Ertappt

avat_shockWenn man an einer so kleinen Schule wie der meinen nun schon seit mehreren Jahren unterrichtet, lernt man irgendwann nicht nur sämtliche Schüler, sondern auch deren Eltern kennen. Und so kommt es, dass man auch gerne mal angesprochen wird, wenn man in einer Freistunde – mit Kaffee und einer Wurstsemmel bewaffnet – ahnungslos den Gang entlang schlendert. So lief ich heute einer Schülermama in die Arme, deren Sohn echt Unglaubliches vollbringt. Alles in allem habe ich ihn jetzt das dritte Jahr, und in all der Zeit hat er bis auf einmal nur Einser in Latein aufs Blatt gebracht. Man bedenke: der Kleine hat auch die fünfte Klasse bei mir genossen, in der ich gut und gerne mal 25 Stegreifaufgaben unter das Volk werfe. Wir kommen ins Gespräch. Ich schwärme vom Sohnemann in den höchsten Tönen, lasse durchblicken, dass es absolute Ausnahme ist, in den knapp 50 Prüfungen, die der Kleine über die Jahre bei mir im Unterricht abgelegt hat, nur ein einziges Mal kein „Sehr gut“ abzustauben. „Ach“, sagt da Mama, „so schwer ist das auch nicht, bei Ihnen einen gute Note zu bekommen. Man muss vor den Schulaufgaben eigentlich nur das Vokabular zum Thema „Mord und Totschlag“ wiederholen, und dann passt das schon!“
Ich ziehe verstört die Augenbrauen hoch. Frau Mama legt nach. „Ist Ihnen denn noch nie aufgefallen, wie oft bei Ihnen in den Schulaufgaben Leute ums Leben kommen?“ Ich gehe im Kopf kurz die Schulaufgaben der letzten Jahre durch, die ich in der Klasse geschrieben habe. Über den Vesuvausbruch, bei dem der Hauptdarsteller von einem Gesteinsbrocken am Kopf getroffen wird – und stirbt. Über Hannibal, der merkt, dass es kein Entkommen vor den Römern gibt – und sich vergiftet. Von Paulinchen allein zuhaus, die trotz Minz und Maunz mit Streichhölzern spielt – und verbrennt. Vom heiligen Laurentius, der sich für die Armen einsetzt – und bei lebendigem Leibe geröstet wird.
Ich gebe mich geschlagen. Ich bin ein Sadist… und muss unbedingt die Schulaufgabe überarbeiten, die ich am Donnerstag schreibe. In ihr begegnet der Hauptdarsteller nachts einem Werwolf – und… naja, ihr wisst schon…

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11 Antworten zu Ertappt

  1. KC schreibt:

    Bei mir sind sie immer nur krank oder verirren sich Oo

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  2. herr_mess schreibt:

    Das ist die harmlose Variante. Aber wenn der arme Laurentius nun mal geröstet wird, dann ist das halt so… Was bringt da eine „Freigegeben ab 6“-Version 😉

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    • KC schreibt:

      Wir sollen die Kinder ja schließlich auf das Leben vorbereiten…da ist es besser, wenn man sie frühzeitig damit konfrontiert 😀 😀 😀

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  3. herr_mess schreibt:

    Eben. Life’s a bitch! Je eher die das kapieren, umso besser. Hab die Schulaufgabe übrigens heute geschrieben – mit Toten. War dramaturgisch einfach nötig. Werwolfgeschichten ohne Leichen sind witzlos. Ist aber zum Glück nur eine Leiche geworden…

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  4. Alan schreibt:

    …aber….aber…..Teen Wolf???? 😀

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  5. Alan schreibt:

    Ich glaube nicht…ist zu lange her…..Mal anschauen?? 😀

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  6. diewiderspenstige schreibt:

    das ist doch typisch für Latein, oder? Ich kenne nach 5 Jahren Latein (die zum Glück bald zu Ende gehen!) gefühlte hunderttausend Wörter für „Krieg führen“, „angreifen“, „töten“, „belagern“…. Aber ich weiß nicht einmal, was „Bitte“ und „Danke“ heißt – haben die alten Römer wahrscheinlich nie gesagt 😉

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    • herr_mess schreibt:

      Sind halt ein sehr rabiates Volk gewesen. Und die pazifistische Philosophie kommt halt erst in der Oberstufe, wo es nur die Hardcore-Fans übersetzen. Aber um die Bildungslücke zu stopfen: bitte = quaeso; Danke = gratias ago
      Wieder mal was gelernt 🙂

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