Wunschdenken?

avatarIn einem seiner aktuellen Beiträge hat sich Jan-Martin Klinge, seinerseits Betreiber des berühmten Halbtagsblogs, zum aktuellen Spiegel-Artikel geäußert. Auf die Frage, was er ihn im Moment vorrangig an unserem Schulssystem stört, war seine Antwort kurz und knapp:

Ich wünschte, die Eltern in Deutschland hätten grundsätzlich wieder mehr Vertrauen in unsere Arbeit.

Zum Glück bin ich in der Lage, diesen Wunsch für unsere Schule größtenteils schon erfüllt zu sehen. Natürlich kann ich nur von mir sprechen. Aber von ganz wenigen Ausnahmen mal abgesehen, habe ich mit Elternkontakten eigentlich immer positive Erfahrungen gemacht. Ich muss aber auch zugeben, dass ich den bürokratischen Weg, der bei uns in Bayern eigentlich üblich ist,  großenteils umgehe und lieber persönlich mit den Leuten in Kontakt trete, wenn irgendwo der Schuh drückt. Das hat sofort ganz anderen Charakter als der zwanzigste Hinweis, der wegen vergessener Hausaufgabe im Briefkasten landet. Denn Papier ist geduldig. Und meistens muss man ihm auch noch hinterher laufen (dem Papier, nicht dem Briefkasten), bis man es wieder unterschrieben zurückbekommt. Wenn aber ein Lehrer von sich aus zuhause anruft, erfolgt der Dialog notwendigerweise sofort. Auf diese Weise kann man auch seine Eindrücke schildern, die man so wohl nie einem Blatt Papier anvertrauen würde. Das hat bislang eigentlich immer super funktioniert. Und ausnahmslos jeder Elternteil, der von mir in den letzten Jahren telefonisch beglückt wurde, hat sich im Nachhinein für das persönliche Gespräch bedankt. Dafür, dass ich meine Sicht der Dinge erzähle. Dafür, dass Mama oder Papa ihre Sicht der Dinge darstellen können. Und wir gemeinsam eine Lösung erreichen. Genau die Art von Kommunikation, die im systemischen Blätterwald durch bürokratische Prozesse entmenschlicht und unterbunden wird.
Ich wünschte, ich könnte öfter tun: solche Gespräche führen. Denn oft versteht man die Kleinen erst nach solchen Gesprächen besser und kann mit Maßnahmen handeln, die außerhalb der üblichen Repressalien liegen. Aber 200 Schülern, die man täglich um sich hat, bleibt oft nur Zeit für die Spitze des Eisbergs. Leider…  

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9 Antworten zu Wunschdenken?

  1. jmklinge schreibt:

    “berühmt” lol 😀

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  2. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Nichts ersetzt das persönliche Gespräch. Aber kennt ihr das: schnell in der Pause zum Telefon, dann hören zwar die Kollegen mit, aber man muss das nicht zuhause machen, weil Frau S. einem sonst das Ohr abkaut? Ich spreche gerne mit Eltern und sie haben auch ein großes Redebedürfnis – da hat sich oft so viel angestaut, manchmal wird man unfreiwillig zum Therapeuten. So richtig glücklich bin ich dann mit den Schnell-mal-zum-Telefon-Gesprächen dann doch nicht, weil eben doch zuwenig Zeit war für ein richtiges Gespräch…

    viele Grüße von Frau Henner

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  3. frauhilde schreibt:

    Ich stimme grundsätzlich zu; nichts ersetzt das persönliche Gespräch, wie Frau Henner schon schrieb. Vor allem gibt es bei einem Gespräch, bei dem man sich gegenüber sitzt, nicht die üblichen telefonischen Missverständnisse.
    Allerdings würde ich das dahingehend einschränken, dass es, wenn auch wenige, Eltern gibt, da beißt man auch bei einem persönlichen Gespräch auf Granit. Das sind dann diejenigen, bei denen ich dann Mitteilungen im HA-Heft bevorzuge. Es interessiert sie ja eh nicht …

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  4. fraubutterbrot schreibt:

    Das ist auch der Grund, warum ich die einzige (!) im Kollegium bin, die ihre E-Mail-Adresse nicht an die Eltern gibt. Missverständnisse oder „spontane Frustabladungen“ per Mail bleiben mir und den Eltern so erspart. Nichts kann das persönliche Gespräch ersetzen.
    Und wenn ich mir von den Kollegen so anhöre, was die teilweise für unverschämte Mails bekommen… bin ich sehr froh über diese Entscheidung. Auch die Eltern verstehen das (nachdem ich ihnen die Gründe erklärt habe).

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    • jmklinge schreibt:

      Hm.. ich habe noch nie unverschämte Mails bekommen.
      Ernste Sachen werden natürlich im persönlichen Gespräch geklärt, aber organisatorischer Kram und kurze Infos sind mir per Mail immer lieber.

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