Der Vorhang fällt: Das Sommerfest

IMG_0088

avat_freuSo. Langsam geht’s dahin. Oder wie wir hier unten sagen: ’s geht dahí. Man merkt es, wenn die Bücher alle abgegeben sind. Wenn die Beamer auf einmal heiß begehrt sind. Wenn auf einmal die Nachmittagsintensivierungen ausfallen, weil es zu warm wird. Wenn der Abistreich einen kompletten Schultag lahmlegt. Wenn wir uns auf dem Wandertag in die Tiefen des oberbayerischen Hinterlandes aufmachen. Dann merkt man, dass unser Schuljahr sich dem Ende zuwendet, und auf einem der letzten offiziellen Happenings alle Akteure des vergangenen Schuljahres noch einmal zusammenkommen. Auf dem Sommerfest.
Alle sind sie da: Allen voran unsere diesjährigen Abiturienten. Dunkelgebräunt und tiefenentspannt stehen sie bei uns auf dem Gelände und genießen sichtlich das Privileg, als frisch gebackene Absolventen auf das ganze Treiben mit olympischer Gelassenheit zu sehen. Aufgeregt erzählen sie von ihren Plänen der nächsten Jahre, ihren Visionen für die Zukunft, die noch wie ein unbeschriebenes Blatt vor ihnen liegt. Es ist und bleibt eine magische Zeit kurz nach dem Abitur, die sie sichtlich genießen. Mindestens ebenso wehmütig und entspannt auch die Erzeuger unserer Absolventenelite. Die Mamis und Papis, die zusammen mit uns das Heranwachsen ihrer Zöglinge begleitet haben. Ein paar Mütter fallen mir gut gelaunt um den Hals, verfallen nach dem zweiten oder dritten Glas Aperol Spritz unvermittelt ins ¨Du¨. Auch sie blicken mal wehmütig, mal kritisch auf die letzten Jahre hier an der Schule zurück, ziehen Resümees, bei denen wir Lehrer eigentlich sehr gut wegkommen, das System aber kritisiert wird. Man merkt, dass der Großteil absolut hinter unserem Kollegium steht. Hinter den Maßnahmen, die wir getroffen haben, um den Kindern hier nach besten Kräften eine gute Basis mitzugeben. Und sie verstehen die Grenzen, die uns gesetzt sind. Mit 45 Minuten täglich krempelt man keinen Jugendlichen von Grund auf um. Auch häusliche Probleme können wir nicht mit einem Zauberstab verschwinden lassen. Egal, wie sehr wir es uns wünschten. Die Bemühungen merken viele. Und die meisten Elterngespräche, die ich an diesem Abend führe, kommen immer zum selben Fazit: Unsere Schule macht letztlich einen tollen Job, und das wird gewürdigt. Und wenn man uns endlich noch entsprechend Raum und Geld zur Verfügung stellen würde, könnte unsere Schule, die aktuell fast doppelt so viele Schüler hat, wie vor 15 Jahren, auch endlich mal durchatmen. Zumindest heute Abend haben wir die Möglichkeit dazu. Und zwar alle.
Mein persönlicher Höhepunkt folgt erst gegen Ende des Sommerfestes. Lange, als die Sonne untergegangen ist und nur noch Lichterketten und Lampions den Schulhof mit Beleuchtung versorgen. Just als wir uns als Kollegium zum Aufbruch fertig machen, stehen drei meiner ehemaligen Oberstüfler etwas verschämt vor mir, um sich für die vergangenen zwei Jahre zu bedanken, die sie bei mir im Unterricht saßen. Zwei von ihnen werden Anglistik auf Lehramt studieren, eine macht klassische Philologie. Meine Fächer. Und mit einem Mal ist der ganze Ärger des Schuljahres verflogen. Der Groll über Maman, der Unmut über das Probeabitur, der Verdruss über die Einstellung der Junglehrer, das Zähneknirschen über Gucci plus, die Empörung über den Ulf aus Ulm. Abschiedsworte wie diese sind Balsam und der tatsächliche Beweis, dass man seinen Job letztendlich doch ganz gut macht.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines, Alltag abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Der Vorhang fällt: Das Sommerfest

  1. diehungrige schreibt:

    Das klingt echt nach einem sehr guten und würdigen Ende des stressigen Schuljahres!
    Ich hoffe, dass der Abschied meines Jahrganges, wenn wir nächstes Jahr das Abitur haben, auch so schön wird. Leider haben wir aber kein Sommerfest oder ähnliches, sondern nur den Abiball. Und da ist die Euphorie und Feierlust riesig und die Zukunftspläne bei vielen noch nicht so fest. Außerdem kamen beim diesjährigen Abiball auch gerade mal ein Viertel aller Lehrer, die den Jahrgang in den letzten zwei Jahren unterrichtet haben.

    Gefällt mir

  2. cbteacher schreibt:

    Kann ich sehr gut nachvollziehen. Wir haben heute Schulfest, aber das klingt weniger nett als bei euch. Wünsche schöne Ferien!

    P.S.: Wenn du interesse an meinen ausgemusterten englischen Kinderbüchern hast, komm doch mal auf meinem Blog vorbei.

    Gefällt mir

  3. Frau Henner schreibt:

    Wunderbar, wenn es junge Leute schaffen, sich zu bedanken und es nicht als absolut selbstverständlich annehmen, dass ein Lehrer sich wirklich um sie bemüht hat – schön!

    Gefällt mir

Quid sentis?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s