Und das Telefon sagt „Du…“

avat_nerv„Stört es euch, wenn ich kurz mit einer Mutter telefoniere?“ Melanies Frage ist an mich und meine Kollegin gerichtet. Wir sind im Moment alleine im Lehrerzimmer und brüten über unseren Klassenordnern. Die Woche nach dem Notenschluss ist angebrochen, und als Klassleiter bekommt man in dieser Zeit ein hübsches Sammelsurium an Aufgaben zugeteilt, die möglichst gestern bearbeitet sein sollen:   Noten korrekt in die entsprechenden Schülerbögen eintragen, die Noten der Kollegen der anderen Fächer nachrechnen, gegebenenfalls korrigieren, die Vollständigkeit der Noten überprüfen, die Mitarbeits- und Verhaltenskommentare erstellen, das Protokoll dazu vervollständigen, Schulparagraphen prüfen, Zeugnisse ausdrucken, Zeugnisse korrekturlesen, Zeugnisse verbessern, Zeugnisse erneut ausdrucken, Zeugnisse korrekturlesen, Zeugnisse verbessern, Zeugnisse erneut ausdrucken [loop sequence initiated]… Eine riesige Latte an Aufgaben, die dank ihres statischen Ablaufs jedoch gerade mal 10% Gehirnleistung beanspruchen und irgendwann zu Tode langweilen. Vor allem für mich als Sprachler: Igitt, Zahlen! Kurzum: wir sind um jede Art der Zerstreuung dankbar. Daher geben wir beide Melanie, ihrerseits Biolehrerin, grünes Licht zum ersehnten Elterngespräch. Zu Beginn sind wir noch zu sehr auf unsere Arbeit fokussiert, um dem Telefonat zu lauschen. Aber ein Schmunzeln können wir uns dann doch nicht verkneifen, als Melanie die Mutter am Apparat hat und professionell nüchtern in den Hörer redet: „Sie haben mir ja dankenswerterweise drei Nummern hinterlassen, auf denen ich Sie erreichen kann.“ Sounds like a very dedicated mother…
Ich horche etwas auf, als auf einmal der Name von Moritz fällt – ein Schüler, den ich über drei Jahre im Lateinunterricht sitzen hatte und der akademisch eigentlich auf einem ganz anderen Level ist. Nur dieses eine Mal scheinbar nicht. Wie wir aus dem Telefongespräch erfahren, hat Moritz dieses Mal eine Vier. In Biologie. Und das, wo die Eltern beide Ärzte sind. Kein Wunder, dass Moritz‘ Mama nach dem Rechten fragen möchte, um zu sehen, wie es denn zu einer solchen Note gekommen ist. Und sie fragt gründlich. Für die nächsten 20 Minuten hält Melanie den Hörer schweigend ans Ohr, lässt Maman ausgiebig erzählen. Gelegentlich schaut sie zu uns rüber, grinst, rollt mit den Augen, hebt zum Sprechen an, unterlässt es aber gleich wieder. Sie weiß, dass sie in dem Wortgewitter der Mutter keine Silbe platzieren wird. Sie lässt Moritz‘ Mutter still weitererzählen. Hofft, dass nach 15 Minuten Sprechzeit das Pulver verschossen ist, damit sie endlich mit ihrer Gegendarstellung beginnen kann. Glaubt sie zumindest. Nach einer halben Stunde ist Melanie immer noch nur Zuhörer. Mit einem kleinen Unterschied: Wenn sie zu uns rüberschaut, wird nicht mehr gegrinst. Der düstere Blick in ihrem Gesicht lässt nichts Gutes erahnen. Wir können in diesem Moment nur raten, was für Anekdoten/Richtigstellungen/Anschuldigen Melanie derzeit ins Ohr geflüstert bekommt, aber man sieht ihr an, dass sie gerne lieber mit uns tauschen würde. Vorsichtig versucht Melanie, auch mal das eine oder andere Wort anzubringen. Mehr als „ich…“, „also…“ oder „kann ich“ ist aber nicht möglich. Das geht bestimmt noch geschätzte fünf Minuten so weiter, bis Melanie der Kragen platzt: „Frau Anger, darf ich auch mal was sagen!? Wir sprechen hier von einer Vier. Einer einzigen Vier, die die Gesamtnote Ihres Sohnes auf 1,8 verschlechtert. Nicht mehr, und nicht weniger!“
Meine Kollegin und ich brüten auf einmal nicht mehr über unseren ollen Klassenordnern. Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt dem ominösen Telefongespräch. Haben wir richtig gehört? Wir sprechen hier nicht von einer Vier im Zeugnis, sondern einer Vier in einer Ausfrage, die Moritz nun eine Zwei im Zeugnis einbringt. Im Zwischenzeugnis? Jetzt rollt nicht mehr Melanie mit den Augen, sondern wir. Fast eine Dreiviertelstunde diskutiert Melanie mit der immer hysterischer werdenden Mutter. Wegen einer Zwei. Wie wir aus Melanies Antworten heraushören, fordert Maman irgendwann den genauen Wortlaut der Äußerungen des Filius zu hören, die ihm eine Vier eingebracht haben. Die kann Melanie natürlich nicht vorweisen – kein Mensch würde eine poplige Ausfrage verbatim mitprotokollieren. Laut Schulordnung muss zu jeder mündlichen Note ein Datum und evtl. das Thema mitprotokolliert sein. Das reicht. Muss reichen. Maman sieht das jedoch ganz anders. Unterstellt Notenwillkür, Voreingenommenheit, droht am Ende sogar mit „weiteren Schritten“. Wie die aussehen? Man wird es am nächsten Tag sehen: Da steht sie nämlich vor dem Lehrerzimmer mit einem düsteren Blick im Gesicht, der selbst Darth Vader zum Wimmern bringen würde. Und sie kommt nicht allein. Sie hat den Ehemann im Schlepptau. Und der bittet zum Dreiergespräch. Melanie fasst sich ein Herz, wird erneut 45 Minuten in die Mangel genommen. Von beiden Seiten. Wie uns Melanie hinterher erzählt, ist die Mutter wirklich hysterisch geworden, mit kreischiger Stimme, Tränen und lustigen Stressflecken am Hals. Am Ende steht fest: Sie werden beim Direktor Beschwerde einlegen. Wegen einer 2. In einem Nebenfach. Im Zwischenzeugnis. In der Mittelstufe.
Schon Wahnsinn, mit was für einem Feuereifer manche Eltern für ihre Kinder in der Schule vorpreschen… und wie völlig egal es wiederum anderen ist. 

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17 Antworten zu Und das Telefon sagt „Du…“

  1. KC schreibt:

    Da hat euer Rektor ja wieder was, wo er schützend seine Hand drüber halten kann.
    Ist eigentlich überliefert, was Sohnemann zu den Anstrengungen seiner Ernährer sagt? Das ist doch todespeinlich solche Eltern zu haben. Mann, mann, mann. Helikoptereltern par excellence. Am besten ist es doch, wir installieren Videokameras in den Klassenräumen, dann kann man in Echtzeit Nachweise führen^^
    Das ist auch äußerst praktisch, dann können die nichtanwesend gewesenen Schüler den Unterricht als Homevideo nochmal sehen.

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    • herr_mess schreibt:

      Videokameras in Klassenzimmern – und seien es nur Dummies (muss ja keiner wissen!) – wären der Wahnsinn. In positiver wie auch negativer Sicht. Da fühlen sich die Schüler ja gleich wie Schwerverbrecher. Aber der eine oder andere würde sich definitiv zusammenreißen. Da der Sohnemann es übrigens gewohnt hat, nur (!!!) Einser im Zeugnis zu haben, gehe ich ehrlich davon aus, dass er die Mutter sogar zum Gang zur Lehrerin angestachelt hat. Ist aber nur eine Vermutung…

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  2. daslandei schreibt:

    Wie geht man denn als Lehrer mit sowasum?

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    • herr_mess schreibt:

      Aktiv zuhören und seine Sicht darlegen. Wenn das nicht hilft, Gespräch am besten mit dem Direktorat. Das wird klar machen, dass alles wasserdicht ist und eine Zwei kein Weltuntergang ist… und das Gespräch Zeitverschwendung. Wie auch in unserem Fall: Es gab tatsächlich ein Gespräch mit dem Direktorat. In diesem erzählte Maman, dass der Sohn aufgrund der Zwei nun keine Lust mehr auf ein Medizinstudium habe. Alles klar… Mit 15 Jahren ist die Berufswahl auch schon in Stein gemeißelt…

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  3. quizzymuc schreibt:

    Danke für den herzerfrischenden Bericht! Was bin ich froh, dass ich mich in meinem Bankjob den ganzen Tag nur mit schnöden Zahlen und zockenden Händlern (und nur an und zu mit zickenden Kolleginnen) rumärgern muss 🙂
    Allerdings stört mich dein grammatikalisch nicht einwandfreies „wo“ in diesem Satz: „Und das, wo die Eltern beide Ärzte sind“ – da hätte ich keine örtliche Präposition (???) erwartet …. 😉
    Herzliche Grüße von der gerne mit Zahlen jonglierenden Quizzy

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  4. Read on schreibt:

    Das sind wahrlich kaum nachzuvollziehende Auswüchse, hier in einem universitären Kontext, gibt es zwar eine Häufung der Todesfälle von Großmüttern und Kaninchen vor Abgabeterminen und Prüfungen, aber Eltern immerhin sind in dieser Stärke hier nicht anzutreffen.

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  5. Herr Rau schreibt:

    Gruslig. Aber auch wieder lustig, wenn man selber nur davon lesen muss. 🙂

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  6. buchpost schreibt:

    Oh menno, so was kostet Nerven, die deine Kollegin sicherlich lieber woanders investiert hätte! LG Anna

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  7. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Amüsant zum Lesen, aber wen es selbst betrifft, der leidet. Und es trifft in unserem Kollegium immer mal einen anderen. Immer ist einer dran. Wer halt gerade eine Vier oder Fünf zu vergeben hat und auf Eltern mit Ambitionen trifft – Ambitionen für ihr Kind. Da wir auf dem Land relativ wenig solche Eltern haben, hält es sich noch in Grenzen. Aber von einer Kollegin (Gymnasium Universitätsstadt!) hörte ich, dass sie sich inzwischen vorher dreimal überlegt, ob sie Rechtanwaltssohn Julius nun die Vier auf die Arbeit gibt oder doch lieber eine Dreibisvier. Das ist das Schlimme daran. Das wir anfangen, Kinder mit fordernden Eltern zu bevorteilen, weil wir dem Konflikt aus dem Weg gehen wollen.
    viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner

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    • herr_mess schreibt:

      Wir haben auch eine sehr hohe akademisierte Elternschaft. Aber eine Note wegen eines Elternteils habe ich noch nie. Es hat sich aber auch noch nie jemand beschwert, muss ich zugeben. Ich finde, wenn man durch Schulaufgaben und weitere Tests und Ausfragen die Noten belegen kann, ist das wasserdicht – noch dazu, wo sich bei leistungsschwachen Schülern – und genau bei denen wird ja in der Regel heiß gekocht – die mäßigen Leistungen ja in mehreren Fächern zeigen und nicht nur in seinem eigenen. Auf diese Weise entkommt man dem Vorwurf, den Schüler absichtlich zu benachteiligen. Ist aber so oder so eine echt traurige Entwicklung. Wieso kann das nicht so ablaufen, wie in Dirty Dancing: „Das hier ist mein Tanzbereich. Das ist dein Tanzbereich.“ 🙂

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  8. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Habe mir auch vorgenommen, mich nichts einschüchtern zu lassen. Also Nachweise sammeln und let’s dance!

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