Meine Kleinen

avat_traurigIhr kennt ja meine fünfte Klasse. Jene, die ich schon zu Beginn des Schuljahres noch als etwas „eigen“ beschrieben habe – und das in der objektivsten Sicht der Dinge. Jetzt, ein ganzes Jahr später, kann ich diesen Eindruck endlich auch in etwas eloquentere Worte fassen. Vor allem wo ich eine Woche mit ihnen im Schullandheim verbracht habe. Insgesamt ist die Situation exakt anders herum als bei Frau Henner.
Auf der einen Seite haben sie diese unglaublich tolle Klassengemeinschaft. Es gibt viel Fluktuation innerhalb der Gruppen, wenig Geküngel. Die Zimmereinteilung war ein Klacks. Und das, obwohl es doch einige Hürden zu überwinden gab. Die kleine Silvi zum Beispiel, die ständig immer und überall in jeder Gruppe mitmischen will, nur um hinterher beim Lehrer zu petzen, wenn was schief geht. Oder Michael, ein akademisch brilliantes Kind mit „leichtem“ Hang zum Autismus, der seine Mitschüler mit seinen Verhaltensweisen oftmals sichtlich vor den Kopf stößt, wenn er in Schulaufgaben grundsätzlich nach 15 Minuten fertig ist und den Rest der Arbeitszeit kichernd hinter dem Papierbogen verbringt oder bei der Zimmerkontrolle nachfragt, warum die Deponentien keine Aktivendungen besitzen (es handelt sich hier um Lernstoff der achten Klasse wohlgemerkt). Auch er hat in dieser Woche sichtlich Spaß, bewundert quiekend die T-Shirts der Mitschüler, die sie mit Textilfarben bemalen durften, macht begeistert bei der Schnitzeljagd mit und genießt ganz offensichtlich die Bewunderung, die er beim Waldspaziergang für sein botanisches Wissen erhält. Denn er kennt nicht nur sämtliche Baumarten. Er kann sie auch nach dem Linnéschen System auf Latein klassifizieren. In so manch anderer Klassengemeinschaft wäre Michael schon längst auf ein soziales Abstellgleis gestellt. Hier aber ist er kleine Kauz, auf den man stolz ist, dass man ihn hat.
Auf der anderen Seite stehen aber die Leistungen der Kleinen. Die sind im Laufe des Jahres immer weiter abgesunken. In sämtlichen Fächern. Sowohl in Haupt- wie auch in Nebenfächern krebsen die Klassenschnitte immer irgendwo um die 3,7 bis 3,9. Wir Lehrer haben alles versucht, um sie aufzufangen: Wiederholungsprogramme, fächerübergreifende Projekte für befruchtende Symbioseeffekte, regelmäßiges Feedback, höchste Anschaulichkeit, Elterngespräche… Es half alles nichts. Der traurige Höhepunkt war die letzte Schulaufgabe in Latein: 40% der Schülerinnen und Schüler sind schlechter als vier. Für mich als Lehrer nagt das wirklich am Selbstbewusstsein, dass trotz eines umfassenden Wiederholungsprogrammes und ordentlicher Vorentlastung der Schnitt um keinen Deut besser geworden ist. Und die Kinder merken, dass ich einfach enttäuscht bin. Dass ein Drittel der Kinder auch nach drei Wochen Futurbildung gewisse Formen immer noch nicht bilden können. Dass man mir bei der Formbestimmung eines Verbes selbstbewusst antwortet, die Form promisi sei Nominativ Plural, weil sie auf i endet. Dass ich bei der Wiederholung des Lektionstextes jede Stunde bestenfalls ein Fünf vergeben kann – und das, wo wir den Text am Vortag gemeinsam im Unterricht übersetzt und sogar schriftlich fixiert haben! In solchen Fällen ist für mich klar: Die Kinder lernen nicht. Sie sind das scheinbar immer noch nicht gewöhnt. Nach einem Jahr. Wenn ich die Kleinen nach dem Grund für diese Null-Leistungen frage, bekomme ich Wahrheiten, die Bände sprechen: „Meine Mami sagt, ich bin faul, und es geschieht mir völlig recht, wenn ich durchfalle.“ „Meine Mami sagt, ich bin mit dieser Schulart total überfordert.“ Mehr als diese schonungslosen Analysen passieren allerdings nicht. Auch in den Sprechstunden habe ich Mamis, die mir erzählen, der Zögling habe auf der Grundschule für gute Noten nie lernen müssen. Dass wir mit dem Gymnasium jetzt einfach eine andere Schulart vor uns haben, bei der ohne Anstrengung nicht mehr viel geht, muss ich ihnen erstmal schonend beibringen. Ebenso dass man als Elternteil auch mal auf Hinweise von der Schule reagieren sollte, um zum Beispiel mit dem Sohnemann oder der Tochter zusammen die Schultasche zu packen, wenn ständig Material fehlt. Oder abends auch mal Vokabeln abfragt, um sicher zu gehen, dass Jonathan Jr. sie auch wirklich gelernt hat und nicht nur so tut als ob.
Sowas war früher eigentlich selbstverständlich. In dieser Klasse habe ich aber echt das Gefühl, dass sich mein Erziehungsauftrag nicht allein auf die Kinder erstrecken sollte. Ansonsten sehen wir uns in der sechsten Klasse mit ein paar echt bösen Überraschungen wieder…
Hattet ihr schon mal einen ähnlichen Fall? Kommentieren Sie…                                               JETZT!

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22 Antworten zu Meine Kleinen

  1. ninaxy3 schreibt:

    Das hilft jetzt im Augenblick wahrscheinlich eher weniger, aber wenn die Kinder in ihrer Klasse älter werden, wird ein Großteil auch von selbst merken, dass man für arbeiten lernen sollte und dann auch bessere Noten rausspringen.
    Wenn natürlich von Zuhause eine Aussage kommt von wegen „Mami sagt ich bin mit der Schulart überfordert.“ Lernt ein Kind nicht daraus, sondern denkt sich, meine Mutter sagt ja eh das ich mit der Schulart überfordert bin, das liegt nicht an mir, das liegt an der Schulart.
    Da müssen sich die Eltern mal selbst an die Nase fassen, denn wenn dort schon nicht der Wille ist mit dem eigenen Kind etwas zu üben oder Sachen zu kontrollieren, wird er beim Kind auch nicht vorhanden sein. Das Kind ist froh, mehr Freizeit zu haben, um sich mit Freunden etc. zu treffen.
    Und Sie als Lehrer können ja nur oft genug auf diese Probleme hinweisen, sie sind schließlich Lehrer und kein Familienpsychologe der zum einen die Kinder miterzieht und auch noch im Elternhaus nach dem Rechten sehen muss.

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  2. KC schreibt:

    Hm, trifft das denn nur die eine Klasse oder den gesamten Jahrgang? Ich war beispielsweise auch in einer Klasse gewesen, die konsequent in allen Fächern immer an der Grenze zum Nachschreiben der Klassenarbeiten gekratzt hat.
    Manchmal gibt es, glaube ich, auch einfach den unglücklichen Zufall, dass innerhalb eines Jahrgangs das Gros derer, die nicht lernen usw., in eine Klasse kommen.
    Was solche Probleme aber meiner Ansicht nach noch verstärkt, ist die Tatsache, dass die Eltern offenbar immer weniger den Nerv haben (Belastung durch Berufstätigkeit beider Elternteile?) sich wirklich mit der Problemlösung zu beschäftigen. Stattdessen werden für jede Fehlleistung Entschuldigungen angeführt. Und wo früher noch solche Sätze wie „Mach dir nichts draus, ich war auch schlecht in Mathe“ fielen, steht heute ruckzuck der Gang zu irgendwelchen Experten an, die das Ganze auch noch bescheinigen. Es würde ja schon helfen, wenn statt dieses Sich-selbst-in-die-Tasche-Lügens eine wie auch immer geartete Motivation der Kinder zu Hause erfolgen würde, denn „ist mir egal, wenn du nicht arbeitest, denn es ist ja dein Problem“ oder “ sorry, wir haben die falsche Schulform für dich gewählt. Du kannst das gar nicht schaffen“ ( das steckt ja irgendwo hinter den Aussagen deiner Schüler) sind nicht wirklich motivierend und steigern das Selbstbewusstsein ja mal gar nicht.
    Wenn ich mir das aus der Schülerperspektive vorstelle, ist das ja einfach nur mies.

    Hast du den Schülern schon mal in aller Konsequenz ausgemalt, was passiert, wenn sie ihre Strategie nicht ändern? Denn irgendwann hilft glaube ich die schönste Feedback- und Wiederholungskultur nicht mehr, dann muss ein Erweckungserlebnis her. Denn solange noch nicht bei ihnen angekommen ist, dass sie sich auf den Abgrund zubewegen, werden sie ihre Komfortzone nicht verlassen. Und wie sieht’s mit Methoden aus, das Lernen von Formen und Vokabeln zu Hause angenehm bzw. effektiv zu gestalten? Denn wenn sie nicht gelernt haben zu lernen, kann das natürlich auch ein Teil des Problem sein. Denn ich entsinne mich, dass das einzige, woran es dem ansonsten fantastischen Latein-Unterricht mangelte, den ich in der 5. hatte, war eine oder mehrere vernünftige Methoden, sich Vokabeln und Formen anzueignen. Das hatte uns niemand beigebracht, wie das vonstatten gehen sollte. Mit reinem ins Buch/Heft Starren klappt das ja bei den wenigsten.

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  3. Holger Krumme schreibt:

    Mein tägliches Brot gib mir heute….Alltag an unserer Schule.

    LG
    Holger

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  4. H schreibt:

    Das Problem, das hier angeschnitten wird, nämlich die Eltern und die Unterstützung im Elternhaus, wir in unserer Gesellschaft sträflich vernachlässigt.
    Wie wichtig die Unterstützung im Elternhaus ist, zeigt z.B. Neuenschwander (http://www.fhnw.ch/ppt/content/pub/schule-und-familie-aufwachsen-in-einer-heterogenen-umwelt/Schule%20und%20Familie%20-%20Aufwachsen%20in%20einer%20heterogenen%20Umwelt.pdf oder http://www.fhnw.ch/ppt/content/pub/ist-die-schule-wirkungslos-nein-aber-es-geht-nicht-ohne-eltern/Ist%20die%20Schule%20wirkungslos%20Nein-%20aber%20es%20geht%20nicht%20ohne%20Eltern.pdf ). Neuenschwander berichtet auch von einem erfolgreichen Modellversuch zur pädagogischen Elternbildung bei leistungsschwachen Schülern.
    @KC: Hoffentlich sagt niemals ein Familienmitglied zu einem Kimd: “In Mathe war ich auch schlecht.” Denn dann ist eine erfolgreiche Laufbahn in Mathematik nur noch Glücksache.
    BTW, solche Aussagen haben nur in D einen gewissen Statuscharakter. Im Rest der Welt outet man sich mit so einem Spruch.

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  5. Frau Henner schreibt:

    Nur ein paar Fragen, um das Problem genauer zu verstehen:
    Neben dem Elterngewäsch ist eine große Frage, warum die Kinder nicht lernen:
    1. Ihnen könnte die Grundstruktur fehlen – zum Beispiel die klare, grammatische Erkenntnis, was eigentlich ein Verb ist (das können zum Teil nicht mal manche Deutschkollegen auf den Punkt bringen), in der Grundschule erlebte ich da sehr seltsame, nicht brauchbare Erklärungen. Ohne Grundstruktur bleibt die Erkenntnis aber aus. Lernen wird rein mechanisch und Inhalte werden schnell vergessen.
    2. Sie könnten keine Lernstrategien vermittelt bekommen haben – da sind auch die Eltern häufig ratlos. (Das ist ein großes Problem in den Grundschulen unserer Umgebung. Die Kinder sollen Vokabeln lernen, aber wissen nicht wie. Die Eltern fragen zum Teil ab, aber vernachlässigen die Schreibung, und grammatische Konzepte haben die meisten sowieso nicht.
    3. Es könnte an Anstrengungsbereitschaft liegen. Wenn man bisher für jeden Pups in den Himmel gelobt wurde, ist nicht einsichtig, warum man mehr leisten sollte. Das ist dann ein erlerntes Verhaltensmuster – das braucht Zeit, das zu ändern.
    Also nun die Frage: 1, 2 oder 3?
    Egal welche Nummer (vielleicht habe ich auch Nummer 4 auf die Schnelle vergessen) – alles kann nur längerfristig gelöst werden. Nummer 1 wird von einigen Lateinkollegen bei uns sehr beklagt. Die Deutschkollegen sehen sich nicht gerne als Zuleister für Fremdsprachen – das gibt bei uns echte Konflikte. Aber ich bin für einen sehr strukturierten Grammatikunterricht – die Struktur ist die Basis, sie kann dann so vielfältig gefüllt werden. Bei der Struktur rate ich sogar von zu viel Spielerein ab – sie könnten ablenken. (Was nicht heißt, dass Grammatik langweilig ist – ich turne sogar mit meinen Schülern die Kasus durch!) Bei Nummer 2. musst du ran. Lernen üben. Auf Elternabenden vorsprechen etc. Bei Nummer 3 hilft dir die Zeit und vielleicht auch die schlechte Note, denn es gibt schon Kinder, die das grämt. Aber wenn dann das Elterngewäsch dazwischenfunkt…
    Nummer 4. ist mir eingefallen: Die Kinder könnten zum Teil tatsächlich überfordert sein.
    Also 1,2,3 oder 4?
    liebe Grüße von Frau Henner

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    • herr_mess schreibt:

      Danke, Frau Henner, für die ganzen Vorschläge. Grundkenntnisse haben sie eigentlich. Sogar doppelt, weil wir uns in Latein und Deutsch abgesprochen und die Sachen so gelegt haben, dass wir parallel genau denselben Stoff durchnehmen. Bei einigen geht’s halt noch etwas durcheinander. Oft meinen sie das Richtige, nennen es aber falsch. Klassiker ist halt das ständige Verwechseln von Wortarten und Satzfunktionen. Da hilft wirklich nur klare Struktur und ständiges Üben, Üben, Üben. Wie sie das lernen können, habe ich ihnen eigentlich zu jeder Schulaufgabe gezeigt. Z.B. beim Wörterlernen. Zu jeder Schulaufgabe eine neue Taktik. Vielleicht hat das überfordert. Aber ich kann ja schlecht an einer Methode festhalten und davon ausgehen, dass die jedem schmeckt. Klar ist, wie du schon sagst: Die Eltern müssen mit ins Boot. Ein paar machen wirklich den Eindruck, als ob sie ihr Kind bei uns für acht Jahre geparkt haben und dann nach dem Abitur wortlos wieder einsammeln möchten, dann aber unzufrieden sind, wenn es Probleme gab. Die schon empfohlene Literatur von Christoph Eichhorn werd ich mir daher mal genauer anschauen. Jetzt in den Ferien hab ich ja Zeit dazu 😉

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      • KC schreibt:

        Das kann natürlich sein, dass die Kiddies jetzt nicht so recht wissen, mit welcher Methode sie arbeiten sollen. Aber da hilft nur nachfragen.
        Was für Methoden hast du ihnen denn beigebracht? Du hattest ja gesagt, dass sie allesamt noch ziemlich verspielt sind. Waren bei deinen Methoden und insbesondere auch bei den Abfragemethoden auch spielerische Methoden dabei? Einer meiner Mentoren in einem Praktikum hatte bei seinen Fünfern eine Methode entwickelt, die bei dieser noch mental ziemlich kindlichen Klasse ziemlich gut klappte und ihm zusätzlich am Anfang der Stunde Zeit verschaffte, sein Material zu sortieren.
        Er hatte die Kinder darauf konditioniert, immer zu zweit/zu dritt (je nach Schülerzahl) eine Art Vokabelquartett gegeneinander mit ihren Vokabelkarten zu spielen. Manchmal hat er sich dann auch noch selbst daran beteiligt und gegen einen Schüler gespielt bzw. waren manche Schüler auch ganz scharf drauf mal gegen den Lehrer oder die Praktikantin zu spielen ( unnötig zu erwähnen, dass wir uns manchmal absichtlich blöd gestellt haben :-D). Danach hat er immer nochmal eine zentrale kurze Abfrage in der Gruppe gemacht. Er hatte eben die Vokabelkarten als für alle verbindliche Lerngrundlage eingeführt und dann darauf aufbauend immer verschiedene Methoden des Umgangs damit eingeführt ( Illustrationen auf der Vorderseite bis hin zu kleine sinnvolle Sätze daraus legen, richtige Formen dazu zu bilden und dann zu übersetzen). Das gefiel mir eigentlich ganz gut. Es ist natürlich auch viel Zeit dafür draufgegangen, dass er jedes Mal, wenn neue Vokabelkarten dazukamen, zu kontrollieren, dass die auch angefertigt wurden. Aber was ich dabei richtigt gut fand, war, dass er sich immer wieder beim Durchsehen der Karten, die ein oder andere besonders cool oder intelligent illustrierte Vokabelkarte rausgenommen hat und sie den anderen als positives Beispiel präsentiert hat und dabei so ziemlich jeder mal dran kam. Ich hatte das Gefühl, dass die Schüler das richtig motiviert hat.

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  6. Emil schreibt:

    „Der traurige Höhepunkt war die letzte Schulaufgabe in Latein: 40% der Schülerinnen und Schüler sind schlechter als vier.“
    Nun, das ist keine Ungewöhnlichkeit an einem bayerischen Gymnasium. Alle unsere 8. Klassen hatten ähnlich schlechte Ergebnisse in Latein. Allerdings waren eher 60% schlechter als vier. Und auch die Kollegen der aktuellen 10. Klassen jammerten über die schlechte Performance.
    Teilweise wurden bei der Nachkorrektur die Notenschlüssel so gestaltet, dass des Ergebnis weniger trostlos aussah und so nicht die halbe Stufe wiederholen musste.
    Liegt es vielleicht einfach daran, dass in der Unterstufe der Stoff zu schnell durchgenommen und zuwenig wiederholt wird?
    Interessant übrigens, dass die Elternvertreter einen Arbeitskreis „Effektives Lernen“ ins Leben gerufen haben. Dass die Eltern kein Interesse hätten kann man also nicht behaupten.

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    • herr_mess schreibt:

      Dass es die Eltern nicht interessiert, habe ich ja auch nie gesagt. Aber manchen ist sowas wohl entgangen. Wie gesagt, zu Beginn nächsten Jahres werde ich mal ein paar Worte an sie richten. Wir haben ja dann unsere Klassenelternabende. Da hat man die meisten zusammen.
      Normalerweise sind solche unterirdischen Schnitte in Latein echt die Ausnahme. Unsere Leute lernen konsequent, und darin liegt wohl auch das Geheimnis des Erfolgs. Latein ist oftmals einfach eine Sache des Sitzfleisches. Larifari-Lernen wird sofort bestraft. Und genau so larifari-Lerner gibt es mittlerweile zuhauf. Das genaue Hinschauen gibt’s kaum noch. Wenn man sich das Lernen in einer modernen Fremdsprache anschaut und das mit einer alten Sprache vergleicht, liegen da Welten. In Latein oder Altgriechisch gibt’s beim Lernen einfach keinen Handlungsspielraum. Entweder hat man die Bedeutungen und Stammformen drauf oder eben nicht. Paraphrase etc. gibt’s bei uns nicht…

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      • Emil schreibt:

        „Das Problem, das hier angeschnitten wird, nämlich die Eltern und die Unterstützung im Elternhaus, wir(d) in unserer Gesellschaft sträflich vernachlässigt.“
        Nun, hier wird behauptet, die Eltern hätten Schuld daran.

        „Normalerweise sind solche unterirdischen Schnitte in Latein echt die Ausnahme.“
        Nicht an unserer Schule. Seit dem G8 ist das der Standard. Und hier sind die Eltern sehr interessiert.

        Die grosse Frage nach dem Einfluss der Eltern stellt sich erstrecht, wenn es um die flächendeckende Einführung des Ganztags bis 16:30 Uhr geht.
        Wie wird dann der Unterricht gestaltet, wenn es nur noch Doppelstunden gibt und keine Hausaufgaben mehr?

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        • herr_mess schreibt:

          Nun, hier wird behauptet, die Eltern hätten Schuld daran.

          Falsch. Hier und in den Links wird behauptet, dass Eltern und Elternhaus nach wie vor wichtig sind. Eltern, die ihr Kind begleiten, sich für schulische Dinge interessieren und helfen, wenn es möglich ist. Denken wir doch mal an Eltern, denen das, was in der Schule völlig egal ist, die bei jeder schulischen Entscheidung die Nase rümpfen und darüber herziehen, die ihrem Kind sagen – wie bei mir in der Klasse – „du bist mit dieser Schulart einfach überfordert.“ Welches Kind wird sich denn Mühe machen, in einer Institution Schule erfolgreich sein zu wollen, wenn zuhause ständig über Schule, das Personal oder die Leistungen des Kindes selbst hergezogen wird? Keins.
          Kein Mensch verlangt, dass die Eltern im Feierabend 5h lang ihre Zöglinge ausfragen müssen. Aber wenn sie kein bisschen Interesse an dem zeigen, was im „Beruf“ ihres Kindes los ist, oder ständig daran herummäkeln, schlägt sich das früher oder später auch auf das Kind durch.
          Was die schlechten Schnitte in Latein anbelangt: Hier würde mich mal interessieren, was der bayerische Altphilologenverband dazu zu sagen hat. Ob die Schnitte tatsächlich alle schlechter geworden sind. Und wenn ja, nach Gründen fragen. Übungsmaterial gibt es eigentlich mehr als genug, das Tempo ist auch nicht höher als im G9, wo man ja in die fünfte Klasse auch noch Konjunktive und Passiv verfrachtet hatte (ist jetzt alles in die sechste Klasse ausgelagert). Ich kenn von vielen Kollegen oft die Einwände, dass mit dem G8 auch viele Schüler ans Gymnasium kommen, die sich im G9 niemals behauptet hätten. In meiner fünften Klasse sitzen auch sieben Kinder, die eigentlich eine Mittelschulenempfehlung haben und denen „geringe Frusttoleranz“ und „geringe Konzentrationsfähigkeit“ bescheinigt werden. Solche Kinder mit aller Macht auf ein Gymnasium zu schubsen und dann rumzumeckern, wenn die Noten nicht stimmen – das ist doch absolut logisch.
          Was würdest du denn an meiner Stelle machen? Irgendwas MÜSSEN wir ja den Eltern nächstes Jahr sagen…

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          • Emil schreibt:

            Aufzählungen wie:
            “Meine Mami sagt, ich bin mit dieser Schulart total überfordert.”
            sind natürlich eine Anklage der Eltern wegen mangelnder Unterstützung.
            Wobei ich diese nicht nachvollziehen kann. So etwas ist mir tatsächlich noch nicht untergekommen. Sind die Eltern wirklich dieser Meinung, sollten sie die Konsequenz ziehen und eine andere Schulform wählen. Das scheint mir jedoch eine absolute Minderheit zu sein.

            „Ich kenn von vielen Kollegen oft die Einwände, dass mit dem G8 auch viele Schüler ans Gymnasium kommen, die sich im G9 niemals behauptet hätten. “
            Weil das G8 leichter sein soll? Diese Logik erschliesst sich mir nicht. Ich kenne eigentlich nur Kollegen, die der Meinung sind, wir sollten zurückkehren zum G9, weil für viele das G8, wegen Überforderung die falsche Form wäre. Diese Kollegen sind jedoch generell der Meinung, dass zuviel Schüler aufs Gymnasium gehen. Bei diesen Kollegen fallen dann auch entsprechend viele Schüler durch. Das ist so wenig leistungsfördernd wie eine negative Einstellung der Eltern zur Schule.

            „In meiner fünften Klasse sitzen auch sieben Kinder, die eigentlich eine Mittelschulenempfehlung haben.“
            Habe ich da etwas verpasst? Sind in Bayern jetzt auch nicht mehr die Noten für den Übertritt entscheidend?

            „Dass ich bei der Wiederholung des Lektionstextes jede Stunde bestenfalls ein Fünf vergeben kann – und das, wo wir den Text am Vortag gemeinsam im Unterricht übersetzt und sogar schriftlich fixiert haben! “
            Könnte die Ursache vielleicht sein, dass du den Leistungsfokus zusehr …
            „…bei einem Stundendeputat, das zu 70% Oberstufenunterricht mit Fokussierung auf das Abitur beinhaltet, …“
            … auf der Oberstufe hast und die Fünfer dabei unter die Räder kommen?

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            • Frau Henner schreibt:

              Stopp, stopp – ich glaube das Problem wird nicht gelöst, wenn wir uns hier gegenseitig Schuld in die Schuhe schieben. Natürlich muss sich jeder Lehrer auch ab und an die Frage stellen, ob er auch selbst Teil des Problems ist. Das macht Herrmess schon.
              Auch in Deutsch bekomme ich hin und wieder Fragen von Eltern, ob der Stoff die Kinder nicht überfordere. Ob es wirklich nötig ist, eine Novelle des 19. Jhs. zu lesen, obwohl deren Sprache doch so weit von der Alltagssprache der „Kids“ entfernt ist. Ja, es ist nötig, dass wir gewisse Bildungstandards aufrecht erhalten. Ein Gymnasium ist eine Bildungseinrichtung – keine Ausbildungsstätte. Aber seit zwei Jahren ist diese Bildungseinrichtung in BaWü offen für alle. Das führt selbstverständlich zu Konflikten.
              Möglicherweise ist das ein Teil des Problems. Aber ich glaube, nicht das einzige. Es ist eine Mischung aus vielem, und das macht das Lösen nicht einfacher.

              So wie du, Herrmess, berichtest, unternimmst du viel, um differnzierte Lernangebote zu machen. Nach deinen Berichten scheint mir ein Knackpunkt schon die Leistungsbereitschaft zu sein. Ich denke, es ist für einen Zehnjährigen in unserer schnell auf Effekte abzielenden Gesellschaft schwierig, dies bei Fächern aufzubauen, die auf einen langen Atem bauen. Diesen Konflikt kannst du nicht lösen oder vereinfachen. Latein entwickelt sich ja nicht weiter. Aber es ist gut, dass genau das irgendwann erkannt werden kann. (An meinem Gymnasium schätzen viele Kinder Latein gerade deswegen! Meine Fünferjungen sind ganz scharf darauf, endlich mit Latein anfangen zu dürfen, sie sind im Mittelalter- und Detektivfieber und wenn der neue Lateinlehrer sich das geschickt zunutze macht, lernen sie bereitwillig.) Gib dir und den Kleinen also auch Zeit.
              Das Niveau kannst du kaum senken, obwohl mir völlig schleierhaft ist, wie man Konjunktiv und Passiv in die Unterstufe packen kann – dafür fehlt den meisten Zehnjährigen doch das Verständnis schon im Deutschen. Die Kinder sind jünger als noch vor fünf Jahren. Und viele bringen nicht das nötige Rüstzeug aus der eigenen Sprache mit (zumindest bei uns auf dem Land). Aber das geht dann eher an die Lehrplanmacher und Lehrbuchschreiber…

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              • herr_mess schreibt:

                Also Passiv und Konjunktiv gab’s nur im G9. Mittlerweile ist es draußen, lauert aber gleich zu Beginn bzw. Ende der sechsten Klasse. Wegen der Leistungsbereitschaft werd ich mir mit der Klassleitung was ausdenken. Bei den Kindern ist das ja in allen Fächern zu sehen, nicht nur bei mir in Latein. Wie gesagt, etwas in Richtung Gamification wäre sehr vielversprechend, aber wenn ich der einzige bin, der das durchzieht, stehe ich schnell als Exot da…

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            • herr_mess schreibt:

              Kommt drauf an, in welcher Hinsicht du „unter die Räder“ kommen definierst. Stundenaufbau, Arbeitspensen, eigene Übungen waren so wie immer. Ebenso die hohe Anzahl an Tests, damit sie und Eltern ständiges Feedback hatten. Von jedem Schüler hatte ich am Ende fast 40 Einzelnoten. Man kann also nicht sagen, dass ich mich nicht um sie gekümmert hätte…

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