Gone Shopping… Herr Mess ist Spieler…

avat_traurigIhr kennt doch diese „Kommt ein“-Witze? Kommt ein Pferd in eine Bar… Kommt ein Buckliger in eine Bar… Kommt ein Blinder in einen Fischladen… Ich weiß, die haben allesamt sehr überschaubaren Unterhaltungswert. Aber es gibt sie dennoch im Überfluss. Jetzt hab ich sogar noch einen neuen ähnlichen Kalibers: Kommt ein Lateinlehrer in einen Videospielladen… Wie auch die Vorgänger ist auch dieser Witz leidlich lustig. Aber leider ist er wahr.
Das Daddeln von Videospielen ist ein guilty pleasure, das ich mir seit meinem ersten Game Boy über die Jahre erhalten habe. Nur leider komme ich immer seltener dazu. Lediglich in den jeweiligen Ferien finde ich die eine oder andere freie Stunde, um mich mal wieder in virtuelle Welten zu stürzen. So jetzt auch in den hiesigen Ferien. Dank Dauerregen und Depriwolken hatte ich die letzten Tage mal wieder so richtig Zeit, mich durch das eine oder andere Spiel zu daddeln. Erst durchlebte ich mit der neuesten Episode der Walking Dead eine Gefühlsachterbahn der besonderen Art, dann verbrachte ich knapp 10 Stunden über den Dächern des mittelalterlichen Istanbul in Assassin’s Creed: Revelation. Tja, und dann kam ich auf die Idee, meine Three in one week komplett zu machen, und machte mich auf in einen nahegelegenen Gamestop – eine Kette, die Videospiele in neu wie auch gebraucht anbietet. Und ich mittendrin.
Ich habe mir einen blöden Tag für meinen Beutezug ausgesucht. Der Laden ist voll von Kindern und Heranwachsenden jeglicher Couleur. Kleine Jungs, die ihre gesamte Überzeugungskunst des weinerlichen Hyperventilierens einsetzen, um von ihrer Mutter das heiß ersehnte Spiel mit dem FSK-18-Siegel zu bekommen. Teenies mit Bartflaum und ungewaschenen Haaren, die über Destiny philosophieren. Junggebliebene, die ihre sturmfreie Bude mit echter Männerunterhaltung – sprich FIFA – füllen wollen – und mittendrin: ich.
Es fühlt sich an wie auf einem engen Pausenhof, aus dem man alle Mädchen verbannt hat. Es ist eng, es ist beklemmend, es ist muffig. Aus den Boxen der viel zu lauten Anlage dröhnt eine Techno-/Dubstep-Coverversion nach der anderen. Man fühlt sich als Mittdreißiger doch recht unwohl. Daher versuche ich so schnell wie möglich meinen Einkauf hinter mich zu bringen und aus dem Laden zu verschwinden. Brav stelle ich mich an der Schlange an, an deren Ende ein zunächst patent aussehender Zwanzigjähriger steht. Zumindest wirkt er so, ganz im Gegensatz zu seiner Kollegin, die neben ihm selbst mit dem Einscannen von Barcodes überfordert ist. Und dem Öffnen der Kasse. Und dem Schließen. Und dem Ausstellen von Garantiebescheinigungen. Und wehe, es wird eine Frage gestellt. Dann wird man von ihr kurzerhand an den Kassierer in unserer Schlange verwiesen. UNSEREN Kassierer wohlgemerkt, der uns zahlende Kunden dann einfach ignoriert, um den fragenden Bittsteller gewähren zu lassen. Aus der kurzen Anfrage wird ein minutenlanges Gespräch. Irgendwann verschwinden die beiden wild gestikulierend in einem Nebenraum – und wir stehen auf einmal in einer Schlange vor einer Kasse ohne Kassierer, dafür aber mit offener Schublade. Denn wie die geschlossen wird, weiß Kassierin 2 nicht.
Als die beiden nach drei Minuten wieder zurückkommen, nimmt Monsieur seine Arbeit wieder auf – ohne ein Wort der Entschuldigung oder Rechtfertigung. Als ich dann schließlich dran komme, um mein Spiel zu bezahlen, hoffe ich auf eine schnelle Abwicklung, damit ich Fersengeld geben kann. Aber weit gefehlt: Der Kassierer drückt mir ein Zwiegespräch auf, wie es künstlicher nicht sein könnte: Das ist aber ein tolles Spiel. Willst du eine Garantie darauf? Willst du den Nachfolger bei uns vorbestellen? Hast du ein Konto bei uns? Willst du ein Konto? Während dieser munteren Fragerunde werde ich keines Blickes gewürdigt. Starr hält der Kassierer bei seinem Monolog seinen Blick auf den Bildschirm vor sich. Ich weiß nicht, ob er einfach keinen Spaß an seinem Job hat oder eine ernstzunehmende Soziophobie. Hätte er nur einmal aufgeschaut, hätte er mein Zitronengesicht gesehen, das ihm deutlich signalisiert, dass ich auf solche Vertretergespräche keine Lust habe. Auch nicht auf das Duzen durch einen Wicht, der locker bei mir in der zehnten Klasse sitzen könnte. Um das Nicht-Gespräch abzukürzen, verneine ich sämtliche Anfragen. Ich will einfach hier raus. Weg von der Technoversion von Joe Cockers You are so beautiful. Weg von ungewaschenen Haaren und Schuppen. Weg von Subjekten, die in meinem Umfeld Wörter wie Oida! nutzen. Aber Pustekuchen. Stattdessen unternimmt der Kassierer einen letzten Angriff auf meinen Geldbeutel: Für nur 10€ könnte ich den Nachfolger Assassin’s Creed Rouge bestellen und bei Erscheinen günstiger bekommen. Rouge? Ein kleines Kopfkino entsteht bei mir, bevor ich verstehe, dass er von Assassin’s Creed Rogue reden möchte. In dem Spiel geht es um einen abtrünnigen Assassinen, keinen kosmetischen Duftpuder. In solchen Momenten regt sich in der Lehrerseele heftiger Widerstand. Der Impuls, die Leute bei solchen Fehltritten zu verbessern, ist stark. Noch dazu, wenn es sich bei meinen Gegenübern um vermeintliche Profis handelt, die eigentlich etwas von ihrer Profession verstehen sollten. Aber ich widerstehe und lehne dankend ab. Wer weiß? Am Ende liege ich sogar selber falsch. So zahlreich, wie die Fortsetzungen in dieser Serie über die Jahre aufgeschlagen sind (I, II, Brotherhood, Revelation, III, IV, Rogue, Unity etc.) könnte es durchaus auch ein Rouge-Spin-Off geben. Vielleicht ein Spiel speziell auf Frauenzimmer zugeschnitten. Ein entsprechendes Artwork hätte ich schon in der Pipeline.

Assassins_creed_Rouge

Jeder Assassine fühlt sich besser mit einem Hauch von wangenbetonender Kosmetik

Und? Was sagt ihr, Ubisoft?

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13 Antworten zu Gone Shopping… Herr Mess ist Spieler…

  1. KC schreibt:

    Tztztz, Herr Mess, das ist ja wohl ein Rouge-Fail 😀
    Schöner wird’s nur in Frauen-Läden (Parfümerie, sic!), wenn so ein stark zugespachteltes Wesen mit ihrem mangelhaften, wenn übrhaupt vorhandenen, Schulfranzösisch sich um die korrekte Aussprache der zahlreichen Duftgewässer bemüht. 😀
    Ich hatte neulich das Vernügen mit Nu-It, la vi-e est belle (wirklich jeder Vokal gesprochen), Le Bein ( fand ich zum Schreien).

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  2. rup schreibt:

    Meine Affinität zum ‚gaming‘ hat auch (noch) nicht abgenommen; letztlich bleibt aber nur in den Ferien richtig die Zeit dafür. Tragisch dabei ist, dass meine Spielewahl meist auf ein komplexes und mithin zeitintensives Rollen- oder Strategiespiel fällt und die ‚quests‘ dann doch wieder in die Schulzeit reichen; aktuell bei Wasteland II. PS Ich kaufe meist online.

    Eine gute Woche
    R

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    • herr_mess schreibt:

      Genau aus dem Grund mach ich um Rollenspiele einen riesigen Bogen. So langsam merke ich aber, dass man nach den fast 25 Jahren wirklich schon viel gesehen hat und die Zeit vielleicht etwas anders nutzen sollte. Die aktuelle Next-Gen hat ja spielerisch im Moment kaum was zu bieten. Könnte echt eine Generation sein, die ich eventuell auslassen werde…

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      • rup schreibt:

        So lange ist auch etwa meine gaming-Erfahrung; mithin habe ich von Zak McKracken bis StarCraft II auch alles gesehen. Habe die Zeit aber nie als eine verschwendete bewertet sondern immer sinnvollen Mentalurlaub; daher wohl auch die Rollenspiel-Affinität. Die Next-Gen werde ich auch auslassen – ich war eh nie ein richtiger Konsolenspieler – außer Fußball natürlich. Morgen gehts wieder los…

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        • herr_mess schreibt:

          Urlaub war’s sicher, aber ich merk immer mehr, wie sich bei mir nach knapp 40 Minuten immer das schlechte Gewissen eingeschaltet hat, das mir sagte, ich solle meine Zeit besser nutzen. Noch dazu quäle ich mich bei vielen Titeln, die eigentlich als gut gelten, mit zunehmender Spielzeit nur aufgrund des Ehrgefühls durch. Beispiel „Assassin’s Creed 3“. Bestimmt ganz toll, aber nach den ganzen Teilen vorher ist’s halt am Ende schon einfach derselbe Kram…

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          • rup schreibt:

            Du hast schon Recht, das schlechte Gewissen schaltet sich bei mir schon beim Kauf eines Spiels ein. Mach dann meist Sport und pflege Soziales (als etwas Sinnvolles) und in den Nachtstunden, in der Ferienzeit, anstatt TV oder Hörbuch spiele ich dann. So kann ich das schlechte Gewissen niedrig halten…

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      • Pi mal R Quadrat schreibt:

        Naja, was erwarten Sie/du denn auch von gamestop? Ich geh mal nicht davon aus, dass die Leute da viel verdienen, und sich mit games auszukennen ist mit Sicherheit kein Kriterium, das bei der Auswahl der Angestellten eine Rolle spielt. Leider. Dazu kommen die doch recht happigen Preise (z.T. 10 € teurer als der Müller um die Ecke, und der ist schon nicht immer günstig), und gebrauchte Spiele gehen seltenst mehr als 5 € billiger als die neuen über die Theke.
        Als begeisterter gamer versuche ich deshalb, meine Einkäufe so zu timen, dass ich eine der 3für2-Aktionen oder ähnliches erwische. Führt zwar zu einem stets wachsenden Stapel an unbespielter Software, aber immerhin spart man ja dabei. 😀
        Aber die Pausenhofsache ist mir auch schon aufgefallen. Es fühlt sich sehr seltsam an.

        Was die „next-gen“ betrifft, hängt ja alles von der Platform ab, ich bin mit meiner U sehr glücklich. Jaja, immer das gleiche (arg überspitzt), immer Mario und co., aber die Qualität bleibt recht konstant recht hoch. 🙂
        Rollenspiele sind (leider) riesige Zeitfresser, was sehr schade ist, wenn ich an die mitunter sehr guten Geschichten denke, die sie erzählen.

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        • herr_mess schreibt:

          Naja, die Wii U muss sich ja am allermeisten anhören, dass sie nichts Neues bringt. Auch wenn ich dir zustimmen muss, dass die Nintendo-Titel qualitativ einfach erste Sahne sind und es auch bleiben.
          Zum Thema „Gamestop“: Wenn die Leute keine Ahnung von der Materie haben, warum bewerben sie sich dann? Es ist ja allgemeinhin bekannt, dass das Metier der Videospieler ein recht verschworener Haufen ist, wo sich die Käufer wirklich hervorragend auskennen. Da kann man eigentlich keinen Newbie hinter die Theke stellen…

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          • Pi mal R Quadrat schreibt:

            Stimmt, die bekommt ordentlich Fett weg. Ich denke aber, dass sie mit Splatoon und S.T.E.A.M. (was für ein schrecklich zu tippender Name) gezeigt haben, dass sie auch noch Innovation können. Ende der letzten Generation hab ich mir eine PS3 gekauft und gemerkt, dass hier noch mal ne ganz andere „Welt“ an Spielen existiert, von der ich zwar gelesen hatte, sie aber bis dato nicht selbst erlebt hatte. Und da sind Spiele dabei, die sehr viel Spaß machen. Ist auch meinem Vater aufgefallen, der ganz gerne mitspielt (Maro Kart) oder zuschaut (alles andere), und seitdem ist er vom neuen Tomb Raider und von Uncharted begeistert.

            At Gamestop: ich denke da wie du, dass sich eher Leute mit Vorwissen und/oder Interesse bewerben sollten, aber ich geh mal davon aus, dass nicht jeder gamer auch im Verkauf arbeiten will und kann. Zumindest wäre das meine Erklärung. In „meinem“ Gamestop scheinen die Leute schon etwas mehr Ahnung zu haben, allerdings frage ich die eigentlich auch so gut wie nie etwas, da ich schon ziemlich gezielt einkaufe, und wie bereits erwähnt, Einkäufe mit Preisaktionen zu timen versuche.

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  3. teacheridoo schreibt:

    *Oberlehrer raushängen lass* Eigentlich heißt es ja auch gar nicht mehr „Rouge“, sondern „Blush“, will man einschlägigen Beautybloggern glauben. 😉

    Ich gebe zu, dass ich schon seit Ewigkeiten keinen „realen“ Laden mehr betreten habe, um Spiele zu kaufen, spätestens, seit ich Steam für mich entdeckt habe, wirklich gar nicht mehr. Klingt auch nicht so, als verpasste ich da etwas.

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  4. Pingback: Zockstock | Tafeldienst im Copyshop

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