Quo vadis?

avatarIch weiß noch, wie wir als Seminar nach den ersten Wochen im Referendariat einen unserer ersten Weinabende hatten. Es sollte nicht der letzte bleiben, denn solche Situationen waren willkommene Gelegenheit zur gegenseitigen Seelenpflege. Das Referendariat geht einfach an die Nieren. Den einen mehr, den anderen weniger. Aber ohne irgendwelche Blessuren geht da keiner raus. Das war uns schon nach den ersten Tagen klar. Umso wichtiger waren da unsere regelmäßigen Happenings, wo man zusammen gelacht, geweint, geplant und vor allem gelästert hat. Über die ganzen Protokolle, die man schreiben musste. Über die Umstellung in das Berufsleben, die wir uns frisch von der Uni kommend ganz anders vorgestellt hatten. Über die komischen Fortbildungen, in denen man uns vorgaukelte, Sockenpuppen seien wunderbar, um Schülern der Oberstufe Lernwortschatz beizubringen (fail!). Über die renitenten Schüler, die Referendare eher als Freiwild denn als pädagogisches Vorbild sahen.
Jetzt, Jahre nach der Verbeamtung, sind unsere Treffen seltener geworden. Dafür sind sie umso herzlicher. Wir sind älter geworden. Einige vielleicht sogar reifer (ich übrigens grauer). Der Wein etwas exquisiter. Und die Themen ganz neue.
Die Schule und der Unterricht läuft. Natürlich gibt es Aufreger, aber die sind nicht mehr weltbestimmend. Mit etwas Routine ist alles erträglich. Privat grummelt’s aber bei uns überall. Bei den Damen tickt die biologische Uhr. Mitte 30 steht langsam die Entscheidung ins Haus, wie es jetzt weitergehen soll. Schule, Heirat, Kinder ja oder nein? Ein paar sehen sich eingeschüchtert von den Über-Mamis, die scheinbar spielerisch Kind und Karriere unter einen Hut bringen, und dabei auch noch fantastisch aussehen. Die Männer sind eher von einer Nomaden-Unruhe getrieben. Passt beruflich alles? Bleibe ich an der Schule? Passt die Stadt? Passt die Wohnung? Vielleicht doch ein Haus? Miete oder Eigentum? Ich persönlich stelle mir gerade die Frage: Weiterhin Peripherie? Oder doch Stadt? Oder gleich aufs Land? Aber wonach ist mir tatsächlich? Bin ich – um es mit Horaz zu sagen – eher eine Stadt- oder eine Landmaus? Sagt mir das hektische, gefährliche, aber üppige Stadtleben eher zu? Oder knabbere ich lieber auf dem Land, fernab vom Heckmeck der Stadt und um vieles glücklicher, da ruhiger? Beides hat seine Vor- und Nachteile, wobei allem voran das Finanzielle ein sehr gewichtiger Aspekt ist. Vor allem, wenn es sich bei der Großstadt um München handelt, das im europäischen Vergleich nach London die zweithöchsten Mieten verlangt. Und in Deutschland auf Platz 1:

(Grafik von zeit.de)

Woher die Zeit den Durchschnitt von knapp unter 11 pro m² hat, ist mir nicht ganz klar. Innerhalb von München schwanken die Preise so viel ich weiß um einiges darüber. Nämlich im Schnitt zwischen 12 und 16€/m². Für mich macht es durchaus einen Unterschied, ob ich jetzt für eine Wohnung um die 75 qm² 525 Euro in Kaltmiete zahle oder eben 1125. Einen großen Unterschied. Versteht mich nicht falsch: Ich liebe München, die Umgebung, die Leute, die Kultur, das Flair. Aber rechtfertigt das den finanziellen Mehraufwand von fast 600 Euro mehr im Monat? Ist mir das der Olympiapark wert? Oder Nymphenburg? Das Oktoberfest? Die Isarauen? Die Nähe zu den Bergen? Wie oft nutze ich als Lehrer dieses Freizeitangebot tatsächlich? Und wir reden jetzt nicht mal von diesem Klischeephantom, das Mittags am Baggersee liegt oder Tennis spielt, wie hier in einem sehr unüberlegten Kommentar von Bayern 2, der in diesem Jahr für richtig viel Ärger gesorgt hat:

 

Nein, wir reden von Leuten, die ihre Arbeit ernst nehmen.  Und die gibt es massenhaft.
Wohin es mich verschlägt, ist also nach wie vor offen. DASS ich mich verschlagen muss, merke ich immer mehr. In dieser Wohnung hier bin ich nun mehr als seit sieben Jahren. Seit dem Referendariat hause ich in diesen Wänden. Erst als Teil einer WG, dann habe ich sie komplett übernommen, als mein Mitbewohner auszog. Die Wohnung an sich ist schön gelegen, aber an vielen Details merkt man einfach, dass man nicht mehr 27 Jahre alt ist. Denn was früher einfach hingenommen wurde, beginnt jetzt allmählich ordentlich zu nerven. Das eigentliche Manko ist die wirklich krasse Hellhörigkeit der Anlage. Zu WG-Zeiten fanden wir es immer ganz lustig, wenn der Student über uns lauthals über seine Misserfolge beim Online-Poker geschimpft und im Zorn sämtliche Türen zugeknallt hat. Oder der Herr im ersten Stock, der im Trennungsschmerz den kompletten Sonntagvormittag mit dem Schmettern von Xavier-Naidoo-Schnulzen verbrachte. Und das in einer Lautstärke, dass man mühelos hätte mitsingen können. Heute wohnen dort eine alleinerziehende siebzehnjährige Mutter, die ihren Sohn permanent anbrüllt. Und unter mir ein netter Single, der sich als echter Partylöwe herausgestellt hat. Wenn der am Samstag seine Freunde zur Feier einlädt und die Musik aufdreht, sind meine vier Wände quasi unbewohnbar. Es hört sich an wie in einem Bierzelt. Aber es sind nicht nur diese Extreme. Ich höre den Partylöwen, wenn er niest, wenn er duscht, wenn er lacht, wenn er hustet. Letztens bin ich beim Einschlafen hochgeschnellt, weil ich dachte, den Vibrationsalarm von meinem Smartphone gehört zu haben. Aber mein Smartphone war aus. Es war der Vibrationsalarm einen Stock tiefer…
Kurzum: Ich höre viel von meinem Umfeld. Und wenn ich so etwas von meinen Nachbarn höre, hören meine Nachbarn wohl ähnliches von mir. Und das ist auf Dauer echt gruselig. Man hat ständig das Gefühl, in seinen eigenen vier Wänden permanent Gäste zu haben. Und das nervt…
Deswegen steht wohl die nächsten Monate in 2015 irgendwann ein Umzug ins Haus. Wohin schauen wir mal. Herr Larbig hat mir zumindest einen Umzug ins Stadtzentrum mit einem kleinen Audioboo bereits im Mai schmackhaft gemacht 🙂

Ich finde, er macht einen sehr guten Job bei der Urteilsfindung 🙂 Mal schauen, was 2015 bringen wird. Und bis es soweit ist, werd ich mich noch ein bisschen von meinem Nachbarn bespaßen lassen. So wie jetzt gerade. Der scheint mir just gerne die Bassfähigkeiten seiner HiFi-Anlage zu beweisen. Nicht schlecht, die Gläser im Schrank wackeln schon… 

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11 Antworten zu Quo vadis?

  1. KC schreibt:

    Dass du es überhaupt sieben Jahre in der Wohnung ausgehalten hast, grenzt an ein Wunder 😀
    Mir hat das schon in den paar Tagen bei der Konferenzunterbringung gereicht. Ich sag nur, nachts um 3 völlig übernächtigt mit Mordgedanken auf dem Flur stehen und auf Englisch motzen, dass hier Leute schlafen wollen…
    Vielleicht solltest du dir überlegen, ob es dir bei der Wohnung wichtiger ist, eine vernünftige Lage zu haben oder die Tatsache, dass in dem Ding einfach Ruhe herrscht. Ich glaub nämlich, beides auf einmal, ist schwer zu finden.

    Frankfurt, ach ja…die Stadt, die nur gut aussieht, wenn man sie verlässt 😀 Vorzugsweise mit einem schnellen Verkehrsmittel…

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  2. rup schreibt:

    Der erste Passus gibt fast identisch meine Situation wieder und ja, der Wein wird definitiv exquisiter. Cheers. Die Wohnungsfindung – Bedingungen + Prioritäten betreffend – ist wirklich immer schwierig…eine Nähe zu den Bergen und verschiedenen Seen würde ich aber nicht aufgeben; idealerweise lässt sichs noch mit Stadtleben arrangieren/kombinieren. Lg aus RO.

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  3. Frau Henner schreibt:

    Lieber Herr Mess,
    wie du weißt, lebe ich in der tiefsten Provinz und
    JA, mit Kultur ist es da sehr schwierig
    JA, mit spontan kommt man da überhaupt nicht weit und
    JA, man kommt den Menschen sehr nah, ob man will oder nicht, aber die Auswahl ist sehr beschränkt, weil es so wenig davon gibt.
    Dafür gibt es:
    > preiswertes Leben mit viel Platz,
    > RUHE und
    > viel Zeit für das Selbst, weil die Ablenkung fehlt.

    Wenn ich allein wäre und flexibel, würde ich wohl eine Stadt vorziehen und mir da eine ruhige, kleine Wohnung suchen. Da ich aber bereits mit Mitte zwanzig Familie gegründet habe, ziehe ich das Land vor. Das genieße ich jetzt, vor allem weil so nicht mal das Ticken der biologischen Uhr stört 😉
    Aber mal im Ernst: denkst du wirklich daran, innerhalb Bayerns dich versetzen zu lassen? Ich meine, geht das denn überhaupt?
    München ist ja auch ein Extrem. Freunde von mir sind aus dem Speckgürtel wieder weggezogen, weil sie so frustriert waren, dass sie sich keinen angemessenen Wohnraum leisten konnten und festgestellt haben, dass man mit Baby all die Kultur und Freizeitangebote eh nicht mehr nutzt…
    aber ich merke, ich helfe dir grad gar nicht weiter. Versuche das nicht rational zu lösen. Bist du lieber in der Stadt oder im Grünen? Alles andere findet sich. Viel Erfolg und liebe Grüße von Frau Henner!

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    • herr_mess schreibt:

      Liebe Frau Henner, warum sollte es nicht möglich sein, sich innerhalb Bayerns versetzen zu lassen. Seid ihr im Ländle an eure Schule etwa gebunden? Das würde mich sehr wundern…
      Das Kulturangebot ließe sich schon gut nutzen. Sehr gut sogar. Vor allem die Altphilologen finden um den Königsplatz ein wahres Schlaraffenland an antiken Vasen, Statuen, Abgüssen und Büsten. Die Frage ist nur, wie oft man sich sowas anschauen kann, ohne sich irgendwann zu denken „Den betrunkenen Faun kenn ich schon.“… Hm…

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      • Frau Henner schreibt:

        Lieber Herr Mess,

        nö – Versetzungen sind sehr schwierig. Es sei denn, man unterrichtet Englisch und noch ein Wie-Sand-am-Meer-Fach und will unbedingt in die tiefste Provinz. Unterrichtet man hingegen z.B. Latein und ist in der Provinz, dann kann man sich schon fast nach einer netten Grabstelle auf dem kleinstädtischen Friedhof umgucken, denn aus diesem Nest kommt man nicht mehr weg (oder nur unter großem Aufwand und sehr langer Wartezeit). Ausnahmen gibt es natürlich immer. Da gibt es den Kollegen, der nach einem Jahr schon wieder wegkommt, und jeder fragt sich, wie hat der das nur gemacht? Normalerweise geht nichts unter fünf Jahren Wartezeit – und in fünf Jahren, mein Gott, wie sich da die Welt schon weitergedreht hat!
        Aber was sind fünf Jahre auf ein ganzes Leben gesehen…
        Ein Schlupfloch gibt es. Wenn man in den Auslandsschuldienst geht, ist die Chance größer, hinterher ganz woanders hinzukommen, wenn man das will. Und da sagt sich manch einer: „Ach, antike Vasen gibt es auch in Rom!“ Und dann sitzt er in Kanada und spielt in tiefen Wäldern mit wilden Bären. Aber es ist immerhin auch eine Erfahrung 😉

        Apropos Kultur habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, weil es noch so vieles gibt, was ich mir in meiner Wohngegend noch nicht angesehen habe. Burgen, alte Kultplätze und Siedlungen. Da gehören selbst antike Vasen dazu – wenn die auch nicht mehr ganz heil sind.

        Einmal hatte ich ein Tief und habe mir ernsthaft überlegt, mich versetzen zu lassen. Aber das war eine Phase. Und weißt du, was geholfen hat? Wir haben uns neuen Wohnraum gesucht!
        Das wäre auch bei dir die einfachste Option – oder doch nicht?

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        • herr_mess schreibt:

          Neuen Wohnraum suchen? Das ist genau mein Ding 🙂 Mit meiner Schule bin ich sehr verbandelt. Das Kollegium ist einfach sagenhaft, der Zusammenhalt ist super, die Kinder gewitzt. Jede Versetzung würde in der Hinsicht ein Downgrade bedeuten 🙂
          Wir haben auch Kollegen, die in andere Städte gezogen sind, um dort günstiger zu wohnen. Dafür pendeln sie halt täglich ne Stunde an die Schule rein und verpulvern ihre gesparte Miete in die Bahn und lange Pendelzeiten. Auch nicht gerade das Wahre :-/
          Wegen Versetzungen kann ich mich ja mal (theoretisch!) schlau machen, weil mich das einfach interessieren würde, wie das hier in Bayern vonstatten geht. So viel ich weiß, kann der Schulleiter einmal bei einem Versetzungsgesuch sein Veto einlegen. Wenn aber irgendwo tatsächlich Bedarf ist, und einer der Kollegen Bereitschaft zeigt, dürfte das eigentlich problemlos funktionieren. Gibt’s hier irgendwelche Kollegen, die da aus Erfahrung sprechen?

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  4. Frau Machann schreibt:

    Unser Chef legt nie sein Veto ein.
    Wir haben Kollegen, die tatsächlich auch schon nach einem Jahr an ihren Wunschort kamen. Andere halt nicht, aber das liegt dann am Bedarf des Wunschortes.
    Innerhalb von – ich sag mal einfach – 3 Jahren wurde jeder dahin versetzt, wo er hinwollte.

    Man kann wohl 7 (10?) Wünsche angeben, wo man hinwill. Wenn da nix frei ist, bleibt man eben da, wo man ist.
    Es gibt eine Frist für Versetzungen, ich weiß aber nicht, wann die abläuft, bin ja auch glücklich an meiner Landschule 🙂

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  5. frauhilde schreibt:

    Und, ist schon eine Entscheidung gefallen?

    München ist echt abartig teuer. Aber okay, ich bin auch eher ein Halb-Landmensch (ganz provinziell muss es nu auch nicht sein).

    Viele Grüße von einer, die ebenfalls in einer Ex-WG-Wohnung wohnt, aber hellhörigkeitstechnisch mehr Glück hat als du. 😉

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