Elternsprechtag

avat_jubeAls Schüler habe ich früher immer recht schnell gemerkt, wenn ein Elternsprechtag bei uns in der Schule anstand. Das war in der Regel der Tag, an dem die Lehrer auf einmal mit Krawatte durch die Gegend liefen. Die Birkenstock-Sandalen wichen vorzeigbaren geschlossenen Ledertretern, und die Lederhose, die vier Monate tagtäglich (kein Witz!) getragen wurde, blieb auf einmal im Schrank. Heute bin ich Lehrer und merke auf ganz andere Weise, dass Elternsprechtag war. Nämlich an meinem Hals. Wer Vollzeit dabei ist, hat bei uns das Privileg, für drei Zeitstunden am Stück den Eltern für Slots von jeweils 10 Minuten zur Verfügung zu stehen. Und wenn es sich bei der Fächerkombination auch noch um Kernfächer hält, dann darf man sich über eine volle Hütte freuen. Die Eltern geben sich buchstäblich die Klinke in die Hand. Ist auf Dauer schon stressig, aber auch überaus kurzweilig, um nicht zu sagen spaßig, weil man alle 10 Minuten was Neues geboten bekommt. Oder auch mal für 10 Minuten selber in ein Fettnäpfchen tritt und nicht mehr rausfindet. Es folgen die Highlights: 

  • Gleich zu Beginn kommt ein Schülerpapa auf mich zu. Im Gespräch lobe ich seine Tochter in den höchsten Tönen und erkläre ihm, dass ich bei ihren Leistungen überhaupt keinen Grund zur Sorge sehe. Nachdem mein Gegenüber immer staunender schaut und unruhig auf dem Sitz herumzurutschen beginnt, eröffnet er mir schließlich, dass besagte Schülerin überhaupt nicht seine Tochter ist. Er sei der Vater der Sitznachbarin, der ich gerade in der letzten mündlichen Schulaufgabe eine entsprechende Note ausgeteilt habe (große Teile ihrer sprachlichen Ergüsse gibt es hier). Ich spüre, wie es sofort gefühlte 20 Grad heißer im Raum wird. Ich möchte im Boden versinken und erst wieder bei Sonnenaufgang rauskommen. Spitzeneinstieg!
  • Mama A schneit nur kurz rein, um „Danke“ zu sagen. Mir wird wieder ganz heiß. Aber dieses Mal aus Verlegenheit.
  • Mama B kommt vorbei, um „Hallo“ zu sagen. Und dann ebenfalls „Danke.“
  • Papa C kommt vorbei, um erklärt mir, dass die Tochter Latein heiß und innig liebt, aber vor ihren Freundinnen das klipp und klar leugnen muss, aus Angst, ihren Coolness-Faktor zu verlieren. Ich verstehe das Problem nicht. Warum schließen sich Latein und Cool denn immer nur aus?
  • Mama D kommt herein, um mir seit vier Jahren exakt dieselbe Geschichte zu erzählen. Die Noten des Sohnes sind in Latein – so wie in allen anderen Hauptfächern – deswegen so schlecht, weil der Kleine hochbegabt ist und von uns nicht entsprechend gefördert wird. Auf meinen Einwand, dass man jeder einzelnen Arbeit als Mann oder Frau vom Fach ersehen kann, dass der Herr Sohn einfach nicht gelernt hat, bekomme ich die regelmäßige Richtigstellung zu hören: „Mein Kind ist hochbegabt. Es braucht nicht zu lernen.“ I rest my case.
  • Papa D kommt vorbei und beim netten Plaudern lässt er nebenher fallen, dass er Informatiker ist. Ich ergreife die Chance und kläre ihn über mein Kabeldilemma auf. Er fühlt mit und will sich übers Wochenende den Adapter anschauen. Seine Bemerkung „HDMI ist nicht gleich HDMI, und VGA ist nicht gleich VGA“ lässt mich Furchtbares erahnen.
  • Mama E kommt als letztes rein. Sie bemerkt meine angegriffene Stimme und bietet mir mit dem typischen „Komm her, Bub“-Gesichtsausdruck eines ihrer Pullmolls an.

Super. Der erste Elternsprechtag, an dem ich meinen Hals nicht spüre. LIKE! 

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2 Antworten zu Elternsprechtag

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