Leichen im Keller

avat_nervAls Jäger und (leider hauptsächlich) Sammler meiner Spezies bin ich Opfer meiner Gene. Bevor ich Sachen wegwerfe, werden sie ganz genau auf ihren Nutzen hin abgewogen. Vielleicht lese ich das verstaubte Buch ja doch irgendwann. Vielleicht passe ich in 20 Jahren ja doch in den Mantel, den man mir mal 4 Nummern zu groß geschenkt hat. Selbst meine Synthesizer, die seit dem Referendariat eher zum Regalschmuck degradiert sind, werden nicht an Leute verkauft, die mit den Geräten tatsächlich auch mal wieder Musik machen könnten. Irgendwann könnte es ja wahr werden, dass ich zur Abwechslung mal nicht bis in die tiefe Nacht an Vorbereitungen oder Tests sitze. Wie ist das? Schlimm ist das. Aber immerhin: ich sondiere. Das ist ja zumindest mal ein Anfang…
Bei solchen Säuberungsaktionen treffe ich auch immer wieder auf lange vergessene Schätze, die komplett in Vergessenheit geraten sind. Zum Beispiel diese, nach heutigen optischen Standards katastrophal hässlichen Hausaufgabenhefte, in denen man seine Hausaufgaben (among other things) in den 90ern eingetragen hat.

hausaufgabenheft

Sowas nach mehr als 15 Jahren mal wieder in der Hand zu halten, ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Auf den zerschlissenen Seiten ist das komplette schulische und außerschulische Leben meiner Mini-Version im Alter von 16, 17, 18 usw. festgehalten. So weiß ich zum Beispiel jetzt wieder, dass

  • Am 4.10. bis zum 14.10.1995 der Austausch mit unserer Partnerschule in Frankreich war
  • Am 17.11.95 die erste Englischschulaufgabe stattfand, in der ich eine 1 hatte
  • Dass der Gesamtschnitt der Klasse 3,28 betrug
  • Dass die Besinnungstage vom 15.7. bis zum 17.7.1996 dauerten
  • Dass ich zum 29.4.1996 einen Hausaufsatz abzugeben hatte
  • Dass jeden Samstag Tanzparty in unserer Tanzschule war, die ich regelmäßig besucht habe
  • Und dann das hier:
hitliste2

Das Grauen ist klick- und vergrößerbar!

Eine von mir getätigte Aufstellung von den Songs, die mir über das Schuljahr als ¨Hits¨ (I use the term loosely) im Kopf geblieben sind. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie sich der Geschmack eines Menschen im Laufe der Zeit doch ändert. Zum Glück, muss ich sagen. Denn ein Großteil der Songs, die da aufgelistet sind, würde nach meinen heutigen Ansprüchen auf eine No-Go-Liste verbannt und geächtet. Zu dem anderen Teil kann ich aus dem Stand gar nichts mehr sagen, weil ich die Songs schlichtweg vergessen habe. Das liegt bestimmt einerseits an den grässlich generischen Titeln, wie es sie damals zu Tausenden gab – daran ändert auch die veränderte Schreibung von sunshine in sunchyme nichts. Zum anderen aber wohl auch an der Einheitskost, die man dem geneigten Radiohörer damals kredenzte. Machen wir uns nichts vor: Ein Großteil der 90er Jahre-Sachen klang schon sehr ähnlich. Insbesondere in den Dancefloor-Gefilden, in denen ich mich Mitte der 90er wohl sehr wohlgefühlt habe. Ich gestehe. Und mache mich nie wieder lustig über Teenager, die auf das Gehopple von One Direction, die erwartbaren Kapriolen einer Lady Gaga oder das zweifelhafte literarische Genie eines Ylvis abfahren.

Ein bisschen wurde ich dann doch neugierig. Was sind denn das bitte für Songs gewesen? Ein paar habe ich ausfindig gemacht. Wer stimmt mit ein und schämt sich mit?

Offensichtlich handelt es sich hier nur um die Tonspur. Das tatsächliche Video fehlt, was nicht weiter schlimm ist. Weiß der Geier, was für Bilder bei so Lyrics „Girl, I like to hear you moan, when you’re on the telephone“ gezeigt worden sind…

Ein Titel, der mir wirklich komplett entfallen war. Weder Song noch Interpret hat bei mir im Nachhinein wirklich Eindruck geschunden. Und so musste es bis zum Refrain dauern, bis ich mich wieder dran erinnern konnte. Die Machart klingt da schon sehr nach Jasmin Wagner, die damals als Blümchen große Erfolge feierte. Womöglich stecken dieselben Produzenten dahinter…

Dazu sag ich nichts. Sonst kommt die Schwester…

Ganz ehrlich, wer kommt auf die bescheuerte Idee, ein paar ahnungslose Omas auf einer Damentoilette in Raverklamotten zu stecken!? Ist das Avantgarde, die ich nicht kapiere?

Wäre mal lustig, der Generation von heute solche „Perlen“ vorzusetzen und ihre entsetzten Gesichter abzuwarten…

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9 Antworten zu Leichen im Keller

  1. KC schreibt:

    Es gab aber auch schöne Hausaufgabenhefte in den 90ern…ich hatte ein postgelbes, wenn ich mich recht erinnere und unsere lehrerin hat uns jede woche die ecken unten abgeschnitten, was mich sehr geärgert hatte, weil ich mich schon immer bemüht hatte, keine eselsohren reinzuknicken und dann kommt sie und schneidet die ecken einfach ab -.- Aber von mir gibt es einen Eintrag vom Anfang der 7. Klasse, wo ich den Wunsch äußere, mal Latein und Griechisch zu studieren 😀

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  2. Yvonne schreibt:

    Wahnsinn! Sabrina Setlur!!!! Und das Rödelheim Hartreim Projekt!!! Ein Reise zurück in die Vergangenheit… Nostalgie-Gefahr!

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  3. Melanie schreibt:

    Klasse. Zwei davon kenne ich sogar, nämlich die Schwester und den Lover on the line. Uargh, ist das lange her … Mich würde mal interessieren, was aus dem Musikgeschmack des Herrn Mess inzwischen geworden ist – zeitgenössisch ist ja nun nicht so verschieden (türkischer Rap statt Rödelheim, russischer Techno und die Einheitssoße aus den Staaten?). Anbetracht der ravenden Oma muss man ja nun auf viel Mitgefühl für heutige Schüler tippen.

    Es grüßt eine Freiberufliche, die immer noch auf Freundeskreis steht …

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    • herr_mess schreibt:

      Der Musikgeschmack ist eigentlich ganz passabel mittlerweile. Elektronisch ist noch immer sehr angesagt, aber halt nur die Sachen, die auch handwerklich gut gemacht sind. Selbst ein Daft Punk-Album wird nicht götzenartig verehrt. Mit solchen Songs bzw. den dazugehörigen Videos lassen sich heute die Schüler noch fantastisch verstören 🙂

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  4. das landei schreibt:

    Uuuaaaahhh – Schwester S. 8) Der Rest sagt mir nichts, aber ich bin letztens auch auf ein „Tagebuch“ aus den 90ern gestoßen. Das ist beim Lesen fast ein bißchen wie fremdschämen über sich selber 😉 Hach waren wir jung damals…

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    • frauhilde schreibt:

      Och, komm, alte Tagebücher lesen ist doch großartig. 😉

      Mir gefallen die HA-Hefte. So was Tolles hatte ich nie (ist halt auch schon ein paar Tage länger her …).
      Wir hatten aber ein Büchlein, in das wir unsere Briefchen während des Unterrichts geschrieben haben. Und gemalt. Und bestimmte Namen von Oberstufenjungs mit vielen Herzchen verziert haben.

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      • daslandei schreibt:

        Sowas haben wir auf Fresszettel gemalt – ich habe heute noch einen ganzen Karton voll davon 😀 Nur mit den Oberstufenjungs, das ging ja bei uns nicht. Aber gab ja auch andere – aus der Tanzschule etc…

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  5. teacheridoo schreibt:

    Ach herrlich. Danke für diese Reise in die Vergangenheit.

    (Ich sag jetzt mal lieber nicht, dass ich die 90er-Jahre-Mucke immer noch total toll. *hüstel*)

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