In der Waldorf-Schule


avat_nervJedes Jahr kommt unsere Schule in einen ganz besonderen Genuss. Luftlinie 300 Meter liegt eine Waldorf-Schule, die staatlich genehmigt, aber nicht anerkannt ist. Das bedeutet: Wenn die Schüler dort ein Abitur erwerben wollen, müssen sie sich plötzlich den staatlichen Abiturprüfungen unterziehen, die dann eine staatliche Schule korrigieren darf. Tja, und dreimal dürft ihr raten, wen’s in Latein erwischt hat… Und zwar in der Latinumsprüfung, die die Leute dort im Zuge des Abiturs ablegen können. Gleich zu Beginn: Das soll jetzt um Himmels Willen kein Waldorf-Bashing werden, aber in diesen drei Wochen hab ich so viele Erweckungserlebnisse mit diesem Schulsystem und dessen Bewohnern gemacht, dass ich als Prüfer das Gefühl hatte, ein Alien in deren Gemäuern zu sein. Ich fasse zusammen:

Zu Beginn hieß es: „Du bist bei den schriftlichen Prüfungen nur Aufsicht und bei der mündlichen Prüfung Protokollant. Aber das werden dir die Leute auch am Telefon sagen. Die werden sich in den nächsten Tagen melden.“ Na dann, warten wir also. Ein Tag vergeht. Zwei vergehen. Vier. Kein Anruf. Langsam rückt der Termin für die Anmeldung näher. Unser Stundenplaner scharrt mit den Füßen, ob ich denn endlich wisse, wieviele Leute antreten, damit er abschätzen kann, wie viele meiner Stunden vertreten werden müssen. Unser Oberstufenkoordinator ist selber etwas irritiert, gibt mir letztendlich die Telefonnummer der Erstprüferin. Ich rufe an. Dreimal. Viermal. Vierzehnmal über den Tag verteilt! Nix. Irgendwann hab ich den Sohn am Apparat und bitte um einen Rückruf, der nicht kommt. Ich bin genervt. Die Leute da wollen was von uns, aber ohne Eigeninitiative läuft in diesen Hallen gar nichts. Ich rufe an der Waldorfschule im Sekretariat an. Um elf Uhr vormittags. Da sagt mir eine lustige Telefonstimme, das Sekretariat sei zu dieser Zeit nicht besetzt. AM VORMITTAG!? Der Oberstufenkoordinator hat eine rettende Idee: Schulleiter anrufen. Und schwupps hab ich die Frau am Apparat. Noch am selben Tag. Und da heißt es, die Leute reagieren dort nicht auf Druck. Madame Erstprüferin stellt sich mir als eine Dame in den Fünzigern vor. Wir wollen einen Termin ausmachen, um genaueres zu besprechen, z.B. die Textauswahl, die Fragen, die Räume, die Reihenfolge der Prüflinge. Da fällt Madame gleich zum zweiten Mal negativ auf: „Vergessen Sie dann aber nicht, zum Termin Ihre Texte mitzunehmen, die wir den Kandidaten vorlegen.“ Wie bitte? ICH stelle die Texte? Ich bin offiziell Aufsicht, habe überhaupt keine Ahnung, was die Leute im Fach Latein drauf haben, und ICH soll die Texte auswählen? Ich bin genervt, aber zu gut erzogen zu feige, einer fünfzig-jährigen Frau ins Gesicht zu sagen, sie solle ihren Scheiß alleine machen, wenn sie meint, mich übers Ohr hauen zu müssen. Eine Nachfrage an meiner Schule offenbar nämlich, dass ich Recht hatte: Unsere Lehrer haben noch niemals nicht einen Latinumstext für die Waldorf-Schüler gestellt.  Am selben Abend bekomme ich von der Dame erneut eine eMail. Sie habe alles vergessen, was wir am Telefon besprochen haben und bittet nochmal darum, dass ich ihr unseren Termin nochmal maile. Ich folge gehorsam, aber milde kochend wie ein Filterkaffee. Drei Minuten später eine Antwort (um 22.48): „Danke für den Termin. Ich sehe, dass in der Mail noch keine Texte anhängen. Soll ich die jetzt bereitstellen, oder was?“ (O-TON!), Seneca sagte mal, dass Wut unter allen Umständen zu meiden sei. Aber Seneca kannte wohl keine unmotivierte Lateinlehrerin von der Waldorf-Schule.

Der nächste Tag wird erstmal zum ausgiebigen Wehklagen genützt. Erstes Opfer ist unser Vize-Direktor, der eigentlich nur ganz nebenbei nach meinem Befinden fragt und sich im Anschluss erstmal einen dreiminütigen Monolog von mir anhören darf. Seine Einschätzung – ganz der Stoiker, der er nun mal ist: „Nicht aufregen! Die sind nun mal so.“ So richtig überzeugt mich das aber nicht. Mehr Verständnis bekomme ich im Lehrerzimmer, wo sich einige Kollegen mit Waldorf-Abi-Erfahrung tummeln. Der Mathekollege erzählt, dass der Erstkorrektor der Waldorf-Schule in Mathe wahllos Haken bei den Aufgaben setzt, aber am Ende trotzdem 0 Punkte vergibt. Die Geschichtslehrerin erinnert sich in einer Mischung aus Nostalgie und Grauen an die Jahre, als sie dem Geschichtslehrer verklickern musste, dass man bei einer Aufgabe mit 4 BE nicht 20 Haken setzen kann, weil der Schüler dementsprechend 20 BE erwartet. Meine Seele fühlt sich verstanden und aufgehoben. Dank sei meinem Kollegium!

Der Tag des Schriftlichen Latinums naht. So wie bei jeder großen Prüfung landen diese am Tag vorher im Safe im Direktorat und werden im Beisein der beiden Prüfer entsiegelt und auf Fehler überprüft. Zu diesem Zweck habe ich bei Madame in der Schule angerufen und ihr noch einmal persönlich erklärt, dass wir uns zum Eröffnen um 7.30 Uhr treffen, um gemeinsam alles durchzugehen. Prüfungstag. Es wird 7.30. 7.32. 7.37. Der stellvertretende Direktor und ich werden langsam unruhig, gehen den Gang auf und ab auf der Suche nach Madame, die vielleicht im Schulhaus umherirrt. Keine Spur. 7.40.  7.42. Der Stellvertreter bietet mir an, mit mir gemeinsam einen Blick auf das Latinum zu werfen. Immerhin ist er auch Lateinlehrer und hat damit ein ebenso fachlich geschultes Auge. Mit einem großen Seufzen eröffnen wir schließlich um 7.52  Uhr das Latinum. Ohne Madame. Die läuft mir knapp 40 Minuten später über den Weg, nämlich um 8.30 Uhr, als ich zusammen mit dem Oberstufenkoordintor zusammen stehe, um den Raum für die Prüfung aufzusperren. Ich – sichtlich genervt – komme etwas runter und lasse Madame mit einem „Haben Sie sich in der Zeit geirrt? Wir haben 7.30 Uhr gesagt, nicht 8.30 Uhr.“ zwischen den Zeilen lesen, dass sie das Entziffern einer Uhr offensichtlich nicht beherrscht. Ihre Antwort – vor dem Oberstufenkoordinator: „Ach, ich wäre eh nur blöd rumgesessen, wenn Sie das Latinum durchgehen. Da bin ich gleich zuhause geblieben.“ Der Oberstufenkoordinator zieht nur die Augen nach Norden. Ich lasse – antithetisch korrekt – meinen Kiefer gen Süden klappen. So eine kackend dreiste Person!

Ein paar Tage später treffen wir uns erneut zu den mündlichen Prüfungen – dieses Mal an der Waldorf-Schule. Ich warte brav um 7.30 vor diesem seltsam anmutenden Gebäude. Jedes Fenster, jeder Türstock ist schief. Die Treppenhäuser sind organisch geschwungen. Absichtlich. Denn gerade Strukturen zwingen den Geist in ein Korsett und behindern ihn. Sie hindern aber auch meine Kollegin rechtzeitig zu erscheinen. Wieder lässt sie mich 15 Minuten warten. Zum Glück ist Juni, und ich kann ein bisschen Sonne genießen. Der Weg zum Prüfungsraum führt vorbei an den Klassenzimmern: Ich riskiere den einen oder anderen Blick und erspähe Küchenzeilen mitten in den Klassenzimmern, einen Spielteppich, eine Schlafecke, ein Klavier. Diese Reformpädagogik ist so völlig anders als das, was man von seinem System her kennt. Aber funktioniert das in der Praxis alles tatsächlich? Kann man mit dieser „Ich mach, wenn mir danach ist“-Haltung ein so sperriges Biest wie Latein tatsächlich lernen? Eine der Sprachen, für die man mehr Sitzfleisch und Kontinuität benötigt als für Mathe? In der mündlichen Prüfung merke ich es. Es geht. Irgendwie. Aber bestimmt nicht auf Glanzniveau. Intensive Grammatikfragen sind mir verboten worden. Ein Gerund können sie schon erkennen, aber übersetzen, lieber nicht. Zu Caesar darf ich ein bisschen was fragen. Nämlich was er für ein Kerl war. Was der Gallische Krieg ist – bloß nicht nachhaken. Dichtung? Ne, so etwas lesen wir hier nicht. Die Leute wollen hier ein Latinum, ohne jemals in einen Catull hineingesehen zu haben? Ohne jemals Ovids Metamorphosen erlebt zu haben? Dafür darf ich Lebensdaten abfragen. Stures Hinunterbeten von Fakten. Ist es das, was Latein maximal unter einem solchen System zu bieten hat? Traurig…

Alle haben das Latinum leider nicht geschafft. Ich hätte es den Leuten wirklich gegönnt. Sie waren sichtlich bemüht, aber streckenweise einfach zu oberflächlich beim Übersetzen, als dass man guten Gewissens die Leute weiter hätte winken können. Jedenfalls sind mir die Prüflinge alle durch die Bank sympathischer gewesen als Madame. Die streckt mir zum Abschied die Hand hin und meint: „Hat Spaß gemacht! Wir sehen uns dann ja wieder im nächsten Jahr, nehme ich an?“ Aber ganz gewiss. Nämlich von hinten…

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4 Antworten zu In der Waldorf-Schule

  1. Herr Rau schreibt:

    Klingt alles sehr gruslig. Waldorfschulen gibt es wohl solche und solche; die Theorie dahinter (Rudolf Steiner) ist völliger Humbug, Atlantis und so, aber nicht alle Waldorfschulen nehmen das gleich ernst.
    Wir haben vor Jahren auch immer wieder externe Abiturienten von der Waldorfschule als Kandidaten gekriegt, ich hatte aber – es wraen G9-Zeiten – nur mit den zentral gestellten schriftlichen Aufgaben zu tun.
    — Stellt nicht trotzdem bei externen Prüflingen die staatliche Schule die mündlichen Prüfungen? Wir kriegen da ein Informationsblatt, was die gemacht haben, und können uns daran orientieren, orientieren uns aber noch mehr an dem, was der Lehrplan verlangt. War aber auch zu G9-Zeiten, dass ich das letzte Mal ran musste.

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  2. herr_mess schreibt:

    Regulär ist das Latinum eine dezentrale Prüfung. Jede Schule stellt für die Schüler der 9. Klasse selber einen eigenen Text und führt die mündlichen Prüfungen. Zentrales Latinum gibt es nur für die Leute, die innerhalb des Abiturs ein Latinum erwerben wollen. Deswegen läuft das alles ein bisschen anders. Die Waldorf-Schule übernimmt die mündlichen Prüfungen, weil die natürlich ganz genau wissen, was sie gemacht haben und was nicht. Und Letzteres ist in unserem Fall leider eine ganze Menge…

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  3. Pingback: Ein Erlebnis mit der Waldorfschule | Kreide fressen

  4. alpha schreibt:

    danke für den bericht – aus außenstehender erfährt man ja echt wenig darüber, wie es im inneren einer solchen schule zugeht …

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