Der Übelläufer

avat_wut-150x150Es ward ein lauer Frühlingsabend. Eine der ersten, die so warm sind, dass man sich nach Monaten von Winter“Kälte“ (and I use the term loosely) zum ersten Mal nach draußen traut, um den wohl verdienten Feierabend zu genießen. Wie jedes Jahr kommen wir Anfang Mai in einem nahe gelegenen Biergarten zusammen. Wir, das sind ehemalige Mitabiturienten, zu denen man über die Jahre lose Kontakt gehalten hat. Es ist ein geselliges Beisammensein. Und auch ein großes. Denn die meisten haben auch noch ihre bessere Hälfte mitgebracht. Franzis bessere Hälfte heißt Ulf. Ulf ist mit mir der einzige Lehrer am Tisch. Allerdings kommt er von drüben… also aus Baden-Württemberg 😉 Ein echter Mann aus dem Ländle, mit einer umwerfenden Menge an Affrikaten in der Aussprache, wie man sie hierzulande nur aus der Seitenbacher-Werbung kennt. Und auch wenn wir außer unserer Profession sonst nicht allzu viel gemein haben – er macht Mathe, Physik -, kommt Ulf nicht umhin, bei jeder Gelegenheit, die wir uns sehen, nach der Schule in Bayern zu fragen. Dieses Mal ganz besonders. Denn Ulf wohnt in Ulm (die Alliteration ist unfreiwillig!) – das ist nur einen Katzensprung vom Freistaat entfernt und würde einen Wechsel durchaus möglich machen. Als bayerischer Lehrer fühlt man sich da sehr gebauchpinselt. Ich rede mit einem Überläufer 🙂 Ein Lehrer, der das Schulsystem, in dem ich arbeite, für so überlegen hält, dass er sein eigenes, in dem er arbeitet, hinter sich lassen will. Denn auch wenn in Bayern das G8 mehr Prügel einstecken muss denn je (und wohl auf kurz oder lang aufgeben muss), scheint es in Baden-Württemberg noch wüster zuzugehen. So zumindest kündet es der Ulm-Ulf. Also wechselt er bestimmt wegen Kontinuität der bayerischen Lehrpläne. Und des in ganz Deutschland bekannten hohen akademischen Niveaus? „Noi!“ schallt Ulf. „In Bayern müssen die Lehrer einfach weniger arbeiten!“ Denn Ulf hat nachgeforscht und gesehen, dass wir aktuell nur 23 Stunden Unterricht halten müssen.  Zwei Stunden weniger als im Ländle! Denn Unterricht findet Ulf echt anstrengend. Vor allem die blöden Schulaufgaben. Das nervt total. Deswegen lässt sich Ulf fast ausschließlich nur für Physik einsetzen. Da muss man nämlich keine Schulaufgaben schreiben, sondern maximal Kurzarbeiten. Und die kann er gestalten, wie er will. Teilweise schreibt er gar keine Tests mehr. Das hält ja nur auf. Und ab. Nämlich von der Freizeit. Denn der Kraftraum im jüngst errichteten Häusle will genutzt werden. Ja, ein kluger Hund, dieser Ulf. Nur leider ein uninformierter. Denn dass wir mit 23 Stunden weniger zu leisten haben als sonstwo, ist schlichtweg nicht wahr. Deshalb erzähle ich dem Herren ein paar Takte von den Spezialitäten, die unser Weißwurstsystem so besonders machen: Einer Gruselgeschichte namens Bürokratie. Neben- wie auch Hauptfächer müssen pro Halbjahr eine Mindestanzahl an schriftlichen und mündlichen Leistungsnachweisen erfüllen. Schulaufgaben werden nach der Herausgabe alphabetisch sortiert, mit Erwartungshorizont versehen und einer Notenübersicht in einem Mantelbogen der Fachschaft übergeben, die das gute Stück auf Lehrplankonformität überprüft. In den Nebenfächern ist das mit den kleinen Leistungsnachweisen, den sog. Ex(temporali)en genauso. Und wenn man dann alles beisammen hat, muss man die Prüfungen für 2 Jahre aufbewahren. Teilweise sogar in den eigenen vier Wänden, wenn es dafür im Lehrerzimmer keinen Platz gibt. Denn bei eventuellen Nachfragen muss die jeweilige Schülerarbeit als Dokument vorliegen. Tut sie das nicht, begeht man einen Formfehler und eine Endnote ist juristisch angreifbar. Es sind diese bürokratischen Akte, die richtig Zeit kosten und nerviger sind als jede Mittelstufe mit Hormonstau. Eine Zusatzbelastung, die Ulf überhaupt nicht kennt. Von daher ist nach dem Gespräch die Motivation zu den vermeintlich faulen Bayern zu wechseln auf wundersame Weise sehr geschwunden. Ach, das ständige Pendeln nach Bayern rüber nehme ja viel zu viel Zeit in Anspruch, außerdem habe das Bundesland Baden-Württemberg seine Ausbildung übernommen, von daher sei es ja unfair, diesem System untreu zu werden. Ach…

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9 Antworten zu Der Übelläufer

  1. diehungrige schreibt:

    Dass in BaWü in Physik keine richtigen Arbeiten geschrieben werden müssen, ist aber auch nicht so ganz wahr. Denn bei einem zweistündigen Fach, wie z.B. Physik, muss pro Halbjahr mindestens eine (große) Klassenarbeit geschrieben werden. Da macht es sich der Ulf einfach nur leicht.

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    • herr_mess schreibt:

      Kann der eigenmächtig einfach andere Testformen durchführen? Kann man Klassenarbeiten bei euch gegen mehrere Kurzarbeiten ersetzen? Oder großmault der einfach?

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      • diehungrige schreibt:

        Jetzt muss ich meine Aussage im Kommentar tatsächlich zurückziehen. Ich habe mich schlau gemacht und es gibt zu meiner Verwunderung auf jeden Fall für die Sek I nur Regelungen für die Kernfächer, nicht aber für die Nebenfächer. Allerdings hatte ich während meiner kompletten Schulzeit keinen einzigen Lehrer, der in den Nebenfächern auf die zwei schriftlichen Klassenarbeiten verzichtet hat. Keine zu schreiben ist jedenfalls nicht üblich!

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  2. ninaxy3 schreibt:

    Da macht der Ulf sich das Leben aber leicht 😀 bzw. versucht es ^^

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  3. fraubutterbrot schreibt:

    Hach Paul, irgendwie bist du ja süß 😀

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  4. fraubutterbrot schreibt:

    Äh… ich meinte ULF! (Ich hatte nämlich beim Lesen spontan dieses „Wer ist eigentlich Paul?“-Zitat inne ;)) Sorry!

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  5. Tinalise schreibt:

    Ach, die „Kriege“ zwischen den Bundesländern… Ein ewig leidiges Thema. *seufz* Das fängt beim Abitur an und hört, wie man sieht, selbst beim Lehrerdasein nicht auf… Wie schade.

    Dabei bin ich übrigens erstaunt darüber, dass der Ulf es sich rausgenommen hat, „öffentlich“ zu sagen, in BaWü wäre irgendwas besser oder schwieriger/anstrengender als in Bayern. In der Rangfolge, die man hier stets eingebläut bekommt, heißt es: „Erst kommt Bayern (in Sachen Schwierigkeit + Arbeitsaufwand etc), dann BaWü und dann ganz lange nichts. Wir aus BaWü sind super, aber mit den Bayern legen wir uns nicht an.“ Dafür wird dann auf den anderen angrenzenden Bundesländern rumgehackt… *Kopfschüttel*

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  6. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Ojehh, ojehh!
    Ich bin froh, dass es mich als Lehrer nach BaWü verschlagen hat – auch wenn der Dialekt hier hammermäßig ist. Selbst wenn der jetzige Schulumbau (böses Gymnasium, gute Gemeinschaftsschule, G8-G9 usw.) stellenweise eine echte Katastrophe ist, so ist das Lehren und Lernen doch recht gut und praktikabel organisiert für beide Seiten: Lehrer und Schüler, und noch nicht zu bürokratisch. Was du beschreibst, würden wir Lehrer in BaWü als absolute Gängelung und als Beschneidung unserer pädagogischen Freiheit empfinden. Gut, inzwischen sind es 25 Stunden und es wird ganz unverhohlen über die 26. Stunde gesprochen, aber ich glaube, dass wird dann der Punkt sein, wo selbst die fleißigen Beamten öffentlich protestieren, selbst wenn sie es gar nicht dürfen. Oder auch nicht, der BaWüler ist ein recht stoischer Mensch…
    Wir haben übrigens Überläufer aus Bayern im Kollegium – die den ganzen bürokratischen Mist nicht mehr wollten wie zum Beispiel das wöchentliche Vorlegen einer Wochenplanung! Ich plane meine Stunden zum Teil recht spontan…

    viele Grüße aus BaWü von Frau Henner

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    • herr_mess schreibt:

      Also das Vorlegen von Wochenplanungen hatte ich nur im Referendariat in dieser Weise. Wenn das ein gestandener Kollege ist, hat der arme Mensch unter einer sehr ehrgeizigen Fachbetreuung gelitten… Sooo schlimm sind wir auch wieder nicht 😉

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