Latein im Takt

avatarIch gebe es zu: Wenn es um Lernmethoden geht, sind wir Lateinlehrer bestimmt nicht die innovativsten. Generationen von discipuli erinnern sich mit Schrecken an das Auswendiglernen und Vortragen, an das stundenlange Büffeln und Aufsagen von Stammformen. Und das Chorlesen. An sich eine furchtbare Methode, die eher an militärischen Drill als an das Erlernen lateinischer Grundkenntnisse erinnert. Aber sie hat bei uns Retro-Sprachen durchaus Sinn. In einem Lateinunterricht wie dem heutigen, in dem die Sprache nicht mehr als Kommunikationsmedium verstanden wird, hätten die Schüler ohne diese Phasen überhaupt keine Möglichkeit mehr, diese Wörter und Formen ein paar mal aktiv in den Mund zu nehmen. Aber ein echter Fan war ich davon eigentlich nie. Bis jetzt.
Dieses Jahr habe ich nämlich zum ersten Mal den Versuch unternommen, diese Phase ein bisschen aufzupeppen. Mit riesigem Erfolg. Und einer Drum Machine.
Bei einer Drum Machine handelt es sich um ein Gerät, das ursprünglich dazu konzipiert war, fehlende (oder betrunkene 🙂 ) Schlagzeuger bei Bandproben zu ersetzen. Dafür läuft in einem vorgegebenen Tempo ein LED-Lauflicht in 16 Schritten in Schleife, die zusammengenommen einen Takt ergeben. Wir haben es also bei einem 4/4-Takt mit 16 16tel-Noten zu tun. Jeder dieser sog. 16 Steps lässt sich mit vorgegebenen Sounds eines Schlagzeugs belegen: Also Bass Drum, Snare Drum, Claps, Hit Hats, Crash-Becken, TomToms usw. Wer schon ein bisschen musikalische Vorbildung mitbringt, weiß, dass in einem Standard Techno-Rhythmus z. B. die BassDrum auf jede Viertel-Note gelegt ist. Bei unseren 16tel Steps wäre das also auf Steps 1, 5, 9 und 13 (im Bild hier rot markiert).

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Das klingt dann so.

Die Claps sind immer auf der 2 und 4 (=5 und 13) eines 4/4-Taktes zu finden. Die HiHats immer eine Achtel-Note hinter der BassDrum (Bei uns also 3, 7, 11 und 15). Zusammengenommen klingt ein typischer Techno-Rhythmus dann so.

Ich weiß, schön und gut. Aber was bringt uns das? Ganz einfach: Rhythmisches Chorlesen mit Techno-Beats 🙂

Das Vorgehen ist dabei denkbar einfach. Die BassDrum ersetzt das Metronom und gibt für die Klasse das Tempo vor. Auf jeden Taktschlag der BassDrum muss eine lateinische Form genannt werden – egal ob von einem Schüler oder der gesamten Klasse. Im Laufe des Deklinierens werden dann langsam aber sicher mehr und mehr Elemente als  „Belohnung“ dazugemischt, damit aus dem stupiden Gestampfe irgendwann eine groovige Angelegenheit wird. Für die Kleinen ist das eine ungemein motivierende Sache, da sich kein Schüler die Blöße geben will, durch einen verpatzten Einsatz den Takt kaputtzuhauen. Um diese Gefahr möglichst gering zu halten, habe ich mit einem recht niedrigen Tempo von 80bpm (beats per minute) angefangen und mich dann langsam zu „tanzbaren“ 125bpm hochgearbeitet. Name unseres Tracks waren die Formen von „qui quae quod“. Ein sehr dankbarer Titel, da die Formen so kurz sind, dass man jede einzelne gut auf einen Taktschlag unterbringt. Da wir es beim Deklinieren von qui quae quod mit drei Genera zu tun haben, die wir auf vier Taktschläge pro Takt verteilen müssen, sind wir so vorgegangen, dass auf die ersten drei Taktschläge jeweils eine Form genannt wird, der vierte Taktschlag bleibt als „Nachdenkpause“ sozusagen leer.
Unser Soundergebnis klingt dann so:

Welche der Drum Machine App man letztendlich nutzt, ist jeweils dem persönlichen Gusto geschuldet. Wenn es um gute Musik-Apps geht, ist man bei Android allerdings etwas Fehl am Platz. Die professionellen Anbieter auf dem Musikmarkt finden sich ausnahmslos bei iOS. Aber für unsere Zwecke tut’s auch ein ambitioniertes Projekt wie die RM-4 (gibt es übrigens auch in einer kostenlosen Demoversion). Die hat sogar noch einen rudimentären Bass Synthesizer mit integriert. 
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Blogparade: Rot sehen

avatarWenn es ins Referendariat los geht, steht der Junglehrer vor kleinen, aber feinen Entscheidungen, die ihn sein Pädagogenleben bis ans Ende begleiten werden. Welches Kürzel nimmt man? Welche Unterschrift? Wie kleide ich mich? Und besonders wichtig: Welches Schreibaccessoire lege ich mir zu? Vor allem beim berühmt-berüchtigten Rotstift eines Lehrers entsteht gerne mal eine liason éternelle. Hat man einmal seinen Liebling gefunden, rückt man von ihm nie wieder ab. Aber welches der Schreibgeräte der ewige Lebenspartner wird, das entscheidet jeder Kollege irgendwann für sich selbst. Und rückt in der Regel nie wieder davon ab. Ich gehöre übrigens auch zu dieser Fraktion und habe meinen Blutrot-Schreiberling schon vor langer Zeit gefunden.
Ebenso wie viele meiner anderen Kollegen aus dem Twitter-Lehrerzimmer, die in einer ausgerufenen #rotstiftparade ihre Liebe für ihre ganz eigenen Rotstift-Favoriten deklarierten. Vielleicht ist für den einen oder anderen suchenden Kollegen ja ein neuer potentieller Kandidat dabei. Wer sich am Liebesreigen noch beteiligen möchte, möge sich mit dem entsprechenden Hashtag bei Twitter melden 😃

uniball-eco

Mein Korrekturstift der Stunde

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Philosophie – Off the Wall!

avatarEigentlich wollte ich mir diesen Artikel für 2017 aufheben, da ich das Jahr gerne immer mit dem WordPress-eigenen Annual Report beschließe. Aber da der für 2016 wohl aus Zeitgründen gestrichen ist, schick ich ihn als letzte gute Tat dieses Jahres voraus – Noch dazu, wo kluge Worte zu einem beginnenden neuen Jahr immer besonders gut ankommen. Na dann, los geht’s 🙂
Die elfte Klasse in Latein steht ab dem zweiten Halbjahr nach dem bayerischen Lehrplan ganz im Sinne der antiken Philosophie. Die Werke Ciceros wie auch Senecas bilden in diesen Monaten die Grundlage für an sich sehr relevanten Fragen. Was ist ein glückliches Leben? Wie hole ich das Maximum aus der mir verfügbaren Zeit? Wie wichtig ist Freundschaft? Liebe? Geld? Tolle Themen, die sprachlich in wunderschönstes Latein gegossen sind. Nur leider verliert man sich beim Analysieren der Satzperioden und Abfragen der Kasusbezüge und Konstruktionen irgendwann im Detail, da viele der Texte für einen Großteil der Schülerinnen und Schüler einfach aus dem Stand schwer zu verstehen sind. Und so fällt die sprachliche Würdigung dieser Werke oft der inhaltlichen zum Opfer.
Schade eigentlich. Denn so bleibt kaum Zeit für die Vielzahl an einprägsamen Sentenzen und Sinnsprüchen, die die Autoren als bon mot der Nachwelt überliefert haben. Deswegen habe ich letztes Jahr ein kleines Miniprojekt gestartet, das Handlettering-Experten wie Frau Hölle oder Frau Annika glücklich machen dürfte.
Jeder der Schüler sollte sich anfangs aus den lateinischen Zitatsammlungen, die man in Bibliotheken oder Online-Archiven findet, einen Spruch im Original herausfischen, der ihn/sie persönlich anspricht, und dazu ein digitales Mottoplakat erstellen, das zu Beginn der jeweiligen Schulstunde in einem Minireferat vorgestellt wurde. Welche Tools dafür zum Einsatz kamen, war für mich irrelevant. Meine digitalen Lieblinge wie Canva oder Notegraphy habe ich den Schülern vorgestellt, aber auch Klassiker wie Photoshop, Gimp oder das durch Sketchnotes berühmte Handlettering waren gerne gesehen. D ie Struktur der Präsentationen war dabei jedes Mal dasselbe. Neben dem Plakat sollte der jeweilige Referent eine Übersetzung des Spruches, eine Erklärung zu Autor, Werk und Stelle, aus der das Zitat entnommen ist, vorstellen sowie eine Interpretation und eine persönlichen Würdigung vornehmen, warum ausgerechnet diese Sentenz gewählt wurde.
Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Spruch sowie der künstlerischen Ausgestaltung verhoffte ich mir mehr als den einen oder anderen netten Unterrichtseinstieg, sondern ein echtes Auseinandersetzen mit dem entsprechenden Inhalt. Vor allem bei der handschriftlichen Ausgestaltung der Sprüche waren die Schülerinnen und Schüler gezwungenermaßen über lange Zeit mit den Sentenzen, die oftmals aus nicht mehr als vier Wörtern bestanden, beschäftigt und konnten dabei auch gut über deren Aussagegehalt reflektieren.
Das Ergebnis war wirklich gut. Vor allem die Handlettering-Arbeiten bestachen mit so viel Liebe zum Detail, dass ich sie nicht einfach so im Unterrichtsgeschehen verschwinden lassen wollte. Deswegen habe ich mir in Absprache mit den jeweiligen Schülern deren Sprüche auf Leinwand drucken lassen, um mir ddamit mein heimisches Arbeitszimmer damit zu schmücken. Mit ein paar kleinen extra Griffen lassen sich die Arbeiten sogar noch einmal zusätzlich verfeinern. Here’s how:
Da das Plakat digital vorliegen sollte, habe ich mir sämtliche Plakate von den Leuten in ein Evernote-Notizbuch hochladen lassen. Natürlich gehen auch andere Cloud-Dienste wie Dropbox, Skydrive oder Google Drive. Aber ich bin nun mal ein Gewohnheitstier. Hier zu Beginn die digitale Urfassung einer Schülerarbeit:
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Die Bilddatei habe ich in Gimp importiert und mithilfe von Farbverlaufskurven relativ schnell in Sachen Kontrast so optimiert, dass der Hintergrund einheitlich weiß und die Buchstaben in ein kräftiges Schwarz getaucht werden.
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Mit Hilfe von Gimp habe ich die weiße Hintergrundfarbe als transparent definiert und so den reinen Schriftzug isoliert. Das fertige Ergebnis stutze ich noch ein bisschen zurecht und exportiere es in Gimp als PNG-Datei, ein Format, das ja bekanntlich mit transparenten Bildinformationen umgehen kann.
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Die PNG-Dateien lade ich in Canva hoch. Nachdem ich eine Ebene als Hintergrund definiert und mit den entsprechenden Filtern bearbeitet habe (Blur und ein bisschen Vignette leisten hier fabelhafte Dienste), habe ich den Schriftzug als transparente Ebene darüber gelegt, zentriert, skaliert und noch etwas angepasst. Das fertige Ergebnis lässt sich als Bilddatei exportieren.
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Die Datei habe ich bei einem entsprechenden Online-Dienst, der die Daten auf Leinwand druckt hochgeladen.  Meinfoto.de bietet aktuell ein Angebot an, das für 5€ die Plakate auf 20x20cm verewigt. Super Preis.
Und nach etwas über 24h hielt ich ein paar echte Schülerunikate in der Hand. Ta-Dah!

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Philosophie für die Wand

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Von einem Weihnachtswunder

avatar In diesen Wochen kommt nicht nur für die Schüler alles zusammen. Auch wir Lehrer sind gut am Rödeln. Neben dem Unterricht sind wir mit Konferenzen beschäftigt, in denen wir über die Fälle diskutieren, die auf Probe vorgerückt sind. Mehrere AKs wollen kurz vor den Ferien zu ein paar neuen Impulsen rufen. Nebenher geht der Nikolaus um, das Weihnachtskonzert wird nicht nur besucht, sondern auch geprobt. Die Sprechstunden sind dick gefüllt, weil die Eltern den Kindern ein paar gute Vorsätze ins Jahr 2017 mitgeben wollen. Die Kinder werden ausgelassener, je näher der 23.12. rückt. Und mittendrin: Korrekturen. Stapelweise Korrekturen von Exen, Schulaufgaben, Klausuren, Mini-Tests. Der Schreibtisch quillt über vor Papier – in diesem Jahr mein Fluch.
Es ist Freitag. Vor mir schreibt gerade die zwölfte Klasse in einem engen, ungemütlichen Raum ihre Klausur. Auf dem Tisch vor mir ein Haufen Papiere, den ich schon den ganzen Tag mit mir herumtrage: Zusätzliches Papier für die Oberstüfler, übrig gebliebene Klausurenangaben, ein Stapel Klausuren aus der Elften, die ich in der Freistunde durcharbeiten möchte, meine Schulaufgabe der sechsten Klasse, die ich abgeben muss, und eine Nachholschulaufgabe, die ich gerade in der Pause zwischen Tür und Pausenkaffee durchprügeln konnte. Die Note des kleinen Tobi ist nicht wirklich überragend. Ich möchte ihm aber das Wochenende nicht mit der Zensur versauen und habe mich in der Frühe entschlossen, ihm sein magnum opus erst am Montag rauszugeben, damit er von dem 2. Advent etwas hat.
Eine einsam herumfliegende Schulaufgabe ist eine heikle Geschichte. Wie schnell ist sie in einem solchen Blätterwust verloren und auf ewig verschollen. Zum Glück hab ich für diesen Zweck einen eigenen Ordner, in dem ich Schulaufgaben und Angaben sammle. Also rein damit und das Ende der Oberstufenklausur abgewartet. Nach 90 Minuten ist der Spuk vorbei. Die Arbeiten werden eingesammelt und in den berühmten grünen Mantelbogen gelegt. Darauf meine Prüfungen der sechsten Klasse und die Elfklassklausuren – mein Wochenende ist gerettet. Endlich keine Langeweile mehr. Die übrig gebliebenen Klausurenangaben lagere ich in eine blaue Stofftüte aus und verstaue sie im Auto, da ich sie nicht so schnell brauchen werde, und brause nach Hause in ein arbeitsreiches Wochenende.
Fast Forward Sonntag Abend. Ich bin mit allem fertig, packe gerade meine Sachen für den Montag zusammen. Achja, noch schnell die Schulaufgabe vom kleinen Tobi raussuchen, die ich ihm ja erst nach dem Wochenende rausgeben wollte. Also Ordner rausgeholt, Register für abgegebene Schulaufgaben und Exen aufgemacht, die Schulaufgabe gesucht – und ich stutze: Die Arbeit ist nicht da. Ich denke mir erst nichts und gehe den Stapel an deponierten Prüfungen noch einmal durch. Wieder nichts. Etwas unruhig schaue ich die restlichen Register des Ordners durch und stoße auf dieselbe gähnende Leere. Tobis Schulaufgabe ist weg. Kein Problem, denke ich mir. Du hast sie bestimmt in der Schule auf deinem Platz zusammen mit den zwei durchkorrigierten Schulaufgabenstapeln abgelegt, die du nicht mehr nach Hause nehmen wolltest. Also gehe ich mit der Gewissheit zu Bett, dass sich das gute Stück am nächsten Tag vor meiner Nase im Lehrerzimmer auftauchen wird. Licht aus.
Montag. Sie fehlt. Tobis Schulaufgabe findet sich weder im Prüfungsstapel der sechsten, noch der fünften Klasse. Ich schaue den restlichen Stapel an Papieren auf meinem Arbeitsplatz im Lehrerzimmer durch. Dienstanweisungen, Folien, Elternbriefe, Entschuldigungen von Eltern, Arbeitsblätter der Q11, ein Referat aus der Q12, eine Klassenliste meiner Schützlinge. Aber keine Schulaufgabe von Tobi. Nirgendwo. Ich kratze mir verwundert meinen Kopf. Vielleicht hab ich sie nach der Klausur am Freitag in mein Fach reingelegt? Nachprüfen kann ich das allerdings erst in der Pause, denn die erste Stunde beginnt. Die fünfte Klasse. Tobi wartet bestimmt schon auf seine Schulaufgabe. Ich werde ihn vorerst vertrösten müssen.
Deutlich beunruhigt stürze ich in der Pause an mein Fach – nur um wieder enttäuscht zu werden. Das Ding ist nicht da. Verflucht! Ein paar Kollegen von mir bemerken meine Unruhe und fragen nach, was los sei. Sie beruhigen mich. Sowas sei jedem in seinen zig Dienstjahren einmal passiert, und jedes Mal habe sich die verlegte Prüfung dann gefunden, wenn man eigentlich schon aufgeben wollte. Ich nicke etwas erleichtert und denke sofort wieder an meinen Ordner, in dem ich die Schulaufgabe von Tobi am Freitag während der Oberstufenschulaufgabe abgelegt hatte. Ein erneutes Durchsuchen wird das gute Stück bestimmt wieder zutage fördern. Denke ich. Noch.
Aber Fehlanzeige. Sie bleibt verloren. Ich gehe zum Radikalprogramm über und ziehe jeden Korrekturstapel aus meinem Spind, den ich seit diesem Jahr schon fertiggestellt und archiviert habe: Jahrgangsstufentests, Stegreifaufgaben, Grammatiktests, Wortschatzprüfungen, Schulaufgaben alles. 25 (!!!) Klassensätze habe ich seit September korrigiert. Und jeden einzelnen – insgesamt knapp 750 Arbeiten – gehe ich gesondert durch. Falte mehrseitige Angaben und Schülerbögen auseinander, nur um die Schulaufgabe des kleinen Tobi zu finden. Ich verliere dadurch fast 2,5 Zeitstunden, literweise Stresshormone und bestimmt auch den einen oder anderen Nerv. Vor allem als klar wird, dass auch die letzte Schülerarbeit nicht das bereithält, was ich suche. Alles ist korrekt einsortiert und abgeheftet. Nur diese Schulaufgabe fehlt.
Am Abend gehe ich nochmal sämtliche Schubladen meines Arbeitszimmers durch, die mit einem derartigen Dokument in Berührung gekommen sein sollten. Meine Kollegen, die in der Nähe meines Arbeitsplatzes  im Lehrerzimmer sitzen, habe ich telefonisch informiert, ihre Unterlagen nach Tobis Schulaufgabe zu durchforsten, vielleicht haben sie das Ding ja versehentlich eingesteckt. Mir selber gehen langsam die Ideen nach weiteren Verstecken aus. In meiner Verzweiflung leere ich sogar meinen Papierkorb im Arbeitszimmer aus. Schätzungsweise 70 Zettel, Fetzen, Post-Its und Briefumschläge flattern in alle Himmelsrichtungen über den Boden. Hektisch durchwühle ich das Chaos nach allem, was nach Korrekturen aussieht. Aber nichts. Überhaupt nichts. Nirgendwo. Tobis Schulaufgabe. Sie ist weg. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ganz offensichtlich eine Schulaufgabe verloren.
Was blüht mir jetzt?
Ich werde zum Chef gehen und beichten müssen. Ich werde der Fachschaftsleitung Bescheid geben müssen. Ich werde bei Tobis Eltern anrufen und ihnen den Fall schildern müssen. Wie absolut peinlich. Der Anruf wird mein erstes berufliches Schuldeingeständnis. Eine Bankrotterklärung an mein Ordnungssystem, das seit Jahren so wunderbar funktioniert hat und jetzt in Scherben liegt. Und ich muss dem kleinen Tobi erklären, dass er vor Weihnachten nochmal eine Schulaufgabe schreiben muss. Als ob er unmittelbar vor den Ferien nicht schon genug Stress hätte. Aber es muss wohl sein. Ich habe an allen Stellen gesucht, an die ich denken konnte. Ich bin verzweifelt. Und gestehe die Niederlage ein. Merda.
Ich werde heute sehr schlecht schlafen. Meine gesamten Gedanken werden um diese vermaledeite Schulaufgabe kreisen. Ich weiß es. So bin ich einfach.
Kurz vor dem Zubettgehen gehe ich nochmal zur Wohnungstür um zu sehen, ob sie auch verschlossen ist (was wäre der Lehrer ohne seine Spleens). Beim Herübertrotten zum Schloss fallen meine Augen rein zufällig über die Schlüsselschale, in denen alle Schloss- und Schließmöglichkeiten meiner Habseligkeiten zu finden sind – und bleiben am Autoschlüssel hängen. War ich nicht vor einer knappen Woche mit dem Auto in die Schule gefahren? Eventuell sogar letzten Freitag, als ich Tobis Schulaufgabe zum letzten Mal gesehen hatte? Hatte ich schon dort nachgesehen? Ich reiße die Tür auf und jage im Schlafdress und mit klopfenden Herzen die Treppe zur Tiefgarage hinunter. Es ist fast Mitternacht, im Treppenhaus herrscht Eiseskälte, aber das ist mir egal. Ich bin getrieben von banger Hoffnung, hier auf der letzten heißen Spur zu sein, die mir noch bleibt. Ich reiße die Hecktür meines Autos auf. Im fahlen Licht der jetzt erst anflackernden Neonröhren erkenne ich sie – eine blaue Stofftüte, in die die Angaben der Oberstufenklausur gestopft waren. Und ganz oben auf dem Stapel: Tobis Schulaufgabe. Ich will vor Erleichterung heulen, bin aber einfach zu fertig mit den Nerven, um auch nur eine Träne hervorzubringen.
Heute Nacht werde ich wie ein Baby schlafen.

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Schulaufgabenyoga

avatarFür einige meiner Kollegen ist das Abhalten von Schulaufgaben eine Wohltat in einem hektischen Schultag. 45, bestenfalls sogar 90 Minuten kann man die Schüler ungestört arbeiten lassen, während man selber ein bisschen zur Ruhe kommt und durchschnauft. Ich hasse diese Zeiten. Ich würde so gerne in dieser Zeit etwas Produktives machen, vielleicht etwas wegarbeiten, aber das kann man sich vollkommen abschminken. Immerhin hockt man vor 30 Herren und Damen, von denen einige nur allzu gerne einen Blick zum Nachbarn riskieren möchten. Hilft also nix, man muss mit Argusaugen über seine Schäfchen wachen. Oder zumindest so tun. Denn früher oder später packt mich dann doch der Lagerkoller und meine Professionalität verabschiedet sich ins Wochenende. Hier mal eine beispielhafte Aufstellung von Aktivitäten während 90 Minuten Oberstufenklausur, die irgendwann eskalieren:

  • Schülerbögen austeilen und beschriften lassen
  • Angabe der Schulaufgabe ausgeben
  • Mít Schülern eventuelle Fragen klären
  • um absolute Ruhe bitten
  • Arbeitszeit verkünden
  • Viel Erfolg wünschen
  • Hinsetzen
  • Schülerschaft scannen
  • aus dem Fenster blicken
  • Schülerschaft scannen
  • Weihnachtsgeschenke überdenken
  • Schülerschaft scannen
  • Nachmittag mit Korrekturen im Kopf vorskizzieren
  • Laut aufseufzen
  • Schülerschaft scannen
  • Auf und ab gehen
  • Schülerschaft scannen
  • Schüler 1 wegen Spickversuchs ermahnen
  • Der Schnuffelnase in der 3. Reihe mit väterlich-sorgenvollem Blick ein Taschentuch reichen
  • Restzeit durchsagen
  • Auf und ab gehen
  • Schülerin 2 wegen Spickversuchs ermahnen
  • Hinsetzen
  • Schülerschaft scannen
  • Schüler 3 wegen raschelnden Pausenbrotpapiers genervt mit den Augen fixieren
  • Blickduell mit Schüler 3 initiieren
  • Blickduell gewinnen: Schüler 3 packt mit hängenden Schultern sein Essen weg
  • Schülerschaft scannen
  • Aufseufzen
  • Gelangweilt die Tafel nass wischen
  • Hinsetzen
  • Aufstehen
  • Schülerschaft scannen
  • Schüler 4 von der Seite anreden, weil er absichtlich seinen Nachbarn stört und ihm ständig mit der Hand über das Gesicht fährt
  • Zusatzblätter austeilen
  • Restblätter durchzählen
  • Schüler 4 erneut blöd anreden, weil er den Nachbarn stört
  • Blickduell mit Schüler 4 beginnen
  • Blickduell gewinnen
  • Schülerschaft scannen
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Durch die Klasse gehen
  • Schüler 4 durch das Werfen des Tafelschwammes von erneutem Störversuch abhalten
  • Blickduell mit Schüler 4 gewinnen
  • Zur Tafel drehen und merken, wie Schüler 4 wieder ärgern möchte.
  • Hinsetzen
  • Racheplan an Schüler 4 planen
  • Aufstehen
  • Schüler 4 mit dem Klassenbesen traktieren
  • Schüler 4 mit dem Klassenbesen über die Angabe wischen
  • Zwischenfrage beantworten
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Schülerschaft scannen
  • Aufstehen
  • Zusatzblätter austeilen
  • Schüler 4 mit dem Klassenbesen über die Kleidung streichen
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Schüler 4 wortlos das Lexikon zuklappen, damit er nicht mehr nachschlagen kann.
  • Arbeitszeit durchgeben
  • Neben Schüler 4 wortlos stehen bleiben und ihn durchdringend anblicken.
  • Letzte Arbeitsminuten durchgeben
  • Blickduell mit Schüler 4 beginnen und gewinnen
  • Arbeiten einsammeln
  • Schüler 4 die Arbeit als erstes aus den Fingern reißen
  • Klasse entlassen

Disclaimer: Im Verlauf der Schulaufgabe ist kein Schüler 4 zu Schaden gekommen. Ich kenne ihn seit der fünften Klasse und er ist genau wie in der Oberstufe das, was man früher einen kleinen Unhold nannte. Eine solche Behandlung wird ihn nicht von der Top-Leistung abbringen, die er trotz seiner Streiche über die Jahre gebracht hat.

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50 Shades of WTF

avatarKorrekturen. Für den Lehrer das täglich, leider oft auch deprimierend Brot. Vor allem in Latein möchte man sich in Übersetzungsschulaufgaben gerne mal die Haare raufen. Der Wortschatz war eigentlich bekannt, vieles wurde vorentlastet, mehrmals deutlich wiederholt, aber dennoch purzeln bei ein paar Schülern die Vokabeln kreuz und quer durcheinander, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, das Gewirr an Lapsus und Ungenauigkeiten zu entwirren.
Ganz aktuell ist das dieser Tage bei der Schulaufgabe in meiner siebten Klasse zu sehen. Die Schüler haben einen eigentlich nicht schweren Satz vor sich:


Ille vir oculos suos a me vertit. (Jener Mann wandte seine Augen von mir ab.)

An sich keine intellektuelle Meisterleistung, die hier zu vollbringen ist. Noch dazu, wo wir es mit aktuellem Vokabular zu tun haben. Aber was ich an Versionen zu diesem Sätzchen geboten bekommen habe, ist haarsträubend. Hier werden keine Augen abgewandt, sondern mit Augen gerollt, Augen verdreht, im Geheimen gefesselt. Die Phantasie der Schüler kennt auf einmal keine Grenzen.
Dem leidgeplagten Lateinlehrer hingegen wird schnell klar, was hier gar nicht funktioniert. Vokabular. Nämlich Vokabular, das mit anderen Wörtern verwechselt wurde, weil sie sich im Anklang ähneln:

vertere ist mehrmals mit volvere (wälzen/rollen) verwechselt
meus (mein) mit me (mich)
oculos (Augen) mit occulte (geheim)
vir (Mann) mit vinculum (Fessel)

Das hier ist der klassische Latein-GAU. Und geradezu symptomatisch, wenn man die Vokabeln mal eben im Bus durchliest, anstatt sie in aller Ruhe durchzumachen und auch tatsächlich ZU PAUKEN!
Bei Wortschatzproblemen habe ich in den letzten Jahren immer mein Wordcloud-Programm ins Rollen gebracht und damit die Defizite eigentlich immer gut abfedern können. Dieses Mal ist die Anzahl der Verwechslungen aber so hoch und streckenweise so grotesk (es werden ja nicht nur Bedeutungen, sondern ganz Wortarten miteinander verwechselt), dass ich nicht einfach wie üblich weiter machen kann, sondern dezidiert auf derartige Verwechslungspaare hinarbeiten muss. Deswegen ein kleiner Aufruf an die Sprachenlehrer sämtlicher Sprachen: Wie geht ihr mit solchen Verwechlungs-Doubles, -Triplets, -Quadruples um?

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Lehrerkonferenz

avat_nervLehrerkonferenz im September. Wie immer der erste Höhepunkt des Schuljahres, den wir dank aufgeladener Energieakkus und Ferienmelancholie in ausgelassener Heiterkeit begehen. Wir lauschen gerade andächtig den kommenden Terminen bis Weihnachten in feierlicher Stille, als bei uns im Eck plötzlich hektisch ein Zettel herumgereicht wird. Die einzelnen Empfänger schauen sich irritiert um, wo er herkommen mag, lesen dann die Nachricht, schauen sich nichtssagend an und reichen ihn schließlich verschwörerisch ihren Nachbarn. Dort dasselbe Bild: Verwundertes Umherblicken, Durchlesen, Stirnrunzeln, Schulterzucken, Weitergeben. So geht es durch die Reihen. Minutenlang. Das ständige Getuschel und Geraschel im Kollegium irritiert unseren Chef sichtlich. Immer wieder unterbricht er, schaut verärgert in unsere Ecke, wartet, bis sich die Unruhe gelegt hat. So vergehen mehrere Minuten, bis die Nachricht letztlich bei uns aufschlägt – weitergereicht wie ein geheimes Schreiben. Die Botschaft ist kryptisch: „Benötige ein iPhone6 Ladekabel. Es geht um Leben und Tod!“ Die Buchstaben sind in aller Eile hingekritzelt worden. Ganz krakelig und verwischt stehen sie auf dem geschundenen Papier, wie die berühmten Todesnachrichten in Horrorfilmen, die die Opfer kurz vor ihrem Ableben mit Blut an die Wand schmieren. Auch wir versuchen etwas verunsichert den Urheber des Schriftstücks auszumachen. Ohne Ergebnis. Alle im Lehrerzimmer sind in irgendwelche Aufgaben vertieft. Der eine kritzelt, der nächste döst, ein paar spielen Käsekästchen, andere hören gebannt die Ausführungen über unsere neuen Abfalleimer im Schulgebäude (jetzt mit extra großem Füllvermögen!) – und mittendrin wir, die hilflos umherblicken. So können auch wir leider nichts anderes tun als den Zettel ratlos weiterzugeben. Keiner von uns besitzt ein solches Kabel.
Drei Stunden später ist die Konferenz vorbei. Wir alle haben den Vorfall angesichts der ausufernden Tagesordnung über Schultermine und Prüfungen fast gänzlich vergessen, als der neue Studienrat für Geographie freudestrahlend auf uns zukommt – mit einem iPhone6-Kabel in der Hand. „Kollegen, wisst ihr, welchem Helden ich dieses Ladekabel zu verdanken habe? Es hat mich vorhin gerettet!“ Wir verneinen und fragen vorsichtig, was denn vorgefallen sei. „Na was wohl?“, ist seine etwas gereizte Antwort. „Ich hab die ganze Konferenz Pokémon im Lehrerzimmer gesucht. 12 habe ich gefunden. Ich bin total süchtig nach dem Spiel. Ich hab mir sogar ein neues Smartphone dafür gekauft. Jetzt muss ich aber los. Mein Akku ist schon wieder fast leer. Macht’s gut und bis morgen.“ Exit neuer Studienrat. Restant zwei sprachlose Narren.

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Textaufgabe

avat_shockIn einem Kollegium seien 102 Lehrkräfte, 52 männliche und 50 weibliche. Von dieser Menge sind 40% der Männer verheiratet, und 70% der Frauen. 32% aller Lehrkräfte sind diesseits der 35 Jahre. 97% der gesamten Lehrkräfte besitzen zwei Staatsexamina, 2% einen Doktortitel in klassischer Altphilologie und Chemie. Sie alle residieren in einem Lehrerzimmer mit angeschlossener Teeküche, die zusammengenommen eine „Wohnfläche“ von 90m² bietet. Für sämtliche dieser Lehrkräfte steht neben einer Spülmaschine und einem Herd mit Kochplatten ein Kühlschrank der Marke Bosch zur Verfügung, in der jedermann seine Nahrung für die Pause deponieren kann. Berechne die Wahrscheinlichkeit, mit der fünf Wochen nach Ferienbeginn Sauberkeit in diesem Kühlschrank herrscht. Klicke hier für die spannende Antwort.

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Urlaub 2016

avat_schielen_technikWenn einer eine Reise tut… dann könnte das in der Tat ich sein. Wie jedes Jahr gönnt sich Herr Mess in den Sommerferien wie viele seiner Kollegen eine kleine Auszeit. Mal hier, mal da, mal USA, mal Griechenland. Und dieses Jahr war’s Spanien. Zum ersten Mal. Es war nur ein kleiner Urlaub, um die Batterien etwas aufzuladen – noch dazu, wo der bisherige Sommer in deutschen Breitengraden – naja, sagen wir mal – überschaubar war. Ich wollte keinen Kultururlaub, sondern nur Sonne, Meer, Strand, Ruhe und was zum Lesen. Und das bekam ich auch.
Mein Gepäck war dieses Mal lächerlich klein. Mit gerade mal 11 Kilo schlug ich am Flughafen auf. Kein Wunder, die üblichen Verdächtigen waren dieses Mal nämlich aus dem Koffer verschwunden und hatten Platz geschaffen: Keine Bücher, kein Sprachkurs, keine Kamera oder Musikdatenträger. Alles das erledigt mittlerweile mein LG G4. Es ist zum Allzeit-Allzweck-Werkzeug geworden. Es ist Kommunikationszentrale, Navigationsgerät (dank offline-Karten auch außerhalb Deutschlands), Mini-PC, Wörterbuch, Sprachkurs (dazu in einem anderen Beitrag mehr) und seit Neuestem auch Vollzeit-Fotoapparat. Das ist der erste Urlaub, an dem ich meine Kamera bewusst nicht mitgenommen habe – und ich hab sie leider kein bisschen vermisst. Das G4 schießt fantastische Fotos, die mit entsprechender Nachbearbeitung super Resultate erzielt (Tipp: Snapseed ist in dieser Disziplin hervorragend!)
Diese ständige Beanspruchung des Gerätes hat natürlich Folgen. Vor allem auf den Akku. Daher habe ich mir daher etwas zugelegt, was ich bisher als völlig sinnlos erachtete. Eine Powerbank. Ich fand die Dinger immer etwas peinlich. Für mich ein deutliches Statement, dass wir auch knapp neun Jahre nach Einführung des ersten iPhones nach wie vor keinen Schritt bei der Energieverwaltung dieser kleinen Tausendsassas weiter gekommen sind. Aber ich habe nachgegeben. Parallel ein Smartphone, einen Kindle und Bluetooth Kopfhörer aufladen zu können spart einfach Zeit – ist aber schlichweg grausam anzusehen. Seht selbst.

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Zur Mittagszeit endlich mal wieder einen ordentlichen Salat…

Da lob ich mir doch lieber diesen Anblick *seufz*
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Über meine Lehrprobe

avat_shockFrüher oder später erwischt jeden von uns Lehrern dieser seltsame Moment – Der Tag, an dem uns zum ersten Mal unsere alten Lehrproben in die Hände fallen – oft aus Zufall, noch öfter tatsächlich, weil viele dieser Stunden für den Unterricht immer noch gut nutzbar sind. Irgendwie sind uns diese Lehrproben noch immer wunderbar vertraut und gleichzeitig so fremd. Kein Wunder, immerhin hat man damals im Referendariat drei Wochen auf diese eine Stunde hingearbeitet, das Material stundenlang korrekturgelesen und mit allem, was man damals drauf hatte, verschönert. Andererseits: Wieviel Zeit ist mittlerweile ins Land gezogen, wie sehr hat sich seitdem die eigene Perspektive geändert! Viele der Materialien und Arbeitsaufträge sind zwar kunstvoll in Szene gesetzt, haben aber stets etwas künstlich Überbordendes, das sich an Maßstäben eines Vollzeitlehrers gemessen völlig überzogen anfühlt. Meine zweite Lehrprobe war in dieser Hinsicht der absolute Overkill.
Mein Thema lautete damals schlicht und ergreifend „Kreative Texterschließung im Englischunterricht der sechsten Klasse“. Dreh- und Ausgangspunkt dieser Stunde war ein Lektionstext über den Schulalltag eines kleinen kenianischen Jungen im damaligen Englischbuch. Um den einigermaßen in Szene zu setzen, zog ich alle Register, die mir damals zur Verfügung standen. Zur Hinführung an den Text erfand ich für meine 12-jährigen Schüler einen riesigen narrativen Rahmen, den ich über die gesamte Woche vorher kunstvoll über die vorangehenden Stunden gespannt hatte. Ich erfand einen Schüleraustausch zwischen der Schule unserer Englischbuch-Klasse und der fiktiven Schule aus Kenia, der in der Lehrprobenstunde gipfeln sollte. Ich erfand eine Rede des kenianischen Schuldirektors, der extra unsere Schulbuchklasse besuchte, sprach sie für eine Listening Comprehension-Aufgabe mit einem Mikrofon ein und verfremdete mit Plug-ins meine Stimme so, dass mich keines der Kinder erkannte – komplett mit Hintergrundgeräuschen, klatschendem Publikum und eingespielter Blaskapelle.

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Das Notepad meiner imaginären Schülerzeitung

Aus der Rede sollten die Schüler meiner Klasse die wichtigsten Informationen über Kenia herausfinden und zusammentragen, bevor der Direktor einen Brief eines seiner Schüler übergab, der von seinem Schulalltag aus Kenia berichtete – nämlich eben den Lektionstext aus dem Buch. Zum Festhalten der wichtigsten Erkenntnisse bekamen die Schüler den Auftrag, einen Steckbrief der wichtigsten Aussagen aus dem Text zu filtern, um sie für die nächste Ausgabe der aktuellen Schülerzeitung zusammenzustellen. Diese hatte ich über Wochen als reales Magazin vorbereitet. Meine Schülerzeitung hatte einfach alles. Ich hatte ein Logo entworfen, ein Emblem, Fotos, Banner, ein komplett in sich stringentes Layout – alles auf DinA3-Bögen doppelseitig, gefalzt und getackert in einem Copyshop in Hochglanz ausdrucken lassen. Für eine Summe, die damals einen Großteil meines kargen Refi-Gehaltes verschlang. 

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Mein Oscar-verdächtiges Layout

Gipfeln sollte die Lehrprobe damals in einer Postkarte, die die Schüler dem imaginären Schüler auf seinen Text schreiben sollten. Reale Postkarten natürlich. Diese wurden dann am Ende der Lehrprobenstunde bei mir abgegeben, damit ich sie symbolisch an den Jungen (den es natürlich nie gab) abschicken konnte. In der nächsten Stunde wäre ich mit einem Antwortbrief angekommen, in dem sich der Junge für die Fanpost bedankt und der Klasse ein echtes afrikanisches Gericht mitgeschickt hatte – das natürlich ich zuhause gekocht hatte.
Wer spätestens an dieser Stelle ungläubig den Kopf schüttelt: Ja, ihr tut das zurecht. Auch ich bin etwas verstört, während ich diese Zeilen schreibe, wieviel Arbeit in dieser einen Stunde steckt. Aber Mitleidende werden es verstehen: Es ist eine Lehrprobe. Die Note, die auf diese Stunde gegeben wurde, bestimmte maßgeblich den Schnitt des zweiten Staatsexamens mit. Und in den mageren Zeiten, wo die Planstellen nicht an den Bäumen wuchsen, entschieden Lehrprobenstunden über eine direkte Anstellung nach dem Referendariat oder eben Arbeitslosigkeit.
Bevor die Frage nach der Note auch bei dieser Wahnsinnsstunde aufkommt, kann ich sie gleich beantworten: Ich bekam eine Zwei. Denn irgendwas hatte der Stunde letztendlich gefehlt. Nämlich die Schüler. Die kamen nämlich geschlagene 10 Minuten zu spät in den Unterricht, weil sie der Lehrer der Vorstunde nicht früher gehen lassen wollte (!!!). Als Reaktion darauf musste ich viele Phasen der Lehrprobenstunde quasi on the fly umwerfen und während der Stunde im Hinterkopf umstrukturieren, um genug Zeit für das Ziel der Stunde – nämlich die Postkarten – zu haben, das unbedingt erreicht werden musste. Ich hab in dieser Stunde echt Blut und Wasser geschwitzt. Und mit dem sauberen Kollegen, der mir 10 Minuten gestohlen hat, habe ich hinterher nie mehr ein Wort geredet.

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