Wie bewertet man die Sinnhaftigkeit eines Schulfaches ?

avatarHier in Bayern nehmen die ständigen Diskussionen über neue Lehrpläne und Reformen kein Ende. Nach den künstlichen Versuchen, aus dem G8 mit Flexijahr und individueller Förderung irgendwie doch noch ein G9 auf Krücken hinzubekommen, kommt ab nächstem Jahr der Lehrplan Plus. Noch mehr Zusammenstreichen Reduzierung von Lerninhalten, noch mehr Konzentration aufs Wichtigste, noch mehr Entrümpelung. Kein sinnloses, isoliertes Detailwissen, sondern der nachhaltige Erwerb eines „intelligenten“ (sic!) und anschlussfähigen Wissens steht im Mittelpunkt – so findet man es auch verbatim auf der offiziellen Homepage des ISB, garniert mit beliebten buzzwords wie Kompetenzorientierung, individuelle Förderung und Eigenständigkeit.
Es ist klar, dass sich in einem neuen Lehrplan – auch wenn er sich offiziell nur als konsequente Weiterentwicklung versteht und nicht als radikaler Umsturz – alle Fächer von Neuem ausrichten müssen. Lerninhalte werden überprüft, gegebenenfalls aus dem Lehrplan entfernt, neue Inhalte aufgenommen. Allen voran die Altsprachen bekommen bei diesen Modernisierungsmaßnahmen gerne mal ihr Fett weg, gelten sie doch als unzeitgemäß und mit ihren endlosen Deklinationstabellen und Verbreihen, die man mantraartig herunterbeten muss, wie eine Kampfansage an oben genanntes „intelligente“ Lernen. Vieles scheint bei Altgriechisch oder Latein als antiquiert, als lebensfremd – kurzerhand: sinnlos. Aber wie definiert man die Sinnhaftigkeit eines Fachs? Inwiefern ist die Fähigkeit, das Monotonieverhalten eines Graphen zu beschreiben sinnhafter als das Übersetzen eines Caesartextes? Dieser Frage würde ich gerne nachgehen. Und ihr müsstet mir dabei helfen. In einem Google-Dokument, das für jedermann und -frau frei zugänglich ist, habe ich zwei Fragen an euch niedergeschrieben:

  • Welche Kriterien stelle ich persönlich an ein „sinnhaftes“ Schulfach?
    Diese Frage ist für jeden Leser zum Nachdenken (und natürlich Eintragen) gedacht, auch wenn sie mit dem Lehrberuf an sich gar nichts zu tun haben. Was muss ein Schulfach aus eurer Sicht erfüllen, um so „sinnhaft“ zu sein, dass man Schülerinnen und Schüler damit in Berührung bringt? 
  • Für die Lehrer: Nach welchen Kriterien definiere ich die Sinnhaftigkeit meiner Schulfächer?
    Diese Frage ist vorrangig für die Lehrer gedacht. Ich als Altsprachenlehrer kenne natürlich immer nur die Top 10-Gründe, warum Schülerinnen und Schüler unbedingt Latein lernen müssen. Aber welche Gründe sprechen für Mathe? Für Französisch? Für Musik? Für Informatik?  Für Physik? Für Sport? Alle Gründe, und seien sie für die jeweilige Lehrkraft noch so lapidar, würde ich gerne hören. Am besten, indem ihr neben euren Argumenten auch noch euer jeweiliges Unterrichtsfach, auf das ihr euch bezieht, niederschreibt.

Aus euren Antworten und Anregungen werde ich mir in der nächsten Zeit eine kleine Liste zusammenbauen, die ich an meinen eigenen Lehrfächern austesten werde.

Vielen Dank schonmal fürs Mitmachen!

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16 Antworten zu Wie bewertet man die Sinnhaftigkeit eines Schulfaches ?

  1. die Hungrige schreibt:

    Auch wenn ich noch für ein paar Monate Schülerin bin, möchte ich gerne meinen Senf dazu geben.
    Vor allem in der Mittelstufe haben wir immer wieder von Lehrern gehört, wie sehr unser Lehrplan mit dem G8 schon geschrumpft ist und damals dachten wir nur: „Super, dann müssen wir nicht noch mehr unnützes Wissen auswendiglernen!“.
    Aber seit ich in der Oberstufe bin, erfreue ich mich immer mehr an den kleinen Details, die zwar nicht unbedingt notwendig sind, aber die einem ein schärferes Bild von einer Sache vermitteln und es uns so möglich machen, Interesse an einem Thema zu finden und womöglich zeigen, warum genau dieses Thema wichtig für unsere Zukunft sein könnte.
    Mir fällt (außer in Mathe und Physik, die leider so gar nicht zu meinen Fähigkeiten gehören) im Moment kein einziges Unterrichtsthema diesen und letzten Jahres ein, das man hätte kürzen können, ohne es uninteressant werden zu lassen.

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    • herr_mess schreibt:

      Danke für den wertvollen Input! Ich find’s wichtig, dass man diese Frage auch von Schülern beantworten lässt. Ihr seid ja letztlich das Publikum, für den wir den ganzen Zinnober veranstalten 🙂

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  2. Frau Henner schreibt:

    Heute früh hat im Radio einer gefordert, man solle ein neues Schulfach einführen: gesunde Lebensführung und Ernährung. Wozu brauchen wir eigentlich noch Familien und Elternhäuser? In zehn Jahren fordert jemand dann das Schulfach „Richtig Anziehen“ und „Kauen, ohne sich zu verschlucken“.

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    • herr_mess schreibt:

      Von solchen Forderungen habe ich schon oft gehört. Mich wundert es ehrlich gesagt, dass da vor allem Elternhäuser nicht auf die Barrikaden gehen, weil man ihnen ja damit unterstellt, dass die basalsten Dinge in einer Familie nicht mehr vermittelt werden. Mit solchen Forderungen entmündigt man Familien und unterstellt ihnen das Versagen in einigen ihrer Grundfunktionen.

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  3. bobblume schreibt:

    Lieber Herr Mess.
    Ich weiß, du meinst es gut. Ich weiß, du willst in eine Richtung. Aber ich stelle eine Gegenfrage: Wann hören wir verdammt nochmal auf, alles nach Bewertungen und Vergleichen und Listen zu organisieren? Wann? Nochmals: Ich verstehe dein Anliegen, aber gerade in dieser Frage zeigt sich doch schon das Problem: Der ewige Versuch, alles unter (willkürliche, subjektive) Kriterien der Weiterverwertbarkeit zu stellen. Ich mag das nicht. Den Damen und Herren sollte man sagen: Alle sind zinnhaft. Alle. Jedes für sich.

    Hier mehr: http://bobblume.de/2014/11/23/oh-brave-new-world-that-has-such-people-in-it/

    Liebe Grüße

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    • herr_mess schreibt:

      Du hast recht, ich will in eine Richtung. Ich weiß allerdings nicht, ob du die kennst. Du unterrichtest kein Fach, das in einigen Bundesländern auf der Kippe steht. Das man radikal aus den Lehrplänen streicht, weil die Kinder intellektuell mit der Sprache nicht mehr zurecht kommen. Weil das Wörterlernen dort nicht mit Klatschspielen und Singsang unterrichtet werden kann. Ein Fach wie Latein, an dem mein Herzblut hängt, wird vielerorts einfach gestrichen und wegradiert, weil es gegen die anderen angeblich nicht mehr bestehen kann. Wie soll ich mir als Lehrer, der dieses Fach liebt, KEINE Gedanken darüber machen, wenn die sog. Sinnhaftigkeit bei Latein offensichtlich für viele nicht mehr gegeben ist, und diese Sprache den survival of the fittest im Fächerkanon oftmals verliert?
      Auch in Bayern, einer humanistischen Hochburg, merken wir die zunehmenden Bestrebungen, mit allerlei Alternativleistungen zu Schulaufgaben Notenkosmetik zu betreiben, damit die Noten in Latein halbwegs passabel sind. Mündliche Schulaufgaben in Latein, in denen die Schüler einen vorher auswendig gelernten Text aufsagen und übersetzen müssen, Portfolioarbeit, bei denen die Schüler einen Ovid-Mythos ihrer Wahl illustrieren dürfen – alles ganz nett, aber mit der SPRACHE an sich hat das nicht zu tun. Viel mehr bekommt man das Gefühl, dass man Latein als nettes Fach wahrnehmen möchte, das eigentlich ganz hübsch wäre, wenn diese blöde Sprache nicht wäre. Ich spüre, dass man Latein zunehmend die Identität nehmen möchte, für die es seit Jahrhunderten bekannt ist. Mein Fach rutscht langsam in eine echte Identitätskrise. Und zieht mich als glühenden Vertreter dieses Faches früher oder später mit.
      Was der jeweilige Leser aus dem Ausdruck der „Sinnhaftigkeit“ macht, ist ihm selbst überlassen. Wer es mit einem Kompetenzkatalog gleichsetzen möchte, der möge dies tun. Ich tue es nicht, es ist nur interessant, dass es mir viele sofort unterstellen, auch wenn von Kompetenzen mit keiner Silbe bei mir die Rede ist. Es gibt Gründe jenseits eines Fertigkeitenkatalogs, um ein Fach zu lernen. Für mich haben alte Sprachen viel mit Ästhetik zu tun. Mit Brillianz. Mit Präzision. Und bei vielen Autoren auch einfach mit unsagbarer Schönheit, die keine Reclam-Übersetzung auch nur ansatzweise nachbilden könnte

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      • KC schreibt:

        Das große Problem ist auch einfach, dass wir Lateiner es zugelassen haben, dass diejenigen, die miese Erfahrungen mit dem Fach Latein gemacht haben, nun über dessen Zukunft bestimmen dürfen.
        Und das Problem bei dieser Ausmal-Pädagogik ist, und das sehe ich an diversen Kommilitonen, die Selbstkompetenz um nicht zu sagen der Selbstanspruch, den einige an den Tag legen, wenn sie sich als Lehrer ausbilden lassen. Viele machen sich nicht klar, dass sie künftig eine Verantwortung nicht nur für sich selbst tragen werden und lassen das Fachstudium schleifen. Und wenn ich selbst nicht mit meinem eigenen Fach klarkomme, bleibt mir nur das Ausmalen und das Fernbleiben von Textarbeit.Viele, die Latein studieren, habe ich manchmal das Gefühl ,finden Textarbeit selbst doof und widmen sich lieber dem kreativen Teil. Mir wäre es lieber, wir hätten auch in der Schule mehr Zeit und könnten das eine mit dem anderen vereinbaren. Solides Gerüst aus Textarbeit und Theorie und sich dann kreativ auseinandersetzen.
        Wir haben bei uns hier in Pädagogik so einen der Kompetenzgurus, die Grammatikunterricht für überholt halten. Auf meine Frage, wie die Kinder dann bitte zu seiner geliebten Sprachkompetenz kommen sollen, hatte er allerdings keine Antwort. Es dürfen sich auch einfach zuviele Leute in Bildung und Fächercurricula einmischen, die überhaupt keine Ahnung haben. Und die sogenannten Pädagogen im universitären Bereich sind zu 90% eines, wenn man mal die Lebensläufe ansieht: Lehrer, die in der Berufspraxis gescheitert sind. Und DIE beraten dann Politiker in irgendwelchen Gremien, na herzlichen Glückwunsch!

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  4. bobblume schreibt:

    Lieber Herr Mess. Ich maße mir an, diese Richtung zu kennen. Denn es ist ohne Wenn und Aber auch diejenige, die ich vertrete. Dass ich kein Fach unterrichte, das auf der Kippe steht, ist nur insofern richtig, als dass es tatsächlich nicht um die pure Existenz geht. Aber das, was du für dein Fach in Anspruch nimmst, nämlich „Ästhetik (…) Brillianz (…) Präzision. Und bei vielen Autoren auch einfach mit unsagbarer Schönheit (…)“ geht auch für meine Fächer seit langem verloren. Im Zuge der Kompetenzorientierung, der es nur noch um die Verwertbarkeit geht.

    Nochmals: Ich stimme allem, was du sagst, von vorne bis hinten zu. Was ich mich nur frage: Sollte man sich auf dieselbe ökonomische Stufe stellen, indem man wirtschaftsdienlich versucht, Kriterien der Sinnhaftigkeit zu entwicklen? Ich gebe zu, dass ich keine Alternative habe, weil diese ein noch tieferes Denken über Bildung einschließen würde, von der sich gerade allerorten verabschiedet wird. Aber mir macht es Angst, dass wir – wenn ich diejenigen, die für eine klassisch-humanistische Bildung kämpfen – und auch schon versuchen, mit den Messinstrumenten derjenigen zu hantieren, die ja gerade dafür verantwortlich sind, dass wir uns immer weiter von einer Allgemeinbildung verabschieden, die nicht in jedem Atemzug eine Kompetenz ausmachen will.

    „Jetzt steh ich hier…“

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    • herr_mess schreibt:

      Verstehe ich alles. Aber um aus dieser Sinnkrise rauszukommen, kann ich nicht in meinem Elfenbeinturm bleiben und darüber lamentieren, dass mich und mein Fach keiner mehr versteht. Da gilt es Werbung zu machen, mehr Leute für sich und sein Fach zu begeistern. Zu zeigen, dass man als Fach eben MEHR zu bieten hat als den Kompetenzkrampf des Einheitstopfes. Dazu gehört’s aber auch erstmal dazu, dass man über den Tellerrand seines eigenen Faches schaut. Ich kann nämlich nicht Mehrwert und mehr Allgemeinbildung postulieren, wenn ich gleichzeitig Fachidiot bleibe.

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  5. Frau Henner schreibt:

    Bei der Frage nach dem Sinn geht es doch um die Frage nach dem Menschenbild, das wir bilden wollen. Ein mündiger Mensch, der gebildet ist und kritisch denkt war einmal das Ziel humanistischer Bildung – mein Ideal. Um kritisch sein zu können, braucht man Bildung und Latein gehört dazu, als eines von vielen Puzzleteilen. (Wahlweise auch gerne eine moderne romanische Sprache…)
    Meiner Meinung nach interessiert das aber viele Eltern und Politiker gerade gar nicht. Eltern hören eher auf so etwas wie: für das und das Studium ist das Latinum Vorraussetzung. Da geht es also nicht um den geformten Menschen, sondern nur um Zweckerfüllung. Und dieses Missverständnis zieht sich fort. Immer wieder höre ich: die Schulen müssen besser ausbilden. NEIN!
    Wir müssen nicht ausbilden, wir bilden. Zumindest solange Lehrer wie du und ich noch an den Schulen unterrichten. Der neue Kompetenzplan, der bei uns bald in Kraft tritt, ist mir ziemlich schnuppe. Und damit stehe ich auch nicht alleine da.

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    • frauhilde schreibt:

      Danke, Frau Henner, das spricht mir aus der Seele.
      Nur leider geht dieses Denken heute mehr und mehr verloren. Denn worum geht es bei der gymnasialen Bildung heutzutage? Immer jüngere Menschen in immer kürzerer Zeit durchzuschleusen, Richtung Uni zu schubsen, wo sie in Rekordzeit ihr Bachelor-Master-Irgendwasstudium durchziehen und dann mit Anfang 20 auf den Arbeitsmarkt geschmissen werden können, damit sie wirtschaftlich sind.
      Was man so als „humanistische“ oder „Allgemeinbildung“ bezeichnet, spielt dabei keine Rolle mehr.
      Mich als Geschichtslehrerin betrifft das Ganze, weil auch unser Lehrplan sich entscheidend ändern wird (an den Gesamtschulen, wo man Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde als ein Fach unterrichtet, damit man Stunden und Lehrkräfte sparen kann, ist es bereits so): Hatten wir bisher bis Ende der Sek I Zeit, einen chronologischen Durchlauf von der Menschwerdung bis zum 11. September zu machen, muss künftig das Thema Nationalsozialismus ein Jahr früher behandelt werden; hinzu kommt, dass der Lehrplan trölfzig neue Kompetenzen vorsieht, historisches Denken aber leider vergessen hat, weil in Zukunft hauptsächlich längsschnittartig unterrichtet wird. Themen, die für die Gesellschaft, die Wirtschaft oder Wasweißichwen von geringer Bedeutung sind, fallen größtenteils unter den Tisch (Grüße an die Geschichte des Mittelalters; war schön, dich gekannt zu haben …). Eigentlich weiß ich jetzt auch nicht mehr, worauf ich damit rauswollte, aber ich bin zu faul, den ganzen Text wieder zu löschen und schicke ihn deshalb einfach mal ab. 😉

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  6. nils schreibt:

    Jeder Bildungsdiskurs ist ein Herrschaftsdiskurs, wie auch hier wieder einmal schön zu erkennen ist.
    Was von euch hier unter Bildung abgehandelt wird, wird im offiziellen Bildungsdiskurs als höhere Bildung definiert, deren Ziel nicht die Bildung an sich ist, sondern die Studierfähigkeit, welche (früher!) wiederum auf eine Laufbahn im Staatsdienst vorbereiten sollte.
    Dass Latein „diese Identität(-sstiftung), seit Jahrhunderten hatte“ war keine sinngebende Notwendigkeit, sondern eine aus den historischen Herrschaftsstrukturen tradierte Übereinkunft, die der herrschenden Elite ihre Sonderstellung sichern sollte.
    Mit Luthers Thesen, seiner Bibelübersetzung und Guttenbergs Buchdrucktehnologie begann die langsame Erosion des Lateinischen als Herrschaftssprache.
    Das mag man bedauern, eine Bildungsnotwendigkeit erwächst daraus längst nicht mehr.

    „Ein Fach … Das man radikal aus den Lehrplänen streicht, weil die Kinder intellektuell mit der Sprache nicht mehr zurecht kommen.“
    Hmm, diese Aussage scheint mir doch etwas gewagt. Wenn wir uns die gerade aktuell diskutierte Studie zur Bildungsgerechtigkeit ansehen, dann können wir lediglich feststellen, dass die Unterstützung des Elternhauses einen höheren Einfluss hat, als die intellektuelle Leistung der SuS. Bricht die Unterstützung der Eltern weg, weil z.B. die Sinnhaftigkeit der aktuellen Praxis im Fach Latein jeglichen Bezug zur Realität der Schüler verloren zu haben scheint oder die Zeit fehlt, da Mutti im G8 nicht mehr so viel zuhause nacharbeiten kann.

    „… Notenkosmetik zu betreiben, damit die Noten in Latein halbwegs passabel sind“
    Wiedersprechen sich Noten und Bildung nicht, wenn wir in nichtökonomischen Kategorien denken?

    „Ich spüre, dass man Latein zunehmend die Identität nehmen möchte, für die es seit Jahrhunderten bekannt ist.“
    Willkommen im Klub der nicht mehr Ernstgenommenen. Die Fachschaft Kunst!

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    • nils schreibt:

      Gutenbergs Buchdrucktechnologie legte ebenfalls den Grundstein für die von Guttenberg, in seiner nun zurückgezogenen Doktorarbeit, unseligerweise verwendete Zitattechnologie. Diese nun ungültige Doktorarbeit war ein weiterer Sargnagel zum Begräbnis des ehemaligen Ansehens der bayerischen Bildungspraxis, verstärkte es doch den Eindruck, das vor allem eitle Prahler damit auf billige Weise versuchen ihr Renommee aufzuhübschen.
      Für mich widerspricht die extreme Notenfixierung der Lateinfachschaften in Bayern dem humanistischen Bildungsideal und deshalb wundert es mich nicht, dass auch hier Latein immer mehr an ansehen verliert.

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      • herr_mess schreibt:

        Was verstehst du denn unter einem humanistischen Bildungsideal? Ist ja ein durchaus diskutierwürdiger Begriff, den jeder bestimmt auch anders definieren würde.
        Was die Notenfixierung betrifft, ist diese in der Regel vor allem in der Unterstufe zu sehen. Das passiert aber nicht aufgrund von Sadismus, sondern ist oftmals eine Notwendigkeit, um die Schüler im Training zu halten. Die Sprache verlangt nun mal Konzentration und beständiges Am-Ball-Bleiben. In der Hinsicht sind die alten Sprachen einfach eine andere Liga als Sachfächer. Wenn ich beim Zitronensäure-Zyklus nur Bahnhof verstehe, ist das für meinen weiteren Werdegang über die nächsten Schuljahre nur eine Marginalie. Wenn ich die Kasuslehre nicht verstehe, bleibt die alte Sprache für mich für die nächsten 7 Jahre am Gymnasium ein undurchdringliches Gewusel an kryptischen Endungen, das jegliche ernsthafte Auseinandersetzung mit den Originaltexten abtötet. Wer kann denn die sprachliche Schönheit eines Seneca in sich sinken lassen, wer die vollkommenen Verse eines Vergil wertschätzen oder die versteckte Propaganda-Wirkung eines Caesar-Textes durchschauen, wenn man bei jeder Endung erstmal nachschlagen muss, wieso sie da steht. Ohne die beständige Übung in der Unterstufe ist das sinnvolle Auseinandersetzen mit den späteren Texten überhaupt nicht möglich.

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  7. nils schreibt:

    Das humanistische Bildungsideal ist in der Tat ein diskussionswürdiger Begriff, der korrekterweise neuhumanistisch genannt werden müsste und an der Schwelle zwischen Aufklärung und Restauration in den deutschen Bildungskurs eingeführt wurde.
    Schon damals also ein Machtdiskurs.

    Das von Humboldt definierte Bildungsideal wurde von Anfang an sehr verschieden interpretiert und umgesetzt oder verwässert.
    Sein Modell wurde nie wirklich umgesetzt. Für ihn stand der Mensch im Vordergrund. Er selbst ist übrigens das beste Beispiel dafür, dass Bildung oder Latein- und Griechischlernen ohne Noten besser funktioniert als mit diesem äusserst unvollkommenen, disziplinarisch eingesetzten Zwangs- und Demotivationsinstrument.

    Dass Stoff aus der 5., 6. und 7. Klasse, in der 8., 9. oder 10. nicht mehr präsent ist, erlebe ich täglich. Trotz manischer Notenvergabe.
    Schlechte Noten demotivieren intelligente Schüler oft mehr, als dass sie einen Ansporn darstellen.
    Da Latein nur noch für Lateinlehrer und Pfarrer wirklich studienrelevant ist, verstehen Schüler und Eltern die negativen Notenexzesse der bayerischen Lateinfachschaften nicht (mehr).
    An unseren bayerischen Gymnasien wird Latein als l’art pour l’art betrieben. Dass dieses am G8 so nicht mehr funktioniert, ist in den Fachschaften noch immer nicht angekommen. Und die häufig gerade aus bayerischen Lateinfachschaften gehörte Meinung, es wären zu viele nicht gymnasialfähige Schüler an den Schulen, löst bei mir schlicht Unverständnis aus.

    Kunsterziehung oder Musik sind nicht weniger bildungsrelevant als Latein oder Naturwissenschaften, werden im Kollegium und von der Bürokratie allerdings nicht ernst genommen. Dir zum Troste sei gesagt, daran gewöhnt man sich.

    Gehen wir mit offenen Augen durch die Welt, dann können wir feststellen, dass ohne eine ästhetische Senisbilisierung unsere Welt eine andere wäre. Werbung und Design sind ohne Kunst und Musik nicht denkbar. Opern oder Musik- und Theaterstücke entstehen nicht weil jemand schlechte Noten dafür vergibt, selbst Autos werden nicht deswegen gebaut, sondern weil Menschen Freude am Erfinden neuer Wirklichkeiten haben und diese mit grosser Lust verwirklichen. Dieses Wissen bereitet mir Freude und gibt erzeugt meine Sinnhaftigkeit. Dazu benötige ich allerdings kein demotivierendes Notenkorsett.

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  8. Harry schreibt:

    Ich finde jedes Fach in der Schule hat seine Daseinsberechtigung. Selbst mit Latein lernt man doch sehr viel über Grammatik.
    Alles andere fördert Denken und Können eines Schülers.
    Jedoch fände ich es auch sinnvoll in der Oberstufe oder ab der 10. Klasse einen riesigen Wahlpflichtblock anzubieten. Vielleicht auch zentral für mehrere Schulen.
    Da könnte man dann als Schüler entweder aus Fächern wählen, die sich aufs Leben beziehen.
    Oder vielleicht auch fürs zukünftige Studium vorbereiten.
    So etwas würde dann wenigstens Praxis in die Schulen einziehen lassen. Jeder ist doch genervt, wenn er die ganze Zeit nur vor Büchern sitzen muss.
    Warum sollte man den Schülern nicht einmal die Woche Zeit geben, damit sie mal was handwerkliches machen können oder mal ein kleines Projekt programmieren können?
    Oder einen Einblick in den Universitätsablauf gewähren?
    Also das alles nicht in AGs, sondern tatsächlich als Wahlpflicht organisiert.
    Das würde aber den Staat zu viel kosten. Deshalb ist die Umsetzung nicht sehr unwahrscheinlich.

    Auf Dauer wird die Schule dann leider einen veralteten Ruf kriegen. Wie die Kirche.

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