Maman est arrivée!

avat_nervEs gibt Eltern, die sieht man leider nie – ganz egal, wie wichtig es wäre. Oder sie kommen dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen (natürlich nicht buchstäblich!) und nichts mehr zu machen ist. Und dann gibt es Eltern wie Maman, die sich immer melden. Immer. Alle zwei Wochen steht sie auf der Matte, um mir meine komplette Sprechstunde zu belegen. 45 Minuten. Dass andere Eltern eventuell auch mit mir sprechen wollen, vor der Tür des Besprechungszimmers stehen und vorsichtig klopfen, interessiert sie nicht. Wieso auch? Immerhin ist ihre Tochter etwas besonderes. Das verheißt auch schon ihr Name. Beate-Heleni heißt der Zögling und wandelt bei mir in der siebten Klasse. Beate-Heleni ist hauptberuflich Künstlerin. Sie spielt nämlich Geige. Und das offensichtlich sehr erfolgreich. Viermal in der Woche übt sie mit einer sehr strengen Violonistin vier bis fünf Stunden lang, damit sie eines Tages die Konzerthallen füllt. Jetzt erscheint aber eine düstere Wolke am rosaroten Horizont: Nämlich ich.
Beate-Heleni ist ein Kind wie jedes andere. Aber sie ist vor allem eins: Überfordert mit der Doppelbelastung. Das ist seit Beginn des Schuljahres ersichtlich, und das weiß Maman auch. Nur hören will sie’s nicht. Ich merke es an den berühmten Kleinigkeiten: Mal fehlt die Hausaufgabe, mal fehlt das Heft, mal fehlt das Buch, mal fehlt einfach alles. Unangenehm wird es immer dadurch, dass die Kleine mich davon nie in Kenntnis setzt, sondern wartet, bis ich ihr auf die Schliche komme. Nachdem das letzte Stunde wieder mal passiert ist, habe ich Beate-Heleni eine Mini-Ansage gemacht. „Wir müssen über deine fehlenden Hausaufgaben mal reden.“ Das hat sie schweigend zur Kenntnis genommen. Geredet hat sie aber nicht. Naja, dafür ist ja jetzt Maman da, die das Reden übernimmt. Und wie sie redet. Denn alles in allem bin ich das Problem: „Sie haben meiner Tochter Strafe angedroht anstatt darüber mit ihr zu sprechen.“ Äh… Ich habe gesprochen. Wer den Mund nicht aufmacht, ist Beate-Heleni. „Naja, sie ist halt auch schüchtern, dann müssen Sie das halt in die Hand nehmen.“ Habe ich das nicht? „Und überhaupt, stimmt die Kommunikation zwischen Ihnen und meiner Tochter ja schon seit Schuljahresbeginn nicht. Sie erwischen sie immer dann, wenn sie die Hausaufgaben nicht gemacht hat.“ Aber das ist mein Job, Madame! Und wenn sie den Mund nicht aufbekommt, dann bin ich es doch nicht, der diese Situation unangenehm macht. „Wissen Sie, meine Tochter kommt jeden Tag nach vier Stunden Geigenunterricht völlig erschöpft nach Hause und quält sich am Schreibtisch ab, um mit den Noten nicht herabzurutschen. Da passiert es halt mal, dass sie die Hausaufgabe vergisst und liegen lässt.“ Hm, naja, dann ist das Problem ja eigentlich gelöst. Ich kann nicht in ihr Kinderzimmer gehen, um zu sehen, ob sie alles eingepackt hat. Aber Maman kann.

„Ja, aber das packt das Problem doch nicht an der Wurzel.“ Nein, das Problem ist die Doppelbelastung. „Nein, das Problem ist die fehlende Kommunikation. Das sieht man ja auch an ihren Noten. Sie ist nur bei Ihnen so schlecht.“
Jetzt reicht’s. Ich lass mir ja vieles nachsagen, aber keine Benachteiligung von Schülern, wenn alles anhand von Fakten belegbar ist. Ich bringe ihr im schönsten Beamtendeutsch, das mir mein steigender Genervtpegel erlaubt, bei, dass ich als Klassenlehrer sehr wohl über die Leistungen der Tochter Bescheid weiß. Auch im letzten Jahr. Und aus denen ist klar ersichtlich, dass sie bereits letztes Jahr in den Hauptfächern durchgegend zwischen Vier und Fünf stand. Also bei Gott kein Einzelfall, den ich mir in die Schuhe schieben lasse. Da zuckt Madame auf einmal zusammen und legt eine neue Platte auf:  „Naja, eigentlich ist diese Schule ja auch nicht die richtige für meine Tochter. Wir haben sie gewählt, weil sie so nah ist, damit meine Tochter hinterher immer gleich zum Geigenunterricht kann.“ Damit ist das Gespräch für mich beendet. Wer sein Kind einer Schule unter solchen Kriterien anvertraut und sich dabei derart oberflächlich mit der Ausbildungsrichtung des Gymnasiums und der Eignung für die Tochter auseinandersetzt (nämlich gar nicht!), stiehlt mir die Zeit.
Ganz so patzig bekomme ich es nicht rüber. Leider. Aber die gestresste Mutter merkt langsam, dass sie sich allmählich aus dem Rennen katapultiert. Sie unternimmt einen letzten Angriff: „Ich sehe schon, die Fronten zwischen Ihnen und meiner Tochter sind sehr verhärtet. Aus diesem Grund wünsche ich, dass wir uns nächste Woche zu dritt zusammensetzen und das vor einer neutralen Person ausdiskutieren. Am besten mit dem Vertrauenslehrer*.


SCHWEIGEN.


Ich hole tief Luft, als ich Madame den rhetorischen Todesstoß versetze: Liebe Frau Beate-Heleni senior. Ich BIN der Vertrauenslehrer.

*wir erinnern uns: Es geht um das Vergessen von Hausaufgaben.

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10 Antworten zu Maman est arrivée!

  1. ninaxy3 schreibt:

    Das manche Leute einfach nicht einsehen wollen, dass die Schuld bei ihnen selber liegt und diese immer auf andere geschoben wird. Das hat doch einfach keinen Sinn. Mir tut vor allem die Tochter leid, auch wenn dem Kind der Geigenunterricht Spaß machen sollte ist das meiner Meinung nach ein bisschen zu viel des Guten. Das Leben besteht doch auch noch aus anderen Dingen, wie zum Beispiel mal mit den Freunden etwas zu unternehmen…

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  2. Charlotte schreibt:

    Habe laut gelacht, vielen Dank. Ich hoffe Maman liest nicht deinen Blog…

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  3. Pi mal R Quadrat schreibt:

    Weiah… Musterbeispiel für so vieles, was falsch läuft: Schule soll nebenher laufen, aber wehe einer merkt’s, dann gibt’s Aufstand. Und schuld ist sowieso immer der Lehrer.

    Den letzten Satz stell ich mir so richtig schön mit Darth Vader-Stimme vor, ebenso die Reaktion der Mutter. :mrgreen:

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  4. KC schreibt:

    An der Art, wie Maman mit dir umspringt, Herr Mess, merkt man aber schon, warum Beate-Heleni niemals auch nur auch Wort sagt. Hoffen wir, dass sie in der Pubertät ihr Selbstbewusstsein findet.
    Gibt es denn im Hause Beate-Heleni jemanden, der noch klar sieht? Zum Bleistift Papa Beate-Heleni? Sonst könnte man den ja mal gegen seine göttliche Gattin und für die Künstlertochter ins Boot holen.

    Aber Kinder die so überfördert werden, also ich verstehe das von Elternseite überhaupt nicht: Sollte nicht das oberste Ziel sein, dass die Schule erstmal möglichst gut bewältigt wird? Und selbst da übertreiben es manche Eltern ja noch. Wenn dann noch Kapazitäten frei sind (abzüglich wohlverdienter Freizeit), kann man ja noch über eine zusätzliche Aktivität sprechen, aber so?!

    Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Fünftklässlerin aus meinem ersten Praktikum, die 5 (sic!) Instrumente beherrschte, die dann vor den Augen von meinem Mentor und mir im Unterricht plötzlich von ihrem Stuhl kippte. Im Gespräch mit dem Kind stellte sich dann heraus, dass es an dem Morgen bereits 5 Liter Wasser getrunken hatte, weil es mit dem übermäßigen Trinken von Wasser seinen Stresslevel ausglich. Was machen wir, wenn es dann irgendwann etwas Anderes als Wasser ist?, habe ich mir dann gedacht.

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  5. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Du Ärmster – solche Elterngespräche sind ja leider immer verbreiteter (der Lehrer ist natürlich schuld), aber das auch noch ständig! Und die anderen Eltern und Lehrerkollegen heben schon die Brauen, wenn das Gespräch auf Maman kommt…
    Ja, liebe Eltern, es ist schwierig eine gesunde Balance zu finden zwischen Ich-kümmer-mich und Ich-lass-es-laufen. Besonders schwierig ist das, wenn man sein eigenes Kind als Projekt wahrnimmt oder gar in Symbiose lebt und das Kind als Teil des eigenen Ichs wahrnimmt. Das ist, glaube ich, Mamans Problem. Beate-Heleni darf nicht versagen – nirgends, denn es wäre das Versagen der Mutter. Das geht gar nicht.

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    • herr_mess schreibt:

      Diese Art von Gespräch war (zum Glück) im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig. Normalerweise kommen Lehrer und Eltern an unserer Schule sehr gut aus. Natürlich gibt’s ab und an einen Ausreißer. Den hab ich dieses Jahr bekommen. Hurra!

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  6. apfelspalte19 schreibt:

    Es würde mich sehr interessieren wie die „Geschichte“ ausgegangen ist, bzw.wie sich die Ereignisse am Schuljahresende niederschlagen!
    Möchte das Mädchen eigentlich bei diesen Aktionen mitmachen? Oft getrauen sich Kindern nicht Stop zu sagen und schlittern schon als Jugendliche ins burnout….

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  7. Karl schreibt:

    Nun ja, zum Glück sind diese Eltern die absolute Ausnahme.
    Absolute Ausnahme ist bei uns allerdings nicht, dass in der 7., 8. und 9. Klasse die Hausaufgaben vergessen werden. Bei uns läuft das unter dem Stichwort: Pubertäre Demenz. Verstärkt leiden allerdings die Jungs darunter. Wir sollten in diesen Klassenstufen Milde walten lassen und unseren Unterricht vielleicht besser an die spezifischen Pubertätsmodalitäten anpassen, als ständig über diese faulen, renitenten oder gar „nicht gymnasialfähigen“ SuS zu lamentieren.
    Wenn Lateinkollegen mitteilen, dass eine Lateinarbeit mit einem Schnitt knapp unter 4,0 als gut ausgefallene Arbeit gilt, dann stellen sich mir vor Verzweiflung alle Nackenhaare auf.
    Mit Heli-Eltern haben solche Ergebnisse sicher nichts zu tun.

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