Liebe Grundschullehrer|innen

avatarIch bewundere euch für euren Job. Dass ihr so kleinen Wesen, von denen die meisten am Anfang noch völlig hilflos sind, eine erste fundierte Basis auf ihrem Bildungsweg bietet, ist toll. Ihr habt meine absolute Hochachtung, wie ihr mit deren kleinen Wehwechen und Unsicherheiten umgeht – und das Tag für Tag. Ich könnte das nicht. Das merke ich dieser Tage an meiner fünften Klasse. So süß und aufgeweckt (und das ist jetzt kein Euphemismus für „Die können nicht auf ihren vier Buchstaben sitzen bleiben!“) die auch sind, so fallen sie mir dieses Jahr als noch wirklich sehr kindlich auf. Manche Verhaltensweisen kennt man ja schon aus den Vorjahren. Zum Beispiel wenn sie eine Frage stellen wollen und ihnen plötzlich mir gegenüber ein „Du“ rausrutscht. Oder dass sie sich eifrig melden und vor lauter Tatendrang vergessen, was sie sagen wollen. Aber diese Klasse ist irgendwo anders. Das bestätigt mir auch mein Praktikant, der parallel mehrere unsere Fünften besucht.
Sechste Stunde. In der Klasse bricht nach 10 Minuten etwas Unruhe aus. Die kleine Lisa dreht sich sichtlich erschrocken auf ihrem Platz hin und her, tuschelt ganz aufgeregt mit ihrer Nachbarin links, berät sich dann mit der Dame zu ihrer Rechten. Dann wieder eine Zwergentagung mit Madame à gauche. Ich ignoriere den Mini-Tumult noch zu Beginn, als aber die vordere Reihe schon sichtlich genervt ist, unterbreche ich kurz und frage mit gespieltem Ernst nach, was denn jetzt im Moment wichtiger sei als die lateinische Pluralbildung. Die kleine Lisa läuft knallrot an und gesteht ihre Todsünde: „Ich hab keinen grünen Stift für die Überschrift.“ „Na und, dann nimm doch eine andere Farbe.“ „Das darf ich nicht.“ In der Klasse wird es totenstill. Widerworte? Von einer Neunjährigen? Im Lateinunterricht!? Ich verstehe das Problem nicht so ganz. „Wieso darfst du das nicht?“ „Frau Dorfner hat es mir verboten.“ Frau Dorfner? In der Klasse wird an verstreuten Stellen gekichert. Entweder ist diese Situation für den Rest ebenso skurril wie für mich, oder die ominöse Frau Dorfner ist bekannt. Auf erneutes Nachfragen bekomme ich von der stammelnden Lisa gestanden, dass Frau Dorfner ihre Grundschullehrerin war. Und scheinbar war die noch vom alten Schlag. Die hat die Kleinen über zwei Jahre auf einen gewissen Farben-Code gedrillt. Überschriften bekamen eine grüne Unterstreichung, Nummerierungen waren lila, großbuchstabige Aufzählungen mussten mit einem orangen Kringel umrundet werden, kleinbuchstabige waren blau… Ich bin irgendwann ausgestiegen. Hängengeblieben ist mir am Ende nur, dass Frau Dorfner zu recht drakonischen Strafen gegriffen hat, wenn dieser Farben-Code verletzt wurde. Dann durften mit der entsprechenden Farbe fünfzig Mal irgendwelche Sätze abgeschrieben werden. Ein pädagogischer Bad Ass-Klassiker, den man heute eigentlich aus jedem modernen Pädagogik-Buch rausgestrichen hat. Das versuche ich auch, der kleinen Lisa klar zu machen. Ich versichere ihr, dass sie mit jeder Farbe des Regenbogens unterstreichen darf, wenn ihr das Dorfner-Grün jetzt fehlt. Lisa ist sichtlich erleichtert ob dieses Zugeständnisses. So wie einige ihrer Klassenkameraden, die offensichtlich auch zwei Jahre Militär-Unterricht bei Frau Dorfner hinter sich haben.
Nur ein paar Minuten später folgt das nächste Dilemma. Die Kinder übersetzen mit mir gemeinsam die allererste Lektion ihres Lebens. Für ein paar Jungs ein scheinbar heiliger Akt, der äußerste Hingabe erfordert, und in dem das Nicht-Wissen von Vokabular einem Sakrileg gleich kommt. Trotz allem ist sich der kleine Toni nicht sicher, wie er das jüngst gelernte „porta“ übersetzen soll und wagt verstohlen einen Blick in sein Vokabelheft. Ein Schrei durchbricht da plötzlich die konzentrierte Stille, der die Mädels zusammenzucken lässt, als habe in nächster Umgebung ein Blitz eingeschlagen. In der ersten Reihe ist der kleine Benedikt wutschnaubend aufgesprungen und stiert drei Reihen zum verdutzten Toni, der ganz erstarrt ist, das Buch auf der Vokabelseite aufgeschlagen. „Toni, es ist verboten, während der Stunde etwas nachzuschlagen! Du musst das zuhause lernen!“ Nachdem ich mit ein paar ernsten Blicken in Richtung Ruhestörer meine Alpha-Männchen-Position klar gestellt habe, lasse ich die Klasse – insbesondere Benedikt – wissen, dass eine vergessene Vokabel kein Grund für einen Zweifrontenkrieg in einem Klassenzimmer ist. Benedikt fühlt sich sichtlich gekränkt, immerhin wollte er mir etwas Gutes tun und Tonis „Fehlverhalten“ anprangern, aber ein paar non-verbale Signale von mir später, sitzt auch er wieder. Mit einem hochroten Kopf und angespannten Gesichtszügen. Benedikt kocht. Die Stimmung in der Klasse droht zu kippen. Zum Glück gibt es für übermotivierte, clevere Schüler in der Unterstufe, die verstimmt sind, ein wunderbares Heilmittel: „Benedikt, lies und übersetze doch bitte mal den nächsten Satz. Der ist zwei Zeilen lang und der längste der gesamten Lektion.“ Benis gekränktes Ego ist damit für die nächsten Stunden wieder gesalbt.
Der Rest der Stunde verläuft problemlos. Wir beenden unsere Lektion und wissen am Ende, dass Markus herbei eilt. Und Julia  auch. Und dass Markus und Spurius Freunde sind. Und Julia und Claudia Freundinnen. Und dass hier Statuen sind. Und dort Tempel. Und dass die Taverne offensteht. So banal diese Aussagen für jeden sind, der ein zweistelliges Alter erreicht hat – die Kinder lesen und übersetzen gebannt mit. Selbst als klar ist, dass dramaturgische Höhepunkte im Lektionstext nicht vorhanden sind (wie soll man mit 20 Vokabeln auch eine sinnvolle Geschichte basteln?), ist es in der Klasse totenstill. Keiner schaut auf die Uhr, niemand tuschelt. Es gibt nur die Klasse 5B und Lektion 2 mit Pluralbildung.
Als ich nach der Stunde die Hausaufgabe ins Klassenbuch eintrage, zupft mich etwas am Arm. Es ist Benedikt. Mit großen Augen steht er vor mir und streckt mir zerknirscht seine Hand hin. „Bitte entschuldigen Sie mein ungestümes Verhalten.“ Ich ergreife seine Zwergenhand. Verdutzt über die Tatsache, dass ein Kind von 9 Jahren ein Vokabular in seinem Köpfchen hat, dass Adjektive wie „ungestüm“ beinhaltet. Aber auch über diese ganz offensichtlich ernst gemeinte Friedensgeste. Der Praktikant kommt verdutzt auf mich zu, als Benedikt erleichtert aus der Tür ist. „Was war denn das gerade?“ „Ein Friedensangebot.“ Ich setze mich hin. Da umfassen mich von hinten plötzlich zwei kleine Hände, die mir links und rechts anerkennend auf die Schultern klopfen. „Gut gemacht!“, flüstert mir Benedikts Sitznachbar ins Ohr und verschwindet, ohne meine Reaktion abzuwarten. Ist wohl auch besser so. Denn innerlich schwanke ich irgendwo zwischen perplex und ernsthaft gerührt. Die Kleinen sind immer wieder für eine Überraschung gut…

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19 Antworten zu Liebe Grundschullehrer|innen

  1. KC schreibt:

    Ich glaube, ich hab ein Dejavu *sich vor Lachen kringel*

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  2. diereferendarin schreibt:

    Herrlich!
    Darf man heute in der Grundschule seine Klassenlehrerinnen noch duzen? Ich erinnere mich daran, dass ich meine Grundschullehrer soofort siezen musste.

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  3. spreewaldperle schreibt:

    Dies Duzerei ist bei uns nach 8 Wochen noch immer wieder ein Thema.

    Unterrichte zwei 5er in Biologie. Bei einigen ist die Handschrift derart ähnlich, dass ich bei den letztens eingesammelten Arbeiten diese erstaunt betrachtete und gar kurz sigar dachte, ob hier ein Schüler 5 Tests parallel schrieb. 😉

    Aber sie sind schon herzlichst, die Kleinen.

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  4. frauhilde schreibt:

    Das mit dem Duzen, wenn es im Eifer des Gefechts passiert, finde ich fast schon niedlich. Je mehr die Schüler „drin“ sind im Stoff, desto eher kommt es auch vor bei den Fünfern („Du, Frau Hilde, schauen Sie mal“, wahlweise „schau mal“).
    Ich finde es toll zu lesen, wie sehr die Kleinen in Latein dabei sind!

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  5. Mich erstaunt wie jung die Kinder sind! Ich wurde am Tag der Einschulung in die fünfte Klasse 10 Jahre alt und war eine der jüngsten im Jahrgang…

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  6. apfelspalte19 schreibt:

    ich finde Ihren Artikel sehr erfrischend!
    ich unterrichte Religion in der Grundschule und habe immer irritierte Blicke auf mich gerichtet wenn meine Schüler fragen, mit welcher Farbe sie die Ueberschrift schreiben sollen und ich meinen Kindern sage, du darfst dir die Farbe aussuchen, so lustig oder lächerlich es klingt, für mich sind genau diese Kleinigkeiten, sie das selbstständige Denken und die Fähigkeit Probleme selbst zu lösen von Schulanfang verhindert.
    Eine Frage aber taucht auf, in welcher Schule unterrichten Sie? Bei uns in Oesterreich gibt es keine Schulform, die im ersten Jahr nach der Grundschule Latein unterrichtet?
    lg
    angelica

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    • herr_mess schreibt:

      Das ist hier in Bayern ein reguläres Gymnasium mit Latein als Erstsprache, sog. L1. Natürlich sind die Themen zu Beginn sehr kindgerecht, aber Highlights wie der Vesuvausbruch sind schon im Lehrplan drin und für Zehnjährige wirklich hochspannend. Dadurch dass wir sehr früh mit Latein anfangen, haben wir natürlich für Übung und Praxis ordentlich Zeit. Latein ist halt auch mal keine Sprache, die man einfach mal an einem Wochenende durchdringt 😉 Liebe Grüße in den Süden!

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  7. Frau Henner frauhenner.blogspot.com schreibt:

    Lieber Herr Mess,
    ein schöner Artikel, weil er die Schwächen der Kinder mit liebevollen Augen betrachtet und dadurch verwandelt. Auch ich habe einen „Benedikt“ in meiner fünften Klasse und staune, woher der Junge sein Wissen und seine Fähigkeiten und vor allem sein Verhalten hat. Das Elternhaus entstammt einem völlig normalen, dörflichem Milieu. Bruder Hauptschule, Schwester Realschule und er jetzt… die Eltern stehen freudig fassungslos daneben. Nur dass mein „Benedikt nicht aufgesprungen wäre, sondern den Toni altväterlich zur Seite genommen hätte.
    Viel Freude weiterhin an diesem motivierten Haufen und viele Grüße von Frau Henner!

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  8. ullli23 schreibt:

    Frau Dorfner arbeitet inzwischen bestimmt bei der EU und macht wichtige Regeln zur Obst und Gemüseform („Schwarzwurzeln dürfen keine Verzweigungen aufweisen!“)…

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