Pauk mit!

avat_lachenARD α ist ein Quell immerwährender Freude. Was der Bildungskanal des bayerischen Rundfunks dort in regelmäßigen Abständen aus seinen Archiven herausholt und auf die Allgemeinheit loslässt, ist einfach phänomenal. Vor allem für so Nostalgiker wie mich, die in diesen Sendungen große Teile ihrer Kindheit wiederholen dürfen. Alte Folgen von der Sendung mit der Maus werden dort ebenso gezeigt wie die Serie Playtime – eine Reihe, mit der Kinder der flippigen 80er Jahre Englisch lernen konnten – und es in meinem Fall sogar taten. Oder Rübe, der die Wechstaben ruebeverbuchselt und seine Aggression über die verwirrende deutsche Rechtschreibung an ein paar wehrlosen Schaumstoffbuchstaben auslässt. Großartiges Pädagogikkino und der Fleisch gewordene Traum eines jeden Legasthenikers. Stirb, du olles B!
Für mich als Lateiner ist allerdings eine ganz andere Serie von Brillanz: „Pauk mit! – Latein“. Was wir hier zu sehen bekommen, ist genau der Lateinunterricht, wie ihn Schülergenerationen bis weit in die 90er Jahre erlebt haben: Ein Männchen in komischen Klamotten langweilt seine Hörer durch inkohärente Einzelsätze, die zusammen genommen keinerlei Sinn ergeben.
In diesem Fall handelt es sich bei dem Männchen um Rolf Illig, der dem einen oder anderen Mini-Bayer aus diversen Pumuckl-Folgen geläufig sein müsste. Er war es, der der Sendung ein Gesicht gab. Erst in Schwarz-weiß, dann in Farbe und zuletzt mit schickem Rollkragen-Pulli. Der Aufbau der einzelnen Sendungen ist immer dergleiche und alles in allem gut durchdacht. Ein bisschen Einführung, grafisch reduzierte Darstellung der neuen Grammatik, Einübung, Einzelsätze zum Vertiefen, Valete.  Die Sendung an sich ist dabei allerdings so herzlich dröge, dass man sie nur lieb haben kann. Die Präsentation ist karg, der Vortrag monoton, die Sprechmelodie einschläfernd. Die Aussprache des Latein wird in dieser Art heute nur noch von unverbesserlichen „Das hat die Oma schon so ausgesprochen“-Hardlinern praktiziert und widerspricht jedweder Expertenmeinung. Hintergrundinfos zur lateinischen Kultur gibt es nur in Einzelfällen. Stattdessen werden einem nur Einzelsätze, Ausnahmen und bis zu 30 Endungen pro Einheit um die Ohren gehauen. Der salopp daher gesagte 70er Jahre-Spruch „Pauk mit!“ ist hier Programm. Wie man als motivierter Neuling bei diesem Tempo sinnvoll mithalten konnte, ist mir völlig schleierhaft – vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass zu dieser Zeit Videorekorder wohl nur Mangelware in deutschen Haushalten waren und man deswegen kaum Möglichkeiten hatte, solche Sendungen aufzuzeichnen und zu wiederholen.
Dennoch: Die Grammatik ist dieselbe geblieben. Von daher spricht eigentlich nichts dagegen, die eine oder andere Folge im Sinne eines flipped classroom-Projektes zunutze zu machen. Wozu sich den Mund zum Genitivus pretii fusselig reden, wenn das Rolf Illig schon getan hat? Im Rollkragen-Pulli und unterlegt mit flotter Beat-Musik. Da KANN mein Unterricht nur abstinken…

 

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3 Antworten zu Pauk mit!

  1. KC schreibt:

    Du hast vollkommen vergessen, dass es „Begleitmaterial“ gibt *kicher* Mich wundert nur immer, dass das ja in einer Zeit entstanden ist, in der, wie wir in der Fachdidaktik permanente vorgebetet bekommen, der Lateinunterricht seitens meiner Freunde, den 68ern, ja vollends in der Kritik stand und so Leute wie Maier und Fink alle Hände voll zu tun hatten, dagegen anzuschreiben. Wer bitte ist da auf die großartige Idee verfallen, dem Ganzen noch ein Gesicht zu geben?!
    Aber wahrscheinlich fand der zuständige Altphilologenverband das damals mega-innovativ und haben sich gegenseitig in der Vorstandssitzung gehighfived. 😀 😀 😀

    Außerdem…du bist Lateinlehrer und hast keinen Rollkragenpullover?Womöglich noch nicht mal einen Pullunder?!
    Aber mal Spaß beiseite, so rein optisch unterscheiden sich Lateinlehrer trotzdem immer so ein bisschen von den anderen. Die Cordanzugdichte ist immer noch sehr hoch. Ich hab immer den Verdacht, dass die bei Einstellung vom Vorgänger vererbt werden, so used wie die meistens aussehen 😀 (Und ich kenne Leute Anfang 20, die sind auf dem besten Weg dahin, in die modischen (und didaktischen) Fußstapfen von Herrn Illig zu treten).

    Es gibt aber auch ne ganze Menge von wirklich brauchbaren neuen Videos bei Youtube, die man Schülern, die ein Phänomen vielleicht mal nicht auf Anhieb geblickt haben, guten Gewissens empfehlen kann, ohne gleich ein ganzes Nachhilfe-Ensemble auf den Plan zu rufen.

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  2. M. Schaarschmidt schreibt:

    Ich finde die Sendereihe „Pauk mit!“ überaus nützlich und hilfreich. Habe mir u.a. damit im Eigenstudium meine Lateinkenntnisse erworben, da sie mir beruflich von Vorteil sind und ich mich auch in der Freizeit für diese Sprache interessiere. Mit schriftlicher Lektüre (Lehrbüchern, Übungsheften) zu arbeiten, finde ich grundsätzlich geeigneter, da auf den Lernenden nicht so viele Reize einströmen. Eine solche Sendereihe kann das Lernen jedoch wunderbar ergänzen.
    Ich habe nicht den Einblick, wie gern und motiviert Schüler Latein lernen, aber ich finde es unerlässlich für eine gute Allgemeinbildung, für historische Hintergrundinformationen und um bewusster mit der deutschen Sprache umzugehen.

    Die Lektionen in den einzelnen Sendungen sind gut strukturiert, jede Form/Wendung/Satz wird zur Genüge wiederholt, so dass man problemlos „mitpauken“ kann. Nichts wirkt langgezogen, im Gegenteil – äußerst kurzweilig und informativ. Nun sind ja wirklich alle Folgen im Internet abrufbar. Einfach grandios! Durch die moderne Technik, die Möglichkeit des Pausierens nach Lust und Laune, sind wir natürlich sehr verwöhnt und nicht nur Schüler sind bequem geworden. Doch selbst wenn diese Reihe im Fernsehen lief (oder perspektivisch auch wieder einmal laufen wird) konnte bzw. kann man sehr gut mitschreiben, möglicherweise auch stenografieren.
    Allein schon mit Willen und wenn man bereit ist, einige Hürden auf sich zu nehmen kann man viel erreichen. 😉

    Und als autodidaktischer Lateinschüler Anfang der 20 kann ich mit keinem Rollkragenpullover oder dergleichen aufwarten. Das kann man nicht bei jedem voraussetzen, der aus eigenem Willen diese Sprache erlernt 😉

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