Retrospektive 2012/13

avat_freuAus is! Ein (weiteres) Schuljahr ist vorbei. Und in die Freude, dass jetzt endlich mal wieder etwas Ruhe einkehrt und mich Korrekturen und Ausfragen nicht die Bohne kratzen, mischt sich auch immer ein bisschen Wehmut. Vielleicht lässt sich beides sinnvoll zusammenbringen, wenn man eine kleine Retrospektive startet. Ein Rückblick über all das, was in diesem Jahr passiert ist.

Im Schuljahr 2012/13…

  • hat meine sechste Klasse ein fulminantes Ergebnis im Jahrgangsstufentest Latein erzielt. 2,06 ist ein Wahnsinnsergebnis, auf das alle Beteiligten stolz sein können.
  • hatte ich zwei Erkältungen und eine Lungenentzündung. Letztere hat mich gut Kraft gekostet und gelehrt, dass einige Gebrechen nicht einfach so von alleine ausgestanden sind. Antibiotika sind eine Wahnsinnserfindung!
  • habe ich endlich den Sprung zur digitalen Unterrichtsvorbereitung gewagt. Den Schritt habe ich bisher zu keiner Sekunde bereut.
  • ist einer meiner Schüler an Krebs gestorben. Dass ein so junges Leben innerhalb weniger Monate durch eine derart ekelhafte Krankheit zu Ende gehen kann, ist einfach schrecklich. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den Kleinen denken muss.
  • hatte ich gerade mal Zeit, um vier Videospiele durchzuspielen (Fable 2, Dead Space 2, Mass Effect 3, Assassin’s Creed – Brotherhood). Ist aber ok. Da ich mir keine der neuen Konsolen zum Verkaufsstart besorgen werde, hab ich genug Zeit, meine Spiele-Biographie der Current Gen langsam, aber stetig zu erweitern.
  • hab ich zum ersten Mal als Teil der Kommission einer Lehrprobe beigewohnt. Ich bewundere die Seminarlehrer für den undankbaren Job, mit ihren Bewertungen auch Lebenschancen vergeben zu müssen. Und ich leide mit Referendaren, die sich draußen an der Tafel für eine gute Zensur 20 Beine und Arme ausreißen.
  • im April einen Blog eröffnet – nämlich diesen hier – und bin im Laufe der Zeit Teil einer wunderbaren Lehrer-Community geworden, die mich über den bayerischen Tellerrand rausblicken lässt. Von euch lerne ich mehr als auf jeder bisher besuchten Fortbildung. Danke dafür!
  • war ich im Autorenteam eines Schulbuchs, eines dazugehörigen Arbeitsheftes samt Lehrermaterialien. Finanziell rentiert sich eine derartige Tätigkeit nicht wirklich, aber ich bin total erstaunt, wieviel man fachlich aus so einem Projekt mitnimmt.
  • nur ein Album gekauft – nämlich das von Daft Punk. Nett, aber den geradezu götzenartigen Hype verstehe ich absolut nicht.
  • so viele Elterngespräche geführt wie nie zuvor. Warum sind sämtliche Kinder, die bei uns verhaltensauffällig und notentechnisch völlig im Keller sind, angeblich hochbegabt? Liegen Genie und Wahnsinn tatsächlich so nah beieinander?
  • war ich auf gerade mal zwei Fortbildungen… und die waren lahm.
  • hab ich mich von sozialen Netzwerken innerlich total verabschiedet. In Facebook schaue ich maximal zweimal in der Woche rein. Im nächsten Schuljahr ist wohl irgendwann Schluss für mich.
  • hab ich als Vertrauenslehrer mehr Einblicke in die turbulenten Leben meiner Schüler bekommen als jemals zuvor. Es ist echt schlimm, was man einem jungen Menschen antun kann, wenn das Elternhaus so verkorkst ist. Ich plädiere auf einen Elternführerschein. Für jeden Mist braucht man in Deutschland eine Bescheinigung, aber Kinder darf jeder Idiot in die Welt setzen. Und sei es nur, um sich das hinterher auch auf den Lebenslauf klatschen zu können. Leute, Kinder sind keine Teilzeitbeschäftigung!
  • war ich scheinbar so beschäftigt, dass mir die ganzen zweifelhaften Anglizismen entgangen sind, die sich heimlich in die deutsche Sprache geschlichen haben. Shitstorm, Candystorm, Whistleblower… Wer hat denn diese Stusswörter erfunden?
  • hab ich gemerkt, dass mein eigenes Referendariat bald 5 Jahre her ist. Daran erinnere ich mich regelmäßig mit meinen ehemaligen Seminaristen, zu denen ich – Gottlob! – immer noch regen Kontakt habe. Die Haare werden bei uns langsam grauer oder weniger, die Bäuche etwas weiter – wahlweise wegen langer Korrektursitzungen oder Baby im Bauch. Tempora mutantur et nos mutamur in illis…
  • hab ich mir wider Erwarten kein neues Smartphone gekauft, sondern stattdessen mein in die Jahre gekommenes Samsung Galaxy 1 auf Android 4.04 geupdatet. Seitdem fetzt es wie Ollis Springbock. Wann ich mir ein Nachfolgemodell hole, steht noch nicht fest, aber so zuverlässig wie das Galaxy gerade läuft, könnte es noch ein Weilchen dauern. Von den aktuellen Telefonen spricht mich im Moment sowieso kaum eins optisch so richtig an – vom HTC One mal abgesehen.
  • hatte ich einen Unterrichtsbesuch vom Chef. Der hat – Tablet sei dank – ordentlich Eindruck geschunden. Zitat: „Lehrprobentauglich.“ Freut mich!
  • bin ich das vierte Jahr an meiner Schule, und schon wieder sehe ich auf dem Lehrer-Gruppenfoto wie ein Vollidiot aus. Es ist echt jedes Jahr dasselbe. Mal erwischen sie mich bei einer unbewussten Handbewegung, dann wie ich auf den Boden schau. Dieses Mal ziehe ich (vermutlich wegen der Sonne) die Augen zusammen, als würde ich der Kamera den Blick des Todes zuwerfen. Nach dem Foto auch kein Wunder…
  • hab ich gemerkt, dass die letzten Wochen nach Notenschluss die schrecklichsten sind. Vor allem die Oberstufe fällt nach dem Zensurenfinish in eine Lethargie zurück, die an Statuen erinnern. Zumindest die meisten. Die anderen – interessanterweise die, die eher durch Abwesenheit oder schlechte Leistungen geglänzt haben – schreien in regelmäßigem Abstand nach Eisessen oder Stunden-ausfallen-lassen. Da werd ich fuchsteufelswild. Vielleicht bin ich dieses Jahr extra verbissen, weil mir durch einige Unterrichtsausfälle fast 25 Wochenstunden in toto verloren gegangen sind. Da können wir uns eigentlich keine Verschnaufpause leisten. Kurzsichtige Siebzehnjährige sehen das natürlich ein bisschen anders…
  • bin ich von OpenOffice auf LibreOffice umgestiegen. Von der recht nackten Oberfläche mal abgesehen, sehr angenehm zu arbeiten. Sogar die Plug-Ins wurden inklusive Vorlagen übernommen.

  •  habe ich weniger Bücher gelesen als noch 2011/12. Hat bestimmt irgendwo etwas mit den ganzen Extrawürsten zu tun, mit denen ich in diesem Jahr betraut wurde. Da meine Lesetätigkeit allerdings exakt seit April  gegen 0 strebt, hab ich einen ganz anderen Grund im Verdacht. Wenn ihr diese Zeilen lest, habt ihr ihn direkt vor Augen.  
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7 Antworten zu Retrospektive 2012/13

  1. derclownfisch schreibt:

    Danke für die Stellungnahme beim Thema „Elternführerschein“. Gehe da voll mit.
    Ich entwickele so langsam einen Reflex, wenn Probleme zu mir kommen: Was hat das Kind? Wie sieht’s mit dem Elternhaus aus?
    Fast immer mit Resultaten…

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  2. ixsi schreibt:

    Krebs ist doof! Hab ich letztes Schuljahr auch festgestellt, als ich einem Schüler, der sich gerade in Therapie befand, Hausunterricht gegeben habe. In dem Alter sollte er sich doch mit Freunden draußen treffen und nicht monatelang drin hocken. Da war ich richtig erleichtert, als er wieder zur Schule durfte. Dennoch bleibt eine Portion Unsicherheit.

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    • herr_mess schreibt:

      Bei meinem Schüler war’s Knochenkrebs. Der breitet sich in einem so jungen Körper rasend schnell aus. Um sicher zu gehen, dass sie sämtliches Krebsgewebe entfernen, haben die Ärzte ihm damals fast den kompletten Oberschenkel herausgenommen und durch eine Prothese ersetzt. Aber die Metastasen hatten sich schon in der Lunge gebildet, und dann ging alles ganz schnell. Einfach furchtbar und vor allem ein völlig sinnloser Tod. Ich hab dem Kleinen auch über Monate Hausunterricht gegeben und hab alle Phasen hautnah miterlebt. Die Familie hat uns Hauslehrer sogar noch ins Haus eingeladen, um bei der Einsargung des Leichnams dabei zu sein. Ich hab selten so viel geheult wie in diesen Stunden. Einfach nur schrecklich!

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  3. Quizzy schreibt:

    Hmmmm … Jahresrückblicke liest man ja normalerweise zwischen Weihnachten und Silvester – sehr erfrischend, so eine Zusammenfassung eines Schuljahres zu lesen.
    Ich wünsch dir traumhaft schöne Ferien und freue mich, dass du trotz deines gegen 0 laufenden Lesepensums meinen Quizzy-Blog so regelmäßig besuchst!
    Herzliche Grüße
    Renate

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  4. spreewaldperle schreibt:

    Schöner Rückblick. „Kinder sind kein Teilzeitjob“, vielleicht denken ja manche Eltern wirklich, dass wir Lehrer einen Teil ihres Jobs machen? (Wobei wir ja nur unseren Job machen.)

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