Retrospektive 2013/2014

avat_jubeWährend sich ein Großteil Deutschlands vermutlich schon wieder im letzten Drittel der wohlverdienten Sommerferien wähnt, geht’s in Bayern erst dieser Tage so richtig los. Sie sind wie immer heiß ersehnt – in diesem Jahr ganz besonders. Deswegen will ich auch dieses Jahr ganz kurz innehalten, um über das letzte Schuljahr zu reflektieren. Da das erst meine zweite Retrospektive in Blogform ist, hoffe ich, dass sich die Wiederholungen in Grenzen halten. Wer das selber nachprüfen möchte, möge sich die Retrospektive des Vorjahres durchlesen

  • Ich darf dieses Jahr stolz verkünden, keinen Tag krankheitsbedingt gefehlt zu haben. Wo bleibt der Schampus? Wo bleibt die Tanzeinlage? Wo die herzliche Umarmung des Kultusministers? Oh…
  • Meinen Vorsatz, es in diesem Schuljahr etwas langsamer anzugehen, durfte ich angesichts der diesjährigen Arbeitsbelastung auf Eis legen. Vielleicht war es naiv, anzunehmen, bei einem Stundendeputat, das zu 70% Oberstufenunterricht mit Fokussierung auf das Abitur beinhaltet, den Stress einfach mit einer Hand von der Schulter wischen zu können. Well, you live and learn… Wen übrigens die Arbeitsbelastung interessiert, kann gerne im Archiv und beim Lehrerfreund nachlesen, der die Aufstellung thematisiert und damit eine gewaltige Diskussion vom Zaun gebrochen hat.
  • Wieder mal war das Schuljahr geprägt von den immer noch anhaltenden Querelen. G8 in Bayern ist immer noch ein Streitpunkt, zu dem jeder Bürger eine Meinung haben möchte. So scheint es zumindest. Denn bietet man Möglichkeiten an, aus den acht Jahren neun zu machen, nimmt sie keiner in Anspruch. So zum Beispiel das Flexijahr, das die Stundenplaner der Schulen in den Wahnsinn treibt. Das Konzept, einzelnen Schülern in Problemfächern das halbe Lerntempo in individuellen Stunden zu ermöglichen, ohne sie dabei aus der Klassengemeinschaft herauszureißen, ist nur mit viel organisatorischem Aufwand möglich – und wird von so gut wie keinem an unserer Schule genutzt (aktuell: 2 Schüler). Ähnliches Bild beim Volksbegehren der freien Wähler Anfang Juli, in dem die Bürger wählen konnten, ob Schulen künftig G8, G9 oder gar beides anbieten sollen. Die Beteiligung war bis zum Ende lächerlich niedrig (gerade mal 3%). Offensichtlich ist das Thema doch nicht so eklatant wichtig, wie’s in den Medien immer gekocht wird…
    Da stellen wir uns als Lehrer die Frage: Wieso wird in den Medien so viel über unser angeblich defizitäres gymnasiales Schulsystem gelästert, wenn sich dann wieder keiner beteiligt, sobald es eine ECHTE Möglichkeit der Veränderung gibt? Die Chance ist jetzt vertan. Deswegen lasst uns jetzt endlich mit den ständigen Querelen in Ruhe und unsere Arbeit tun.
  • Abiturprüfungen ohne Verschnaufpause in ein paar Wochen zu packen, ist eine Zumutung – für alle Seiten. Mit den Augenringen, die ich in dieser Zeit zu sehen bekommen habe, könnte man stundenlang Hoola-Hoop spielen. Aber wer will das schon?
  • Meine Videospiel-History ist auch in diesem Jahr sehr überschaubar. Von den großen Blockbustern rotierte lediglich das mächtige Batman: Arkham Asylum im Laufwerk. Ansonsten waren es eher kleine Häppchen aus dem Download-Bereich. Ron Gilberts The Cave war eine wunderbare Reminiszenz an vergangene Adventure-Tage. Völlig überrascht hat mich die Reihe zu The Walking Dead. Was Telltale Games mit der Zombie-Saga an Emotionen an mir herausholt, ist phänomenal. Selten wurde ich vorher vor derartige Dilemmata in einem Spiel gestellt. Und jede Entscheidung tut auf irgendeine Weise weh, weil sie damit das Schicksal eines anderen Charakters besiegelt. Unbedingt mal ausprobieren!
  • Das im November abgehaltene Probe-Abi war gut gemeint, geriet aber wegen der durchwachsenen Ergebnisse zur Farce. Mit der offiziellen Lösung war keiner so wirklich zufrieden. Viel Arbeitsaufwand und am Ende größtenteils umsonst. Für Schüler wie auch Lehrer.
  • Viele Schülerschicksale sind nach wie vor niederschmetternd. Auch dieses Jahr gab es wieder eine ganze Reihe von Kindern, denen man als Verbindungslehrer nicht mehr bieten kann als ein Ohr. Sozialpädagogen, die sowohl die nötige Ausbildung als auch die nötige Zeit mit sich bringen könnten, um sich mit diesen Schülern in angemessener Weise zu beschäftigen, sind auf den Gymnasien leider nach wie vor sehr rar. Dabei haben wir die einen oder anderen Brandherde mittlerweile genauso wie an jeder anderen Schule.
  • Insgesamt merke ich zum ersten Mal dieses Jahr, wie wichtig es ist, mit seinen Kräften hauszuhalten. Wenn selbst Lehrer wie Nicholas Provenzano, einer der progressivsten Vollblutlehrer, die ich kenne, auf einmal von Depressionen geplagt wird, ist es Zeit umzudenken. Schule darf nicht alles werden.
  • Die digitale Umstellung macht mir nach wie vor viel Spaß. Ich lerne täglich dazu und komme teilweise auf ganz neue Möglichkeiten. Wenn man die ausgetretenen Pfade mal verlassen hat, kommen diese Ideen von ganz allein.
  • … und was mir nicht einfällt, das lehrt mich der Edchat im Handumdrehen. Das Format, das Thorsten und André Anfang September nach Deutschland gebracht haben, ist ein rasantes Chatformat, in dem man einmal die Woche in 60 Minuten zu einem vorher festgelegten Thema in sechs Kernfragen plaudert. Großartig!
  • Mit Moodle kann ich mich langsam, aber sicher anfreunden. Als Plattform finde ich das Ding etwas sperrig. Man muss schon einiges an Zeit investieren, um zu verstehen, was alles möglich ist. Aber hat man es erstmal soweit, ist es ein durchaus nützliches Tool.
  • Das liegt vor allem auch an dem neuen Hardware-Gespann, mit dem ich meinen Unterricht gestalte. Nachdem ich mein HTC Flyer mit Hass und Häme aus meinem Setup verbannt habe, kam mir ein Samsung Note 8.0 ins Haus bzw. in die Tasche. Nebst wLan-Dongle, der 1A-Screening vollführt. Komplett ohne lästige Kabel!
  • Die Anzahl an neuen und nützlichen Tools ist schwindelerregend. Zum Glück kann ich durch meine Twitter-Kollegen den Überblick behalten…
  • Insgesamt hat sich im letzten Jahr mein Ton in den Beiträgen etwas verändert. Ich hab das Gefühl, in den letzten 10 Monaten überwiegend nachdenkliche bis kritische Artikel verfasst zu haben. Das gibt mir insgesamt einen guten Eindruck, dass dieses Schuljahr doch recht anstrengend war. Ich hoffe, das ist kein Abwärtstrend, sodass ich mich jedes Jahr im Schwarzmalen aufs Neue übertreffe…

Naja, jetzt wird erstmal ausgespannt. Deswegen verzieht sich der Herr Mess jetzt erstmal für zwei Wochen in den wohlverdienten Ausspannurlaub, der digital sehr entschleunigt vonstatten gehen dürfte. Neue Artikel gibt’s daher wohl auch erst wieder hinterher. Aber ich habt ja hoffentlich jetzt auch Besseres zu tun, als den lieben langen Tag was über Schule zu lesen. Geht raus! Genießt die Sonne, solange sie sich noch zeigt!

Valete!

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9 Antworten zu Retrospektive 2013/2014

  1. Emil schreibt:

    „G8 … Denn bietet man Möglichkeiten an, aus den acht Jahren neun zu machen, nimmt sie keiner in Anspruch. So zum Beispiel das Flexijahr, das die Stundenplaner der Schulen in den Wahnsinn treibt.“
    Bei uns wird von Schulseite alles getan, um das Flexijahr so unattraktiv wie möglich darzustellen und dadurch möglichst nicht anbieten zu müssen.

    „Viele Schülerschicksale sind nach wie vor niederschmetternd. “
    Das klingt sehr traurig. Schule sollte Freude, nicht krank machen. Woran liegt es? Ist das häusliche Umfeld der Schüler so desolat?

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  2. Emil schreibt:

    Schöne Ferien noch!

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  3. Herr Rau schreibt:

    So einen Rückblick könnte ich auch mal machen, das habe ich noch nie. Der Ferienbeginn ist für mich immer schon der Anfang des neuen Schuljahrs – gedanklich, in Vorfreude, und so ganz ohne Schüler. 🙂
    „Individuelle Stunden“ – habe ich da beim Flexijahr etwas nicht verstanden? Ich dachte, es ginge nur um Wiederholung in der Klasse.
    Depression: Ich weiß nicht, ob das vom Stress kommt. Aber so oder so ist Haushalten wichtig. Es geht nicht darum, das perfekte Schuljahr hinter sich zu bringen, sondern das noch über zwanzig oder dreißig Jahre durchzuhalten.
    Schöne Ferien noch!

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    • herr_mess schreibt:

      Also wenn ich das Flexijahr richtig verstanden habe, richtet es sich eben NICHT an Leute die die Klasse wiederholen, sondern sie FAST hätten wiederholen müssen (also die 4,3-und-mehr-Kandidaten). Oder irre ich mich da? Da das aber ohnehin nur zwei Leute wahr nehmen, fühlt es sich an wie individuelle Förderung…
      Das mit Depression und Überlastung ist so ein Punkt, den ich zu Berufsbeginn nie in Betracht gezogen hätte. Aber man merkt mit den Jahren immer mehr, wie man sich dagegen wehren muss, sich nicht komplett auffressen zu lassen. Für eventuelle Tipps wäre ich dankbar 🙂

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  4. Frau Henner schreibt:

    Lieber Herr Mess – genieße deine Ferien!

    Das Flexijahr erscheint mir als Außenstehende auch sehr kompliziert… Wir in BaWü haben an manchen Schulen die Wahl zwischen G8 und G9 und die Resonanz für G9 ist überwältigend. An unserer Schule wollten bei einer Umfrage über 90% G9! Aber leider bestimmt ja das Kultusministerium, welche Schule das anbieten darf und welche nicht. Das Problem ist, wenn beides angeboten wird, haben einige Eltern Angst, dass das G9 dann das Abitur für die „Langsameren und Doofen“ ist, und liebäugeln dann doch mit G8, weil sie hoffen, dass sich dort die leistungsstarken Schüler versammeln und ihr eigenes Kind mitreißen. Das Problem ist also nicht G9, sondern die Parallelführung. Aber im Großen und Ganzen setzen sich die Eltern im Ländle voll für G9 ein. Das ist gut so, sonst bekommt es so ein Geschmäckle von Abitur zweiter Klasse. Und das ist ja völliger Blödsinn!

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    • herr_mess schreibt:

      Dass die Idee von G9 als Abitur mit angezogener Handbremse gesehen werden kann, war mir so gar nicht bewusst. Klingt für mich aber nach der typischen Rechtfertigungshaltung der G8-Fraktion. Naja, bei uns ist das ja jetzt irgendwie vom Tisch, nachdem das Volksbegehren ja scheinbar keine Sau (pardon my Bavarian…) interessiert hat.

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