The Shining

avat_shockMein W-Seminar in Englisch hat sich bei mir echt zu einem meiner absoluten Lieblingskurse gemausert. So arbeitsaufwendig es zu Beginn des Semesters auch war, so früchtetragend ist nun auch sein Erfolg. Was wir in den letzten Monaten an Theorie zu Schauerliteratur und deren Umsetzung in diversen Romanen und Short Stories herausgearbeitet haben, ist einfach sagenhaft. Chronologisch korrekt haben wir uns durch die verschiedenen Epochen gegruselt und mit den Herren und Damen Shelley, Poe, Stevenson, Stoker und vielen anderen unheimliche Bekanntschaft gemacht. Mittlerweile sind wir in der Moderne angelangt und untersuchen, inwiefern sich die Gothic Novel in modernen Genres niederschlägt. Nach der einen oder anderen Kurzgeschichte kamen wir auf die Idee, eine Horrorverfilmung anzuschauen. Und unter all den von mir genannten Kandidaten hat sich das Seminar ausgerechnet Kubricks The Shining ausgesucht. Ein Film, der bei mir eine gewisse Sonderstellung einnimmt.
Mitten in den 90ern, als ich als Teenager so langsam ein Faible für dieses Genre entwickelte, wurde wöchentlich die heimische Hörzu nach Schlotterfilmen durchforstet. Dabei gab das in der Zeitschrift angegebene Genre auch immer Aufschluss über den im Film enthaltenen Gruselgehalt – und zwar nach einem festen System. Eine Gruselkomödie beispielsweise versprach dem Zuschauer minimales Unbehagen bei gleichzeitigem Kitzeln der Lachmuskeln (z. B. Ghostbusters oder Der kleine Horrorladen). Fehlte dem Streifen diese Schenkelklopf-Qualität, sprach die Hörzu von einem Gruselfilm. Wurde das Unbehagen mit einem gewissen Bodycount an Leichen oder Blut garniert, behalf man sich mit der Genre-Bezeichnung Horrorkomödie (Gremlins) oder – sofern nur Blut – einem Horrorfilm (z. B. Halloween). The Shining war die Steigerung von allem. Der Zelluloid gewordene Horror-Superlativ. Denn unter all den Filmen, die ich in den Jahren kennengelernt hatte, war der Kubrick-Streifen der einzige, der mit der Genre-Einteilung Horror Thriller ultimatives Grauen versprach. Komplettiert wurde dieser Eindruck von dem geradezu ikonischen Screenshot einer Shelley Duvall, der die Todesangst ins Gesicht geschrieben ist. Das Bild hat sich auf ewig in mein Gedächtnis eingebrannt. Und ich gehe davon aus, bei meinen Schützlingen wird das seit heute genauso sein…

The-ShiningZu Beginn des Filmnachmittags haben die Schüler die strikte Anweisung: Informiert euch in keiner Weise über den Film. Je ungezwungener und ahnungsloser sie an dieses komplexe Meisterwerk gehen, desto besser. Alles, was sie geliefert bekommen, ist ein Moodle-interner Link zum Original-Kinotrailer, der außer eines statischen Shots von einem Aufzug in der Hotellobby nichts zu bieten scheint – vorausgesetzt, man sieht ihn sich nicht bis zum Ende an.
Das hat schon einigen gereicht. Als ich anbiete, den Trailer auf der großen Beamer-Leinwand vorzustellen, meldet sich die Erste und bittet darum, es zu lassen. ¨Ich saß nach dem Trailer gestern erstmal 10 Minuten regungslos vor dem Bildschirm¨ sind ihre Worte. Die Arme. Die nächsten zwei Stunden werden für sie unerträglich… Das Grauen kann beginnen.

Zwei Stunden begeben wir uns auf eine Reise in das Overlook-Hotel, lassen uns einlullen von den riesigen Hallen und Korridoren und von der unheimlichen Architektur, der Soundkulisse und dem fantastischen Spiel eines wahnsinnigen Jack Nicholson. Oftmals weiß man gar nicht, wo das Unbehagen herkommt, weil der Film auf Splatter weitestgehend verzichtet. Genau das sollen die Schüler während der Vorstellung herausfinden. Ihr Auftrag: Wann immer euch etwas unheimlich vorkommt, versucht herauszufinden, was die Emotion in euch auslöst und schreibt sie auf. Hinterher werden unsere Ergebnisse in einem Moodle-Wiki gesammelt und diskutiert. Für mich besonders reizvoll, weil ich so selber wieder auf neue Details hingewiesen werde, die ich gar nicht mehr so wahrnehme. So zum Beispiel den exzessiven Gebrauch der Steadicam, der einem ständig das Gefühl des Verfolgens bzw. Verfolgtwerdens vermittelt. Oder der Soundtrack, der penibel mit dem Handlungsgeschehen abgestimmt ist, in dramatischen Passagen lauter und dissonanter wird, oder die abgefahrene Architektur der Räume. Die knalligen Teppiche, die im 70er Jahre Stil die Hotelzimmer mit ihren grellen Tönen dominieren und surreal erheben, die völlig hilflose Shelley Duvall, die in ihrer Rolle als Wendy die Rolle der damsel in distress geradezu klischeehaft erfüllt. All diese Eindrücke bekomme ich durch die Schülerarbeiten wieder ins Gedächtnis gerufen. Das und die entsetzten the-shining-tub[1]Gesichter, die ich bei den Schülern in den Schlüsselszenen entdecke: Als die alte Frau aus der Badewanne steigt, steht dem halben Kurs der Mund offen. Die Zwillinge, die einfach nur am Ende eines langen Korridors da stehen und starren – und das über eine unangenehm langen Zeitraum hinweg – beunruhigen die Leute im Kurs spürbar. Und wir reden hier von Leuten kurz vor den 18 Jahren. Dann der Blutstrom, der die Aufzugtüren heruntergestürzt kommt wie ein reißender Gebirgsfluss, die kryptischen Szenen, die überhaupt keinen Sinn ergeben wollen, wie z. B. der Kerl in seinem Bärenkostüm, der was auch immer im Schritt eines Hotelgastes zu suchen hat. Wendy, die in einer minutenlangen Sequenz völligbear_shining_costume[1] schutzlos dem Wahnsinn ihres Ehemannes ausgesetzt ist. All das zusammengemischt ergibt einen Cocktail, an dem die Schüler schwer zu verdauen haben. Als die Endszene des Films noch ein letztes unlösbares Rätsel stellt und die Credits beginnen, ist es mucksmäuschenstill im Raum. Die schmissigen Töne von Midnight and the Stars with You, die uns akustisch ein Happy End vorgaukeln wollen, das einfach nicht vorliegt, wirken absolut deplatziert. Die Verstörung ist komplett. Erst recht nächste Woche, wenn wir die Vielschichtigkeit des Films untersuchen. Nämlich mithilfe der Dokumentation Room 237, in dem die Macher versuchen, aus den Ebenen, die im Film nicht zusammenpassen möchten, ein homogenes Bild zu schaffen – ein irrwitziger Trip, voll von Verschwörungstheorien, abstrusen Interpretationen und verstörenden Details zum Filmdreh – und das über einen Streifen, der vor mehr als 30 Jahren gedreht wurde. Das ist wahres Meisterhandwerk!

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13 Antworten zu The Shining

  1. KC schreibt:

    Ich glaube, verschiedene Musikvideos greifen die Shining- Motive auch wieder auf…zB. das unvermeidliche „Augen auf!“ von Oomph!, davon gibts auch eine englische Fassung, kannst mich jetzt aber schlagen, wie die heißt.

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  2. Herr Rau schreibt:

    Sehr interessant. Ich mache nächstes Jahr – wenn genügend Schüler es wählen – ein ähnliches W-Seminar, aber mit Deutsch als Leitfach. Dann frage ich dich auch nach Tipps und Erfahrungen.
    Gothic Novel, Shelley, Poe, Stevenson, Stoker – und dann kein Lovecraft? Tse.

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    • herr_mess schreibt:

      Um Lovecraft auch nur ansatzweise zu begreifen, bräuchte es definitiv mehr als eine Sitzung. Er nimmt ja in der ganzen Gothic Literature eine große Sonderstellung ein, die wohl fast ein komplettes Seminar umfassen könnte. Allerdings hat ein Teilnehmer vor, sich ein bisschen in den Cthulhu-Mythos einzuarbeiten. Vielleicht springt eine interessant Lovecraft-Arbeit raus.

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  3. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Lieber Herr Mess, als Jugendliche habe ich mich durch manch Horrorwälzer durchgefressen. Stephen King nonstopp die Nacht durch. Im Studium dann Seminare zur Filmanalyse, die mir die Augen geöffnet haben – auch The Shining. Allerdings waren die Bänke im Vorlesungssaal schrecklich unbequem.
    Nach dem Abitur – habe ich meiner Oberstufe versprochen – machen wir endlich mal Filmanalyse. Was ist denn ein W-Seminar, wo man so etwas das ganze Jahr über darf?

    viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner

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    • herr_mess schreibt:

      Das ist bei uns eine Veranstaltung, die sich – ähnlich wie an der Uni – über eine längere Zeit mit einem einzigen Thema beschäftigt. In diesem Falle gebe ich ein Seminar zu englischer Gothic Literature. Das Seminar geht über 1,5 Jahre und beginnt meinerseits mit der Vermittlung theoretischer Grundlagen, bevor die Schüler sich dann nach einem halben Jahr ein Thema innerhalb des Oberthemas Gothic Novel aussuchen, zu dem sie forschen, regelmäßig Rückmeldung geben und am Ende eine Seminararbeit dazu abgeben. Der Sinn dahinter ist, den Schülern einen entsprechenden Einblick in wissenschaftliches Arbeiten zu geben, wie es später an der Uni gefordert wird. Ein paar haben auch am Shining sehr Gefallen gefunden und wollen den Film mit der Buchvorlage vergleichen. Spannend.

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      • Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

        Aha, dann ist das im Grunde das, was bei uns der Seminarkurs ist. Durch die Seminararbeit mit Kolloquium kann man sogar die mündliche Präsentationsprüfung ersetzen. Allerdings sind die Seminarkurse bei uns in fester Hand von Wirtschaft (Wir gründen eine eigene Firma – weiß der Geier, was das mit wissenschaftlichen Arbeiten zu tun hat!) und Geschichte (Das ist dann wirklich wissenschaftliches Arbeiten, Archivbesuche, alte Schriften lesen, forschen). So etwas wie dein Kurs, das wäre dann mal etwas anderes.
        Buch und Film vergleichen, das ist wirklich spannend. Meines Wissens ist ja Stephen King gar nicht mit dem Film einverstanden. Wenn man sich die King-autorisierten Verfilmungen seiner Romane anschaut, merkt man auch schnell, warum. Ich selbst habe mich mal an den Vergleich der Traumnovelle und Eyes wide shut gewagt, sehr lohnenswert auch Conrads Herz der Finsternis und Apocalypse now… ach, da gerate ich geradezu ins Schwärmen. Was alles möglich wäre. Aber ich fange mit meinen Schülern mal klein an: Wir lesen Dürrenmatts Versprechen und vergleichen dann die alte Rühmann-Verfilmung mit der Version mit Jack Nicholson. So jedenfalls mein Plan.

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        • herr_mess schreibt:

          Zum Glück haben die Schüler da bei uns schon eine große Auswahl, weil das Angebot abhängig vom Kollegium sehr ausgewogen ist. Dieses Jahr sind knapp 12 Seminare zu den unterschiedlichsten Fächern angeboten. Ein gesamtes Seminar mit einer Filmanalyse zu füllen, wäre allerdings etwas dünn. Man bräuchte schon etwas Umfassenderes. Deswegen hab ich auch die Gothic Novel der englischen Literatur. Damit kann man mehr als 250 Jahre und auch mehrere Länder unter einen Hut bekommen. Ist allerdings recht aufwändig vorzubereiten. Aber man macht’s ja nicht für die Tonne… HOFFENTLICH!

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  4. Tina schreibt:

    Klingt sehr sinnvoll und interessant, so ein W-Seminar. Sollte man in den anderen Bundesländern auch mal einführen. 😉

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    • KC schreibt:

      Fänd ich gut. Wenn ich sehe, was unsere Ersties alles können bzw. eben nicht können, wenn sie zu uns kommen, wäre das mehr als sinnvoll. Vernünftiger Umgang mit Quellen und Einbindung von Zitaten u.Ä. scheint an den meisten Schulen aus der Mode zu sein. Hab mir schon überlegt, dass wenn ich an die Schule gehe entweder in meinen OS- Kursen eine Klausur im Jahr durch eine Facharbeit zu ersetzen oder alternativ eine AG wissenschaftliches Schreiben ins Leben zu rufen ( alternativ zu was Anderem, was mir am Herzen läge)

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      • Tina schreibt:

        Ich glaube, das ist wirklich sehr länderabhängig, wie ja leider alles in der Bildung. In NRW zum Beispiel ist eine Facharbeit, die eine Klausur ersetzt, meines Wissens Pflicht. In RLP hingegen ist das eine freiwillige Angelegenheit, wobei ich es keine Sekunde lang bereut habe, diese Gelegenheit wahrzunehmen, weil es sowohl sinnvoll für’s Studium war als auch sehr viel Spaß gemacht hat ;). An der Uni trifft man allerdings nicht nur Ersties, die das nicht können… Aber solche Seminare, wie Herr Mess das schildert, fände ich auch unabhängig davon ganz spannend. Auch wenn das natürlich nach sehr viel Arbeit klingt 😉

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  5. teacheridoo schreibt:

    Ich bin gerade rein vom Zulesen ganz hin und weg von diesem Seminar. Manchmal (gar nicht mal so selten) beneide ich die Schüler von heute. Ich hatte sicherlich tolle Lehrer, die guten Unterricht gemacht haben. Aber sowas gab es damals nicht.

    Eine, vielleicht dumme, Frage noch: Muss man sich als Lehrkraft vor dem Anschauen eines solchen Horrorfilms mit einer Klasse eigentlich irgendwie absichern? Oder reicht eine entsprechende FSK-Einordnung aus?
    (Ich sehe vor meinem geistigen Auge wütende Eltern, die herumzetern, weil ihr herzallerliebstes Kind eine Woche lang Albträume hatte oder dergleichen.)

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    • KC schreibt:

      Ich schätze, FSK-Richtwert reicht ( bzw. muss man natürlich sicherstellen, dass alle das Alter auch erreicht haben), zusätzlich dazu würde ich natürlich erlauben, dass jederzeit der Raum verlassen werden kann, wenn es jemandem zuviel wird bzw. ggf., da man als Lehrer den Film ja schon mal gesehen hat, kann man die etwas Zartbesaiteteren da bei jeder kritischen Szene irgendwie durch irgendein Signal draufhinweisen, dass gleich etwas passieren wird, was die vielleicht nicht sehen möchten (Augen und Ohren zuhalten geht ja immer). Ansonsten dürfte ein wissenschaftlicher Beobachtungsauftrag den Horror aber auch ein bisschen begrenzen bzw. macht das Setting des Filmschauens ja auch einiges aus. Bei Tag in einem Klassenraum ist natürlich meeeeegagruslig :-).

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      • herr_mess schreibt:

        Naja, wer bei den schlimmen Szenen rausgeht, verpasst ja das Wichtigste. Wie gesagt: Das Seminar wurde damit beworben, dass wir uns in die Grusel- und Horrorliteratur einarbeiten. Also setze ich schon ein gewisses Maß an Gruseltoleranz voraus. The Shining ist ja auch nicht wirklich blutrünstig. Da ist die 92er Version von Dracula schon ein anderes Kaliber. Vor allem ist die Version auch sehr explizit und interpretiert das Blutaussaugen als sexuellen Akt. Anders ist das Rumgestöhne bei diesen Szenen nicht zu erklären… 😉

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