Wenn ich einmal groß bin…

avat_freuSo kurz vor dem Abi wird mein Oberstufen-Kurs immer zutraulicher. Während es kurz nach dem Halbjahreszeugnis in jeder Klasse einen spürbaren Durchhänger gab, sind die Schüler kurz vor dem Abi unglaublich aufmerksam. Das hängt nicht nur mit meinem schier genialogantischen Unterricht zusammen, oder mit den brilliantologischen Themen, die der Lehrplan kurz vor der Reifeprüfung für die Schützlinge bereit hält. Nein, man merkt den Leuten an, dass ihnen die Endlichkeit ihres Schülerdaseins bewusst wird. Acht Jahre lang haben sie sich an die Spitze der Nahrungskette des Gymnasiums gekämpft. Jetzt stehen sie kurz vor dem Abschluss, auf den sie so lange hingearbeitet haben – und das war’s dann. Als Alumni werden sie in das Abenteuer Leben entlassen und sind von da an Absolventen unserer Schule. Und damit aus der Institution Schule entlassen. Dass sie darüber jetzt schon die Wehmut packt, ist permanent spürbar. Stundenlang nach Schulschluss sitzen sie im sonnendurchfluteten Pausenhof, flanieren die Gänge entlang, schauen wehmütig in ihre Klassenräume der letzten acht Jahre. Ein paar Leuten ging diese achtjährige Reise deutlich zu schnell. Einige haben bis jetzt – vier Wochen vor dem Abitur – keine Ahnung, was sie mit ihrem Abschluss machen sollen. Lehre? Studium? Weltreise? Wie soll’s weitergehen? Ab wann weiß ich, welcher Beruf für mich der richtige ist? Wer darauf keine Antwort weiß, beginnt sein Umfeld zu befragen. Auch mich. „Was wollten Sie denn werden, als sie klein waren?“ werde ich gefragt – und das mitten im Somnium Scipionis, der uns glauben lassen möchte, dass neben dem Beruf des Politikers ohnehin alles andere verblasst. So wohl auch alle Berufswünsche, die ich als Kind und Jugendlicher im Sinn hatte.  Alle bekomme ich nicht mehr zusammen, aber an die folgenden kann ich mich immer noch gut erinnern:

  • Baukranführer: Das hat mich als Fünfjähriger total fasziniert. Vor allem die Kombination mit einer Abrissbirne, mit der man jedes Gebäude in Schutt und Asche legen kann. Kein Wunder, dass Miley Cyrus auch drauf steht – ganz genau so wie kleine Jungs.
  • Musikproduzent: Jedes Kind, das in den 90ern aufgewachsen ist, war sich spätestens ab der Pubertät bewusst, wie einfach Hits der damaligen Zeit gestrickt waren. Wer dann auch noch sein Taschengeld für einen Synthesizer ausgibt (wie ich) und mit einem PC koppelt (comme moi), wird merken, wie schnell sich damals authentische Songs bauen ließen. Leider – oder viel mehr zum Glück – verschwand die Ära des Dancefloor so schnell wie sie gekommen war. Ebenso wie die Pubertät. Und schwupps war’s auch schon vorbei mit Luftschlösser-Ambitionen.
  • Tontechniker: war mit Wunsch Nummer 2 direkt verbunden. Das Verkabeln und Aussteuern von Geräten hatte schon was. Aber genug, um diesen Job ein Leben lang durchzuführen? Nach einem Schnupperkurs in einem Münchner Tonstudio war mir klar: Für mich nicht. Dafür machten wir eine Woche lang immer zu viel vom selben. Leider. Vielleicht sieht die Realität eines Tontechikers ganz anders aus, aber der Kurs suggerierte nichts außer zerknirschender Routine. Das und die ständige Abhängigkeit von den Vorstellungen (selbsternannter) Künstler, die in dir eher einen Laufburschen sahen. 
  • Arzt: Biologie hat mich immer interessiert, und große Sauereien mit Blut machten mir in der Regel nie was aus. Kleinere allerdings schon. Das durfte ich im Zivildienst erleben, wo ich bei Blutabnahmen immer wieder Zeuge sein durfte, wie kleine Nadeln in Venen versenkt wurden. Bäh. Damit war auch dieser Traum ausgeträumt.

Man sieht, da war einiges dabei, was heute nicht so ganz in meine Vita passen würde. Früher war das aber einfach so. Auch kurz nach dem Abi hatte ich keinen Schimmer, was nun werden würde. Und das war überhaupt nicht schlimm. Vor allem die Jungs hatten in dem darauf folgenden Zivildienst oder der Grundausbildung beim Bund mehr als genug Zeit, um sich darüber ausgiebig Gedanken zu machen.
Heute versucht die Schule den Oberstüflern, beim Auswählen eines Berufs helfend unter die Arme zu greifen. Im Zuge der so genannten P-Seminare kommen die Schüler mit einer Reihe von Berufen und Ausbildungen in Berührung, sind dazu angehalten, in Praktika erste Erfahrungen zu sammeln und Expertenvorträgen zu lauschen, in der Hoffnung, dass nach diesem Seminar für die Leute klar ist, in welche Richtung es beruflich gehen wird. Aber tut es das? Sicher gibt es die Leute, die schon zu Beginn der Oberstufe wissen, dass sie eines Tages in einem OP stehen, in einer Kanzlei oder Bibliothek arbeiten wollen oder ein Instrument studieren möchten, um damit auf die Bretter zu gehen, die die Welt bedeuten. Aber es gibt auch die andere Sparte. Schüler, die vielseitig talentiert und ob der gebotenen Vielfalt geradezu ohnmächtig sind. Denen alles und auch gar nichts Spaß macht. Und die werden wegen der Leute, die definitiv wissen, wie es weiter geht, zunehmend nervöser.
Bei mir hat sich glücklicherweise irgendwann alles gefügt. Ganz von allein. Ohne weitere Praktika oder Berufsmessen. Der Lehrberuf erschien irgendwann am Horizont. Und je mehr die einzelnen Berufsvorstellungen verblassten, desto mehr begann die Vorstellung vom Lehrerdasein zu strahlen. Es fühlte sich irgendwie „richtig“ an.

„Aber warum sind Sie denn dann letztendlich Lehrer geworden?“ schallt es mir im Kurs entgegen. Tja, das ist eine andere Geschichte. Und die erzähle ich demnächst…

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Latein, Unterricht abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Wenn ich einmal groß bin…

  1. KC schreibt:

    *glucks* Naja mit deinem Tablet kannst du ja jetzt immerhin die Tontechnikerträume verwirklichen 🙂 Ich kann noch mit den Berufswünschen Pirat ( also nicht die politische Ebene^^) aufwarten und für den Guide Michelin wollte ich mal Restaurantkritiker werden.
    Aber das stimmt schon, wenn man Glück hat, hat man echt so ein That`s-it-Erlebnis, hatte ich auch und ich hab auch festgestellt, dass sich andere Fächer beim Unterrichten furchtbar anfühlen können. Deswegen rate ich unseren Jungsemestern immer, im ersten Schulpraktikum mal zu probieren, ob ihre Fächer wirklich die sind, die ihnen dieses Yeah-Gefühl geben, oder ob das bei anderen Fächern evtl. noch besser ist und dann ggf. die Kombination ändern sollten, wenn sie merken, dass sie sich beim Unterrichten des ein oder anderen Faches nicht wohlfühlen.

    Gefällt mir

  2. teacheridoo schreibt:

    Baukranführer. Herrlich. 😀

    Gefällt mir

  3. cbteacher schreibt:

    🙂 Innenarchitektin. Und dann, sogar noch weit vor dem Abi, Lehrerin. Wollte es schon damals besser machen. Hat lange gedauert, rauszufinden, was ich für besser halte. Aber es ist eine sehr spannende Reise. Bin froh, dass du nichts anderes geworden bist!

    Gefällt mir

  4. frlsinus schreibt:

    Bei mir waren es Tierärztin und Lektorin/Übersetzerin. Und insgeheim träume ich noch immer von einem Lesecafè mit selbstgebackenen Kuchen und Pralinen…

    Gefällt mir

  5. tinatainmentia schreibt:

    Auf die Geschichte bin ich jetzt aber gespannt! 🙂 Ich finde allgemein, man sollte mal ein Blogevent starten, wie die Menschen sich letztlich für ihre Berufe entschieden haben. 😉

    Gefällt mir

  6. diereferendarin schreibt:

    Techno ist nicht tot. Warum auch immer. Und als 90s Halbteenie kann ich deshalb auch nie techno hassen. Leider!

    Gefällt mir

  7. Stormtrooper schreibt:

    Ich bin immer noch der Meinung, daß du es auch mit der Musik geschafft hättest, auch wenn der “Beruf” nicht so bodenständig ist. Und daß man es schaffen kann sieht man ja an anderen Beispielen… *räusper*

    Gefällt mir

  8. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Noch weit vor der Zeit von irgendwelchen Casting-Shows wollte ich Schauspielerin werden – dann Fotografin und auch Lektorin, auf alle Fälle was mit Menschen und ja keinen Bürojob. Und nun stelle ich fest, dass ich mir alle diese Berufswünsche auf einmal erfüllt habe. Alle auf einmal, das gibts doch nicht! Doch LEHRERIN!

    Gefällt mir

  9. diewiderspenstige schreibt:

    Hihi, das ist DIE Frage, die unsere Lehrer auch immer zu hören kriegen. Und meistens folgt darauf ein „Also, eigentlich wollt ich ja gar nicht Lehrer werden…“
    Bin gespannt, was hier demnächst zu lesen ist… 😉

    Gefällt mir

  10. cbteacher schreibt:

    Hallo Herr Mess, kann man dir auch eine Email schicken? Ich hätte da was für dich.

    Gefällt mir

  11. zwischenbuechern schreibt:

    Ich wollte immer Tierärztin werden. Als Kind war ich sogar dabei, als unser Kater kastriert wurde, und nichtmal das hat mich von meiner Wunschvorstellung abgehalten. Aber je älter ich wurde, desto mehr wurde mir bewusst, dass mich das Ganze dann doch nicht so erfüllen würde… Und nun ja, auch bei mir tauchte irgendwann (in der 9ten Klasse) der Lehrerberuf am Horizont auf^^

    Gefällt mir

  12. diehungrige schreibt:

    Kommt denn die Geschichte zum Lehrerwerden bald? Da bin ich nämlich auch ganz gespannt drauf. Ich glaube, dass meine eigenen Lehrer schon ziemlich genervt sind von meiner Fragerei, warum sie Lehrer geworden sind und ob sie es wieder werden würden werden. Ist aber auch ne verdammt schwere Entscheidung! 😉

    Gefällt mir

Quid sentis?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s