszeitverbeamtet“ auf der Stirn und darob nichts anderes als Bundfaltenhosen, V-Ausschnitt-Pullis und teure Ledertaschen Marke „LEHRER“ am Körper trugen. (Ich mache einen großen Bogen um die letztgenannte Spezies.)

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    • Scharfrichter schreibt:

      „Bundfaltenhosen, V-Ausschnitt-Pullis und teure Ledertaschen“

      Sollten Sie ein paar entlaufenen Juristen begegnet sein? *g*

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    • KC schreibt:

      Nicht zu vergessen die Sportlehrer, die die Sportsachen von vor 20 Jahren auftragen.
      Neu sind allerdings über und über tätowierte/gepiercte Kollegen.
      Schön sind auch Lehrer auf Klassenfahrt, die dann in so arg grenzwertigem Räuberzivil auftreten, in dem man sie sonst nicht sieht.

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    • herr_mess schreibt:

      Meine Ledertasche schämt sich gerade… :-/

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      • KC schreibt:

        Wieso? Weil sie 20 Jahre alt ist? Das ist dann Vintage 🙂
        Ich hätte auch gern mal so ein abgetragenes Modell, nur fürchte ich, dass ich so pfleglich mit meinen Sachen umgehe, dass meine Tasche auch in 20 Jahren noch fast ladenneu aussieht.
        Ich müsste wahrscheinlich eine von einem Vorgänger erben oder so 😛

        Oder hast du dir so ein 400 Euro Designmodell gekauft. Da stand ich mal vor und dachte, wenn du mal A15/16 wirst, feierst du das mit so einem Ding 😀

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        • herr_mess schreibt:

          Für wie alt hälst du mich eigentlich :-O

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          • KC schreibt:

            Naja, wenn du nach der Grundschule mit der Benutzung einer Aktentasche angefangen hast, könntest du dich durchaus im Besitz einer 20 Jahre alten Tasche befinden 😀
            *grins* Und bis A15 sind es wahrscheinlich bei dir noch ein paar Jahre 🙂
            Du weißt doch, Latein als Fach macht automatisch alt. Ich hab Griechisch, ich werd steinalt wirken 😀

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