Urbi @ Orbi

avatarTja, ich wünschte, ich wäre auf diesen genialen Titel selber gekommen. Aber ich muss gestehen, dass der Tagesspiegel hinter dieser Überschrift steckt, dem hierzu auch alle Ehre gebühren möge. Per Zufall bin ich auf diesen Bericht gestoßen und war hellauf begeistert, als ich gesehen habe, dass die Leute ernsthaft an einem lateinischen Papst-Franciscus-Twitter-Account interessiert waren. Und siehe, der Hirte erhörte seine Herde, und es ward ein Twitter-Account (https://twitter.com/Pontifex_ln) . Und nicht nur das: Aus den knapp 22.000 Followern, die noch Anfang 2013 dem papa breviloquens beim Zwitschern mitlesen wollten, sind nach knapp neun Monaten mehr als 120.000 geworden. Grund genug für den Deutschlandfunk, dem Papst und seinem lateinsprachigen Account einen Radiobeitrag zu widmen. 

Dass ich mich als gebürtiger Oberbayer, Beamter und getaufter Katholik gleich der Herde angeschlossen habe, versteht sich von selbst. Mir bleibt ja nichts anderes übrig, wenn ich nicht mit Dreschflegeln und Fackeln aus der Stadt gejagt werden möchte. Aber mal ehrlich: Mich freuen solche Nachrichten immer wieder. Natürlich ist es Quatsch, wenn im Beitrag behauptet wird, dass erst Franciscus Latein wieder interessant macht. Latein IST interessant. Und das sage ich jetzt nicht nur als Lateinlehrer, der sein Herz ganz hoffnungslos an diese wunderbare Sprache verloren hat. Die Anzahl der Lateinlerner ist in den letzten Jahren immer mehr und mehr gestiegen. Sogar an der Uni. Hatte man uns Erstsemestlern damals Ende der 90er Jahre eine doch recht trübe Zukunft in Bezug auf künftige Einstellungschancen gepredigt, sah die Realität am Ende komplett anders aus. In Bayern war das Fach Latein auf einmal eins der wenigen Fächer, in dem man lange Zeit fast 100% der Lehramtsassessoren ins Beamtenverhältnis auf Probe übernahm. Der Bedarf an Lateinlehrern war praktisch kaum zu decken. Das hat sich mittlerweile auch unter den Studienanfängern herumgesprochen. Begannen mit mir anno 1999 gerade mal 12 Kommilitonen (damals schon absoluter Rekord), stand ich 2008 fast 170 Erstsemestern gegenüber, als ich an der Uni einen Unterkurs abhielt. Ein Studiengang, der sich in gerade mal 10 Jahren auf das Zehnfache vergrößert – sowas sieht man wirklich selten.
Komisch eigentlich, wenn man bedenkt, dass Latein an einigen Fronten immer wieder in der Kritik steht, bzw. komplett aus Gymnasien verschwunden ist. Gründe hierzu sind vielfältig. Einige sind plausibel, andere völlig hirnrissig. Wer im Netz ein bisschen nachforscht, bekommt beispielsweise bei Wikipedia zum Thema folgendes ausgespuckt: 

Den altsprachlichen Fächern haben Widersacher immer wieder folgende Vorwürfe gemacht: 1. sie seien standes-, klassen- oder schichtengebunden, 2. ihre Inhalte seien veraltet, nicht zeitgemäß und daher nutzlos, 3. sie seien zu schwer, zu abstrakt, zu theoretisch, 4. sie behindern (durch den hohen Stundenanteil) oder zerstören (durch den Schwierigkeitsgrad) die Schullaufbahn der Schüler.

Vor allem bei den letzten Argumenten kratze ich mich etwas am Kopf. Warum zerstört Latein Schulkarrieren mehr als beispielsweise Mathematik (Man beachte hierzu auch Kommentar Nummer 6 vom Kunstleerer)? Inwiefern ist denn eine alte Sprache wie Latein unzeitgemäßer als der Thales-Kreis oder der Satz des Pythagoras, die sogar älter sind? Wieso sollen Schüler mit einer Sprache, die von den Schülergenerationen vor ihnen großenteils erfolgreich gelernt worden ist, heutzutage nicht mehr zurecht kommen? Sind die Kinder im neuen Jahrtausend etwa dümmer geworden? Nein, sind sie nicht. Aber in Gebieten, in denen 80% der Schüler von der Grundschule auf ein Gymnasium wechseln, ist vielleicht der eine oder andere darunter, der nicht allein aufgrund seiner intellektuellen Eignung eine Oberschule besucht… Natürlich könnte ich als Lateinlehrer ein episches Plädoyer für die lateinische Sprache und ihre Vorzüge halten. Aber das erspar ich mir, sondern lasse lieber meine Schüler hier und hier zu Wort kommen, die mir beweisen, dass wir alles in allem einen guten Job leisten.  Und wenn ich noch ein bisschen mehr Zuspruch brauch, schau ich einfach bei den 200.000 Followern vom lateinischen Twitter-Papst vorbei.

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4 Antworten zu Urbi @ Orbi

  1. KC schreibt:

    Mihi valde placet!

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  2. Stefan schreibt:

    Ich fand Latein in der Schule toll, aber ich zweifele zunehmend am Sinn des Unterrichtsfaches, gerade aufgrund des Tote-Sprache-Argumentes. Daran ändert wohl auch der Twitter-Account des Papstes nichts. Im Gegenteil, das verdeutlicht nochmals ausdrücklich, dass Sprache eigentlich kein Selbstzweck sein sollte, sondern einen kommunikativen und lebensweltlichen Aspekt haben sollte.

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  3. KC schreibt:

    Im Fall von Latein und genauso verhält es sich mit den anderen „toten“ deren ansonsten vielleicht noch prominenteste Vertreterin Altgriechisch ist, ist zwar in der Tat in der Regel keine aktive Kommunikation mehr üblich (ich kann durchaus ein Gespräch mit Vertretern der vergleichenden Sprachwissenschaft/Indogermanistik an Herz legen) . Allerdings ist der kommunikative Aspekt dennoch gegeben, da Kommunikation sich ja mitnichten in mündlicher Tradition erschöpft, sondern auch im hohen Grad von Schriftlichkeit lebt. Insofern handelt es sich hierbei in der Regel um eine (wenn auch einseitige) Kommunikation mit der Geschichte.
    Daruberhinaus sollte man sich einmal fragen, ob man Unterrichtsfächer wirklich nach „Nützlichkeit“ anbieten sollte (Ich empfehle dazu die entsprechende Passage zu der Absehbarkeit von Möglichkeiten der auszubildenen Schüler durch die Eltern in Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten), oder ob es nicht viel wertvoller ist, verschiedenste Neigungen und Begabungen schon im Schulunterricht zu fördern und überhaupt zu ermöglichen. Dies kann nicht durch eine zu kurz gedachte Beschränkung erfolgen, sondern nur durch ein breites Angebot an Moglichkeiten, bei denen auch ein Fach wie Latein durchaus seine Berechtigung hat.

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  4. Corinna schreibt:

    Ich erinnere mich gern an meinen Lateinunterricht zurück. Der fand einmal die Woche nachmittags als nettes Kaffeekränzchen mit sieben Lernenden aus unterschiedlichen Klassenstufen statt. Wir lernten praktisch mit unserer Geschichtslehrerin mit, die sich damals gerade zur Lateinlehrerin weiterbildete. Sehr viel habe ich nicht behalten, aber es hat auch nicht geschadet. Ich würd’s jedenfalls wieder machen und kann nur KC zustimmen, denn Angebot und Freiwilligkeit machen den Unterschied.

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