Memento mori

avatarBitte nicht gleich den psychologischen Notdienst rufen, wenn ich das jetzt einfach so frei heraus sage, aber: ich mag unseren örtlichen Friedhof. Nicht aufgrund romantischer Todessucht, sondern einfach der Lage wegen: Ein lauschiger Hain, von Bäumen vor Hitze geschützt, viel Schatten, plätscherndes Wasser. Ein echter locus amoenus, wie ihn ein Horaz gemocht hätte. Und dann diese alles beherrschende Ruhe: Es gibt nur das laue Lüftchen, das Rascheln von Blättern und der knirschende Kies unter den Sohlen. Hier herrscht kein Trubel, kein Autolärm, kein Gewusel. Hier kommt man zur Ruhe… oder gar auf neue Gedanken.
Es ist erst ein paar Monate her, dass mir aufgefallen ist, wie präsent die tote Sprache Latein unter den Toten ist. Überall findet man auf den Grabsteinen Zitate aus der Bibel, lateinische Sentenzen oder sogar ein Epigramm. Dafür ist diese Gedichtform nämlich ursprünglich ins Leben gerufen worden: für einen Nachruf auf den Verstorbenen. Dieser hier ist zwar auf Deutsch, hält aber die gesamten antiken Vorgaben jedoch ganz genau ein: Ein Hexa- und ein Pentameter, die Zäsuren an der richtigen Stelle:  

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Anderen ist mit Bibelzitaten ein Denkmal gesetzt:

IMG_0004Und dann gibt’s die armen Teufel, denen man aus lauter Unwissenheit schlimmstes Kauderwelsch ins Granit gemeißelt hat. Zum Beispiel folgendes:

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Ich weiß zum Glück nicht, wer diesen Schmumpf in Auftrag gegeben hat. Insgesamt handelt es sich wohl um aus einer Kombination von dona eis requiem und requiescat in pace – mit dem Ergebnis, dass der Satz so überhaupt keinen Sinn ergibt. Alternativ hätte man auch den bekannten Blindtext Lorem ipsum drauf schreiben können…
Nicht, dass ich jetzt wie Dr. Makaber rüberkomme, der permanent Grabsteine ablichtet. Die meiste Zeit genieße ich eigentlich nur das ruhige Ambiente und komme zur Ruhe… und bestenfalls sogar zur Besinnung. Denn die Toten mahnen. Überall prangen die Lebens- und Todesdaten der Verstorbenen. Manche haben gerade zu biblisches Alter erreicht, manche sind deutlich zu früh von uns gegangen. Ein paar der Menschen hier sind kaum älter als ich, sogar Kindergräber tauchen hier und da auf – von ihren noch lebenden Eltern liebevoll mit Blumen geschmückt, die Erde sorgfältig geharkt und mit Kränzen behangen. Und plötzlich wird man sich mir-nichts-dir-nichts seiner eigenen Endlichkeit bewusst. Dass hier ein Fünfzehnjähriger liegt und nicht ich – ist das Schicksal? Oder Zufall? Oder schlichtweg einfach ungerecht? Welche dieser Antworten nun auch zutreffen möge – es ändert nichts an der Tatsache, dass wir heute mehr denn je in einem Trott leben, in dem wir vieles für selbstverständlich sehen: Den Wohnort, den Job, die Familie, Freunde, Lebenspartner, ja sogar das Leben selbst. Dabei kann das alles von heute auf morgen alles anders, schlimmstenfalls sogar futsch sein. Daher hoffe ich, dass auch ihr ab und zu genauso innehaltet wie ich, wenn ich den Friedhof verlasse, und euch ab und zu vor Augen haltet: Nichts ist selbstverständlich. Die Zeit, die wir hier mit unseren Lieben verbringen dürfen, ist ein riesiges Geschenk. Es zu vergeuden wäre eine Schande!

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Eine Antwort zu Memento mori

  1. Frau Henner schreibt:

    Viele Menschen, die ich kenne, gehen gerne über Friedhöfe, tun dies, laut Selbstaussage, aber eigentlich zu selten, weil zum Innehalten zu wenig Zeit zu sein scheint.

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