Vom schwersten Wort der Welt

avat_traurigNein, es ist nicht „Sorry“. Da kann Elton John noch so sehr im Verbund mit einer Boyband trällern. Das geht mir wunderbar von den Lippen. Nein, für mich ist ein anderes Wort recht schwer geworden – und das, obwohl ich es schon zweimal in diesem Artikel benutzt hab. Zumindest im Schulbetrieb. Richtig geraten: Es ist „nein“. Das Wort, das den trotzigen Zweijährigen bei Tisch im Minutentakt rausrutscht. Das Wort, das den Suppenkasper letztlich in den Hungertod treibt. Das Destiny’s Child berühmt machte. Oder 2Unlimited, weil sie mir weiß machen wollten, es gebe keine Limits  (und das zwölfmal hintereinander – ich hab’s nachgezählt!). Nur ich bekomm’s nicht hin. Das ist garantiert eine Verhaltensweise aus den Urzeiten des Referendariats, wo man aus allen Richtungen mit Arbeit zugeballert wird – und sie bereitwillig auf sich nimmt, um sich seine berüchtigte Krawattennote nicht zu versauen.
Ein paar Jahre später: Die Arbeit ist nicht weniger geworden. Aber rein nüchtern betrachtet besteht heutzutage die Möglichkeit, sie abzulehnen, wenn’s einfach zu viel wird. Zumindest theoretisch.
Letztes Jahr war ich beispielsweise als Lehrer bei einer Theateraufführung dabei, die von der gesamten Schulfamilie gestemmt wurde. Das war ein Haufen Arbeit, aber wir haben es gerne auf uns genommen. Es war eine tolle Erfahrung, da Schüler wie Lehrer gemeinsam etwas auf die Beine gestellt und aufgeführt haben, frei von „Standesgrenzen“, die sich zwischen den beiden Seiten immer wieder auftun. Tja, dieses Jahr ist etwas ähnliches geplant. Aber dieses Jahr bin ich auch ins Abitur eingespannt. Und zwar mächtig. Ein riesiger rauschender Papierberg wartet auf mich, der abgearbeitet werden „möchte“ bzw. muss. Daher hab ich im Vorhinein meine Teilnahme an der diesjährigen Aufführung abgesagt. Ein erstes „nein“ war gemacht. Aber das reichte nicht. Seitdem werde ich jeden Tag von einem Kollegen belabert bearbeitet überzeugt, einem Schüler, dem Regisseur, der mir vorheult, wie wichtig es wäre, möglichst viele Lehrer in die Aufführung zu bringen, dass es doch ein tolles Statement wäre, wenn ALLE in der Schulfamilie ihren Beitrag dazu leisteten. Ist es ja auch. Viel wichtiger: Das hab ich doch. Nur halt letztes Jahr. Dass ich dieses Jahr einfach zu viel zu tun habe, interessiert keinen.
Genauso letzte Woche: Von einer ehemaligen Kollegin aus dem Referendariat angesprochen, ob ich bei der nächsten von ihr veranstalteten Fortbildung in Augsburg im Juni einen Vortrag halten könne, der sich mit meinem letzten Buchprojekt auseinandersetzt. Auch hier hab ich abgesagt, mit dem Hinweis auf die Abiturvorbereitung meiner Schützlinge – und große traurige Augen geerntet. Ein einfaches „nein“ hat nicht gereicht, egal, wie sehr ich es auch logisch begründen kann. Stattdessen wird täglich nachgebohrt, insistiert und wenn das nicht reicht: geschmollt. Wegen mir. So rede ich es mir zumindest ein.
Die Wahrheit ist doch letztendlich die: Beide Beispiele bergen denselben Denkfehler in sich: Man suggeriert der Person mit einer solchen Anfrage, unentbehrlich zu sein. Das schmeichelt natürlich erst einmal. Aber dahinter verbirgt sich eigentlich ein anderer Zweck: Nämlich dass sich andere Leute aufgrund meiner Leistung mit fremden Federn schmücken wollen. Wenn dem nicht so wäre, würde bei Absagen nicht so geschmollt werden. Das Gegenüber sieht sich enttäuscht, allein gelassen, verraten. Aber nüchtern betrachtet: Das ist nicht mein Problem. Mein Problem wäre es, nach einer Zusage gezwungen zu sein, irgendwo zwischen Schule, Unterrichtsvorbereitung und Abiturkorrektur mir noch ein paar Zusatzstunden aus den Rippen zu schneiden, um den Erwartungen der anderen gerecht zu werden – und irgendwann am engen Zeitkorsett zu zerbrechen. Versteht mich nicht falsch, ich bin von Haus aus sehr gesellig und mische sehr gerne bei solchen Aktionen mit. Aber wenn es zeitlich nicht drin ist, muss doch eine Absage einfach möglich sein.
Wir haben es beim Lehrersein mit einem Beruf zu tun, bei dem es nach oben hin kein Limit gibt. Die Arbeit hört nie auf. Wir haben keinen Feierabend, keine 9-to-5-Jobs. Man macht so lange, wie es einem der persönliche Berufsethos gebietet. Und man muss höllisch aufpassen, dass man sich auch mal freischwimt und zur Abwechslung auch ein bisschen an sich selbst denkt.
Damit bin ich bestimmt nicht allein. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Römer das Wort „Nein“ nicht kannten. Vielleicht bin ich latinophiler als ich gedacht hatte…
Ich werd’s künftig einfach so machen und mir ein paar dieser Sticky Notes kaufen:

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10 Antworten zu Vom schwersten Wort der Welt

  1. KC schreibt:

    Es liegt auch glaub ich mit daran, dass manche Leute groß sind im Delegieren, nicht unbedingt im Machen. Und wieder andere machen gar nichts, die sind froh, dass der Krug an ihnen vorbeigeht, wenn sie sich darauf verlassen können, dass es die üblichen Verdächtigen schon richten werden.
    Das zeichnet sich aber schon an der Uni (und auch schon vorher) ab. Wenn ich mir ansehe, wenn wir Veranstaltungen mit Catering ausstatten müssen und wir gesagt haben, wir treffen uns ne Stunde vorher zum Aufbau und Schnittchen machen etc., gibt es einige, die kommen während dieser Stunde dazu und setzen sich demonstrativ (nach Möglichkeit in den Weg) hin und machen nüscht, fragen nicht mal, ob sie uns noch irgendwie helfen könnten. Aber Schnittchen essen, das geht dann.
    Einfach die Tatsache, dass Hilfsbereitschaft und Engagement mit Selbstverständlichkeit verwechselt wird. Und statt man dann Dank erhält, kriegt man diese emotionale Erpressung, wenn man beim nächsten Mal mal nicht dabei ist.
    Oder noch besser die Kommilitonen, die NIE bei irgendwas helfen, einem dann aber vorwerfen, dass man sich vonseiten der Dozenten Vergünstigungen erschlichen (sic!) hätte. Ich mein, wenn man die Arbeit nicht von selbst sieht, kann man den Leuten halt auch nicht helfen.

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  2. Herr Rau schreibt:

    Trägheit. Von einigen Leuten weiß man, dass sie solide arbeiten, die werden dann immer als erste angesprochen. (Und Neue sowieso.) Die müssen lernen, Nein zu sagen, für sich selber, und damit andere mehr gefordert werden. Die können dann oft auch mehr, als man zuerst meinte.

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    • Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

      Ja, auf der einen Seite freut es einen selbst, wenn man merkt, der Chef fragt wieder mal mich, dann hält er was von meiner Arbeit. Auf der anderen Seite fragt man sich irgendwann, warum wird xy nie gefragt? Der könnte auch mal…
      Deshalb sollte man das Nein-Sagen lernen, aber nicht kultivieren. Dieses Jahr habe ich zu einem neuen Leistungskurs einfach mal NEIN gesagt, weil ich für die schwangere Kollegin eh einen anderen übernehmen muss. Das war ungemein befreiend! Kann ich weiterempfehlen. Und ich hab mich nicht mal entschuldigt oder gerechtfertigt. Das ist dann Schritt zwei.

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  3. Annika schreibt:

    Lieber Herr Mess,
    Sie haben es ja bereits geschrieben “und irgendwann am engen Zeitkorsett zu zerbrechen. ” Der Tag hat nun mal nicht mehr als 24 Stunden und “Nein” sagen kann wirklich unglaublich schwer fallen. Aber wenn man es dann getan hat, es geschafft hat, dann darf man sich nicht einreden lassen (oder selber einreden) dass es falsch war es zu tun. Wenn Sie ihren Abiberg abgearbeitet haben und mit ‘ner Tasse Tee (wahlweise auch Kaffe 😉 ) und einem guten Buch im Sessel sitzen, dann denken Sie daran dass sie diese Zeit jetzt für sich nutzen können. Weil sie es geschafft haben die persönliche Lebenszeit mit etwas zu füllen was einfach nur mal gut tut. Wir müssen nicht immer arbeiten, ranklotzen, helfen, machen, tun. Wir sollten L.E.B.E.N. .
    Nächstes Jahr dann wieder. Dieses sind einfach mal die anderen dran. 🙂

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  4. primimaus schreibt:

    Lieber Herr Mess,

    was machst du dann im Falle des Falles mit den Sticky Notes? Schneidest du Daumen, Zeige-, Ring- und kleinen Finger einfach ab? :mrgreen:

    Neinsagen ist eine große Sache. Aber man wird mit den Jahren besser darin.

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  5. jmklinge schreibt:

    Kenne ich ;-(

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