Nackte Tatsachen

avat_lachenWichtiger Hinweis an Zartbesaitete: Der folgende Beitrag enthält männliche Nacktheit (nicht die meine!) und mag auf den ungewarnten Betrachter verstörend wirken. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
Bei uns steht der Tag der offenen Tür bevor, und wie die Jahre vorher veranstalte ich mit der Oberstufe immer ein römisches Bankett, zu der wir auch entsprechendes Essen kochen und verkaufen. Das läuft in der Regel immer ganz gut – zumindest für uns. Die armen Teufel, denen das Klassenzimmer gehört, müssen leider für drei Wochen den eklatanten Zwiebel-Knoblauch-Geruch ertragen, der dank Moretum in sämtliche Textilien gekrochen ist. So war’s zumindest bisher. Dieses Jahr hatten wir unsere menschliche Seite entdeckt und wollten unserer Schulfamilie die Geruchsbelästigung ersparen. Daher haben wir ausgiebig Literatur gewälzt und antike Kochbücher beratschlagt, um neue Rezepte zu finden, die auch sensible Nasen zufrieden stellen. Und wir wurden fündig. Und das jeder auf seine Art. Die Schüler bekamen viele kulinarische Einblicke und Ideen, und ich ein paar neue lateinische Texte zu Rezepten, die selbst bei so manchem Erwachsenen für gesunde Schamesröte sorgen dürften. Zum Beispiel ein Tischgedicht von Martial, in dem offensichtlich ein Gebäck in Form eines Priapus besungen wird. 

Si vis esse satur, nostrum potes esse Priapum:
     Ipsa licet rodas inguina, purus eris.

In der verschämten deutschen Übersetzung aus den 50ern heißt es noch:

Wenn du satt sein möchtest, kannst du von unserem Priapus speisen: magst du auch an seinem Unterleib selbst nagen, so wirst du dennoch sauber bleiben.

Was hier noch kryptisch und verklemmt klingt, macht die Übersetzung von Brigitte Cech in ihrem tollen Buch Lukullische Genüsse etwas deutlicher:

Wenn du satt werden willst, kannst du unseren Priapus verzehren; beknabberst du auch seinen Pimmel, bleibst du doch sauber.

Mehr als den Hinweis, dass Martial „auf sehr heitere und satirische Weise… eine Dame auf[fordert]*, sich den Nachtisch schmecken zu lassen“ (S.26) finden wir zu diesem Gedicht leider nicht. Schade, denn das Distichon hat’s wirklich in sich. Priapus ist nämlich nicht irgendjemand. Als Sohn des Dionysos ist er der Fruchtbarkeitsgott, was an gewissen Attributen ja auch eindrucksvoll zur Schau gestellt wird. Damit bekommt das Gedicht natürlich auch eine gewisse eindeutige Zweideutigkeit, auf die schon im ersten Vers durch die Homonyme esse (’sein‘) und esse (Kurzform von edere ‚essen‘) hinweist. An diesem Gebäck zu „knabbern“ (rodere heißt wörtlich eigentlich ’nagen‘), kann (und wird) definitiv mehr bedeuten als es einfach zu essen. Denn würde man das wörtlich lesen und tatsächlich auf das Essen beziehen, hätte der Schluss des Epigramms keinen Sinn. Denn das Gebäck würde allerhand Gekrümel auf dem Verzehrer hinterlassen. Von purus kann da keine Rede sein. Es ist also klar, dass das Beknabbern eines solchen Körperteils auf andere Weise unrein sein muss. Welche, ist wohl hoffentlich klar. Meinem Kurs war es das zumindest, als ich es ihnen präsentiert hab. Trotzdem haben wir uns das Bankett schmecken lassen. 

* Der Adressat ist allerdings keine Frau, sondern ein Mann, was aus der im Distichon verwendeten Form ‚purus‚ hervorgeht, mit der ein männlicher Gast angesprochen wird. Ein weiblicher würde ‚pura‚ bleiben. Bitte entrüsten Sie sich… jetzt.

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6 Antworten zu Nackte Tatsachen

  1. KC schreibt:

    Das mag ich so an den Römern, eben noch die pudicitia und die virtus hochhalten…und im nächsten Moment sowas 😀
    Tztztz, da machst du römisches Bankett und keine Instagram-Essensschnappschüsse?! 😛

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  2. frauhilde schreibt:

    Gab’s zum Nachspülen noch ordentlich mulsum?

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    • herr_mess schreibt:

      Leider nicht. Da es eine schulische Veranstaltung war, bei dem auch Kinder rumgewuselt sind, war jeglicher Alkohol tabu. Stell dir nur vor, was das für ne Orgie geworden wäre: Alkohol, römisches knoblauchhaltiges (aphrodisierendes?) Essen und mittendrin Herr Priap…

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      • frauhilde schreibt:

        Wir haben das mal mit Traubensaft statt Wein gemacht. Schmeckt ziemlich … nicht lecker.
        Aber die Kombination aus Alkohol, aphrodisierendem Essen und Herrn Priap UND dann zum Abschluss noch gemeinsamem „Shining“-Schauen, also als Schüler wär ich da gerne dabeigewesen!

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  3. lehrerleidenschaft schreibt:

    Ich gebe ja zu, dass ich den Text nicht gelesen, sondern direkt zum Bild gescrollt habe.
    Dann hab ich gegrinst.
    Liegt wohl an Twitter 😉

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  4. fraubutterbrot schreibt:

    Und genau wegen solchen uneindeutigen Zweideutigkeiten von Vokabeln haben meine Lateinübersetzungen ab der 9. Klasse inhaltlich absolut keinen Sinn mehr ergeben 😄

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