Killerweek with topping: Lehrprobe

avat_traurigUff, war das eine Woche. So kurz vor Notenschluss zieht das System noch mal alle Register, um einen das Fürchten zu lehren. Hätte ich nicht schon meine krankheitsbedingte Auszeit gehabt – ich schwöre, ich wäre nach dieser Woche flachgelegen. Was war also los? Eigentlich alles! In meiner achten Klasse habe ich eine Lateinschulaufgabe (25 Arbeiten) geschrieben (mit Leichen, aber dieses Mal nur eine!), eine weitere in Englisch (28 Arbeiten) korrigiert und rausgegeben. Dann bekam ich die Kurzarbeit meines Zweigschulreferendars zur Durchsicht (27 Arbeiten), dann die Schulaufgabe meiner Referendarin aus dem Unterseminar (29 Arbeiten) (Junglehrern kann man schon mal zwei Refis geben, die sind ja belastungsfähig), zwischendrin ein abschließender Besuch beim Arzt wegen Blutabnahme und Überprüfung der Lungenfunktion, heute morgen dann auch noch ein Unterrichtsbesuch vom Chef. Und als wäre das nicht genug, hatte ich heute auch noch eine Lehrprobe zu besuchen. Zum ersten Mal in meiner Karriere. Furchtbar.

Es ist schon verwunderlich, wie mich solche Situationen wieder aufwühlen – selbst wenn ich eigentlich nur unbeteiligt hinten in der Kommission rumsitzen musste. Aber es genügen schon ein paar kleine Details, und ich durchlebe wieder mein eigenes Referendariat. Das hat gestern angefangen, als ich von meiner Referendarin den Entwurf für die Lehrprobe ins Fach bekam. 22 Seiten, schön gelayoutet, ordentlich abgeheftet, dazu unzählige Anlagen und Tafelbilder, wie sie in der Stunde vorkommen sollen. Dann aber die Ernüchterung, als ich den Entwurf las. Rechtschreibfehler überall, teilweise fehlte den Sätzen ein Verb, oder es gab krasse Inkonsequenzen in den Formalia, die Unterrichtsphasen waren teilweise mit Methoden vollgekleistert, die man nach dem Ref nie wieder anrührt, fachliche Fehler… und dann sitzt man 12 Stunden später in eben jener Stunde. Man merkt, wie sich mein Schützling da draußen abmüht, um ihr Bestes zu geben. Poster an den Wänden, riesige Formplakate, Realien noch und nöcher, liebevoll gelayoutete Folien. Auf der anderen Seite aber diese durch und durch spürbare Künstlichkeit der Stunde, derer sich jeder im Raum bewusst ist: Die Schüler, die Referendarin, wir. Dieser immense Aufwand, für ein Grammatikphänomen im Lateinischen, das die Hälfte der Schüler wohl ohnehin instinktiv richtig machen würde, der ständig spürbare Zeitdruck, der das Einhalten der Unterrichtsphasen gnadenlos einfordert. Dann ein Standbild, szenisches Darstellen. Die Schüler sollen einen Ausdruck gestisch und mimisch vor der Klasse an der Tafel darstellen. Das Spektakel ist allen Beteiligten irgendwie peinlich. Vor allem mir. Ich kenne das, diese schüleraktivierenden Methoden, mit denen man den emotionalen Zugang zur Materie ermöglichen will. Aber emotional ist in dieser Situation nichts. Die Schüler stehen unmotiviert draußen, wissen nicht so wirklich, was sie darstellen sollen. Wie mir mein Schützling hinterher erzählt, hatte sie diese Methode mit den Kindern nie einstudiert. Kapitalfehler. Ich leide mit. Vor allem als gegen Ende noch die Zeit ausgeht. Aber anstatt sich kurz zu fassen, wird das Tempo immer schneller. In den letzten zwei Minuten werden die Kinder mit Bildern und Texten geradezu bombardiert, damit sie alles unterbringt. Nützt aber alles nichts. Der Gong ertönt. Die Stunde ist noch nicht vorbei. Keine Hausaufgabe gestellt. In meiner Seminarschule wäre das ein absolutes K.O.-Kriterium gewesen. Alles, was nach dem Gong passiert, wäre nicht mehr in die Bewertung eingegangen. Zum Glück ist das hier offensichtlich anders. Brav wird noch fertig gearbeitet, die Hausaufgabe an der Tafel fixiert, verabschiedet. Schluss.

Machen wir’s kurz: Am Ende wurde es gerade noch eine Drei. Die Referendarin ist sichtlich erleichtert, hatte wohl auch – ebenso wie ich übrigens – mit durchaus anderen Zensuren gerechnet. Hinterher nehme ich sie zur Seite, frage sie, warum sie den Prüfungsentwurf nicht gegenlesen hat lassen, warum sie die Stunde mit mir nicht mal vorbesprochen hat. So hätte man wirklich ein paar Probleme aus der Welt schaffen können. Ihre Begründung: Sie wollte Stärke beweisen und zeigen, dass sie das alles alleine bewerkstelligen könne. Schlimm eigentlich… Das Fräulein ist gerade mal seit Februar in dem System drin und hat bereits die Einzelkämpfer-Mentalität angenommen, die 20 Jahre später geradewegs ins Burn-Out treibt. Lehrer aller Fächer, vereinigt euch! 

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9 Antworten zu Killerweek with topping: Lehrprobe

  1. KC schreibt:

    Das habe ich mich auch schon immer gefragt: Warum müssen diese Lehrprobenstunden eigentlich so blödsinnig künstlich sein? Ich hab in den Praktika für die Besuchsstunden immer bewusst „normale“ Stunden gemacht, Ergebnis: Ja, da war schon sehr viel Schönes dabei, aber wir hoffen, Sie sind sich bewusst, dass Sie das bei den Besuchsstunden im Ref anders machen müssen und um Gottes willen, auch wenn das Grammatikphänomen selbsterklärend und eigentlich nichtig ist, machen Sie eine Riesensache draus…und in der Fachdidaktik höre ich dann das genaue Gegenteil…
    Ich hab mich auch mal mit einer Referendarin unterhalten, die gerade erst angefangen hat, die dann meinte, sie wäre schon jetzt am Planen, was sie in ihrer Examenslehrprobe macht. Ich hab sie nur entsetzt angeguckt und meinte, sie hätte doch noch 1,5 Jahre Zeit!

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  2. herr_mess schreibt:

    Der Teufel steckt im System. Wer das Pech hat, mit so Kombinationen wie Deutsch-Geschichte ins Referendariat zu starten, sieht sich einer Riesenflut an Mitbewerbern gegenüber. Wer da in einer Lehrprobe mit einer 4 rausgeht, hat verloren. So etwas macht schon riesigen Druck…

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  3. spreewaldperle schreibt:

    Gerade einmal vier Monate nach meinem Examenstag lese ich nun diesen Text… Ganz kurz eine Gänsehaut bekommen und dann still bei der Lektüre genickt.

    Peinlich war ein Wort, was ich noch nie in diesem Zusammenhang gehört habe, aber das Wort trifft es wohl. So froh, dass ich bald selbst den Jungkollegen hilfreiche Tipps geben kann. Die fehlten mir nämlich ernsthaft von Kollegen, zum größten Teil wurde nämlich nur mit „ja, ja, sehr schön deine Stunde“ abgenickt.

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  4. herr_mess schreibt:

    Ich hoffe, ich hab jetzt keine Traumata bei dir geweckt. Mir war die ganze Situation auch sehr unangenehm. Vielleicht liegt’s auch daran, dass ich das zum ersten Mal gemacht hab und man gewöhnt sich an diese Atmosphäre – und schafft es, seine eigenen Lehrproben in dieser Situation zu verdrängen. Aber bei mir ist das noch alles recht frisch. Was nicht heißt, dass mein Ref schlimm gewesen ist. Anstrengend war’s schon, aber ich hatte zum Glück keine Seminarlehrer, die sadistisch angehaucht waren, wie man es ab und an von anderen Schulen hört…

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  5. diereferendarin schreibt:

    An unserem Seminar wird gesagt, dass eine Unterrichtsstunde nicht an 45 Minuten gekoppelt ist und zwischen 45 und 60 Minuten dauern darf, auch wenn die Schule 45 Minuten pro Stunde gibt (Schellen).
    In puncto Showstunde kommt es ganz auf die Fachleiter an. Einer meiner Fachleiter will viel Show, der anderen eigentlich klassischen Unterricht. So und das muss ich für’s Gutachten berücksichtigen – in meinber UPP sitzt dann aber nur 1 Fachleiter drin und zwei externe Prüfer, die ich nicht einschätzen kann. Was mache ich also am besten? Ich überlege noch.

    Ernstgemeinte Frage an den Lateinlehrer: Du hattest Realien geschrieben als Plural. Demnach müsste Realia der Singular sein. Ich hatte nie Latein, daher meine Frage, ob Realia tatsächlich der Singular ist? Hört sich für mich nach Plural an???

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  6. herr_mess schreibt:

    Realien sind dasselbe wie Realia: nämlich Plural. Realia ist der korrekte lateinische Plural (wö.: ’sachliche Dinge‘, mittellateinisch dann ‚wirkliche/fassbare Dinge‘.

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  7. Pingback: Retrospektive 2012/13 | Herr Mess

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