Peinlich berührt

avat_traurigEs gibt so ein paar Texte, die sich der Lehrplan aus gutem Grund für die Q12 aufspart. Mal liegt es am Autor, der mit seinen Eigenheiten den Normalsterblichen in den Wahnsinn treibt, mal der Inhalt, der für Leute jenseits der 18 schlichtweg ungeeignet ist. Manchmal ist es auch der Schwierigkeitsgrad. Im Falle eines Titus Livius ist es alles zusammen. Sein ab urbe condita, eine römische Universalgeschichte von den mythologisch verklärten Ursprüngen hin zur augusteischen Zeit, umfasst knapp 700 Jahre Historie und verlangt einigen Schülern alles ab. Wer im Geschichtswissen nicht einigermaßen firm ist und die ständige Augustus-Propaganda, die das Werk durchsetzt, nicht erkennt, staunt beim Übersetzen nur Bauklötze. Ein ganz besonderer Klotz wird bei unserer derzeitigen Episode gestaunt. Nämlich der der Lucretia, einer sittsamen Ehefrau, die vom Sohn des letzten römischen Königs Tarquinius Superbus vergewaltigt wird und sich anschließend das Leben nimmt, um ihr makelloses Image und das der Familie zu wahren. Die Vorstellung, dass sich jemand aus Gründen der Familienehre ein Schwert in den Bauch schiebt, selbst wenn durch den Text erwiesen ist, dass man eindeutig das Opfer ist, das keinerlei Schuld trägt, ist vor allem mit den Vorstellungen der weiblichen Kursteilnehmer schwer vereinbar und führt zu erhitzten, aber wirklich lohnenswerten Debatten im Unterricht – und auch zu der einen oder anderen peinlichen Episode.

Tarquinius und Lucretia von Tizian (1571)

Im Text gesteht Lucretia ihrem Ehemann, dem Vater und zwei nahestehenden Bekannten die Vergewaltigung durch den rücksichtslosen Königssohn. Unter Tränen gesteht sie ihrem Mann: ¨Vestigia viri alieni in lecto tuo sunt.¨ – ¨Es sind Spuren eines fremden Mannes in deinem Bett.¨ Damit dürfte eigentlich klar sein, was gemeint ist. Nicht so für Anja, die sich zaghaft meldet und etwas verunsichert nachfragt: ¨Kann ich auch sagen: Es sind Fußspuren eines fremden Mannes auf deinem Sofa?¨ Streng genommen kann man am Wortlaut dieser völlig verstörenden Übersetzung nicht mäkeln. Denn vestigium kann ebenso auch Fußspur bedeuten, genau so wie lectus auch Sofa heißen kann. KANN, wohlgemerkt, nicht muss. Ebenso wie das deutsche geil vom jeweiligen Kontext mehrere Bedeutungen annimmt. Aber der Kontext dieser Szene lässt kaum Interpretationsspielraum. Nicht so bei Anja. Die fragt mit vollem Ernst: „Aber es kann doch sein, dass der vorhin draußen war, und jetzt das ganze Schlafzimmer dreckig ist.“ Puh. Ich versuche, Anja so politisch korrekt wie möglich beizubringen, dass eine vergewaltigte Lucretia durchaus andere Probleme hat als sich über ein verdrecktes Schlafzimmer aufzuregen. Aber Anja bleibt stur: „Aber in der Schulaufgabe wäre das doch nicht falsch, oder?“ „Doch, das ist falsch, Anja. Schau dir doch den Kontext an. Die Frau gesteht gerade ihrem Ehemann eine Vergewaltigung. Unter Tränen. Es geht hier um etwas anderes als Fußabdrücke auf dem Laken.“ „Und was?“ tönt es plötzlich aus einer anderen Ecke des Raumes. Simone, eine der absoluten Topübersetzerinnen, ist ähnlich verwirrt ob Lucretias Sorge und fordert Aufklärung. Als ich den gesamten Kurs darum bitte, kurz die Hand zu heben, wer mit dieser Aussage nichts anfangen kann, melden sich ernsthaft sechs Leute. Allesamt brave Mädchen, die Anjas Verwirrung teilen. Die Jungs des Kurses lehnen sich genüsslich zurück, um mich für die nächsten Minuten leiden zu sehen, wenn ich den unbescholtenen Damen erklären darf, was die vestigia bedeuten. Am Ende starren wir alle peinlich berührt auf den Boden. 

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3 Antworten zu Peinlich berührt

  1. 42gedankenspruenge schreibt:

    Eine sehr amüsante Episode. Gut, dass ich Grundschullehramt unterrichten werde, da gibt es nicht so explizite Texte. Obwohl dabei auch peinliche Situationen entstehen können.
    In der Uni gab es mal eine ähnliche Situation bei der Übersetzung des mittelhochdeutschen Originals des Nibelungenlieds. Dort beschimpfen sich Kriemhild und Brünhild, unter anderem als kebse. Nun wollte eine besonders brave Studentin das nicht verstehen. 🙂
    Aber auch in anderen mittelhochdeutschen Texten gab es Sex und Gewalt, die gerne missverstanden wurden.

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  2. KC schreibt:

    Hach ja…immer diese braven Lateinschülerinnen 😀 😀 😀 Ich erinnere mich an die Gesichter von braven Lateinstudentinnen, als ein Dozent genüsslich das Wortfeld „Männlichkeit“ ausbreitete 😀

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  3. frauhilde schreibt:

    Das ist ja schon fast niedlich.
    Hättest du den Text bei Achtern oder Neunern gemacht, die wären wahrscheinlich eher drauf gekommen. Bei denen dreht sich ja 99% des Tagesablaufs um dieses Thema … 😉

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